„Dezent“ fehlgeleitete Kunden

Der Typ mit der Grüne-Knöpfchen-Schwäche war noch nicht einmal beim Türsteher des Puffs, da winkten gegenüber bereits zwei neue Fahrgäste für mich. Also welche, die offensichtlich aus genau jenem Laden gekommen waren. Und da ist man als Taxifahrer ja nicht wählerisch.

Ob ich sie zu ihrem Hostel in Mitte bringen könne? Na, sicher. Aber wenn sie schonmal bei mir im Auto säßen: Ob ich nicht vielleicht einen besseren Club kennen würde als diesen hier, der sei scheiße, sie wollen tanzen.

WTF?

„OK, guys, just to be sure here: You’re searching for a music club? Just party and dancing, not a night club with prostitutes to fuck with?“

Ich hätte es sicher auch netter ausdrücken können, aber wenn einem zwei junge Kerle in Muscle-Shirts im Auto sitzen, die sich über die schlechte Mucke in einem Flatrate-Puff beschweren, dann könnte ja alles passiert sein. Und ich hatte nicht Unrecht: Die beiden wollten tanzen gehen und irgendwer (womöglich Kollegen) haben das nicht nur einmal, sondern gleich zweimal falsch interpretiert. Vor dem Flatrate-Puff waren sie nämlich im KitKat gelandet, das vielleicht nicht wirklich wie von ihnen vermutet zu 100% gay ist (wobei ich nicht weiß, was an dem Abend für eine Party dort war), aber zumindest mal bekannt für seine Fetisch-Parties, was trotz erkennbarer Toleranz der beiden jetzt halt auch nicht unbedingt das ist, was man erwarten würde, wenn man einfach mal zu guter Musik chillen will. Ich gebe ja zu, ich konnte mich in dem Moment nicht zwischen Mitleid und lautem Loslachen entscheiden. 😀

Ich hab sie am Ende für weniger als 10 € zum 40 Seconds gebracht. Keine Ahnung, was dort an dem Abend gespielt wurde, keine Ahnung, ob es nun wirklich noch eine richtig geile Partynacht geworden ist. Ich hab ihnen auch gesagt, dass ich ihnen keine Versprechen machen will, nur, dass ich ganz sicher den bisher besten Tipp an dem Abend gegeben habe. Aber da konnte ich nach dem Vorspiel auch nur schlecht was falsch machen! 😀

Sash, 34, Knöpfchenexperte.

Eigentlich war mir nach vier Touren in Folge ja so langsam mal nach einer Pause. Nikotinentzug und so. Vom Ostbahnhof trennte mich kaum mehr ein Kilometer, es lief alles blendend. Dann eine Hand.

Der Typ war ein paar Jahre älter als ich, sah nach einer durchzechten Kneipennacht aus und äußerte ohne jegliche Begrüßungsfloskel nur den Namen eines bekannten Puffs in Schöneberg. Nette Tour eigentlich. Dann folgte allerdings sofort der Hinweis, er müsse noch zu einer Bank. So weit auch ok. Ich hab gar nicht wegen Kartenzahlung angefangen, denn dass der weitere Abendverlauf ebenso Geld kosten würde, war offensichtlich.

An der nächsten Kreuzung war gleich ein Automat, den mein Kunde auch begeistert empfing, er hatte beim Raustorkeln nicht einmal mehr die Kraft, die Autotüre hinter sich zu schließen. Aber gut, ich hatte dicht am Bordstein gehalten, so gesehen kein Problem. Tja, dann stand er da und drückte rum. Am Ende kam er wieder und meinte, es würde nicht gehen. Das ist nun nicht gerade was, was einem Freundentränen und Hoffnungsschimmer entlockt, aber der Weg war noch lang und ich war ehrlich gesagt so zufrieden mit dem Abend … selbst der Kilometerschnitt war gut genug, um die Fahrt in den Sand zu setzen, wirklich! Also nicht, dass ich das vorgehabt hätte, aber der Gedanke an eine unbezahlte Fahrt hat mich einfach nicht so beunruhigt, wie das sonst der Fall gewesen wäre.

Die nächsten zwei Banken hatten zu und dann wurde es auch so langsam eng. Mein Fahrgast war eh genervt, obwohl ich wirklich den absolut kürzesten Weg gefahren bin. Am Ende hab ich 300 Meter vor dem Puff an einer Taxihalte schnell eine Kollegin gefragt, ob sie einen Automaten in der Nähe kennen würde. So sehr ins Blaue fahr ich echt nur selten. Aber siehe da, sie kannte einen quasi direkt gegenüber des Zieletablissements. Also hab ich im Vorbeifahren die Uhr ausgemacht und mich darauf eingestellt, dass ich das jetzt eben würde regeln müssen. Im Zweifelsfall hätten die wahrscheinlich sogar im Puff selbst noch eine Option gehabt.

Nun aber eine Bank, von der ich nie gehört hatte, der Kunde vor dem Automaten und abermals die Meldung, dass es nicht gehen würde. Da wir uns ohnehin auf Englisch unterhalten haben, seine Muttersprache aber eher russisch oder so war, hab ich ihn gefragt, ob er das Menü auch in Englisch gewählt hätte. Da kam dann sogar Deutsch hinzu:

„Beide. English und Deutsche!“

„OK, show me!“

Datenschutz hin oder her, ich hab auch schon die PIN für Leute eingegeben. Natürlich nur auf Wunsch, aber beachtlich find ich’s eigentlich trotzdem.

Naja, da standen wir also und er folgte dem englischen Menü bis zur PIN-Eingabe. Er hackte ein paar Zahlen ein, wobei ich nachfragte, ob er sich mit denen auch sicher sei.

„Da! Yes, yes! Of Course!“

Und dann zuckte er mit den Achseln, während auf dem Bildschirm deutlich lesbar stand, dass er die grüne Taste zur Bestätigung drücken solle. Das hab dann nach 5 Sekunden Ratlosigkeit seinerseits ich übernommen. Und – o Wunder! – er durfte nun auswählen, welche Summe er abheben will!

Im Folgenden war das mit dem Abheben und der Bezahlung meiner Wenigkeit recht schnell und leider ziemlich trinkgeldlos erledigt, aber das störte mich ja nun auch kein Bisschen an dem Abend. Er versicherte sich nochmal, dass der Puff auch wirklich das Haus mit den roten Lichtern sei, wankte davon und musste fortan nur noch einmal von mir zurückbeordert werden.

„HEY, GUY, ONE LAST THING!“

„What?“

„Guess you’d like to have your backpack with you …“

Denn außer mit grünen Knöpfchen kenne ich mich halt auch mit dem Blick auf die Rückbank aus. 😉

Aber … geradeaus!?

Sie winkte mich auf der Rechtsabbiegerspur am Frankfurter Tor ran. Nur eine Kurzstrecke zur Oberbaumbrücke. Kein Ding an sich, aber der Verkehr war doch recht dicht, also bin ich rechts ab in die Frankfurter und hab gesagt, dass es leider nicht anders geht gerade.

„Aber … ich dachte, Du hättest geradeaus fahren können …“

„OK, das hätte ich vielleicht machen können. Aber da kann ich ja noch länger nicht wenden.“

„Aber ist doch nur geradeaus.“

„Sorry, aber: Nein.“

Da wir 30 Sekunden später wieder am Ausgangspunkt waren, hab ich ihr die Situation sogar nochmal zeigen können und sie hat dann auch eingesehen, dass ich recht hatte, konnte es aber nicht so wirklich fassen:

„Das macht mich jetzt echt total fertig, dass ich mich da so vertan hab.“

„Na, das passiert. Seien Sie froh, dass es nicht ich war, das wird ja dann schnell teuer.“

Aber da hatte ich dann eher sogar einen wunden Punkt getroffen.

„Aber ich wollte ja die Straßenbahn zum U-Bahnhof Warschauer nehmen. Und als die dann kam, hab ich mir gedacht: Ja nee, die fährt ja mal voll in die falsche Richtung! Deswegen sitze ich ja jetzt bei Ihnen.“

Im Wissen, dass es am Ende nicht wirklich ein Problem mit dem Fünfer war, muss ich rückblickend dann auch süffisant anmerken: Ja, doch, sich beim Falschliegen so sicher zu sein, dass man der Straßenbahnbeschriftung misstraut – das muss man, bei aller gesunder BVG-Skepsis, auch erst einmal schaffen! 🙂

Der Miesmacher

Von der Sorte hatte ich lange keinen mehr: Einen Miesmacher vom Dienst. Und zwar sowas von!

Ein bisschen Einleitungsgeplänkel darüber, wo ich herkommen würde, was ich so machen würde, etc. pp. Soweit freut mich das, ich erzähle ja gerne aus meinem Leben, das habt Ihr vielleicht schon bemerkt.

„Und dann machste so’n Scheiß wie Taxifahren?“

Danach kann durchaus noch viel gutes kommen, aber alleine die Tatsache, dass er völlig überhören wollte, dass ich nebenher auch noch schreibe, war eine Aussicht auf das, was noch kommen sollte. Ohne dass er am Ende überhaupt in Erfahrung gebracht hatte, was ich verdiene, schwärmte er mir mitleidig vor, dass ich doch „bei Daimler am Band“ meine 5.000 € im Monat haben könnte und dass Taxifahren ja nun wirklich nix sei.

Wirklich? Es gibt da draußen Berufe, die mir nach nur ein paar Jahren mehr Geld bringen als Taxifahren?

Warum nur hat mir das nie jemand erzählt?

-.-

Ja, es ist eine komische Sache: Ich mag meinen Beruf, obwohl ich weiß, dass er (teils gravierende) Nachteile hat. Ich verstehe auch sehr gut, dass diese Nachteile – also z.B. die Bezahlung – für andere nicht hinnehmbar wären. Aber hey, deswegen müssen ja eben nicht diese Leute diesen Job machen, sondern ich bringe sie heim. Stellt Euch mal den Stammtisch nach der Daimler-Spätschicht vor, wenn die niemanden finden, der sie danach für einen Stundenlohn unter 45 € brutto heimbringt. In der Welt wollen die auch nicht leben!

Und ich will halt im Gegenzug keinen 9-to-5-Job. Das heißt nicht, dass die schlechter wären, aber vielleicht sind die halt was für andere Leute. Natürlich ist bei mir das Geld manchmal knapp und natürlich ärgere ich mich manchmal darüber. Ja, natürlich hab sogar ich schon darüber nachgedacht, ob es mir mit einem anderen Job nicht besser gehen würde. Aber wer hat das nicht? Mal abgesehen davon, dass ich ja nicht einmal mit mieser Bezahlung alleine bin: Was ist denn mit Überstunden zum Beispiel? Soll ich jetzt wirklich jedem Fahrgast, der mir völlig fertig ins Auto steigt, erzählen, dass ich eine Bude anzünden würde, die mich zu Überstunden zwingt? Oder wie sehr ich sie bedauere, dass sie wirklich eine feste Arbeitszeit haben, wegen der sie jetzt das Taxi zum Büro zahlen müssen und ich mir so einen Scheiß ja nie ans Bein nageln lassen würde?

Dass Taxifahren kein Job für alle Menschen ist, ist doch offensichtlich. Aber wie kommt man bitte auf die Idee, deswegen wäre jeder andere besser? Und mal im Ernst: „Bei Daimler am Band“? Gutes Geld, schon klar. Aber sucht das mal unter den Berufswünschen bei Kindern!

Nix gegen eine interessante Debatte um soziale und psychologische Bedingungen in unterschiedlichen Berufsfeldern, immer her damit! So gerne ich die Vorzüge meines Jobs verteidige, so wenig will ich ihn als alleinig beste Wahl darstellen. Aber dieses billige „Ich hab zwar keine Ahnung, wer Du bist, aber ich weiß, was besser für Dich wäre!“ kann mir dann doch gerne gestohlen bleiben.

Ich hab den Typen mich bemitleiden lassen. So ist das halt beim Taxifahren: Da verdient man sich seinen Bonus eben damit, mal eben zehn Minuten einen Idioten vor sich hinbrabbeln zu lassen. Anstatt wie anderswo abzuwarten, bis die Stechuhr 3,22 Stunden später erlösend klickt. Ich hab ihn entlassen mit dem Hinweis darauf, dass ich jetzt einfach spontan Feierabend machen werde. Weil ich gerade eher Bock auf ein paar Bier hätte. Da hat er mich fragend angesehen und ich hab gesagt:

„Ja, kann ich natürlich nicht immer machen. Aber mit der Tour hab ich mein Geld für heute zusammen. Und für 6 Stunden ist das schon ganz ok. Am Monatsende lass ich mir dann für morgen einen Tag Urlaub eintragen, das passt schon.“

Manche wollen’s ja nicht anders.

Tatsächlich hab ich auf dem Heimweg noch Winker gehabt, den Umsatz mit ein paar netten Mädels, die mich total cool fanden, einfach nochmal um ein paar Euro erhöht. Ich nehme an, das mit dem Urlaubstag fällt auch flach, denn anstatt Bier zu trinken, blogge ich nun aus Lust und Laune ein paar Worte über einen Typen runter, der an einem Samstagabend nix besseres zu tun hatte, als mir mal zu erklären, wie toll ich es doch hätte haben können. Wie sehr ich dabei leide, habt Ihr sicher alle bemerkt. 😉

Offensichtliches

„Und? Jetzt auf dem Weg nach Hause?“

„Äh … ja. Wieso …?“

„Sorry, wollte nicht aufdringlich sein! Dachte mir nur, dass niemand zwei Stühle in den Kofferraum lädt und dann zu einer Party fährt.“

„Ah, ach so, haha! Ja, da haben Sie recht!“

Captain Obvious und so. 🙂

Guter Deal

Gleich zwei Freunde geleiteten meinen Fahrgast vor einem Club zum Taxi. Ich solle ihn in eine Straße nach Britz bringen. Nun gut. Sonderlich fit wirkte er zwar nicht mehr, aber sowas kommt vor. Hätte ohnehin die letzte Tour an dem Abend werden können.

Während mein Fahrgast sich mäßig motiviert angurten ließ, fragte mich Kumpel 1 aus, wie viel das kosten würde. Genauer als „20 bis 25 €) konnte ich die Frage allerdings nicht beantworten, was ihn mit seinen gesammelten 23 € etwas unsicher werden ließ. Der zweite von hinten warf aber ein, dass er ihm ja einen Fuffi mitgegeben habe, etc. pp.
Sie stritten sich also quasi, wer bezahlen dürfte, mein Fahrgast wollte nur pennen und ich endlich rausfinden, wo diese Straße liegt, von der ich nie gehört hatte. Als ob das nicht gereicht hätte, fiel Kumpel 2 dann noch ein äußerst kluger Spruch ein:

„Aber Digger: Wenn – also WENN – es knapp wird hier mit ihm, dann halt bitte an!“

Großartiger Tipp! Und ich hatte das mit dem Kotzen gerade zu verdrängen versucht.

Aber irgendwann waren wir sie los, mein Kunde hatte den Fuffi dabei und guckte leicht grünlich um sich, fiel dabei aber auch schon fast dem Schlafe anheim. Also hab ich ihm kurz vor dem Wegtritt auch nochmal die Regeln erläutert:

„Bierchen zu viel? Kein Ding. Ich halte bei Bedarf sofort an, ist versprochen. Im Gegenzug folgendes von meiner Seite aus: Du versuchst keine Stunts wie unterwegs das Fenster zu öffnen, ok?“

„O … K?“

„Also, schlaf ruhig. Ich bemüh mich, vorsichtig zu fahren. Für den Straßenbelag kann ich nicht garantieren, ansonsten geb ich mein bestes. Und Du kotzt‘ einfach nicht! Deal?“

„Deal!“

Und so haben wir’s durchgezogen. Ich bin etwas langsamer, sanft bremsender und weniger zackig lenkend als sonst gefahren und er hat gepennt. Am Ende waren das 21 €, ich hab 25 bekommen und der Fahrgast … wird in den kommenden Tagen die 0,0 Promille auch wieder erreichen. Alle zufrieden. So muss das. 🙂

Völlige Verplanung

Eine Sechsertruppe als Winker aufgabeln und mit ihnen eine 30€-Tour haben? Fuck, yeah! Aber wenn dann alle rumflippen, Festpreise erörtern wollen und bei der erstbesten Möglichkeit gleich mal das Taxameter ausschalten? Holy Fuck!

Um ehrlich zu sein: Abgesehen von der Fehlfahrt zu Beginn ist leidlich wenig passiert, wenn man mal blödes Gelaber von der Liste nimmt. Ich war zwar trotz der finanziellen Aussicht froh drum, sie doch nicht anschließend zu ihrem Hotelbesuch zum Club fahren zu dürfen/müssen, aber auch dankbar, die Tour gehabt zu haben. Nachtschichtstress, passiert halt auch mal.

Beim Bezahlen allerdings gingen sie ähnlich clever vor wie beim Versuch, meine Sympathie zu erwerben. Es fing an mit:

„Dann sind wir bei 31,10€.“

„Mach mal 35.“

„Oh, danke.“

„Hier sind schon mal sieben.“

Bei allem folgenden Hin und Her wurde ich gefragt, was noch fehlen würde, und ich hab versehentlich eine leicht zu meinen Gunsten ausfallende Zahl genannt. Es lag mir fern, jemanden zu bescheißen, aber am Ende hat mir das statt 1,90€ wesentlich eher berichtenswerte 6,90€ Trinkgeld gebracht.

Aber wenn selbst ich da nüchtern nicht mehr mitgekommen bin, wird es dem Jungesellenabschied von ein paar Touris sicher auch nix angehabt haben.