Der Miesmacher

Von der Sorte hatte ich lange keinen mehr: Einen Miesmacher vom Dienst. Und zwar sowas von!

Ein bisschen Einleitungsgeplänkel darüber, wo ich herkommen würde, was ich so machen würde, etc. pp. Soweit freut mich das, ich erzähle ja gerne aus meinem Leben, das habt Ihr vielleicht schon bemerkt.

„Und dann machste so’n Scheiß wie Taxifahren?“

Danach kann durchaus noch viel gutes kommen, aber alleine die Tatsache, dass er völlig überhören wollte, dass ich nebenher auch noch schreibe, war eine Aussicht auf das, was noch kommen sollte. Ohne dass er am Ende überhaupt in Erfahrung gebracht hatte, was ich verdiene, schwärmte er mir mitleidig vor, dass ich doch „bei Daimler am Band“ meine 5.000 € im Monat haben könnte und dass Taxifahren ja nun wirklich nix sei.

Wirklich? Es gibt da draußen Berufe, die mir nach nur ein paar Jahren mehr Geld bringen als Taxifahren?

Warum nur hat mir das nie jemand erzählt?

-.-

Ja, es ist eine komische Sache: Ich mag meinen Beruf, obwohl ich weiß, dass er (teils gravierende) Nachteile hat. Ich verstehe auch sehr gut, dass diese Nachteile – also z.B. die Bezahlung – für andere nicht hinnehmbar wären. Aber hey, deswegen müssen ja eben nicht diese Leute diesen Job machen, sondern ich bringe sie heim. Stellt Euch mal den Stammtisch nach der Daimler-Spätschicht vor, wenn die niemanden finden, der sie danach für einen Stundenlohn unter 45 € brutto heimbringt. In der Welt wollen die auch nicht leben!

Und ich will halt im Gegenzug keinen 9-to-5-Job. Das heißt nicht, dass die schlechter wären, aber vielleicht sind die halt was für andere Leute. Natürlich ist bei mir das Geld manchmal knapp und natürlich ärgere ich mich manchmal darüber. Ja, natürlich hab sogar ich schon darüber nachgedacht, ob es mir mit einem anderen Job nicht besser gehen würde. Aber wer hat das nicht? Mal abgesehen davon, dass ich ja nicht einmal mit mieser Bezahlung alleine bin: Was ist denn mit Überstunden zum Beispiel? Soll ich jetzt wirklich jedem Fahrgast, der mir völlig fertig ins Auto steigt, erzählen, dass ich eine Bude anzünden würde, die mich zu Überstunden zwingt? Oder wie sehr ich sie bedauere, dass sie wirklich eine feste Arbeitszeit haben, wegen der sie jetzt das Taxi zum Büro zahlen müssen und ich mir so einen Scheiß ja nie ans Bein nageln lassen würde?

Dass Taxifahren kein Job für alle Menschen ist, ist doch offensichtlich. Aber wie kommt man bitte auf die Idee, deswegen wäre jeder andere besser? Und mal im Ernst: „Bei Daimler am Band“? Gutes Geld, schon klar. Aber sucht das mal unter den Berufswünschen bei Kindern!

Nix gegen eine interessante Debatte um soziale und psychologische Bedingungen in unterschiedlichen Berufsfeldern, immer her damit! So gerne ich die Vorzüge meines Jobs verteidige, so wenig will ich ihn als alleinig beste Wahl darstellen. Aber dieses billige „Ich hab zwar keine Ahnung, wer Du bist, aber ich weiß, was besser für Dich wäre!“ kann mir dann doch gerne gestohlen bleiben.

Ich hab den Typen mich bemitleiden lassen. So ist das halt beim Taxifahren: Da verdient man sich seinen Bonus eben damit, mal eben zehn Minuten einen Idioten vor sich hinbrabbeln zu lassen. Anstatt wie anderswo abzuwarten, bis die Stechuhr 3,22 Stunden später erlösend klickt. Ich hab ihn entlassen mit dem Hinweis darauf, dass ich jetzt einfach spontan Feierabend machen werde. Weil ich gerade eher Bock auf ein paar Bier hätte. Da hat er mich fragend angesehen und ich hab gesagt:

„Ja, kann ich natürlich nicht immer machen. Aber mit der Tour hab ich mein Geld für heute zusammen. Und für 6 Stunden ist das schon ganz ok. Am Monatsende lass ich mir dann für morgen einen Tag Urlaub eintragen, das passt schon.“

Manche wollen’s ja nicht anders.

Tatsächlich hab ich auf dem Heimweg noch Winker gehabt, den Umsatz mit ein paar netten Mädels, die mich total cool fanden, einfach nochmal um ein paar Euro erhöht. Ich nehme an, das mit dem Urlaubstag fällt auch flach, denn anstatt Bier zu trinken, blogge ich nun aus Lust und Laune ein paar Worte über einen Typen runter, der an einem Samstagabend nix besseres zu tun hatte, als mir mal zu erklären, wie toll ich es doch hätte haben können. Wie sehr ich dabei leide, habt Ihr sicher alle bemerkt. 😉

19 Kommentare bis “Der Miesmacher”

  1. Joe sagt:

    Solch ignoranten Typen was erklären zu wollen, ist sowieso fast immer vergebene Liebesmühe. So und jetzt mach ich mich auf den Weg zum Besten? – Schlechtesten? Job der Welt. Das mache ich übrigens schon seit 39 Jahren und habe das Taxifahren immer noch nicht über, auch wenn es natürlich Tage gibt, an denen ich schimpfe wie ein Rohrspatz.

  2. MsTaxi sagt:

    Ich hab ja auch mal einen Beruf erlernt nach Uniabschluss mit Diplom, den ich selbstständig freiberuflich ausgeübt und in dem ich, wenn ich Aufträge hatte, mindestens das dreifache verdient habe pro Stunde als jetzt im Taxi. Ich habe diesen Beruf geliebt und war gut darin. Berufspolitische, gesellschaftliche und persönliche Entwicklungen, Veränderungen und Entscheidungen sorgten dafür, dass icb jetzt hauptberuflich Taxi fahre und auch als Betriebsleiterin fungiere.

    Mich fragte mal ein Kunde: „Machst du deinen Job denn gerne?“ Ich konnte ehrlich antworten: „Ich hab bisher jede meiner Tätigkeiten heiß geliebt und gern gemacht.“ Meinte er: „Mensch, ich beneide dich, ich verdien zwar einen Arsch voll Geld, aber ich hasse meinen Job wie die Pest!“

    q.e.d.

  3. Christian Cohrs sagt:

    Jepp, diese Typen gibt es immer wieder, aber daduch lasse ich mir das Kutschen auch nicht vermiesen.

    Fahrgäste, die einen „Super-Job“ haben und toll viel Geld verdienen, aber nach ein paar Minuten Gespräch durchblicken lassen, daß sie sich die Freiheiten meines Jobs eigentlich auch immer gewünscht hatten, sind aber erfreulicherweise häufiger…..!

    Gute Fahrt und nette Fahrgäste
    Der Odenwaldkutscher

  4. Fastdäne sagt:

    Moin, moin Sash,
    wie du weißt, habe ich den Taxischlüssel schon vor vielen Jahren an den Nagel gehängt. Ich mache auch meinen jetzigen Beruf mit Leidenschaft, Spaß und Freude. Auch der jetzige Job lässt mir viel Freiheit und Selbstbestimmung, bringt aber wahrscheinlich auch deshalb keine 5000 Euronen im Monat. Trotzdem spüre ich immer wieder eine Sehnsucht, mit dem guten 124-er durch die Nacht zu cruisen, auf der Jagd nach fetter Beute. Die war in den 80igern sicher noch leichter zu holen, als heute. Es war aber auch die Freiheit selbst zu entscheiden, welchen Stand ich ansteuere, wann ich überhaupt starte usw..
    Taxifahren hat schon immer polarisiert. Ich glaube, man kann es nur lieben und leben oder hassen. Schade, wenn dann Hasser den Absprung nicht schaffen und mit ihrer stinkigen Laune die Fahrgäste vergraulen.
    Habe übrigens gerade erfahren, dass ich Im Dezember mal wieder ein WE in Berlin sein werde. Vielleicht klappts dann ja mal mit einer Fahrt.
    Gruß Frank

  5. Hilde Knef sagt:

    ‚So oder so ist das Leben.
    Ich sage: Heute ist heut!
    Was ich auch je begann,
    das hab ich gern getan,
    ich hab es nie bereut‘.

  6. MsTaxi sagt:

    Ich hab ja ohnehin die Theorie, als Taxifahrer ist man entweder Gelegenheitsverbrecher oder Triebtäter. Als Gelegenheitsverbrecher fangen wir fast alle an. Das sind die, die Taxifahrer werden, weil sie in dem Moment keinen anderen Job finden, ihn einfach runterreißen und oft genug miese Sitten an den Tag legen. Sie verharren entweder in dieser Position, suchen sich oft genug was anderes und werden Pommesschüttler oder Dönersäbler. Wenn es gut läuft, mutieren sie zum Triebtäter. Das sind die, die von dem Job irgendwann nicht mehr lassen wollen, weil es manchmal einfach der genialste und geilste Job ist, den es gibt. Trotz mieser Bezahlung, schmerzendem Rücken und nervig sein könnenden Kunden und anderen heftigen Randbedingungen. 🙂

  7. Nanny Ogg sagt:

    Mein Job bringt mir auch keine Reichtümer ein, zusätzlich hab ich einen langen Fahrweg. Aber er ist genau das, was ich gut kann. Meine Kollegen sind okay, zusätzlich hab ich noch die Annehmlichkeit, dass ich bereits jetzt weiß, dass ich bis zur Rente hier arbeiten werde, wenn ich das will. Für mich gibt es somit keinen Grund, unzufrieden zu sein. Übrigens: Taxi fahre ich nicht, das ist einer der Berufe, der so gar nicht „meins“ ist.

  8. Fridi sagt:

    Moin Sash,
    wichtig ist doch nur, dass man zur Arbeit gehen will und nicht gehen muss, dann ist man falsch.
    Lass Dich von solchen ´Honks nicht runterziehen.

    MfG

    Fridi

  9. seufz sagt:

    Sorry, aber ich finde aufrechte Misanthropen intellektuell anregender als die lustigen „du musst gut drauf sein – ach wie schön – lustig“ Zombies.

  10. Roichi sagt:

    Zufriedenheit mit der Arbeit lässt sich auch nicht durch Geld ersetzen. Das ist den Stress nicht wert.

  11. Sash sagt:

    @seufz:
    Das kann ich sogar ganz gut nachvollziehen. Aber nur mal unter uns: Dass ich den Fahrgast scheiße fand, haste mitbekommen, ja? 😉
    Und es geht ja nicht darum, alles immer nur heititeiti-rosa-Einhorn-Bullshit zu quaken, sondern sich nicht von Wildfremden das eigene Leben schlechtreden zu lassen.

  12. Solche Unterhaltungen kenne ich auch. Und ich fahre nicht einmal Taxi, zumindest nicht als Fahrer, sondern lebe nur vom Schreiben. Reich werde ich wohl nie, manchmal reicht es nur knapp zum Überleben. Aber trotzdem geht es mir wie dir: Lieber den Traumjob ohne Chance auf Reichtum als einen beschissenen Job, durch den man sich täglich quälen muss.

    Und mein Sohn hat auch kein Problem damit, wenn er mit Papa am Nachmittag was tolles machen kann und der einfach am Abend die Zeit nacharbeitet. Mit Freude, nicht genervt.

  13. Mic ha sagt:

    Ich stand tatsächlich einen Sommer lang bei Daimler am Fließband. Im Sommer, wenn die Festangestellten ihren Urlaub machen und der Kader mit Schüler und Studenten aufgefüllt wird. Da verdienste nicht schlecht, ja. Aber es ist neben dem guten Verdienst, der Härte auch ein brutal eintöniger Job. Später in einer Kartonfabrik hab ich das nochmal gemacht, Druckvorlagen in einen Quader gesteckt, bissl gewartet und dann den nächsten Stapel Druckvorlagen. Und das 8 Stunden von 6e ab.
    Die Nachtschichter, die du da ablöst, sprechen kaum ein Wort, so abgestumpft macht das, nach ner 8-Stunden-Schicht biste leer.
    Aaaalso, bei allem Respekt vor dem Tip des Mannes, aber Taxifahren stell ich mir geiler vor 😉

  14. Otto Normalabweicher sagt:

    Der Miesmacher, siehe auch Theophrast, Charaktere: ‚Der Nörgler‘

  15. Sash sagt:

    @Computerfuzzi:
    Obwohl ich jetzt wirklich nicht zu tief in Wunschvorstellungen schwelgen möchte: Beim Schreiben bleibt doch immerhin noch die klitzekleine theoretische Chance, mal hier und da „DEN“ Deal schlechthin abzuschließen. Das würde mir anderswo auch fehlen, mal egal, ob man es am Ende wirklich schafft.

    @Mic ha:
    Ich glaube Dir das sofort, aber ich will das auch nicht zwingend völlig schlechtreden. Ja, ich könnte mir das auch nicht vorstellen, aber so direkt nach der Schule z.B. hab ich auch mal davon geträumt, mit dem Feierabend einfach abzuschalten und diese strikte Trennung zwischen Rumrobotern und lebenswertem Leben zu ziehen, keine Hausaufgaben mehr, yeah! \o/
    Für mich hat sich rausgestellt, dass es das dennoch nicht ist. Ich will auch dieses Lebensdrittel nicht unbemerkt vorbeiziehen lassen. Andere indes sind damit sehr zufrieden und ich muss ehrlich gestehen, dass ich ihnen das gönne, so es denn ehrlich ist.

  16. Ghoethe sagt:

    Also aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: am Band bei Daimler gibt’s in Berlin „nur“ 2100 € netto …. für Leiharbeiter sieht es mieser aus…

  17. Sash sagt:

    @Goethe:
    Dass der runde Betrag „leicht abweichend“ war, habe ich auch vermutet. 🙂

  18. Kurierfahrer sagt:

    Ich selber habe vor 2 Jahren angefangen Taxi zu fahren. Da ich dann letztes Jahr umziehen musste, konnte ich dank fehlender Ortskunde am neuen Domizil leider nicht weiter Taxi fahren. Es hat mir arg gefehlt. Nun bin ich wieder zurück, inzwischen mit eigener Firma, fahre aber dennoch Samstag nachts wieder für meinen alten Chef weil ich das Taxi fahren so liebe. Ich denke auch das es viele Fahrer gibt die es aus Überzeugung machen. Gruß aus Bayern

  19. Sash sagt:

    @Kurierfahrer:
    Da bist Du nicht allein. Bei mir in der Firma arbeitet ein Lottogewinner.

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