Der Mann mit dem hellelfenbeinfarbenen Wagen

„Wow, das war ja jetzt wie bei James Bond!“

quiekte sie vergnügt.

Um ehrlich zu sein, hatte sich die ganze Sache weit unspektakulärer angelassen, als dieser Ausspruch vermuten lassen würde. Ich sah die drei Leute auf der linken Straßenseite der Köpenicker Straße winken, bremste, setzte den Blinker und wendete, um vor ihnen zu halten. Winker halt, das Übliche.

Gemeint hat sie natürlich was anderes, das ist mir auch bewusst. Ich musste auch erst ungefähr 20 Jahre alt werden, um zu verstehen, dass man Taxifahrer ruhig auch auf der Straße ranwinken kann. Und ich musste erst am Steuer eines solchen Wagens landen, um zu begreifen, dass sich die Taxifahrer darüber sogar freuen.

Diesbezüglich ist Deutschland wohl wirklich so spießig, wie ihm manchmal unterstellt wird. Hier ist es einfach üblich, sich ein Taxi zu bestellen. Das hat natürlich seine Vorteile und in vielen Ecken dieses Landes ist es ja auch nicht so kundenfreundlich um die Taxidichte bestellt wie in Berlin. Aber auch hier gibt es ja die Leute, die sich am Frankfurter Tor ein Taxi rufen, obwohl wir so zahlreich vorbei fahren, dass man sich problemlos ein Automodell aussuchen könnte. Ich hab desöfteren Winker mit Anhang, der sich dann wundert: „Ach, das geht ja wirklich!“

Ihr Stammleser wisst’s ja, aber das darf gerne geteilt werden:

Einfach mal die Hand hochhalten, um ein Taxi anzuhalten!

Wie in so einem irren Film, der in New York spielt – das klappt. 😉 Fast immer. (Nachts drauf achten, ob das Dachschild leuchtet. Tut es das, sind wir frei.)

Lembrackseterase

„To the Lem-brack-seterase please. In Feredihricksen.“

… da hat sie mich total stolz angegrinst. Ich wiederholte mit behutsam angepasster Aussprache:

„To the Lehmbruckstraße in Friedrichshain?“

„Yes! I’m so sorry!“

Ist ja kein Problem. Immerhin kannte ich die Lehmbruckstraße nur zu genau und … vergaß dabei, dass es durchaus noch andere Möglichkeiten gegeben hätte.

Ich bin immer soo vorsichtig bei zweifelhaften Adressen, aber dieses Mal war ich es nicht. Natürlich! Die Lehmbruck kannte ich, ich wusste, dass sie in Friedrichshain liegt … also was soll passieren?

Zum Beispiel gibt es auch noch eine Lenbachstraße in Friedrichshain. -.-

Immerhin ist das Mißverständnis so harmlos geblieben wie der Umweg:

Fußgängerzone des 17. Juni

Straßensperrungen sind ja so ein Thema für sich. Wie bei fast allen Verkehrsthemen sind die betroffenen Teilnehmer – allen voran die Autofahrer – gerne schnell am Rotieren.

(Vielleicht überträgt sich ja der Impuls der zwangsweise stehenden Räder auf die Fahrer, das sollte man mal untersuchen!)

Natürlich sollte man das ein wenig differenzierter betrachten. Der öffentliche Verkehrsraum ist nicht nur fürs Auto da und bei wichtigen Veranstaltungen ist es zweckmäßig, den Fahrzeugverkehr umzuleiten. Auf der anderen Seite sorgen solche Sperrungen natürlich je nach Art und Häufigkeit des Auftretens auch für eine Verkehrsverschärfung. Im Falle der Straße des 17. Juni, besonders der Abschnitt zwischen dem Brandenburger Tor und dem Großen Stern, ist die Sperrung schon gewaltig. Während auf dem 17. Juni der Verkehr 3-Spurig rollen kann, bieten alle auch nur halbwegs naheliegenden Ausweichrouten nur je eine Spur pro Richtung.

Und tagsüber ist das heftig, wenn dort gesperrt ist. Für mich als Nachtfahrer ist das eigentlich egal. In meinem Straßenverzeichnis existiert der Teil quasi nicht mehr, ich hab mir die John-Foster-Dulles-Allee und die Tiergartenstraße zur Regel, nicht zur Ausnahme gemacht.

Das aber auch nicht freiwillig. Die Straße des 17. Juni soll die meistgesperrte Straße Deutschlands sein, was ich für plausibel halte. An mindestens hundert Tagen im Jahr ist sie gesperrt. Ein Drittel der Zeit, gefühlt viel häufiger. Das ist irgendwo logisch, schließlich ist es wohl das repräsentativste Stück unseres Landes überhaupt. Zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor feiert es sich nicht absolut furchtbar Silvester, sondern man kann sich dort auch mit viel zu kleinen Demonstrationen optisch zum Löffel machen oder als Staatsoberhaupt große Reden schwingen.

Vermeiden lassen wird sich das Interesse, diese Straße für den Autoverkehr stillzulegen, also eher nicht. Dann könnten wir doch aber ein bisschen ehrlicher sein und sie wenigstens umbenennen. „Fußgängerzone des 17. Juni“ würde dem Ganzen doch die Lockerheit verleihen, die man als Autofahrer ja ohnehin braucht, wenn einen der Weg dort durch vorbei führt.

Wenn man nicht alles selber macht …

„Hallo, könnten Sie fünf Leute mitnehmen?“

„Ja, das kann ich.“

Ich bin in geschäftiger Hektik damit beschäftigt gewesen, einen der Zusatzsitze auszuklappen; aufzupassen, dass kein allzu großer Mensch hinten einsteigt; die Bank wieder zu verschieben usw. usf.

Und dann sah ich, wie sich einer auf den Beifahrersitz setzte und vier Leute sich auf die mittlere Bank drückten. Ich bin selten so direkt, aber bei der Gruppe konnte ich es nicht mehr verkneifen und hab gefragt:

„Sagt mal, seid Ihr zu bescheuert zum Durchzählen?“

Betretenes Schweigen, alle haben sich ratsuchend umgesehen. Und dann meinte einer:

„Scheinbar ja.“

Am Ende war das ja kein Problem, aber gleich beide Sitze ausklappen wäre deutlich schneller gegangen, ohne zwischendrin nochmal Leute aus dem Auto pflücken zu müssen. Ich glaube, die Zuschläge gibt es echt für den Stress bei mehreren Leuten, weniger wegen des Spritverbrauchs …

Am Ende war es dann übrigens eine wirklich heitere Fahrt, also denkt nicht, dass ich mich über sowas ernsthaft ärgern würde. 🙂

„a cultural thing“

Es gibt so Touren …

Ich hatte den Fahrgast in meinem Alter an der Tankstelle an der Holzmarktstraße rausgelassen, weil er mir vorgeschwärmt hatte, wie sehr er sich noch Wein zum Essen wünschen würde. Soweit mir mein eigentlich nicht sonderlich fokussierter Blick verriet, war daraus nun eine Flasche Wodka geworden. Sei es drum. Und dann sind wir weiter und er starrte mich mit Panik in den Augen an:

„Uh! Man! Did you want something?“

„No, no, it’s fine!“

„I’m sorry. It’s a cultural thing. I’m an arabic guy and I can’t go out somewhere without giving something to my friends.“

Milde ausgedrückt. Kennengelernt hatten wir uns eine knappe Viertelstunde zuvor, da war er aus dem Berghain spaziert und mir binnen einer Minute gestanden, dass er mich lieben würde. Vor allem aber plagte ihn der Hunger, er wollte unbedingt noch was essen. Da er selbst unter anderem McDonald’s vorschlug, hab ich gleich am Ostbahnhof gehalten. Das eigentliche Fahrtziel lag ein ordentliches Stück entfernt in Schöneberg: die Tour, auf die jeder Taxifahrer vor dem Berghain spekuliert.

Und beim McDonald’s ging es schon los:

„C’mon! I’ll buy you something!“

„No, thanks.“

„You had lunch?“

„Yes.“

„Doesn’t matter. You always have to take lunch twice when you work!“

„Sorry.“

Er hat mich eine Weile bearbeitet, bis ich zugestimmt habe, dass er mir einen Cheeseburger mitbringen kann. Schweren Herzens, immerhin versuche ich gerade mal wieder ein paar Pfunde runterzubekommen und ich hatte wirklich schon gegessen.

„A cheeseburger? Really? You mean that tiny little thing? No! I’ll make it a double cheeseburger. With fries. You like fries?“

„Yes …?“

„Great! I’ll be back! Wait here!“

Und wie zu erwarten kehrte er mit einer extra Tüte für den Taxifahrer zurück. Ohne undankbar wirken zu wollen: Mich hat mehr gefreut, dass inzwischen fast vier Euro mehr auf der Uhr standen. Solche Einladungen sind nett, aber um mein Essen kümmere ich mich sehr gerne selbst und vor allem bestimme ich gerne selbst, wann ich etwas esse. Aber natürlich weiß ich solche Gesten trotzdem zu schätzen.

Nach den Einkäufen sollte ich mich beeilen. Mein Fahrgast wollte gerne essen und obwohl ich ihm zusicherte, dass er gerne – so er denn aufpasst – im Auto essen könnte, bestand er darauf, mich damit nicht belästigen zu wollen. In dem Punkt könnten sich einige von dieser Kultur mal ein Scheibchen abschneiden. 😉

Als wir auf bestem Wege waren, fiel ihm dann auf, dass der Betrag auf der Uhr schon unerwartet hoch war:

„Will we do that for under 20 €?“

„No, sorry.“

„Well, maybe I have 22 … ah, yeah! Here: 22 Euro!“

„I think, in the end it’ll be something like 23 to 24.“

„…“

„If you don’t have enough …“

Ich bin in dem Moment über meinen Schatten gesprungen und hab gesagt, dass ich die Uhr gerne bei 22 ausmachen könnte. Hey, er hatte mit seinen Zwischenstops über 4 € mehr in die Kasse gespült – im Gegensatz zu manch anderen ohne auch nur darüber zu reden – hat mir Essen mitgebracht und am Ende würde ich einen Euro wegdrücken. Also bitte …

„No, no, no! Please don’t do that! I surely don’t want to …“

„Hey, after all that would be fine!“

„Ha! Here’s another one! 23 Euro! If, I mean, would you please, could you, maybe … stop the meter at 23?“

„Of course.“

So weit, so gut. Dann beschlich ihn erneut Panik:

„The tip! Fuck, I forgot the tip! I have to …“

Das ist mein Problem mit dieser Form der kulturellen Regeln. Es ist alles schön und gut, so lange man das von ganzem Herzen befolgt. Ich würde auch keinen hungernden Freund mit in ein Restaurant schleppen und nix ausgeben. Aber wenn das dann letztlich zu einem Zwang wird, den man auch befolgen muss, wenn die anderen das gar nicht wollen – oder man sich gar Schuldgefühle einredet …

Ich hab ihn davon überzeugen können, dass es eigentlich total bekloppt wäre, wenn er mich jetzt für 3 €, die er mal eben aus seinem Zimmer holen will, nochmal 5 Minuten unten warten lässt. Nicht wegen dem Betrag, rein so von der Verhältnismäßigkeit.

Und am Ende ging alles gut. Wider Erwarten standen dann doch „nur“ 22,20 € auf dem Taxameter und er konnte mir mit seinen 23 sogar noch Trinkgeld geben. Natürlich hat mich das gefreut. Allerdings war das dennoch das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, der Fahrgast hätte sich mehr über das Trinkgeld gefreut. Egal, sei es drum.

Ich hab während der nächsten Viertelstunde dann das getan, was sich der nette Kerl nicht getraut hatte: Burger und Pommes während der Fahrt essen. Mit sehr gutem Gefühl dabei. 🙂

Profis an Bord

„Oh, ich sollte mich wohl noch anschnallen!?“

„Wäre besser. Bisher hab ich’s immer ohne Unfall geschafft, aber man weiß ja nie …“

„Ach, ich bin Krankenschwester. Bin zwar besoffen, aber ein bisschen geht noch.“

Na, äh, dann … 0.o

(Letztlich hat sie sich angeschnallt und ich hab keinen Unfall gebaut. Geht doch.)

Nein, normal bitte!

„Rechts die Hauptbahnhof bitte!“

„Äh, Hauptbahnhof oder Ostbahnhof?“

„Die, den genau hier. Ostbahnhof. Yaam.“

„Ach, zum Yaam! Kein Problem. Ich mach mal Kurzstrecke.“

Ich mache das nur noch selten, aber hier war das ja kein Ding. Rangewunken hat er mich an der Warschauer, Ecke Mühlenstraße. Das waren echt nur 1300 Meter gerade Strecke, lagen auf meinem Weg und der junge Kerl sah nicht nach viel Kohle aus. Ausnahmen bestätigen die Regel. Das allerdings trifft auch auf’s Verhalten der Fahrgäste zu …

„Nein, nein! Normale bitte!“

„Wie?“

„Nix kurze Strecke! Mache normale bitte!“

DAS hatte ich zwar wirklich noch nie, aber der Kunde ist bekanntlich König. Also hab ich die Kurzstrecke wieder rausgehauen und bin zum Normalpreis gefahren. Obwohl wir da schon ein paar Meter weg hatten, sind wir am Ende bei 5,20 € am rechten Fahrbahnrand stehen geblieben und mein Fahrgast hat sichtlich stolz die 5,20 € hingeblättert, die die Uhr nun anzeigte. Ich muss nicht alles verstehen, aber freuen darf ich mich hoffentlich.* 😉

*Für mich war das gar kein besserer Deal. An einem Euro Trinkgeld auf die Kurzstrecke hätte ich mehr verdient als an 5,20 € passend.