Senti

Die erste Fahrt war mal wieder so ein richtig gelungener Treffer, eine Fahrt wie sie die meisten Kollegen davon abhält, sich an den Ostbahnhof zu stellen. Gerade mal 6,80 € sind auf dem Taxameter zusammengekommen, und wenn ich ehrlich bin, dann auch nur deswegen, weil mein Kunde die Hausnummer derart ungenau beschrieb, dass ich am Ende noch ein paar hundert Meter Umweg fahren musste.

Aber wenigstens war es eine nette Fahrt, der Kerl war gut drauf, ich auch… also was soll es?

Am Ziel zückte er trotz Monatsanfang auch nicht etwa einen Fuffi, sonder meinte zu meiner Freude:

„Ha! Endlich werd ich mein ganzes Kleingeld los!“

„Na dann immer her damit! Ich kann Kleingeld gebrauchen!“

Als er mir dann einen Fünfer reichte, wunderte mich das schon, aber er hat tatsächlich nochmal ganze 4 € mehr oder minder klein nachgelegt. Im Übrigen in durchaus brauchbaren Münzen, kein Rotgeld.

Beim Einwerfen ins Portemonnaie ist mir dann eine allerdings doch aufgefallen:

10 estische Senti, Quelle: Sash

10 estnische Senti, Quelle: Sash

Insbesondere da die Produktion dieser Münzen inzwischen eingestellt wurde, denke ich doch stark, dass es zugleich das erste und letzte Mal gewesen sein wird, dass ich 10 Senti aus Estland in der Fingern halten werde. Da die Münze umgerechnet nur etwa 0,64 Cent wert ist, werde ich mir einen Umtausch wahrscheinlich ersparen 🙂

Links, rechts, bunga!

Die Straßenverkehrsordnung und ich kommen eigentlich ganz gut miteinander klar. Vom gelegentlichen Übertreten der Geschwindigkeitsbegrenzung um wenige km/h und dem einmaligen absichtlichen Überfahren einer defekten roten Ampel kann ich mir wirklich keine großen Verstöße auf die Fahnen schreiben.

Heute Nacht hab ich meiner Liste noch etwas hinzugefügt. In der tiefsten Lichtenberger Wildnis habe ich 4 junge Leute aufgegabelt. Der Start in ihre Fahrtrichtung hatte nur einen Fehler: Ich hab eine Ampel vergessen, bei der man nicht links abbiegen kann. Als ich davor stand, war mir klar, dass alle jetzt noch zu nehmenden Ausweichrouten mindestens einen Kilometer Umweg bedeuten würden. Verdammt! Deutlich länger dauern würde die Fahrt auch noch dank der Ampeldichte, der 30er-Zonen…

Also hab ich gemacht, was ich sonst nie mache. Ich hab meinen Fahrgästen gesagt, dass sie mal ganz schnell die Augen zumachen sollen, denn wenn da jetzt niemand zugucken würde, dann könnte ich auch links rum. Die Kreuzung lag in alle Richtungen total verlassen vor mir, keine Sau weit und breit auf der Straße. Als die Ampel dann grün zeigte, bin ich mit 4 teilzeitblinden Passagieren kurz links rum.

Ich will das jetzt gar nicht gutheißen. Ich baue auch manchmal Mist, soll das etwa heißen.

Als ersten Kommentar von meiner Kundschaft bekam ich übrigens das:

„BUNGA BUNGA!“

Neujahr, 6:50 Uhr

Als er mir in der Brunnestraße ins Auto springt, sichtbar erleichtert, habe ich gerade 240 € Umsatz erreicht. Punktgenau. Dadurch, dass ich meistens keine sonderlich langen Schichten fahre, bin ich damit bereits bei den oberen 5% meiner lukrativsten Tage angelangt. Dann sagt mein ausgesprochen junger Fahrgast, er würde gerne nach Wannsee.

Damit wäre das der zweitergiebigste Tag, besser als letztes Silvester, das Dank Schnee und Eis nur langsam zu erfahren war.

Während er gleich sagt, dass er lieber über die Avus fahren möchte, weil er schnell heim möchte, überlege ich ein wenig. Zum Thema schnellste Route hat mein Navi bestimmt eine lukrative Meinung. Ich stelle es ein und biete ihm – er hat inzwischen erzählt, dass seine Eltern im das Geld fürs Taxi mitgegeben haben – an, ich könne auch komplett über Autobahn fahren. Kostenpunkt rund 7 € mehr als der kürzeste Weg, vielleicht 4 mehr als kurz plus Avus.

Nachdem er zugestimmt hat, mache ich nochmal klar, dass es schon ein großer Umweg ist, und nenne ihm den ungefähren Fahrpreis.

Auch wenn uns Taxifahrern gerne mal anderes unterstellt wird, aber so einen absurden Weg fahren die meisten von uns nicht mal eben so und lachen sich dabei ins Fäustchen. Wie oft stehe ich am Stand und unterhalte mich mit den Kollegen darüber, dass Kunden so witzige Routenvorschläge haben, und oftmals bricht aus den härtesten Geschäftsleuten unter uns der Stolz hervor, wenn sie davon berichten, einem Kunden gezeigt zu haben, dass es deutlich günstiger geht.

Aber mein Kunde ist müde, und selbst bezahlen muss er auch nicht. Wir unterhalten uns die dennoch gut halbstündige Fahrt durchgehend, und am Ende ist es mit 42,60 € die mit Abstand längste Tour des Abends, und so weit ich weiss der letzten 4 Monate.

Ich wünsche ihm noch Glück, weil er seinen Schlüssel vergessen hat und jetzt seine Eltern um halb acht wecken muss, dann bin ich wieder auf dem Weg in die Stadt, bedauerlicherweise fast die ganze Zeit ohne Fahrgäste.

Das Leben der Anderen

Ach, was war das für eine entspannte Tour. Fünf Jungs und Mädels hab ich durch die halbe Stadt gefahren, die Laune im Auto war prächtig, und zur Abwechslung hab es mal keine Diskussionen über den Fahrtpreis, sondern einfach nur spaßiges Gelaber. Die Schicht ist schon ein paar Stunden alt gewesen, und die Fahrt war ein prima Müdigkeitskiller.

Das einzige Manko: Ich war etwas abseits in Reinickendorf gelandet und tat jetzt gut daran, wieder in Richtung City zu cruisen.

An der Brunnenstraße fand ich Winker. Bzw. sie fanden mich. Ich stand nichts ahnend an einer Ampel, als sie plötzlich aus dem Nichts auftauchten. Die Beschreibung der beiden ist relativ einfach. Wer kennt „Cindy aus Marzahn“? Diese klischeestrotzende cremefarbene Schlafanzugqualle? Stellt sie euch einfach ein bisschen hässlicher und älter vor, dann kommt das etwa hin. Ihn kann man als das optimale männliche Pendant beschreiben: Etwas jünger und schlanker, dafür ungepflegter und mit einem Pornobalken, aus dem man ohne Mühe vier falsche Hitler-Bärtchen hätte basteln können.

Die Adresse, die die Dame seines Herzens mit ins Ohr flötete lallte, war mir auf 300 Meter Genauigkeit bekannt, und so pfiff ich los.

Im Fond entbrannte eine wirklich klischeemäßige Unterhaltung, die etwa wie folgt klang:

„Schatzi, haste jesehn, dat der Olaf auch da war?“

„Jo.“

„Und wie die det mit den Essen jemacht haben. Ick weeß nich!“

„Hm…“

„Aber der Herbert war ja auch da. Also mit Ulla natürlich…“

„Warum erzählste mir det? Weeßt doch jenau, dass es mich nich interessiert!!!“

„Ja, aber jetzt sei nich so…“

„Pfff!“

„Ach Schatz, weeßte, dat der Müller, also Markus, nicht der Kleene…“

„Halt doch bitte mal die Fresse!“

So ging es dann einige Minuten weiter, unterbrochen nur durch die netten Ansagen der zweiten Cindy, die mich auf einen Weg schickten, der die Tour zwar unerträglich lang gemacht hat, dafür aber auch gut 2 € mehr Schmerzensgeld abwarf.

Richtig komisch wurde es dann gegen Ende:

„Und der Kurt, also mit seiner Frau, ja“

„Pfff!“

„Also wat die Andern für Probleme haben! Ick versteh det nich. Schön, dass wir sowat nich haben…“

„Naja, dafür kenn ick dir ja ooch schon 18 Jahre…“

Also die letzten Sätze hab ich nach der Abfahrt vor ihrem Haus noch ein paar Mal vor mich hergesagt, um mir der Absurdität bewusst zu werden und sie für diesen Eintrag hier noch parat zu haben 🙂

Durch die Gegend fliegen …und zurück!

So, gerade erst gestartet, quasi frisch geduscht auf die Straße geworfen, kämpft sich Sash durch den Friedrichshainer Abendverkehr, der eigentlich relativ langweilig ist. Der auf Winker-Wahrscheinlichkeit optimierte Umweg Richtung Ostbahnhof erweist sich einmal mehr die paar Überkilometer wert und so kommt es, dass vor der O2-World ein Taxifahrer und ein Kunde aufeinandertreffen.

Da dies nicht wörtlich zu verstehen ist, steigt der junge Mann auch ein und hat einen sonderbaren Fahrtenwunsch:

„AirBerlin, Airport Tempelhof!“

Einen Moment bitte, holpert AirBerlin jetzt über die grüne Wiese?

„Was it Tempelhof? Or Schönefeld. No! I mean Tegel!!! Airport Tegel!“

Also es ist nicht so, dass ich nicht alle drei gerne hintereinander abgefahren wäre, aber bei Fluggästen spielt ja meist auch die Zeit eine gewisse Rolle.

Nicht so jedoch bei ihm! Nachdem ich mich dreimal vergewisser habe, ob er wirklich wirklich nach Tegel will, habe ich ihn natürlich auch nach der Dringlichkeit gefragt. Denn er hatte z.B. kein Gepäck dabei, das wundert einen ja doch. Dann erzählte er, leicht alkoholisiert, dass er erst am nächsten Morgen fliegen würde. Aha!?

Er hätte für die Nacht keine Bude mehr und bringt die paar Stunden am Flughafen rum. Aber angeblich war er mehrere Tage in der Stadt… kuriose Type.

Als ich dann mit ihm bereits grob Richtung Brandenburger Tor unterwegs war, änderte er seine Reisepläne ein weiteres Mal. Er habe sein Handy vergessen, und wolle nun doch zurück zu seiner Wohnung (wo kommt die denn plötzlich her?) nach Kreuzberg, in der Nähe vom Kottbusser Tor.

Das war jetzt natürlich ein ziemliches Rumgegurke. Vom Startpunkt aus hätte fast noch eine Kurzstrecke zum Kotti gereicht, nun standen bereits 15 € auf der Uhr, als er langsam unruhig wurde, und mich fragte, ob es denn noch weit sei. Ich hab mir inzwischen meinen Teil gedacht und mich gefragt, ob er denn überhaupt Geld dabei hat. Oder ob das wirklich seine Wohnung ist, ob er tatsächlich zum Flughafen muss etc…

So gesehen war ich dann erleichtert, als er gemeint hat, ich solle nicht auf ihn warten, er würde doch noch ein bisschen da bleiben. Das bisschen Schwitzen am Fahrtende wurde übrigens durch die 3,20 € Trinkgeld wieder wettgemacht, die er nachher gegeben hat. Aber irgendwie würde mich immer noch interessieren, was da Sache war…

Verplant in Spandau

Ach was für eine schöne Tour nach dem bescheidenen Schichtbeginn: 6 Leute vom Ostbahnhof nach Spandau. Der Fahrtpreis war trotz leichter Fehleinschätzung meinerseits kein Problem, alles nett und Trinkgeld gab es auch noch.

Aber was will ich am Wochenende morgens um 3 Uhr in Spandau?

Rückflug!

Mit Dritte Wahl im Schallgepäck brezel ich Richtung Osten in die City zurück und denke an meine alte Heimat und all das, was da gerade abgeht. Kein Zufall, dass auf meinem aktuellen Mix „Plakativ“ nicht fehlt.

Und so fliege ich, die Gedanken voller zensurwürdiger Ideen, durch die leeren Straßenschluchten und hätte beinahe die winkende Gestalt links übersehen. 30 Meter weiter stand der Wagen dann auch, aber er wies mich an, zurückzusetzen.

OK, er stand an einer Wendestelle und er winkte nur stellvertretend für eine Frau, die noch weiter links stand und das offenbar alleine nicht hinbekommen hätte.

Sie stieg immerhin selbstständig ein und wirkte gar nicht so dramatisch verstrahlt. Bingo! Mal abgesehen davon, dass wieder nach Spandau rein geht. Aber beim achten Besuch in zwei Jahren ist vorprogrammiert, dass ich noch was lerne. Auch nicht schlecht. Bildung ist der Schlüssel zu allem! Im Zweifelsfall wenigstens zu gutem Umsatz!

„Ich fahre Niegehörtstraße.“

Nein. Ich fahre! Aber gut, diplomatisches Geschick bezüglich meiner Dienstleistung tut Not:

„Au, da haben sie mich erwischt! Das müsste ich kurz ins Navi…“

„Kein Problem, ich zeige es ihnen.“

Auch gut. Also schnell das Navi programmiert. Sie kriegt das eh nicht wirklich mit und so habe ich wenigstens einen Anhaltspunkt. Ach sieh an: In die Richtung, aus der ich gerade gekommen bin!

„Wieviel kostet das ungefähr?“

Ich habe am Navi aufgrund der mangelnden Information erst einmal nur die Straße eingegeben gehabt. Abgesehen von einigen sehr langen und ungünstig zur Fahrtrichtung liegenden Straßen (oder solchen mit Unterbrechungen) reicht das meistens aus, um einen halbwegs akzeptablen Weg zu finden. Die Kilometeranzeige verriet mir nun 5,0 km.

„Das werden vielleicht 12 € werden. Aber genau festlegen möchte ich mich nicht. Vielleicht sind es auch 11 oder 13.“

Tiefgestapelt hab ich erst vorher bei der letzten Tour unabsichtlich. Lieber auf Nummer Sicher gehen!

Ich bin meinem elektronischen Helferlein hinterhergeeilt, bis ich blinkend an einer Kreuzung stand, die ich sogar noch vom Lernen auf die Ortskundeprüfung her kannte. Dagewesen war ich seit rund einem Jahr nicht mehr. Ist ja auch egal.

„Fahr besser gradeaus!“

Den Tipp hab ich gerne angenommen. Wir waren laut Navi zwar nur noch rund einen Kilometer entfernt, aber es kann ja sein, dass das Navi

  • ausgerechnet diese Strecke nicht leiden kann (das kommt vor),
  • nur da lang fährt, weil es 2,34 Meter kürzer ist, was das Taxameter nicht interessiert,
  • einen Umweg zum Anfang der Straße wählt, anstatt den direkteren zu ihrer Hausnummer (den es ja noch nicht kennt) anzuzeigen.

Also nicht links. Nächste Kreuzung auch nicht, übernächste auch nicht.

Dann kamen wir an einen Kreisverkehr. Das Navi, inzwischen bei 1,5 km Entfernungsanzeige, wollte wieder links. Sie lotste mich hingegen geradeaus und warf ein, dass sie hier schließlich schon lange wohne. Gewonnen!

Von da an wollte das Navi fast nur noch in die entgegengesetzte Richtung, aber ich war so langsam sicher, dass ich den Straßennamen einfach falsch verstanden habe. Soll ja vorkommen, sowas.

Mein Fahrgast lotste mich mit erstaunlicher Professionalität immer weiter in Richtung Stadtgrenze, nur um dann plötzlich – bei rund 15 € auf der Uhr – festzustellen:

„Nein, ist falsch!“

Also hab ich sie nach ihrer Hausnummer gefragt und bin trotz kurioser Ansagen dem Navi dorthin gefolgt. Zwischenzeitlich hab ich mit dem Gedanken gespielt, das Taxameter auszumachen, aber ehrlich gesagt habe ich keinen Grund dafür gesehen. Ich hätte sie natürlich schneller und günstiger heimgebracht, aber genauso soll ich den Kundenwünschen entsprechend fahren.

Bei punktgenau 20 € hab ich sie dann – im Übrigen ohne Trinkgeld – entlassen. Dass sie vom Fahrtverlauf nicht sehr begeistert war, hat sie kundgetan. Eine Nummer, eine Quittung, meinen Namen oder ähnliches wollte sie aber gar nicht haben. Sollte sie nach all den zahllosen Versuchen das Schlüsselloch noch getroffen haben, wird sie sich sicher ausschlafen und vielleicht auch einsehen, dass es auch hätte schlimmer kommen können. So sie sich denn überhaupt erinnert…

Is schon ok, wenn du ’n Weib hast…

Also Fahrten zu Bordellen sind wirklich mit die seltsamsten im Taxigewerbe. Manchmal wissen zwar auch nicht geschäftlich Verbandelte zu überraschen und so mancher Puffgänger erweist sich als überaus langweilig. Aber die Besonderheiten des käuflichen Sex wirken natürlich fort bis ins Taxi.

Den Kunden mangelt es grundsätzlich eigentlich nie an Geld (was aber natürlich nicht heissen muss, dass sie es in der Taxifahrt gut angelegt sehen) und die meisten sind (oft bis zur Peinlichkeitsgrenze) mitteilungsbedürftig. Die meisten missinterpretieren unsere Tätigkeit bisweilen als mobile Beichte oder vermuten sonst irgendein ominöses Schweigegelübde in unserer Zunft.

Dass Sexualität auch Privatsache sein kann, ist für die meisten kaum verständlich. Aber darüber wollte ich mich gar nicht beschweren. Damit kann ich leben, und auch wenn ich selbstverständlich Mensch bleibe, wenn ich hinter dem Steuer sitze, kann mich keiner damit schocken, dass er sich auf die Paarung vorbereitet (solange er das gedanklich tut, selbstverständlich).

Neulich hatte ich wieder so einen Spezialfall, bei dem ich mir sicher bin, dass ich eigentlich nicht beschreiben kann, was das wirklich Seltsame an seiner Art war. Die Begrüßung war jedenfalls filmreif:

„Guten Abend! Wo soll es denn hingehen?“

„Wo et hinjehn soll? Na in’n Puff! Jetz komms‘ du!“

Naheliegende Witze über das Verb „kommen“ hab ich vermieden und bin professionell mit ihm zusammen zur Problemlösung übergegangen.

Ich bin ja nach wie vor sicher nicht der Informierteste, was das Gewerbe angeht. Das hat keinen speziellen Grund, es ist wie mit allen Bereichen, bei denen es um nähere Kenntnis geht: Ich selbst sehe von den meisten Einrichtungen, in die meine Kunden so gebracht werden wollen, herzlich wenig. Alleine um all die Clubs mal von innen gesehen zu haben, müsste ich etliche Hunderter an Eintrittsgeld ausgeben, ohne dass ich das wollte. Von den Strapazen, die nötig wären, um Hotelübernachtungen und die Reinlichkeit von Straßenstrich-Prostituierten bewerten zu können, oder die Qualität der geschätzten 15.000 Döner-Stände in der Stadt, will ich mal gar nicht anfangen.
Ich lese viel und lasse mir gerne von Kunden Dinge erzählen, beschreiben und bewerten. Einen Anspruch auf Aktualität und Richtigkeit kann das aber alles gar nicht haben. Mein Wissen wird zweifelsohne wachsen, da bin ich froh drum, aber mehr geht nicht, sorry.

Das kann ich auch nur immer wieder bezüglich Adressen so sagen: Für den Kunden ist es natürlich das selbstverständlichste, dass ich mich jetzt ausgerechnet in dem Bereich, den er gerade für wichtig erachtet, besser auskenne als er. Für mich ist es eventuell doch nur der zehntausendste Berliner Hinterhof, den ich seltener anfahre als die 9.999 anderen.

Mein Kunde jedenfalls hatte jetzt nicht irgendeinen Puff in Aussicht, sondern er wollte, dass ich ihm was tolles zeige. Nummer 1 und 2 hat er gleich mal ausgeschlossen, und „in den Westen“ wollte er gleich dreimal nicht. Also in der Umgebung.

Schade für mich, da die Clubs, die meines Wissens nach vermittelnde Taxifahrer gut entlohnen, alle im Westen angesiedelt sind, aber kein Weltuntergang. Immerhin kannte ich im Umkreis einige Läden sogar bezüglich der Preise.

Aber mein Kunde suchte nun unbedingt nach einem Puff mit Barbetrieb, einer Möglichkeit zum Aussuchen der Damen quasi. Dann sollte es günstig sein – aber bitte nicht total billig! Die Damen sollten jung sein, hübsch sowieso und das natürlich auch jetzt – am frühen Mittwochabend.

Mit anderen Worten: Ich hatte keine Ahnung, auf welchen der Läden auch nur ein Teil der Angaben zutraf. Aber er erklärte sich bereit, sich einfach zu ein paar Adressen mitnehmen zu lassen, die mir einfallen. Die Regelung zwischen uns war einfach: Ich warte eine Zigarettenlänge, und wenn er wieder rauskommt, geht es weiter. Wenn nicht: Erfolgreich, Pflicht erfüllt.

Die ersten beiden Etablissements erfüllten wohl nicht einmal den Barbetrieb, was mich zwei sehr unbefriedigende Zigaretten kostete, die ich nur angezündet hinterlassen musste.

Zu dieser Zeit bot die Diskussion im Taxi als wesentlichen Inhalt meinen Job. Wie viel ich verdiene, ob ich nicht auch noch einen „richtigen Job“ habe, etc. Teils nervig, aber ich bin es ja gewöhnt, und irgendwann spult man da auch nur noch sein Programm ab. Etwas genervt, aber mit Lächeln und gespieltem Enthusiasmus. Wahrscheinlich unterscheidet uns Taxifahrer in solchen Momenten wirklich nicht viel von Nutten.

An jedem Stopp pflegte er ein besonderes Zahlungsritual:

„Wat macht dit jetze? N‘ Fünfer?“

„Nee, leider nicht ganz: 8 €.“

„Na dann’n Zehner! Bitte!“

Über Trinkgeld konnte ich mich also schon mal nicht beschweren. War ja nicht nur ein Stopp. Das Taxameter hat ihn eigentlich gar nicht interessiert, was immerhin schon sehr angenehm und ungewöhnlich ist.

Ich hab das ganze trotz Taxameter-Stopp an den Läden als eine Fahrt verbucht. Ich will nicht übermäßig mitfühlend sein, aber er hat sich meines Unwissens wegen auf eine Rundtour eingelassen. Da kann man im Rahmen der Bestimmungen auch mal kulant sein.

Zum dritten Etablissement bin ich dann tatsächlich noch über den Fluss gefahren, was bei ihm scheinbar irgendeine Ost-West-Phobie ausgelöst hat. Die panische Angst, im Westen zu sein, war aber nur niedlicher Nebeneffekt. Der eine Laden hatte tatsächlich zu, und dann kam er zurück mit den Worten:

„Also die, mit der ick da jetze jesprochen hab – anjeblich die Putze – die hat mal sowas ’ne erotische Stimme, da hätt‘ ick ja fast jehofft, dat die mir schnell mal ein‘ bläst…“

Verbale Inkontinenz und Paarungsdrang. Alles kein Problem. Kommt vor. Auf der Fahrt zum fünften Laden kam dann die Frage:

„Wat is? Warste schonmal in’n Puff?“

„Nee, ehrlich gesagt nicht.“

„Wieso nich?“

„Ich bin ja nun schon eine ganze Weile mit meiner Freundin zusammen…“

„Na und? Muss ja keener mitkriejen! Kiek mir an: Ick war verheiratet, hab 3 Kinder und jeh in’n Puff!“

„Nee danke, ich sehe da ehrlich keinen Grund.“

„Janz ehrlich: Is schon ok, wenn du’n Weib hast. Ick hab dit ja och jahrelang so nich jemacht.“

Na da bin ich aber mal beruhigt. Und Ozie erst! 🙂

Aus der fünften Bude ist er dann tatsächlich nicht mehr rausgekommen. Ich nehme an, dass die Kombination aus den Überzeugungskünsten der Professionellen und der traumatischen Erfahrung mit der körperlosen Putzfrau da zusammengewirkt haben.