Definitiv ein Klassiker

Nachdem ich euch gestern eine tolle Geschichte angekündigt hab, kommt jetzt eine, nach der ich diesen Blog beenden kann. Darüber wird nichts mehr rausgehen! Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Fahrgast jemals wird toppen können, was dieser junge Mann gemacht hat. Keine Panik, ich will meinen Blog nicht so jung sterben lassen, aber als All-Time-Favorit könnte dieser Beitrag es in die Herzen aller Besucher schaffen, da bin ich überzeugt von!

Also, was war?

Ich hab mich – was selten genug vorkommt – ans Watergate gestellt. Eine Viertelstunde hab ich vielleicht gewartet. Soweit nichts besonderes. Dann kam er raus. Vom Alter her würde ich ihn auf 25 schätzen, ein bisschen jünger als ich.

Er torkelte schon ziemlich umher und traf dennoch zielsicher das Taxi. Naja.

„Keine Angst, ich kotze nicht!“

„OK, schön das zu hören! Im Notfall einfach Signal geben.“

„Kein Problem. Ich möchte in die Köpenicker Str.“

Och nee… Selbst wenn ich verkehrsgerecht noch über die Oberbaumbrücke fahr, komme ich je nach Entfernung auf höchstens 6 €. Wahrscheinlich wohnt der Töffel auch noch direkt am Schlesischen Tor.

„Die in… in… Biesdorf bitte!“

OK,  Friede sei mit ihm, eine 20 €-Tour!

„Was, was macht das?“

„Pi mal Daumen 20 €, ich würde lieber mal mit 25 rechnen. Wenn es weniger wird, stört es ja niemanden.“

„Du! Du bist genau mein Mann!“

„Das klären wir gegebenenfalls mit meiner Freundin, aber für die Fahrt soll es mal so sein!“

Mein Tag! Wenn mir sogar ein schlagfertiger Kommentar gelingt, dann ist die Welt ok. Normalerweise versage ich da relativ regelmäßig. Jo sei mein Zeuge dafür 😉

„Soll ich dann einfach die B1 rausfahren?“

„Äh, ja, mach mal!“

Er nannte mir noch eine Nummer, und dann waren wir schon unterwegs. Die Fahrt war auch völlig unspektakulär, er hat meist vor sich hingedöst. So hab ich mich bei der Hausnummer aufs Navi verlassen und ihn geweckt, als wir direkt davor standen.

„So, hier wären wir.“

„Hier ist das? Köpenicker xy?“

„Ja, genau. Das Haus müsste es sein. Noch nie hiergewesen oder wie? Ich dachte, es geht nach Hause?“

„Jaja, aber ich wohn eigentlich in der Köpenicker in Kreuzberg…“

Schock! Was falsch verstanden? Nein. Definitiv nicht!

„Du hast mir aber Biesdorf gesagt!“

„Jaja, mir hat im Club vorher ’n Kumpel erzählt, dass es hier auch noch eine gibt. Da hab ich mir gedacht: Ich muss doch mal gucken, wie das hier aussieht…“

„Du hast WAS?“ (Ich glaube, ich hab wirklich gebrüllt…)

„Ja, ich wollt mir das nur mal ansehen. Hier ist ja echt nix los.“

„Das hätte ich dir vorher sagen können.“

„Egal, bringst mich in die Köpenicker nach Kreuzberg?“

„Ähm, ausgesprochen gerne, aber war es das wert?“

„Pff, als ob ich morgen noch weiss, wofür ich mein Geld ausgegeben hab…“

„Naja, Preis kannste ja einschätzen jetzt…“

„Kriegst meinen Notfall-Fuffi. Weck mich, wenn wir… *schnarch* „

Klar, Hausnummer und Weg kenne ich ja…

Das war die mit weitem Abstand absurdeste Fahrt, die ich jemals gemacht habe!

Und ich hätte auch gerne Mal das Geld so locker sitzen…

Aha. Interessant.

Manche Kunden sind ja schon eine ganz eigene Marke. Der Mann im dunkelgrauen Anzug, der sich am Ostbahnhof in mein Taxi setzte, wirkte immerhin routiniert.

„Ins Comfort Hotel Lichtenberg bitte.“

Das ist ein Hotel, bei dem ich eigentlich nicht mal überlegen muss. Von fast allen Ecken Berlins ist das Hotel genauso anzufahren wie mein Zuhause, und im Grunde ist das auch noch super simpel: Wenn man erst einmal auf der Landsberger Allee ist, ist alles in Ordnung. Irgendwie hat mich aber die Routine, ein dummer Gedankengang oder was auch immer, fragen lassen:

„Sie meinen das in der Rhinstraße, oder?“

Dann ging es los.

„Ja selbstverständlich. Welches denn sonst? Sie müssen einfach die B1 runterfahren und dann irgendwann links ab. Soll ich ihnen das zeigen?“

„Nein, ich weiß wo das Hotel ist, danke. Und sie sind immer so da hin gefahren?“

„Ja natürlich! Das erste Mal damals mit meinem Navi, inzwischen nehme ich ja eigentlich immer ein Taxi. Wissen sie, ich bin ja jetzt seit 2 Jahren fast einmal monatlich in Berlin…“

„Und sie sind IMMER diesen Weg gefahren?“

„Na klar.“

„Wissen sie was? Dann zeig ich ihnen heute mal den kürzesten.“

Und er fängt noch an zu lachen und meint, ich solle das ruhig versuchen. Wenn ich unter 17 € komme, will er einen Zwanni bezahlen. Ich komme ins Grübeln. 17 € ist ja nicht so viel, und wenn jetzt doch mal einer den richtigen Weg gefahren ist… Aber Quatsch, meist passiere ich die Kreuzung Landsberger Ecke Rhinstr. bei ungefähr 15 € – und von da aus kriege ich keine 80 Cent mehr auf die Uhr.

Er indes achtet nur bedingt auf den Weg. Die FAZ aufgeschlagen, nur gelegentlich aus dem Fenster linsend passiert er im Fond ahnungslos eine Strecke, bei der ich zum Fahren nicht einmal mehr die Augen aufmachen müsste, wenn die anderen Verkehrsteilnehmer nicht wären.

Ich rolle die Hoteleinfahrt hoch und schalte ganz bewusst schwunghaft die Uhr aus und grinse:

„Das macht dann 15,60 €.“

Seine Reaktion war knapp. Ganz trocken, sichtlich ohne emotionale Regung (also auch ohne Groll) meinte er:

„Aha. Interessant. Dann gehört der wohl ihnen.“

Kann ja nicht jeder die kürzeste Strecke so spannend finden wie ich 🙂
Aber das mit den Wetten sollte ich eindeutig öfter machen.

So kann es auch gehen…

Ich hab meine Sachen vom Tresen genommen. Den Tankbeleg und die zugehörige Flottenkarte hielt ich in der linken Hand, der Autoschlüssel lag in meiner rechten.

Das Auto war soweit auf Vordermann gebracht und betankt, es fehlten nur noch 4,80 € bis zum obligatorischen Hunni – und mehr hatte ich gar nicht vor. Die Sonne war zwar noch nicht aufgegangen, aber eine eher schlechte Schicht schrie nach Beendigung. Wo kriege ich die 4,80 € jetzt her?

Vielleicht fahre ich ja über die Warschauer nochmal zum Matrix? Aber da stehen mindestens 10 Kollegen. Dauert Minimum eine halbe Stunde, wenn ich keinen Winker mehr abkriege.

Ostbahnhof lohnt um die Zeit gar nicht. Hat das Weekend vielleicht offen? Keine Ahnung, noch nicht dagewesen heute.

Bar 25 direkt gegenüber? Hmm, so 5 bis 6 Kollegen. Wie viele da jetzt wohl rauskommen? Wäre immerhin kein weiter Weg.

Als ich den Knopf der Fernbedienung drückte, um mein Auto zum Öffnen zu bewegen, war ich umringt von 5 jungen Leuten, die zum Alex wollten. Keine Monstertour – aber gute 7 €. Und ein kleines Bisschen was gutes tun konnte ich auch noch: Außer einem Taxifahrer hätte niemand mit deren Angaben das abgestellte Auto gefunden. 😉

Umweg

So können unterhaltsame Abschiede am Ziel aussehen:

„So, dann sind wir bei 42,20 €.“

„Das ist ja was. Die Hinfahrt hat aber 42 Komma Null gekostet!“

„Autsch! Da haben sie mich aber erwischt. Ja, ich bin einen Umweg gefahren. Waren wohl 80 Meter oder so…“

@Anise: Ja, es war die Tour. Und nur unter uns: Man schafft das auch für unter 41 €, aber ich höre aus eben diesem Grund gerne auf die Kundschaft 😉
Im Ernst: War eine wirklich heitere Tour. Ich hoffe, die andere Seite bewertet das ähnlich. Ich bin offen für Kritik, falls es nicht so sein sollte.

Blöder Anfängerfehler

Es gibt so Momente, da regt man sich über sich selber tierisch auf. Argh!

Mein Kunde hat mich in der Nähe vom Zoo rangewunken und wollte zu einem Hotel, das mir erstmal nichts gesagt hat. Das kommt bei Hotels desöfteren noch vor, insbesondere kleinere kennt man jetzt nicht alle auswendig. Mein Wissen diesbezüglich ist in den anderthalb Jahren, in denen ich den Job jetzt mache, zwar weit über das vor der Ortskundeprüfung angewachsen, aber es ist normal, dass auch ich mal ein Hotel noch nachschlagen muss. Und wenn es so ist, dann tue ich das eben. Ich hab bisher noch jede Unterkunft binnen 30 Sekunden im Robertha gefunden, der Aufwand hält sich also in Grenzen.

Aber ich habe es nicht getan in diesem Fall. Der Fahrgast meinte, dass das Hotel fast direkt an der Oper liegt und er wisse zwar die Straße nicht, aber er könne mir den Weg dann schon zeigen. Also bin ich frohen Mutes gen Oper gegurkt. Wie vernagelt muss man eigentlich als Taxifahrer sein, wenn einem in so einem Moment nicht einfällt, dass es in Berlin ja durchaus mehr als eine Oper gibt. Und während ich in Richtung der Staatsoper gegurkt bin, wartete das Hotel ruhig an der deutschen Oper auf seine Entdeckung…

Einfach mal völlig falsche Richtung!

Als mein Fahrgast dann etwas verwundert war, weil bereits fast 10 € auf dem Taxameter standen, er aber auf dem Hinweg nur 6 oder 7 bezahlt hatte, hab ich das Hotel dann doch mal nachgeschlagen. Das war letztlich die weiteste Tour, die ein Fahrgast jemals für 10 € mit mir gemacht hat, das könnt ihr mir glauben 🙁

Naja, jetzt hat er wenigstens mal das Brandenburger Tor gesehen… er hat es mit Fassung getragen. Glücklicherweise. Mir war es verdammt peinlich.

Welche denn?

Diesen Satz sagen Berliner Taxifahrer mit Sicherheit häufiger als die Chauffeure in anderen Städten der Republik. Berlin weist eine abnorme Anzahl gleichlautender Straßennamen auf. Eine Tatsache, gegen die ich hier gerne mal lautstark protestieren möchte.

Ich nehme an, dass das seinen Ursprung in der Geschichte Berlins hat. Berlin ist aus unzähligen Einzelgemeinden hervorgegangen, da wundert es kaum, dass insbesondere Straßen, die nach dem Zielort benannt wurden, häufiger auftauchen. Als Beispiel seien hier die Potsdamer Str. (4x), die Berliner Str. (8x) oder die Köpenicker Str. (7x)* angefügt.

Auch andere Namen tauchen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit auf. Natürlich gibt es in Berlin nicht nur eine Bahnhofstr. oder eine Hauptstr. Das muss zum Teil aber auch an galoppierender Ideenlosigkeit liegen. So gibt es in Berlin fünf mal die Straße 4. Als kleiner Gag am Rande: Straße 1 gibt es nur dreimal. Dopplungen gibt es bis zur Straße 455. Das auch nur mal so als Hinweis für die Leute, die nicht verstehen, dass man als Taxifahrer in Berlin nicht alles kennt.

Klaus hat vor einiger Zeit schon mal auf den besonderen und immerhin offenbar einzigen Fall hingewiesen, bei dem gar eine Straßenkreuzung zweimal existiert: Weser- /Finowstr. in Neukölln und Friedrichshain. Für die Nicht-Berliner kann ich noch anmerken, dass die nur vielleicht 3 Kilometer auseinanderliegen und insofern ohne weiteres verwechselt werden können.

Ganz abgesehen davon, dass unbedarfte Leute auch gerne nicht so genau überlegen, ob es jetzt -str., -allee, -Landstr., -weg, -gasse oder sonstwie heisst.

Mal im Ernst: Das ist schon ein Luxus. Ich als Taxifahrer bin ja jetzt – und wenn es nur durch die traurige Realität ist – etwas geschult im Umgang mit Kunden und Adressen. Und wenn ich besoffenen Australiern die korrekte Hoteladresse abringen kann, dann finde ich bei Omi vom Lande auch noch raus, in welchen Stadtteil sie muss. Ich denke, dass die Bewohner der Straßen mehr Probleme mit falsch adressierter Post haben und Besucher der Stadt sich dank Navi auch bisweilen aufs falsche Stadtende einschiessen.

Und genau so etwas hatte ich derletzt. Ich hab am Schlesischen Tor einen Fahrgast abgesetzt. Daraufhin sprach mich ein Mensch mit ähnlich geringen Englisch-Kenntnissen wie meine Wenigkeit an und fragte mich nach der Köpenicker Str. 1. Unaufgefordert zeigte er mir auch den Namen eines Hotels, das mir zunächst nichts sagte. Eine Postleitzahl stand nicht dabei. Also habe ich gefragt: Welche denn? Also welche Köpenicker. Die Frage hat noch jeden Touristen aus dem Konzept gebracht, und so war er auch erst einmal verwundert. Sein Sohn kam dann aber mit der vollständigen Adresse, und das gab im Zusammenhang mit dem Hotelnamen schlagartig Sinn. Das Hotel Berlin-Hoppegarten. Also noch nicht mal eine Köpenicker Str. im Stadtgebiet…

Liebe Touristen, seid achtsam, wenn ihr eine Berliner Adresse sucht! Oder vertraut uns Taxifahrern 🙂

Ach ja, gefahren sind sie selbst, mit Navi. Nochmal 15 Kilometer weiter. Wäre eine nette Tour gewesen…

*Quelle für die Zahlen: Berlin Autofahrer-Atlas, 2009, StadtINFO Verlag

N‘ Zehner für’n Umweg…

Nee, das wusste ich vorher schon.

Die Frau mittleren Alters erwischte mich am Ostbahnhof noch hinter der letzten offiziellen Rücke. Schwer bepackt mit Kleidung bat sie mich, sie doch bitte mitzunehmen, auch wenn ich so weit hinten stünde. Klar.

„Ich muss nur bis zum Mariannenplatz… aber ich zahl auch 10 €!“

„Vielen Dank, aber selbstverständlich müssen sie das nicht!“

„Ich weiss, aber ich mach das auch gerne. Und wenn es doch nur so eine kurze Strecke ist.“

Ein Gesprächsthema hatten wir also auch schon 🙂
Ich kann schon jetzt nicht mehr mitzählen, wie oft ich Kunden versichert habe, dass ich mit kurzen Fahrten kein Problem habe – auch wenn es natürlich nicht so lukrativ ist wie eine lange. Sie erzählte freudestrahlend, dass sie das immer mit einem guten Trinkgeld ausgleichen würde, wenn sie schon so faul sei. Sie hätte ja auch selbst mit dem Auto fahren können und und und… nur einmal hätte der Fahrer das nicht angenommen.

Und auch wenn ich inzwischen sicher bin, dass unsere Branche wie auch die komplette Menschheit ausschließlich aus komischen Käuzen besteht, so war mir das dann auch neu.

„Der wollte ganz strikt nur das haben, was auf dem Taxameter steht. Der hatte wohl seine Prinzipien.“

Und während ich darüber nachdachte, wie man Taxifahren auch noch ohne die Annahme von Trinkgeld bewerkstelligt, hab ich natürlich prompt vergessen, abzubiegen. Na gut, geht der Umweg eben von meinem Trinkgeld ab 🙂

Die Frau vermutete noch, dass der Kollege ihr deshalb nicht so viel Trinkgeld abnehmen wollte, weil sie schon so alt sei, aber sie sei noch topfit. Wie zum Beweis hat sie mir meinen Umweg auch gleich vorgehalten. Nicht im Bösen glücklicherweise, und so haben wir eben den längeren von 2 möglichen Umwegen genommen. 4 € für mich sind am Ende immer noch übrig geblieben…