Das Leben der Anderen

Ach, was war das für eine entspannte Tour. Fünf Jungs und Mädels hab ich durch die halbe Stadt gefahren, die Laune im Auto war prächtig, und zur Abwechslung hab es mal keine Diskussionen über den Fahrtpreis, sondern einfach nur spaßiges Gelaber. Die Schicht ist schon ein paar Stunden alt gewesen, und die Fahrt war ein prima Müdigkeitskiller.

Das einzige Manko: Ich war etwas abseits in Reinickendorf gelandet und tat jetzt gut daran, wieder in Richtung City zu cruisen.

An der Brunnenstraße fand ich Winker. Bzw. sie fanden mich. Ich stand nichts ahnend an einer Ampel, als sie plötzlich aus dem Nichts auftauchten. Die Beschreibung der beiden ist relativ einfach. Wer kennt „Cindy aus Marzahn“? Diese klischeestrotzende cremefarbene Schlafanzugqualle? Stellt sie euch einfach ein bisschen hässlicher und älter vor, dann kommt das etwa hin. Ihn kann man als das optimale männliche Pendant beschreiben: Etwas jünger und schlanker, dafür ungepflegter und mit einem Pornobalken, aus dem man ohne Mühe vier falsche Hitler-Bärtchen hätte basteln können.

Die Adresse, die die Dame seines Herzens mit ins Ohr flötete lallte, war mir auf 300 Meter Genauigkeit bekannt, und so pfiff ich los.

Im Fond entbrannte eine wirklich klischeemäßige Unterhaltung, die etwa wie folgt klang:

„Schatzi, haste jesehn, dat der Olaf auch da war?“

„Jo.“

„Und wie die det mit den Essen jemacht haben. Ick weeß nich!“

„Hm…“

„Aber der Herbert war ja auch da. Also mit Ulla natürlich…“

„Warum erzählste mir det? Weeßt doch jenau, dass es mich nich interessiert!!!“

„Ja, aber jetzt sei nich so…“

„Pfff!“

„Ach Schatz, weeßte, dat der Müller, also Markus, nicht der Kleene…“

„Halt doch bitte mal die Fresse!“

So ging es dann einige Minuten weiter, unterbrochen nur durch die netten Ansagen der zweiten Cindy, die mich auf einen Weg schickten, der die Tour zwar unerträglich lang gemacht hat, dafür aber auch gut 2 € mehr Schmerzensgeld abwarf.

Richtig komisch wurde es dann gegen Ende:

„Und der Kurt, also mit seiner Frau, ja“

„Pfff!“

„Also wat die Andern für Probleme haben! Ick versteh det nich. Schön, dass wir sowat nich haben…“

„Naja, dafür kenn ick dir ja ooch schon 18 Jahre…“

Also die letzten Sätze hab ich nach der Abfahrt vor ihrem Haus noch ein paar Mal vor mich hergesagt, um mir der Absurdität bewusst zu werden und sie für diesen Eintrag hier noch parat zu haben 🙂

Ein Kommentar bis “Das Leben der Anderen”

  1. Der Maskierte sagt:

    “Naja, dafür kenn ick dir ja ooch schon 18 Jahre…”

    Übersetzt: Nach 18 Jahren ist man total abgestumpft und gibt sich einfach dem Rauschmittel seiner Wahl hin.

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