Besser reden als fahren

Ich war wirklich zuversichtlich, als die fünf Mädels am Ostbahnhof auf mein Auto zukamen. Clubgängerinnen ohne Gepäck, alle nicht sonderlich groß, das passt! Ich hab sie kurz auf die Enge hinten hingewiesen, aber das hat sie gar nicht interessiert. Als die ganz hinten schon eingestiegen war, meinte eine andere dann:

„We want to go to Kater Blau.“

Nun hatte ich nicht lange gewartet und mir eigentlich nur gedacht, dass das ja fast rekordverdächtig vom Kilometerschnitt her wäre … aber dann hab ich doch besser mal nachgefragt, ob sie denn wüssten, wie weit das entfernt wäre. Und auch wenn ich als ständiger Kartennutzer das nicht nachvollziehen kann: So genau hatten sie natürlich nicht geguckt. Wirklich nur 400 Meter? Und dann natürlich, was das kosten würde.

„Well, the meter starts with 3,90€, for more than four persons, there’s a 5€-fee … so in the end we would be possibly over 10€.“

Und da sind sie dann doch gelaufen und fanden es nett von mir, dass ich ihnen das vorher gesagt hatte. Ich bin ja im Normalfall nicht so wie bei der „Mach ma billig“-Tour. Super für mich war das Ganze aber nur bedingt, denn ich hab am Ende dann noch 20 weitere Minuten warten müssen und trotzdem nur eine Fahrt im einstelligen Zahlenraum bekommen. Aber irgendwas ist ja immer.

Creepy Ansprachen

Ja, der Marvin war komisch. Das heißt aber noch lange nicht, das am letzten Wochenende die noch komischeren Leute in Berlin keinen Ausgang gehabt hätten.

So stand ich an meinem Lieblingsbahnhof bereits etwas ungeduldig herum, weil ich zwar Erster war, aber in den letzten 10 Minuten eine totale Anullierung des Publikumsinteresses an Taxen eingesetzt hatte. Ich stieg aus und zündete mir eine Kippe an. Dann hielt 20 Meter vor mir an der Bushaltestelle ein PKW, spuckte drei Leute aus, die zum McDonald’s wollten … kurzum: Alltag in einer Berliner Nacht.

Dachte ich.

Dann aber trat der Held der Nacht auf, ein schon leicht schwankender Mittzwanziger, dem offenbar nicht gefiel, dass vor ihm ein Auto stand. Ich hab kaum was verstanden, aber aufgrund seines Gestenreichtums war erkennbar, dass der junge Mann den Autofahrer wegscheuchen wollte. Er deutete penetrant auf das Bushaltestellenzeichen, gestikulierte wild und war sichtlich unzufrieden damit, dass der Typ am Steuer erkennbar nix machte.

Tatsächlich kam kurz darauf noch ein Nachtbus an, hat das Auto auf die andere Straßenseite (also den – zu der Zeit ungenutzten – Nachrückbereich des Taxistandes) verscheucht. Kurz darauf kamen auch die mit Fast-Food bewaffneten Freunde wieder und das Auto war weg. Eine vollkommen unspektakuläre Großstadtszene am Wochenende. Sollte man meinen.

Und dann kam Mister Law-and-Order zu mir. Eine außergewöhnlich adrette Föhnfrisur mit stechenden Augen. Ob ich das gesehen hätte! Der hätte sich da einfach an die Haltestelle gestellt. Dabei wären da SOOO große Schilder und überhaupt und sowieso!

Ich hab ihn ein bisschen auflaufen lassen und gesagt, dass er zwar recht hätte, aber bei den anderthalb Nachtbussen pro Stunde das Problem doch auch reichlich irrelevant sei.

Also hat er mich ins Visier genommen. Wir Taxifahrer hätten es ja auch nicht leicht. Und so gesetzesuntreue Typen wie der da eben würden uns ja auch ständig überfallen und er hätte sich ja auch schon mal überlegt, den Job zu machen, aber das war ihm dann zu heikel. Aber immerhin: Er wüsste schon, welche Kanone welchen Kalibers er wo genau im Auto verstauen würde, um selbst einem Typen, der ihm von hinten droht, so ordentlich – wäre ja nur Notwehr! – so richtig die Eingeweide wegblasen würde, bevor der blicken würde, was Sache ist.

O. My. Goodness.

Und das hat er nicht so nebenbei in einem Nebensatz erwähnt, sondern er hat sich das schon reichlich bildhaft ausgemalt. Als ob meine Arbeit im Wesentlichen darin bestehen würde, unliebsame Kunden umzulegen. Wort- und bildgewaltig hat er sich ins Zeug gelegt, mir die Dramatik auszumalen, die mein Job seiner Meinung nach mit sich bringt, wie schlimm das wäre, was er für waffenstrotzende Lösungen dafür hätte, und so weiter. Ich bin da kaum zu Wort gekommen. Und auf jeden Punkt einzugehen, wäre schlicht auch zu blöde gewesen. Aber er wollte nicht ablassen vom Thema und auch all meine kurzen Widersprüche haben einfach null Wirkung gehabt.

Und dann hab ich kurz ausgeholt und eine völlige Binsenweisheit von mir gegeben:

„Weißt Du, es ist die eine Sache, bei der einen von 20.000 Fahrten gut bewaffnet zu sein oder den Angreifer ausschalten zu können. Ja, das ist vielleicht im Fall aller Fälle hilfreich. Aber unterschätze nicht, dass es bei sicher 100 bis 200 Fahrten bis dahin schon reicht, potenziell gefährliche Leute zu erkennen, dabei zu deeskalieren und damit das Schlimmste von vornherein zu verhindern.“

Und was hat er gemacht?

Er hat mir einen guten Abend gewünscht und ist einfach weggegangen.

WTF?

Neue seltsamste Startfrage

Kunden wollen ja gerne mal dies und das wissen. Die Kundin heute Nacht hat die Konversation eher seltsam begonnen:

„Bist Du ein normales Taxi?“

Ich will jetzt noch nicht einmal auf dem Unterschied zwischen mir und meinem Auto rumhacken; nein ich war einfach etwas erstaunt, was sie so unsicher gemacht hat. Ich meine, ich stand mit einem hellelfenbeinfarbenen Auto und leuchtendem Taxischild an einem Taxistand – was werde ich wohl sein? Ein Tintenfischzüchter?

Tatsächlich ist sie nur als erste mit dem Werbeschild auf dem Dach durcheinandergekommen. Da ist derzeit Werbung für einen Autovermieter drauf – und das hat sie irgendwie irritiert. Am Ende hat sie mir geglaubt und ich hab auch keinen Mietwagen aus dem Ärmel gezaubert, den ich ihr andrehen wollte. 😉

Und dann war da noch …

der Kollege, der am Ostbahnhof an vierter Position stand. Zwei offenbar potenzielle Kunden klapperten die drei Taxis vor ihm ab, immer enttäuschter, und landeten am Ende bei ihm. Was denn das Problem wäre, fragte er sie.

„Wir wollen nach Werder. Würdste uns fahren? Und was kostet das?“

Der Kollege nannte 80 € als Preis und schob eine Frage nach:

„Und wieso fährt der erste nicht?“

„Na, der erste sagte, dass er irgendwie ‚auf Abruf‘ hier stehe. Der zweite wollte sein Pflichtfahrgebiet nicht verlassen und der dritte hat gesagt, er hat keinen Bock auf so eine lange Fahrt.“

Also hat der Kollege mit großen Augen diese Hammertour gemacht. Nicht zu seinen Ungunsten:

„80 haste gesagt? Na hier, weil Du uns fährst: Mach 90!“

PS: Liebe potenzielle Fahrgäste: „Auf Abruf“ kenne ich nicht, ich verlasse sehr gerne das Pflichtfahrgebiet und Bock auf so Touren hab ich mal sowas von, das erahnt Ihr gar nicht! 😉

Nervbacken

Dass es zur wilden Renate etwa neun Euro plus in dem Fall den Großraumzuschlag von einem Fünfer kosten würde, war schnell geklärt. Also für sechs der sieben Beteiligten, inklusive mir. Dann der siebte:

„Also für’n Zehner hätten wir einen Deal …“

„Sind aber 14.“

„Dann mach doch für uns einen Zehner!“

„Lass mich überlegen … nö.“

„Na dann mach‘ uns doch mal’n Preis!“

„Ich mach hier keine Preise.“

„Nee, im Ernst: Sag mal!“

„14 €. Was die Uhr anzeigt.“

„Alter, verarsch mich nicht! Mach uns ’n guten Preis!“

„OK Junge, ich arbeite in einer der wenigen Branchen, in denen das sogar illegal wäre. Auch deshalb und überhaupt: Nein!“

„Na, Du wirst uns doch wohl einen Preis machen können!?“

„Nein.“

„Na komm …“

„Nein.“

„Kannst die Uhr ja auch ganz auslassen.“

„Nein.“

„Ey, dann haste wenigstens eine Fahrt. Besser als rumstehen!“

„Ähm, ich bin zweiter.“

„Trotzdem: Besser als hier stehen isses nicht.“

„Mag sein. Vielleicht krieg ich statt Euch aber auch eine wesentlich lohnendere Tour …“

„Das kannst Du aber nicht wissen!“

„Na und? Ich riskier’s.“

„Mach uns doch einfach einen guten Preis! 12?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ach komm: Schlag die 14 € doch mal auf 6 Leute um. Selbst mit der BVG würdet Ihr mehr bezahlen.“

„Tja, BVG kostet uns aber gar nix.“

„Dann wäre das doch eine Alternative, oder?“

„Ach komm‘! Zehner?“

„Nein!“

…

Man muss anerkennen: Der Typ hat fast alles rausgeholt, was Festpreisler so rauszuholen versuchen. Und am Ende? Sind sie eigentlich sehr zufrieden zum gültigen Tarif (14,10 €) gefahren. DAS hätten wir auch schneller hingekriegt …

Und noch eine Tour …

Die Vermutung, man bekomme als netter Taxifahrer auch mal ein paar Touren mehr, ist strittig. Leider. Zu zufallsbasiert ist das Gewerbe, zu egal ist es manchen Kunden, wenn es mal eilt.

Aber nun, auf Position vier, standen sie vor mir: zwei junge Damen, aus Polen, wie ich noch erfahren sollte, und freuten sich:

„Wow, sehr schön, dass Du noch hier! Wir fahren mit Dir!“

Ihre S-Bahn war wohl ewig nicht gekommen, jetzt also doch das Taxi. Obwohl es 15 Minuten vorher noch zu teuer war. Wie hab ich mir diese Sonderstellung, mal eben eine sehr nette Tour bevorzugt zu bekommen, verdient?

Eine Viertelstunde zuvor:

„Wir wollte fragen, was kosten bis Fiensehnvagochstrase? Nöscheniuha … Schienöheuha … äh …“

„Vincent-van-Gogh-Straße, Neuhohenschönhausen, ja?“

„Ja genau. Kollege sagt 30 €.“

„Na, so viel wird es nicht. Aber 20 bis 25 € werden es auf jeden Fall sein.“

„Sooo viel? Aber wir bezahle von Reinickendorf nur 25!“

„Das kann sein. Aber auch wenn wir deutlich östlich von Reinickendorf sind, sind wir hier doch auch deutlich weiter im Süden. Und deswegen ist es nicht arg viel näher dran, sorry.“

Nennt mich schleimig, aber ich finde das eine absolute 08/15-Aussage, eine einfache Erklärung des Preises, den ich für meine Arbeit verlange. Wir haben uns nach diesem kurzen Gespräch kurz nett verabschiedet, obwohl da klar war, dass sie Bahn fahren würden. Auch da würde ich sagen, sehen große verbale Heldentaten anders aus. Aber ja: Deswegen sind sie dann bei mir eingestiegen:

„Warst Du einzige, der hat korrekt gesprochen mit uns. Andere nur so: ’30 Euro!‘. Und nicht mal angeguckt!“

Tja, damit waren die 23 € dann mein. Und eine nette Fahrt war’s obendrein.

Unter den Bkloppten ist der Gehirnamputierte Professor. 🙂

So macht man’s, genau so!

Wie ich hier und da vielleicht schon habe durchklingen lassen: Die letzten Tage vor Weihnachten waren nicht so der Bringer. Ich hatte versucht, mir mit ihnen die aktuelle freie Woche zu erkaufen, finanziell geklappt hat’s nur bedingt.

So fuhr ich eines Abends nach einstündigem Warten und einer anschließenden Kurztour wieder am Ostbahnhof vor – allerdings nur, um dem Kollegen, mit dem ich mich dort unterhalten hatte, mein Leid zu klagen. Und theatralisch zu betonen, dass ich mir das nicht noch einmal antun würde. Er sah mich über den Rand seiner Brille fragend an und sagte:

„Ja und? Wo willste denn sonst was kriegen?“

„Keine Ahnung. Ich hatte vorher schonmal Winker am Boxi, vielleicht fahr ich da wieder vorbei …“

„Winker! Tss. Heute, is‘ klar …“

wischte er meine Idee beiseite. Wir verabschiedeten uns und ich fuhr los. 20 Meter die Straße runter, links ab, 100 Meter die Pariser Kommune entlang und … Winker!

OK, es war nur eine Kurzstrecke. Und ja, auch die zweite, anschließende, Winkertour war eine eben solche. Selbst die Schicht insgesamt ist am Ende alles andere als perfekt gelaufen. Aber in diesem einen Moment, nachdem ich die Halte wegen Winkern verlassen und 120 Meter später welche bekommen habe, in dem Moment hab ich mich gefühlt, als könne mir diese Arschkrampe von Zufall mal sowas von gar nix. Ich hatte alles im Griff!

Ist genauso Bullshit wie sich über kurze Touren ärgern. Aber Motivation hat ja auch einen Wert an sich! 😀