Andere Jobs, andere Beifahrer

Er hat mich noch kurz vor dem Ostbahnhof erwischt. Ein netter Typ, der auch umgehend auf mein Angebot, loszuquasseln, losgequasselt hat. Feierabend, Gastronomie, nun endlich ein Tag frei, hopsassa und trallala. Im Ernst: Hat Spaß gemacht. Wir waren dann auch gleich beim Thema Arbeit und so ließ er mich dann wissen, dass er auch schon mal Fahrer gewesen sei. LKW und international allerdings. Das aber hätte er nach einigen Jahren aufgegeben, weil er – was zweifelsohne richtig war – eher einer wäre, der gerne redet, viel mit Menschen zu tun hat, etc.

Seine ersten Lösungsstrategien allerdings klangen auch nicht schlecht:

„Zuerst hab ich mir einen Hund mitgenommen. Einen Chihuahua. Arg viel größere kannste ja nicht mitnehmen. Aber der war dann trotzdem stressig. Bei jeder etwas engeren Kurve hat er gejault. Später hatte ich dann einen Wellensittich. Aber da konnteste nicht schlafen. Also zumindest, so lange man ihn nicht abgedeckt hat. Dann ging’s eigentlich …“

Ich fand’s ’ne lustige Vorstellung. 🙂

Aber ich muss auch sagen: Ja, der Typ war wirklich mehr Barmann als Trucker! Wobei Taxifahrer als Mischung vielleicht auch noch ganz gut geklappt hätte. Aber ohne Tiere halt … denn – wie die Hardcore-Leser wissen – es gibt zwar keine Regelung, wann wir Tiere mitnehmen müssen, aber eigene dürfen wir nicht dabeihaben.

Die regelbestätigenden Ausnahmen

Ich mein’s wirklich ernst, wenn ich sage, dass ich keine Schwarztouren mache und Kollegen keine Fahrten klaue. Hab ich kein Interesse dran, sollen sich andere wegen ein paar Euro in die Haare kriegen! Und das alles gilt natürlich erst recht, wenn’s eigentlich gut läuft und man eine Tour nach weit außerhalb bekommen hat.

Dieses Wochenende aber war es nachts kalt, scheißkalt für Oktober. Im Umland hat mein Thermometer bis -3°C angezeigt … und just da trotteten dann zwei völlig fertige Typen in dünnen Sweatshirts an der Straße entlang und fingen heftig an zu winken, obwohl ich – wie im Feindesland stets praktiziert – mit ausgeschalteter Fackel unterwegs war. Ich hab dreimal hin- und herüberlegt, am Ende dann aber doch ein paar Meter hinter ihnen angehalten. Obwohl es bis zum äußersten Winkel Berlins noch ein paar Kilometer waren.

„Jungs, ich darf Euch eigentlich nicht mitnehmen … aber kommt, steigt ein! Das läuft sonst unter unterlassene Hilfeleistung.“

Und was willste machen? Natürlich darf ich rein gesetzlich im Umland niemanden gewerblich befördern – und ebenso natürlich verbietet mir mein Arbeitsvertrag, Menschen kostenlos zu befördern. Andererseits kannste mitten im Wald nach 5 Kilometern ohne Gegenverkehr auch niemanden stehen lassen. Und sie hatten wohl ein Taxi bestellen wollen, aber es war keines frei gerade – also sind sie mal losgelaufen.

Zu ihrem Ziel fehlten noch knappe 3 von insgesamt 5 Kilometern. Zwar entgegen meiner Richtung, aber who cares? Ich hab die Uhr gleich ausgelassen, das sind genau die Fälle, derentwegen ich sonst nicht vom Tarif abweiche.

Als wir dann aber so durch den Wald gepflügt sind (3 Kilometer bei erlaubten 70 km/h, das ist ja quasi nix!), kam der eine dann doch auf Geld zu sprechen. Mit dem hinten sitzenden Mitfahrer:

„Haste noch Knete?“

„Hab ich.“

„Dann rück mal’n Schein raus.“

„Hab schon einen …“

„Ist da ’ne Zwei drauf?“

„Jo.“

„Na, dann ist ja gut!“

Und zu mir:

„Dass es keine Zweihunderterscheine gibt, weißte hoffentlich …“

Ja, quasi. Für mich als Taxifahrer sind 200er quasi wirklich inexistent. 😉

PS:
Ich weiß zudem: Ich hätte sie auch mich anrufen lassen und es dadurch pseudolegalisieren können. Bestellte Touren im Umland sind ja legal. Ich hab das indes wirklich nicht als Taxitour gesehen, ich hab denen wirklich nur kurz geholfen. Nicht, dass ich das Geld verschmäht hätte, aber wenn man’s in einer Situation sowieso nicht richtig machen kann, dann nimmt man halt die für einen selbst beste Variante …

Den Hunni inner Fresse

Udo Vetter hat im Lawblog mal wieder ein Urteil zu einem Taxi-Fall ausgegraben: Ein Fahrgast wurde zu 500 € Schmerzensgeld verurteilt, weil er zunächst angepisst über die (zu langsame) Fahrweise des Taxifahrers, später dann über den Umstand, dass er auch bei einem (gewünschten) Abbrechen der Fahrt zu zahlen hatte, war. Und das dann nicht etwa verbal äußerte, sondern einen Hunderter nahm und ihn dem Fahrer gewaltsam in den Mund stopfte.

OK, vorweg muss natürlich eines stehen: WHAT THE FUCK!?

Zunächst mal beglückwünsche ich den Kollegen natürlich zum gewonnenen Prozess. Vollsuff der Kundschaft hin oder her: Alles muss man sich nicht gefallen lassen!

Aber ich nutze das hier auch mal, um das grundsätzliche Thema – uns Taxifahrer zum Rasen überreden – erneut anzuschneiden. Denn auch da bleibt eigentlich nur ein generelles WTF!?

Natürlich: Fragen darf man alles. Ich wurde alleine heute nacht schon gefragt, ob ich eine Tour schwarz fahre, Gras verticke oder einen Champagner trinken will. Alles nicht rechtens, aber drüber reden ist natürlich kein Verbrechen. Und ich bin ja sogar offen für Kritik an meinem Fahrstil und sehe zu, dass ich die Wünsche der Kunden – auch wenn sie es eilig haben – irgendwie umsetzen kann.

Aber bei dieser Fahrgäste-versuchen-uns-zum-Übertreten-der-Gesetze-zu-überreden-Geschichte muss ich als Taxifahrer doch auch mal folgendes klarstellen:

  1. Ich bin nicht schuld!
    Wenn jemand es eilig hat, dann ist das nicht meine Schuld. Ob es nun schlechte Planung des Fahrgastes oder das böse Leben an sich war … egal: Ich bin es nicht!
  2. Mir ist es scheißegal, ob jemand zu spät kommt!
    Auch wenn das jetzt bewusst hart ausgedrückt ist, sollte man das ruhig auch mal so sagen. Natürlich freue ich mich, wenn ich meiner Kundschaft helfen kann, aber bei dieser asymmetrischen Fahrgast-Fahrer-Beziehung hab ich komplett andere Wünsche, Sorgen, Nöte, Bedürfnisse und Gedanken als mein Gegenüber. Natürlich ist mir mein Führerschein wichtiger als irgendein Meeting – und wenn’s eines von Bill Gates ist und es um eine Milliarde Euro geht.
  3. Es lohnt sich für mich nie!
    Es fängt schon damit an, dass die meisten Taxifahrten mir selbst weniger bringen als auch nur das geringste Bußgeld (ein Zehner) mich kosten würde. Und während ich im Zweifelsfall schlecht die Gesetze beugen kann, hätte ja selbst ein Vertrag mit einem Fahrgast, dass er eventuelle Bußgelder bezahlt, nur wenig Aussicht darauf, vor Gericht standzuhalten. Abgesehen davon hat so ein Monat Fahrverbot für einen Taxifahrer (ggf. inkl. Chef) schnell einen Gegenwert von 2.000 bis 5.000 € – mehr als es die meisten kosten würde, einen kompletten Monat lang mit dem Taxi zur Arbeit zu fahren, bei vermutlich geringerem Verdienst noch dazu.
  4. Ich bin der Fahrer. Ende!
    Das klingt lächerlich, ist aber ein wichtiger Punkt. Ich als Fahrer habe die Verantwortung während der Fahrt. Wenn ich mir diese Kurve nur bei Tempo 30 zutraue und der Fahrgast sie mit 50 nehmen würde, dann ist das egal. Selbst wenn ich ein untauglicher Fahrer sein sollte, dann ist das ggf. eine Frage, die die Führerscheinstelle zu entscheiden hätte oder ein Amtsarzt – aber sicher nicht irgendein Fahrgast. Egal, ob ich irgendwo langsamer fahre, weil mich höhere Geschwindigkeiten überfordern, weil sie illegal wären und da vorher noch ein Blitzer stand – oder weil ich glaube, eine Gefährdung erkannt zu haben: Das ist MEINE Entscheidung! Wer so viel schneller und besser fährt als ein Taxifahrer, der sollte vielleicht kein Taxi nehmen, sondern selbst fahren.

 

Ich hab’s jetzt mal bewusst so drastisch ausgedrückt, damit da keine Zweifel aufkommen. Wie weiter oben schon geschrieben: Das heißt nicht, dass man nicht mal in netter Übereinkunft ein bisschen die Grenzen des Möglichen ausreizen kann. Aber auch wenn die Verkehrsregeln in Deutschland irgendwie gefühlt Auslegungssache sind und auch wenn viele Taxifahrer immer wieder gegen dieses oder jenes Gesetz verstoßen: Diese Anspruchshaltung, die offenbar viele da draußen haben, kann und will ich nicht nachvollziehen. Vor Jahren hat mir in den Kommentaren mal eine Leserin gesagt, sie fühle sich verarscht, wenn ein Taxifahrer in einer 30er-Zone 30 fährt. Da fragt man sich dann schon, ob solche Leute sich auch verarscht fühlen, wenn in einem 4kg-Kartoffelsack 4kg Kartoffeln sind – und nicht 5kg. Oder dass die Bank nur 1,5% Zinsen auszahlt und nicht doch gelegentlich mal 2%.

Ich will nicht abstreiten, dass auch ich hier und da mal schneller als erlaubt fahre. Ich bin sogar schon illegal abgebogen, entgegen einer Einbahnstraße gefahren oder hab mich bei kirschgrün noch über eine Kreuzung gedrückt. Bin ja kein Engel. Aber das einzupreisen und am Ende ausrasten, wenn ein Fahrer sowas nicht einfach von sich aus macht für die 6,50 €, die er an der Tour gerade verdient, das geht wirklich gar nicht, da hab ich null Verständnis für!

Danke, Internet!

„Was soll’n hier der Scheiß mit 5 € Zuschlag?“

„Genau! Wofür bitte ein Fünfer?“

„Haste se nicht mehr alle!?“

„Das kannste Dir gleich stecken, Alter!“

🙁

Aber gut, man gibt ja selbst die Resterampe von der Biermeile nicht vorschnell auf:

„Das ist der Zuschlag für mehr als vier Personen.“

Aber, nun ja:

„Das ist niemals ein Fünfer, verarsch mich hier nicht. Das sind zwofuffzich.“

„Genau genommen waren das einsfünfzig …“

„Sag ich doch!“

„… bei einer Person extra. BIS VOR EINEM MONAT …“

„Ach laber nich‘, Alter … ich fahr doch jede Woche Taxi, pass bloß auf – ich googel das!“

„Ja, bitte, mach mal!“

Das Geplärre ging weiter, die Truppe war der wahrgewordene Alptraum nach einer Tariferhöhung. Den Scheiß könne ich mir abschminken, sie würden mich sowieso gleich anzeigen, ich hätte ja wohl keine Ahnung vom Taxifahren – wenn alle geprellten Kunden so drauf wären, gäbe es kaum noch Betrüger unter Taxifahrern, ganz ehrlich! Muss man mal anerkennend sagen. Und sauer bin ich auch so nicht auf sie, denn der Typ neben mir hat tatsächlich kurz sein Telefon befragt und anschließend einmal scharf in die Runde gerufen:

„EY, HALTET MAL DIE FRESSE! ER HAT RECHT! Er hat Recht, das ist wirklich der neue Tarif!“

Und – zack! – war das eine eigentlich ganz angenehme Tour mit einem Zwischenstopp an der Bank, mit auf meinen Wunsch hin nicht zu großscheiniger Bezahlung und am Ende einem normalen Trinkgeld. Geht doch. 🙂

Aro über rote Ampeln

Ich möchte hier mal ganz explizit Werbung für meinen geschätzten Blogger- und Taxikollegen Aro von berlinstreet.de machen, der heute mit einem interessanten Artikel über rote Ampeln aufwartet: Rot ist relativ.

Ich spiele ja gerne mal den Verfechter der StVO, aber ich muss dem Kollegen doch zustimmen, dass man auch mal einen anderen Blick auf die Sache werfen sollte. Vielleicht ist ja eben nicht alles schlecht, was nicht „ordentlich deutsch“ abläuft. Zumal – und das ist zweifelsohne das Wichtige am großen Ganzen! – auch Aro sich für das ausspricht, was ich für das oberste Gebot halte (und immerhin auch §1 der StVO auszudrücken versucht): Dass es im Verkehr eben nicht nur um Egoismus und den Kampf gegen andere geht, sondern um ein friedliches und letztlich sicheres Miteinander.

Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, genau diesbezüglich nach Frankreich oder Italien zu sehen, umso mehr freut mich, dass der Kollege da mal wieder mehr Offenheit bewiesen hat.

Danke Aro, war sehr interessant!

Die ersten Kurzstrecken zum neuen Tarif

Die Kurzstrecke ist bei der Tarifänderung zum 30.6. ja am meisten in Mitleidenschaft gezogen worden. Während der Kilometerpreis um 21 bis 22 Cent erhöht wurde und der Startpreis um 50 Cent, kostet die Kurzstrecke nun einen satten Euro mehr: 5,00 statt 4,00 €. Dass der Anstieg so heftig war, erklärt sich aber zum Teil auch dadurch, dass die ersten Kilometer nun schon zum zweiten Mal teurer werden, der Kurzstreckenpreis das erste Mal aber nicht erhöht wurde.

Trotzdem:

„Fünf Euro glatt, da kommt ja kein Trinkgeld mehr zusammen!“

Ich fürchte das auch. Andererseits muss ich zugeben, dass ich das auch letztes Mal befürchtet hatte, als die Kurzstrecke von 3,50 € auf 4,00 € angehoben wurde. Davor hatten die meisten mit 4 € bezahlt und es stand zu befürchten, dass da viel umverteilt werden würde. Meine Statistik nach einiger Zeit ergab damals aber eher ein anderes Bild.

Auch heute denke ich wieder:

„Ach fuck, 5 € ist so eine runde Summe, da gibt niemand was drauf!“

Und ja, da gibt es einen kleinen Schein für, ich halte das wieder für ein realistisches Szenario. Andererseits waren die zwei Zwei-Euro-Stücke auch eine Art Marke.

Für eine Statistik ist es freilich zu früh. Ich habe gerademal 1,1 Schichten zum neuen Tarif gefahren, dabei waren genau zwei Kurzstrecken. Das Ergebnis ist dennoch interessant.

Die erste Fahrt verlief getreu der schlimmsten Vermutungen. Ich bekam einen Fünfer gereicht mit dem süffisanten Hinweis, dass das jetzt sicher blöd sei, wo kein extra Trinkgeld mehr dazu kommen würde. Vielen Dank auch für die „aufmunternden“ Worte! -.-

Aber schon bei der zweiten Kurzstrecke eine halbe Stunde später bekam ich glatte 6 € auf die Hand. Vielleicht eine Ausnahme, aber in Anbetracht der letzten Erfahrungen hoffe ich mal auf das Beste …

Die Kartenannahmepflicht ist durch

Wie Lawblogger Udo Vetter heute vermeldete, wurden die Eilanträge einiger Berliner Taxibetriebe abgewiesen, die sich dagegen wehren wollten, Kreditkarten annehmen zu müssen. Der Versuch, das mit hohen Kosten zu begründen, war auch in der Tat etwas blauäugig, denn inzwischen sind Kartenleser wirklich keine Riesenausgabe mehr.

Also nicht, dass es nicht auch sauteure Systeme gibt – ich will nicht wissen, was mein ans Funkgerät gekoppelter und fest ins Auto verbaute Leser gekostet haben mag! –aber das Gericht hat schon recht, wenn es feststellt, dass es durchaus bezahlbare Geräte gibt.

Nebenbei sei aber erwähnt: Neue Technik bringt immer auch neue Probleme mit sich, nicht jeder, der mal keine Kartenzahlung anbieten kann, verweigert sich dem Gesetz. Mich hat’s letzten Samstag auch erwischt: Mitten in der Nachtschicht war das Papier im Belegdrucker alle … da kannste dann auch nix machen. :/