Zehn

„Entschuldigung, können sie vielleicht 5 Leute mitnehmen?“

„Kann ich. Und ich mache es auch gerne!“

„Oh, sehr gut! Wir müssten nach Lichtenberg…“

So weit, so einfach. Waren ein paar ziemlich handzahme Jungs. Keine Spur von Stress, alles sehr entspannt. Allem Anschein nach eher Kiffer als Trinker 😉

Die Fahrt war relativ schnell erledigt, die Straßen waren frei wie immer um 4 Uhr morgens. Sie wunderten sich, dass es tatsächlich noch kürzer geht als sie dachten und am Ende war auch der Preis genau in dem von mir genannten Rahmen angelangt. Er betrug 16,40 €. Nun kam ein wenig Leben in die Bude. Schließlich musste ja jeder seinen Teil zum Fahrpreis beitragen. Aus der hinteren Reihe tönte es:

„Ich kann auf jeden Fall einen Zehner beischießen. Ich muss nur erstmal hier raus…“

Klar, ist ein wenig zu eng dahinten, um an seinen Geldbeutel zu kommen. Aber vorne ging das Suchen und Finden weiter, alle kramten sie in ihren Kleingeldfächern, die Münzen wurden hin- und wieder hergeschoben und am Ende reichte mir einer von der Rückbank einen 20er und meinte:

„Machen se 17!“

Gesagt, getan. Drei Euro in klein gingen zurück und so langsam schälten sich alle mehr oder minder zufrieden aus meinem Taxi. Ich hab dem letzten die Rückbank vorgestellt, sodass auch er herauskrabbeln konnte. Für meinen Teil war die Tour beendet und ich hab den Zusatz-Sitz wieder eingeklappt. Die Jungs waren alle auf dem Weg zum Eingang des imposanten langgestreckten Elfgeschossers. Plötzlich stand  ziemlich lethargisch und verstrahlt der Hansel aus der letzten Reihe neben mir, hält mir einen Schein hin und meint:

„Zehn.“

Nicht, dass ich mich gerne selbst um ein hammermäßiges Trinkgeld bringen würde, aber dass das nicht so ganz Sinn der Sache war, war mir klar. Ich hab also mal eher fragend geschaut.

„Ey Benni, wir ham schon gezahlt!“

rief es von der Haustür. Der Junge sah mich an, sah den Schein an, sah dann wieder mich an und drehte sich zu seinen Kumpels um:

„Sagt des doch!“

Und dann ist er gegangen und hat mich ermahnt, ich sei ein schlechter Taxifahrer, wenn ich so eine Gelegenheit nicht nutzen würde. Leute gibt es…

On the Fast Lane

Gibt es eigentlich noch dieses alte Klischee vom eigenbrödtlerischen Taxler, der mit Kippe im Mund als König der Straße durch die Nacht cruist? Auf die Kippe muss man heute ja verzichten, ansonsten mag ich dieses über alle Maßen hinaus romantisierende Bild durchaus ein Bisschen.

Die Realität sieht meistens anders aus. Natürlich ist das Taxifahren eine von Sachzwängen geprägte und mies bezahlte Lohnarbeit ohne viel soziale Sicherheit. Nicht jede lustige Betrunkenengeschichte in meinem Blog hab ich freiwillig erlebt und zweifelsohne sind Grinse-Smilies hinter Berichten über miesen Umsatz meist nur Selbstschutz.

Auf der anderen Seite: Wer kennt das nicht aus anderen Jobs? Ich bin ja nicht viel rumgekommen in der Arbeitswelt, aber ich höre mich ja genug um. Lohnarbeit ist immer Lohnarbeit und noch jeder Angestellte (und sicher auch die meisten Chefs) hatten ihre Momente, in denen ein psychologisch geschulter Mensch sie dazu gekriegt hätte, alleine für den Slogan „Arbeit ist scheiße!“ in die APPD einzutreten.

Deswegen gönne ich mir den Blick auf die Sonnenseiten meines Jobs – auch wenn die bei mir irgendwo in der Nacht liegen. Die Idee zu diesem Eintrag hatte ich auf dem Rückweg von meiner ärztlichen Untersuchung, als ich um 17 Uhr vom Alex aus nach Hause gefahren bin. Dürfte das erste Mal Rush Hour in vier Jahren Berlin gewesen sein. Dank einer Baustelle dauerte die Fahrt alleine zum Platz der Vereinten Nationen ziemlich genau 20 Minuten…

Ein Kollege ist rechts auf dem Fahrradweg an mir vorbeigeschossen, die Mehrzahl der Verkehrsteilnehmer wirkte übel gestresst und insbesondere der Inhaber eines kackbraunen VW Touran mit MOL-LY-Kennzeichen lieferte sich einen erbitterten Kampf darum, beim Reissverschlusssystem ja nicht diesem blöden Taxi mit der 1925 auf der Heckscheibe den Vortritt zu lassen. Da bekommt das Wort Straßenkampf eine ganz andere Bedeutung.

Und ich habe mich so gut gefühlt wie schon lange nicht mehr.

Meine Fenster waren bei gemütlichen 25°C heruntergelassen, die CD im Player wechselte irgendwann von der besten Version von Hotel California auf eine der besten Coverversionen von Wish you were here (die von Wyclef Jean, gibt’s bei Youtube nicht) und ich kroch so vor mich hin. Sicher: Während der Arbeit wäre ich durchgedreht!

Aber während ich nach nur 3 Stunden Schlaf versucht war, hier und da im Stillstand die Augen zu schließen, erinnerte ich mich an die letzten Schichten und wie schön es sein kann, nachts durch die City zu cruisen. Natürlich ebenfalls mit Musik im Auto und so oft wie möglich mit offenen Fenstern. Aus der spätjugendlichen Sturm- und Drangzeit im Straßenverkehr bin ich zweifelsohne und glücklicherweise raus, aber ein Stück weit liebe ich es, dass die Stadt nachts so oft befreit ist von der ganzen stickigen Atmosphäre und den unsagbar vielen Menschen. Und zugegeben: Auch ein paar engen Regelauslegungen 😉

Und ehrlich: Wenn man sich daran gewöhnt hat, dass man sich Sonntags um 5 Uhr nicht an die Spurmarkierungen zu halten hat und der neben einem das auch nicht macht, dann kann es sogar ganz lustig sein 🙂

Und auf Dauer wesentlich entspannter als Feierabend-Stau.

So, und jetzt wünsche ich euch allen einen guten Start ins Wochenende!

Beziehungskrise auf Russisch?

Manchmal hat man so Fahrten, bei denen man sich sicher ist, dass irgendwas passiert. Und das sind nicht unbedingt die schönsten.

Die Wochenendschicht verlief weitgehend schlecht. Endlich hatte ich Glück mit einer Tour von Friedrichshain bis nach Neu-Hohenschönhausen. Bis dahin sind die Fahrten meist eher innerhalb eines Stadtteils geblieben. Ich war also auf der Suche nach Fahrgästen, die mir innerhalb der letzten anderthalb Stunden noch ordentlichen Umsatz in die Kasse spülen. In Hohenschönhausen. Nee, is klar… 😉

Ich war also auf dem Weg in die Stadt, als zwei alles andere als seriös wirkende junge Männer plötzlich auf der linken Fahrbahnseite aufkreuzten und mich heranwinkten. Gleich zu Beginn war ich skeptisch, da sie sich in bester Räuber-Manier verteilten: Einer setzte sich auf den Beifahrersitz, der andere stieg direkt hinter mir ein. Das hat natürlich nicht per se was zu sagen, aber die Kombination ist selten genug, um sich Gedanken zu machen…

Es waren zwei reichlich alkoholisierte Russen mit einem mordsmäßigen Akzent. Darüber hinaus wirkten sie so mittelprächtig harmlos.

„Fahrs duuns Schonfeld?“

„Schönefeld?“

„Da!“

Dann folgte erst einmal das obligatorische Preisgefeilsche. Ich hab gesagt, dass ich am liebsten die Uhr laufen lassen würde, ansonsten wären 35 € pauschal auch ok. Nach einigem hin und her – während wir allerdings schon gefahren sind – haben wir uns auf 30 € geeinigt. Die Uhr hab ich dennoch mitlaufen lassen. Zur Sicherheit. Wenn mir die beiden Spaßvögel verduften, möchte ich wenigstens was zum Vorzeigen haben.

„Anderes! Brings duuns ’nkstelle!“

„Tankstelle? Welche?“

„Egal, fahrsdu hier!“

Zwei Minuten später:

„Nein! Fahrsdu Schonfeld!“

Das ist ehrlich kein gutes Zeichen: Den beiden schien das Ziel eigentlich egal zu sein, und so ganz geheuer waren sie mir immer noch nicht. Ich hab dann gegenüber einer Tanke an der Rhinstraße angehalten und gefragt, ob sie jetzt dorthin wollten oder nicht. Es ging ihnen offenbar um einen weiteren Alk-Einkauf, und ich hab sie letztlich überredet, kurz zur Tanke zu gehen, und dann weiterzufahren. Das war tatsächlich eine strategische Entscheidung. Zum einen hab ich zu dem Zeitpunkt gehofft, dass sie vielleicht doch gleich endgültig aussteigen würden. Dann würde ich zwar kaum Kohle verdienen, mir allerdings viel Stress mit wechselnden Zielen ersparen und bräuchte mir gar keine Sorgen bezüglich eines Überfalls machen.
Sollten sie doch weiterfahren… naja, sagen wir es so: Ich hab sie direkt vor einer Videokamera an der Tanke aussteigen lassen und meine Tageseinnahmen sowie Handy und Kamera in den größten Tiefen meines Autos versteckt. Als sie dann erfolgreich mit Erdbeerlikör (!) wieder ankamen, hätten sie mir höchstens noch 40 € Wechselgeld abnehmen können 😉

Jetzt, da sie mit Lebenselexier ausgestattet waren, war die Stimmung aber gleich viel besser. Ja, es wurde tatsächlich sogar eine recht nette Fahrt. Der eine ist gleich eingeschlafen und der andere hat sich wie so viele Kunden interessiert am Taxifahren gezeigt. Er hat mir dann auch das Ziel genau definiert, und ich hab bei einem Blick aufs Navi feststellen können, dass die vereinbarten 30 € dafür völlig ok waren. Letztlich sollte ich die Uhr etwa einen Kilometer vor dem Ziel ausschalten.

Viel interessanter wurde allerdings die Situation der beiden. Denn sie sind nur mit dem Taxi unterwegs gewesen, weil sie sich mit mindestens einer ihrer Freundinnen gestritten hatten. Selbige war offenbar ein paar Stunden zuvor wutentbrannt mit dem Auto des einen davongeprescht – nach dem die beiden großkotzig verkündet hatten, sie würden eben heimlaufen. Die zwanzig Kilometer…

Als wir mehr oder weniger in der Einflugschneise zu ihrer Heimat waren und er inzwischen mit seiner Freundin „telefoniert“ hat (sie hätten sich wahrscheinlich bei der Lautstärke das Telefon sparen können), bekam ich noch ein paar unwesentliche Details zu hören.

1. Die Wohnlage:

„Is Plattenbau. Aber bessere. Nicht dass du denkst, hier Ghetto und so!“

2. Mein Geld:

„Haben wir nix Geld. Kriegsdu von Freundin! Keine Angst, klappt sicher!“

3. Verhaltenstipps:

„Vielleicht hälst besser bisschen weiter. Egal was passiert: Nicht wegfahren. Kriegst du Geld! Wird sicher nix schön. Wir kriegen große Ärger!“

Puh! Na heilige Scheiße! Bezahlen soll mich also ausgerechnet die Freundin, mit denen die beiden gerade den offensichtlich größten Streit ever haben. Konnte mir ja nix besseres passieren… 🙁

Am Ziel angekommen bekam ich erstmal eine Zigarette aufgedrängt. Der Schlaftrunkene wachte erst nach dem Herausziehen aus dem Auto durch seinen Freund langsam auf, selbiger war hochnervös und ermahnte mich immerzu, ich solle auf alles gefasst sein.
Dann öffnete sich die Tür und mit stampfenden Schritten stürmte eine schon reichlich abgeschminkt aussehende Freundin geradewegs auf mich zu. Für einen kurzen Moment hab ich mir echt überlegt, ob ich der Situation nicht besser bewaffnet hätte begegnen sollen. Die beiden Jungs würdigte sie keines Blickes, und entgegen der ersten Erwartungen stoppte sie vor mir. Sie holte ein Portemonnaie heraus und fragte mit echter Höflichkeit aber aufgesetzter Beherrschung:

„Was kriegen sie denn?“

„Wir haben 30 € ausgemacht.“

„Bitte.“

Das war es dann. Ich war sicher und ich hatte mein Geld. Die Freundin stampfte wutentbrannt und immer noch ohne die Jungs anzuschauen oder auf deren Beschwichtigungen, Vorwürfe, Begrüßungsfloskeln und Lallereien zu achten davon.

Die beiden Helden der Nacht schlichen gesenkten Hauptes hinterher und bereiteten sich seelisch auf „große Ärger“ vor.

Und ich? Nix wie weg! 😀

Wagen umgekippt

Ja, man könnte sagen, dass ich heute Nacht in einen Unfall verwickelt war. Und es ist wahr: Ein umgekippter Wagen hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Bevor jetzt aber jemand die Pressemeldungen nach überschlagenen Autos absucht: Ruhig Blut! Eigentlich ist gar nix schlimmes passiert. Sämtlicher Schaden ließ sich übersichtlich auf folgendem Foto festhalten:

Knapp am Totalschaden vorbei, Quelle: Sash

Knapp am Totalschaden vorbei, Quelle: Sash

Ja, das ist das rechte Rücklicht der guten alten 1925. Und das Loch war dort bis gestern noch nicht. Wie aber zur Hölle schafft man das? Und was hat das mit umgekippten Wagen zu tun?

Aaalso: Am Ostbahnhof trat Kundschaft an mich heran, und sie hatten anbei einen – na, wer errät es? – Einkaufswagen. Der war voll bepackt mit mindestens einem Wocheneinkauf, und all diesen Inhalt gedachten die drei Leute, in mein Taxi zu schaufeln. Warum nicht? Ich hatte von dort schon einmal eine Einkaufstour, und auch wenn der Weg wieder nicht lang zu werden versprach, finde ich es eigentlich gut, dass die Leute überhaupt auf die Idee kommen, eine Taxe dafür zu nutzen. Wenn es zum Laufen zu weit, mit dem Bus zu umständlich und ein eigenes Auto nicht vorhanden ist, dann sind wir doch eigentlich keine schlechte Wahl.

Nun wird dieser Einkauf aber wohl leider ein bisschen teurer als geplant werden.

Als sie nämlich den Wagen möglichst nahe an mein Auto heranschieben wollten, übersahen sie das Ende des Bordsteins. Ein Rad des Wagens sackte ab, und das ganze Gefährt ist mit vernehmlichem Krachen gegen mein Auto gekippt. Dabei hat sich eine Kante direkt durch die Plexiglasabdeckung des Rücklichtes gebohrt – wie man anhand des Fotos ja auch erahnen kann.

Erstmal sieht es nach Glück im Unglück aus: Im Grunde ist das ja nur ein billiges Plastikteil. Es wurde kein Lack zerkratzt, selbst das Licht mit allen Birnen etc. ist noch heil. Allerdings ist nun die Frage, ob das in der Werkstatt einfach so ausgetauscht werden kann, oder ob da – und das befürchte ich – gleich ein komplett neuer Korpus fürs Rücklicht angeschafft werden muss.
Ich hoffe nur, dass das alles in allem glimpflich ausgeht, denn es waren wirklich herzensgute Leute. Obwohl sie nicht wissen, ob sie eine Haftpflicht haben, haben sie nicht mal eine Sekunde rumlamentiert, ich habe ein Schuldeingeständnis mit Adresse, ein Trinkgeld und viele Entschuldigungen gekriegt. Ich fände es ehrlich gesagt schade, wenn der Mist jetzt viel mehr als ’nen Fuffi kostet… 🙁

Abweisend

Es gibt so Situationen im Taxi, da denke ich mir schnell:

„Boah geil, das bloggst du! Am Besten fängste an mit dem Spruch, dann kannste…“

Das ist so in etwa die übliche Vorgehensweise bei mir. Es passiert irgendwas, und ich kann mir mit 2 Stichworten notieren, was ich aufschreiben will. Seien wir mal ehrlich: Die meisten komischen und denkwürdigen Momente während meiner Arbeit definieren sich durch ein oder zwei Kleinigkeiten, die für sich sehr leicht umschreibbar sind, und dadurch recht problemlos zueinander in Bezug gesetzt werden können, damit sie witzig, seltsam, verstörend oder doof wirken.

Manchmal entzieht sich eine Tour dieser Einfachheit aber völlig – und ist trotzdem erwähnenswert. Nur ist es ungleich schwerer, dann einen Text daraus zu basteln. Neulich hatte ich einen sehr seltsamen Fall von, ja von was eigentlich? Kommunikationsverweigerung? Nicht wirklich. Aber ein bisschen dann doch.

Ich hab in den frühen Morgenstunden vor einem bekannten Club eine Frau aufgegabelt. Sie war Mitte 30, und hätte sie nicht einen Hang dazu gehabt, sich bewusst für eine 80er-Frisur zu entscheiden, müsste ich noch ein paar Worte zu ihrer Attraktivität verlieren. Sie hat mir ein Fahrtziel genannt, das gut und gern 10 Kilometer entfernt lag, eine gute Tour also, zwischen 18 und 20 €.

Wir sind auch mehr oder weniger ins Gespräch gekommen, ich hab also erfahren, dass sie im Club gearbeitet hat, dass wir beide so unsere Probleme und gleichermaßen auch mal Freude an all den Partygängern haben, aber es war wirklich eine Tortur.
Ich hab ihr beim besten Willen kein Gespräch aufgezwungen, sie hat von sich aus auch hier und da mal munter drauf losgeplappert, aber irgendwie fehlte so etwas wie eine Atmosphäre völlig. Sowas kommt oft genug vor, um nicht jedes Mal einen Eintrag wert zu sein – aber auf die Dauer war das etwas seltsam.

Sie hat ausschweifend irgendwas erzählt, meine Antwort nur halbinteressiert zur Kenntnis genommen, und bei jedem eingestreuten Witz komplett abgeblockt und geschwiegen.

Dass sie so daherreden konnte, liegt, vermute ich, daran, dass sie das ähnlich wie ich den ganzen Abend tun muss – ob sie will oder nicht. Allerdings hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass sie gleichermaßen nicht ablegen konnte, alle Antworten abzutun, als wäre ich ein betrunkener Jugendlicher, der versucht, sie anzubaggern.

Viele Leute merken ja nicht wirklich, wenn sie stören. Was aber viel schlimmer ist: Wenn man es merkt. Ich meine, die Fahrgäste sind nicht meine Freunde, und eine Geschäftsbeziehung ist nunmal nicht geprägt von Herzlichkeit und warmen Gesten. Aber die Frau an dem Morgen war echt seltsam. Ist komisch, wenn man sich nicht ernstgenommen fühlt.

Ich gebe zu, das war jetzt alles andere als elegant. Ich wusste wirklich nicht so recht, wie ich das beschreiben sollte. Wollte aber mal zeigen, dass es sowas auch gibt. Keine Sorge, die witzigen Passagiere gibt es immer noch 🙂

Inselhelden

Ein besonders herziges Modell von Kunden hatte ich derletzt wieder im Wagen: Den betrunkenen Engländer in Reinform. Er war so schätzungsweise Mitte 30, aber abgefüllt für mehrere Generationen seiner Familie gleichzeitig.
Grundsätzlich war er zwar noch in der Lage, aufrecht zu laufen und sich Gehör zu verschaffen – Kommunikation war allerdings eher schwierig. Dabei bin ich mir sicher, dass er rein vom Bewusstsein her voll anwesend war, alleine die Zunge gehorchte nicht mehr.

Wer sich jemals als Norddeutscher auf der schwäbischen Alb verirrt hat, und dort eine etwa 90-jährige Ureinwohnerin um Auskunft gebeten hat, kann sich vorstellen, wie ich mich mit meinem Schulenglisch in der Situation gefühlt habe.

„Uäuägosessetel!“

„Sorry?“

„Uäuägossessetell!!!“

Kaum ein paar Minuten verlorene Lebenszeit später war klar, dass er eher sagen wollte:

„Will we go to the hotel?“

Was auch immer er sich für eine Antwort erhofft hat.

Aber es gab einen Lichtblick: Eine Karte vom Hotel! Mark Apart Hotel, Lietzenburger Straße. Na also…
Die Fahrt über war ich hauptsächlich damit beschäftigt, ihm zu sagen, dass ich ihn nicht verstehe. Irgendwann hat er dann allerdings geschlafen. Sollte mir nur Recht sein. Die Fahrt verlief komplikationslos, und so kam der Zeitpunkt, zu dem wir vor dem Hotel angekommen sind. Ab da sollte mich die Fahrt noch weitere 15 Minuten beschäftigen…

„Uäsessnomy!“

Aha.

Mit der international gültigen Taschen-Umstülpen-Geste konnte dann selbst er mir erklären, dass er gar kein Geld dabei hat. Ach so. Und dann setzt man sich einfach mal in ein Taxi? Nee, ist klar!

„What’s up with your friends? Are they here in the hotel?“

„Mfrsseshitadey!“

Au Backe!

2,87 € in Kleingeld hat er noch zusammenbekommen. Aber zum einen hatte ich 14,60 € auf der Uhr, zum anderen hab ich es auch wirklich nicht eingesehen, ihn damit davonkommen zu lassen. Die folgende Diskussion verlief sehr einseitig, allerdings auch mit dem einseitigen Ergebnis, dass ich überhaupt nix herausgefunden habe. Ob er irgendwoher Geld holen könnte, ob seine Freunde hier sind, ob er Lust hat, verhaftet zu werden… stand alles im Raum und wurde etwa so beantwortet:

„Uäuäwellssrammdfff!“

Irgendwann bin ich dann mit ihm zum Hotel rein. Ich ging voraus zum Portier und hoffte schon, es ließe sich da was machen im Sinne von „Wir packen die Taxifahrt auf die Hotelrechnung“.

Mein Text begann etwa so:

„Schönen guten Abend. Folgendes Problem: Der junge Mann hier…“

Die Antwort kam prompt:

„Lassen sie mich raten: Sie sind Taxifahrer und der Typ kann sie nicht bezahlen?“

„Äh, ja…“

„Da sind sie nicht er erste heute. Die Jungs feiern Junggesellenabschied oder so. Sind schon ein paar Kollegen vorbeigekommen. Gehen sie mit ihm in den 5. Stock und fragen sie da nach!“

OK, warum nicht?

Etwa eine Minute nachdem ich meinem Fahrgast untersagt habe, auch noch einen dritten Knopf am Aufzug zu drücken, kamen wir in der fünften Etage an, und er entwickelte der Lautstärke nach so etwas wie ein Heimatgefühl. Ich hab ihn zur Ruhe gemahnt in der Befürchtung, irgendwo in Charlottenburg gäbe es auch noch Leute, die nicht an der Party teilgenommen hatten.
Sein Klopfen an der Zimmertür entsprach etwa dem Umgehen eines Schmiedes mit seinem Arbeitsstück, und folglich öffnete sich die Tür auch recht bald. Mir entgegen trat ein tätowiertes Etwas in Unterhosen, dem man den folgenden Kater bereits ansah.

„What the fuck?“

begrüßte er mich standesgemäß, während sein Kumpel hinter mir kurz die Situation schilderte:

„Ssessemudreiffsiom!“

„Exactely! I am the man who drove your friend home. I’m the Taxi Driver and your lovely friend didn’t think about saving money for the tour. So herer we are and I need my money. From you. Sorry ‚bout this.“

Ohne ein weiteres Wort watschelte das tätowierte Etwas ins Zimmer und kam mit 2 Scheinen wieder zurück. Ein Zehner und ein Fünfer. Naja. Immerhin: Es reicht. Mehr als 40 Cent war der Aufwand allerdings locker wert. Und dann? Dann kommt doch mein Fahrgast an und meint:

„Uäää! Lesse tensokee!“

Wat? N‘ Zehner soll in Ordnung sein? Das hat aber ne kurze und zackige Ansprache meinerseits gefordert. Als die zu Ende war, hatte ich 17 € in der Hand und war damit halbwegs zufrieden. Geht doch!

Beim Rausgehen hab ich mich mit dem Portier noch mal eben schnell um die Wette bedauert, und dann ging es auch schon wieder weiter. Zeit verloren hatte ich ja wahrlich genug!

Lieblingskundschaft

Nicht!

Ich kann wirklich behaupten, dass ich eigentlich allen Kunden erst einmal eine Möglichkeit gebe, sich unbeliebt zu machen. Selbst wenn mir am Matrix Soldaten ins Auto krabbeln, hoffe ich erst einmal das Beste. Ein paar Minuten bleiben dann noch, um mich zu entscheiden: Fahre ich sie über den Straßenstrich an der Oranienburger Straße oder mache ich zu Gunsten meiner Ohren und Nerven einen kleinen Umweg im 40-Cent-Bereich?

Neulich hatte ich beispielsweise ein paar ganz nette Jungs im Wagen, die sich furchtbar darüber geärgert haben, dass sie die letzten Töffel sind, die eingezogen worden sind, und jetzt mit verplombten Gewehren bei irgendwelchen drittklassigen Staatsbesuchen zu Zierde auf dem Hof rumstehen müssen. Sie beglückwünschten mich zu meiner Entscheidung, Zivildienst gemacht zu haben und sorgten für eine heitere Fahrt.

Die hatte ich auch mit den Jungs, von denen ich eigentlich erzählen will. Zu Beginn. Traurigerweise wurde das Ganze dann an der Oranienburger schnell anders, und auch wenn die Damen da rumstehen, um Begehrlichkeiten zu wecken: Die Sprüche meiner Kundschaft hätten sie schlicht nicht verdient. Ich ärgerte mich in Gedanken schon darüber, dass ich anschließend die Scheiben reinigen konnte – weil man ja offenbar mehr sieht, wenn man sich mit Mund und Nase ans Glas drückt und dabei sabbert.

Komischerweise sorgte diese kurze Episode aus der langen Fahrt in Richtung Tegel jedoch keineswegs für bessere Laune. Nein, alles war scheiße! Sie waren zu einem Sportturnier hier, und so langsam kristallisierte es sich auch heraus, welchem Kuhstall  sie entsprungen waren: Es waren Polizeischüler!
Bei meiner fiesen Einstellung spielt es im Übrigen keine Rolle, dass ich schon gelegentlich unsanft von Gesetzeshütern angegangen wurde – nee, den Ruf hat sich die künftige Truppe schön selbst in meinem Taxi erworben. Was die Ausdrucksweise angeht, hatte ich von grotesk bis strafbar schon alles, und auch wenn es diesmal nicht um Geschlechtsteile und lebensunwerte Menschen ging, war es eine eher ernüchternde Fahrt.

Denn: Berlin ist scheiße! Das nordrheinwestfälische Dorf aus dem sie kamen, sei der Hauptstadt ja sowas von überlegen. Nicht nur gibt es dort bessere Discos (als das Matrix! Das glaube ich unbesehen!), nein wenigstens sind dort die Hotels besser und ganz so kriminell sei es dort auch sonst nicht. Ob ich nicht 25 Festpreis machen könne?

„Nee, das wäre auch kriminell – aber wir kommen sowieso für knapp 20 hin.“

Na gut, immerhin fahren wir nicht durch Kreuzberg. Das Elend wollten sie keinesfalls sehen. Wie man es nur aushalten könne in Berlin! All die Türken und Kriminellen… und der Fluglärm!

Was soll man eigentlich dazu sagen? Da treffen sich ein paar Jungs, die die Geilheit Weisheit mit Löffeln gefressen haben und nicht mal wissen, was eine Stadt wirklich ist. Sie wohnen in einem billigen Hotel in der Einflugschneise des Flughafens Tegel und besuchen einen der schlechtesten Clubs der Stadt. Außerdem sind sie so doof, an einem Turnier teilzunehmen, auf das sie keine Lust haben und ärgern sich über ihre Weckzeiten um 9 Uhr, nur weil sie bis 4.30 Uhr saufen waren.

Also ehrlich, bei denen will ich mit Berliner Kennzeichen in ihrer Heimat auch nicht in eine Verkehrskontrolle kommen!

„Dann wären wir bei 20,40 €.“

„Machste 25, haben wir ja gesagt.“

Manchmal ist es ja schon praktisch, wenn man sich seinen Teil nur denkt, und einen Blog zum Abreagieren hat 😉