Notlösung Andrew Jackson*

Als sie nur ganz seicht den Arm hob, um mich anzuhalten, sah das noch wie eine coole Geste aus. War es nicht. Die junge Frau war so hinüber, wie man nur hinüber sein kann, wenn man mit einer Flasche Bier durch Kreuzberg torkelt. Nun gilt in meinem Taxi die 0-Promille-Grenze nur für mich und ich hab sie gerne eingesackt. Die einzige Winkerin in dieser Nacht.

Vom Outfit her eher Straßenkämpferin als Disco-Bunnie war sie mir zugegeben gar nicht unsympathisch. Und sie nannte, wenn auch unsauber ausgesprochen, eine Straße, die mir von Touren vom Ostbahnhof wohlbekannt war. Und von der ich zumindest zu wissen glaube, dass es sie nicht zweimal gibt.

„Kein Problem, kriegen wir hin.“

„Du kennsie?“

„Ja. Und den kürzesten Weg dorthin. So wie es sein sollte.“

Eine schöne Tour. Nicht weit zwar, aber mir fehlten zwei Stunden vor Feierabend ohnehin nur noch 15 Euro für mein Schichtziel und die Fahrt sollte mehr als die Hälfte bringen.

Nach allerlei Bedenken ihrerseits, ob wir wirklich in die richtige Richtung fahren würden, beendeten wir die Fahrt am Ende mit beidseitiger Zufriedenheit und 8,60 € auf der Uhr. Schnell verdientes Geld auf meiner Seite und eine sichere Heimfahrt ohne selbst noch eine Peilung zu haben für sie. Win-win.

Dann ging es ans Bezahlen. Sie nestelte Kleingeld aus ihren Hosentaschen, alles wild durcheinander, nur die erhofften Scheine fand sie nicht. Beim Abzählen der Münzen wurde schnell klar, dass das nicht reicht. Gut, vier Euro kamen schnell zusammen, danach aber nur noch ein weiterer. Schon unter Einbeziehung von Rotgeld.

Wat nu?

Um ehrlich zu sein: ich hätte sie aussteigen lassen. Klar, eine Runde zur Bank hätte sicher geklappt, aber der Aufwand und der Stress. Wegen am Ende dreiirgendwas …
Da meinte sie plötzlich eher scherzhaft:

„Na, wenn Du auch amerikanisches Geld annehmen würdest …“

Und ich sprang ein:

„Mach‘ ich. Natürlich!“

Sicher: auch da ist die Frage nach dem Aufwand berechtigt. Aber irgendwann geh‘ ich eh mal wieder zur Bank und US-Dollar sind nun vergleichsweise einfach zu wechseln. Das wird nicht wieder drei Jahre dauern dieses Mal. 😉

Und nun begann sie zu kramen und zu kramen …

„Hier ist ein Dollar. Da noch einer. Hier hab ich auch noch einen …“

Das erste Mal seit ich Taxi fahre, habe ich mir überlegt, ob ich jetzt nach dem Wechselkurs suchen müsste, um die richtige Summe zu bestimmen. Bisher hab ich ausländisches Geld immer nur mit großzügigem Aufrunden bekommen – was ehrlich gesagt des Wechselaufwandes wegen seine Berechtigung hat. Ich muss das schließlich nicht machen, ich bin da einfach nur nett.

Geklappt hat es auch dieses Mal, denn sie sagte plötzlich:

„Deeenirabschesucht! Hiernswansiger!“

Zwanzig Dollar. Für 8,60 Euro auf der Uhr. Da kann ich mit leben. Und sie hoffentlich auch.

Dann noch schnell der Check, ob sie nix vergessen hat, und ich konnte weiter. Bei meinem nächsten Stopp habe ich 20 Euro-Cent, einen leider wertlosen Teil eines australischen 20-Dollar-Scheins und ein Feuerzeug eingesammelt. Was solche Touren halt so mit sich bringen … aber am Ende glaube ich, dass es sich für sie dennoch gelohnt hat, ausgerechnet mich als Fahrer zu erwischen. 🙂

*Andrew Jackson ist auf der US-amerikanischen 20-Dollar-Note abgebildet.

Das große Chaos-Wochenende

Erst Pfingsten, und jetzt das: ich hatte gestern Abend Lust auf Fußballgucken.

In erster Linie ist das natürlich ein Problem für die Mannschaften, die ich favorisiere, denn die verlieren dann automatisch. Wie gestern abend eben. 😉
Darüber hinaus isses natürlich schwierig, wenn mich diese seltene Lust nach Couch, Bier, Chips und Fußball an meinem Hauptarbeitstag Samstag trifft. Und dann noch so hart, dass ich das 21-Uhr- und das 0-Uhr-Spiel sehen möchte. Über die Zeiten der Spiele wird so oder so viel gestritten, aber daran, dass sie für mich vormittags liegen, erinnert wieder kein überregionales Nachrichtenmagazin, tststs …

Und eigentlich wollte ich die Woche eher ein bisschen mehr als ein bisschen weniger einfahren.

Nun, vielleicht schaffe ich das trotzdem noch. Wenn alles gut geht, habe ich das Auto die ganze Woche über und kann abends nach Einbruch der Dunkelheit auch mal zu mir eigentlich unliebsamen Tagen ein paar Stunden raus. Erfahrungsgemäß klappt das eher nur so mittel, aber gerade diese „halben Schichten“ hab ich seit einiger Zeit sehr zu schätzen gelernt. Vor allem vermutlich, weil die angepeilten Ziele eigentlich immer erreichbar sind. Wenn ich erst einmal draußen bin, hänge ich ja schon nochmal eine halbe Stunde Zeit ran – montags hingegen verbissen irgendwas erreichen zu wollen, was nicht immer klappt, ist mitunter viel nerviger. Aber das ist ohnehin meine ganz eigene Meinung, das handhaben alle Kollegen anders.

Im Ernst: es ärgert mich schon, jetzt mehr als 100 € weniger auf der Uhr zu haben als geplant. Auf der anderen Seite ist die Aussicht, zweimal für lockere 50 € rauszufahren – zu Zeiten, in denen ich auch hier am PC selten was vernünftiges anstelle – recht verlockend. Denn eigentlich mag ich den Job ja.

Als ich gerade nach diesem saugemütlichen Abend (hab vorsichtshalber nur Malzbier statt richtigem getrunken) nochmal für zwei Stunden ins Taxi gestiegen bin, war das mehr Freizeitvergnügen als Arbeit für mich. Und ein bisschen Geld hat’s trotzdem noch gebracht. So sehr die Freiheit und die Flexibilität in dem Job für faule Leute wie mich gefährlich sind, sind sie auf der anderen Seite eben auch praktisch, um den Mist wieder auszubügeln.

Kleiner Nebeneffekt: zumindest am Montag wäre ich diese Woche für größere Touren sogar jenseits meiner Arbeitszeiten zu haben. Aber ich meine wirklich: für größere Touren – denn der größte Arbeitszeitkiller bei mir – noch vor so absurden Randphänomenen wie Fußballweltmeisterschaften – ist nach wie vor die Umstellung meines Schlafrhythmus. Das lohnt sich für 12 € brutto dann doch eher weniger …
Aber ich dachte, ich erwähne es mal, manchmal ergeben sich zufällig ja die seltsamsten Dinge.

WM-Auftakt

Nun ist also wieder Fußball-WM, eine Feierlichkeit, die mich jedes Mal vor Herausforderungen stellt. Zum einen ist mir Fußball als Profisport vollkommen egal, andererseits mag ich das Spiel an sich sehr. Ich kann mit dem Brimborium und Patriotismus während der WM nix anfangen, freue mich aber über die ausnahmsweise fast durchgehend sehenswerten Spiele währenddessen. Und meine „Schwäche“, keinem Land besonders den Sieg zu gönnen, macht diese Spiele dennoch vergleichsweise öde.

Statt mich um den Verstand zu trinken, um doch noch blöd genug zu werden, eines der Teams als wichtiger zu werten und den Bauch rausstreckend zu verkünden, was welcher Trainer alles falsch macht, werde ich wohl wieder die Taktik wie bei der letzten WM anwenden: einfach mal per Dekret für Uruguay* sein und das verhältnismäßig wichtig finden. Klappt nur so lala, aber es soll ja der Unterhaltung dienen und Unterhaltung ist immer gut.

Nun ist diese WM zeitlich schwierig. Im Gegensatz zu den meisten anderen müsste ich zum Ansehen der Spiele zwar nicht meine Nachtruhe schmälern, wohl aber meine Arbeitszeit – und das ist auch nicht so lustig, wenn man kein Festgehalt bekommt …

Und gleich gestern zum Eröffnungsspiel habe ich dann wieder festgestellt, wie sich die WM auf Deutschland auswirkt, wo Fußball eine so große Rolle spielt: die Straßen waren leerer als leer. Während den (wichtigen, interessanten oder deutschen) Spielen ist umfassend tote Hose auf der Straße. Alle Fans – und wer ist nicht irgendein Fan zurzeit? – sind zu Hause, in Kneipen, beim Public Viewing. An ein gutes Geschäft im Taxi ist da nicht ansatzweise zu denken. Gut, danach wollen alle schnell heim, aber Rekordumsätze kann man eher nicht erwarten im nächsten Monat. Gestern hab ich das durch längeres Arbeiten ausgeglichen, heute werde ich wohl einfach mit weniger Umsatz leben müssen … 🙁

Als Taxifahrer freue ich mich auf das Ende des Spektakels. Als gelegentlicher Zuschauer erfreue ich mich aber daran – natürlich pflichtbewusst nur so lange Uruguay gewinnt. 😉

*Uruguay war zum einen das erste WM-Land überhaupt, außerdem hatte es bei meiner Wahl zum Lieblingsland eine höhere Breitbandverfügbarkeit als Deutschland und zudem einen Präsidenten, der gelernter Blumenzüchter ist und nicht mehr verdient als ich. Natürlich ist dieses Land damit nicht besser als unseres hier, aber wenn es um die Benennung der Vorteile geht, bin ich ungefähr 99% der deutschen Fans argumentativ überlegen, das reicht mir. 🙂

Pfingsten … das alte Spiel

Familienbesuch, großes Treffen im Garten zur Schlafenszeit – und dann auch noch das warme Wetter gestern: es war abzusehen, dass das ein Wochenende mit nur begrenzter Arbeitszeit werden würde. Vorhersehbar, aber trotzdem wie immer ein wenig absurd, zwischendrin mal 28 Stunden am Stück wach zu sein. Aber wie soll ich auch um 4 Uhr schon ins Bett gehen?

Meine Revanche war dann, als einziger am Tisch zu jubeln, als ausgemacht wurde, dass die große Feier nächstes Jahr anlässlich eines Geburtstages auf einen Mittwoch fällt. Haha! 🙂

Ich wurde gestern bei Twitter mal wieder gefragt, wie lange ich das mit der Nachtschicht schon und ggf. noch machen möchte. Fast alle Kollegen haben das schließlich irgendwann mal aufgegeben. An Wochenenden wie jetzt erschließt sich mir das sogar, sonst noch nicht wirklich. Ich werde wohl noch ein Weilchen dabei bleiben.

Nun, jetzt wo ich Chancen habe, wieder in meinen Takt zu kommen, beginnt mein Wochenende. Mit bis zu 37°C, wenn man dem Wetterdienst glauben darf. Da isses dann ja auch schon wieder egal, ob man bei dem Wetter arbeiten oder schlafen muss. Zumindest ich bin da in beidem recht schlecht.

Aber hey: Sommer! \o/

Fehler: Scheibe nicht gefunden!

So, in zwei Stunden startet die neue Arbeits-„Woche“. Eigentlich hätte ich ja gestern schon wieder auf die Straße gewollt, aber es kam mal wieder was dazwischen. Während ich schon frisch geduscht und fast bereit zum Losgehen war, klingelte gestern das Telefon und mein Chef teilte mir – für die Umstände ungewohnt heiter – mit, dass ich auf ein anderes Auto ausweichen müsste. Wer jetzt gleich mit den Augen rollt und sich fragt, was die alte Möhre nun wieder hat, dem sei gesagt, dass die 72 dieses Mal nix für kann.

Offenbar waren mein Tagfahrer und ein Radfahrer dergestalt im Verkehr aneinandergeraten, dass „friedlich“ nicht mehr das Wort der Wahl wäre. Ohne jetzt nähere Details zu kennen: eines scheint sicher zu sein: zu guter Letzt schlug der aufgebrachte Kontrahent meinem kleinen Taxi derart heftig auf die Frontscheibe, dass diese gesprungen ist. Nicht gleich aus der Fassung zwar, aber eben ausreichend, um einen Reparaturbedarf geltend zu machen. Hmm.

Einen Ersatzwagen hätte ich bekommen, aber wie die meisten von Euch wissen, sind das für mich, ingesamt, Hin- und Zurück, knappe anderthalb Stunden mehr Arbeitsweg. Und der Donnerstag ist eine halbe Schicht, die ich selten auf mehr als 5 Stunden ausdehne. Also hab ich abgelehnt und starte dann eben heute – wieder mit der 72 – ins Nachtleben. Muss jetzt halt entsprechend ein paar Euro mehr einfahren. Drückt mir die Daumen, dass der Schwan zusammenkommt! 🙂

Unfall des Jahres

Aber mindestens!

Um ehrlich zu sein: ich selbst habe gar nix davon gesehen. Aber der Kollege, mit dem ich mich unterhalten habe. Ich hatte ein bisschen Standzeit am Ostbahnhof, nichts ungewöhnliches soweit. Besagter Kollege fragte mich, wie das genau hier sei mit dem Vorrücken, er sei noch neu. Ich mag solche Unterhaltungen, einfach weil man sein doch nur begrenzt nutzbares Wissen als Taxifahrer mal an die weitergeben kann, die es wirklich interessiert. Ich hoffe dabei immer, vielleicht einer der Kollegen zu sein, der dafür sorgt, dass Neuanfänger das nicht als einen Ich-gegen-alle-anderen-Job kennenlernen.

Aber gut, bleiben wir realistisch: wir haben uns ein bisschen über die Halte und ein paar sonstige Kleinigkeiten unterhalten. Und da zuckte er auf einmal zusammen und fragte mich, ob ich das gesehen hätte. Hatte ich nicht, nur ein Knirschen hatte ich vernommen. Ist wohl wieder mal einer über Glasscherben gefahren … etwas, das in schöner Regelmäßigkeit am Ostbahnhof vorkommt, da der Platz unter anderem von vielen Vollhonks frequentiert wird, die die Bierflaschen nach dem Austrinken lieber auf der Straße zerdeppern, anstatt sie zum Wohle der unzähligen Flaschensammler irgendwo stehenzulassen.

Mit meiner Einschätzung lag ich auch richtig: es ist tatsächlich jemand über eine Flasche gefahren. Allerdings so ungünstig, dass das Glas unter dem Reifen derart unschön splitterte, dass ein zufällig vorbeigehender Passant eine Scherbe irgendwo mitten ins Gesicht geschleudert bekam.

Meine Fresse, die Gefahren der Großstadt lauern ja an Ecken, die selbst mir noch absolut unbekannt waren!

Ich hab die Szene nicht lange verfolgen können. Scheinbar lief da auch alles gesittet ab. Der Autofahrer, der von des Passanten Begleitern informiert wurde, eilte zu Hilfe, der Szenerie nach stand kein Streit im Raum. Wozu auch? Wer würde so eine groteske Situation auch als Absicht werten können?

Aber ich hab mir am Ende dann doch die Frage gestellt, wie das denn jetzt wohl juristisch aussieht. Soweit ich weiß, bin ich als Autofahrer durchaus dran, wenn ich jemandes Klamotten verunreinige, weil ich durch eine Pfütze heize. Und prinzipiell müsste das hier das selbe sein, oder? Und WTF?

Also falls da ein paar Kenner mitlesen, wäre ich wirklich sehr interessiert. Schon alleine, weil ich da ja auch täglich rumfahre …

Eine exklusive Panne

Heute Nacht habe ich meine Twitter-Follower mit zwei miesen Tweets etwas erschreckt. Und in der Tat war zwischenrein alles furchtbar. Hier die (sehr lange) Erklärung dazu, was da an der Tanke heute los war. Spoiler: es hatte was mit viel Blaulicht zu tun!

Autos haben öfter mal Probleme. Das wird sich nie ganz vermeiden lassen. Glücklicherweise gibt es ja für alles Lösungen. Die paar Ausnahmen ohne Lösungen erfordern Glück. Und amüsantes Personal.

Nach Amusement war mir heute Nacht ziemlich. Die Schicht lief einfach so bombig wie schon lange nicht mehr. Auf runde 180 € hatte ich geplant und schon nach fünfeinhalb Stunden hatte ich 155 auf der Uhr. Ich dachte zwar darüber nach, an so einem schönen Tag mal mehr zu arbeiten als nötig, aber da nun wirklich nur noch 25 € fehlten, bin ich schon mal zur Tanke gefahren. Gerade in der zweiten, besseren, Hälfte der Nacht liegt der Schnitt oft jenseits von 1€/km und 50 bis 70 Kilometer runterzufahren, bevor ich das Auto abstelle, sind auch kein Problem. Ich möchte, dass mein Tagfahrer bequem eine Schicht damit fahren kann und das klappt auch so prima.

Was habe ich mich für diesen Schnellschuss verflucht. Denn als ich an meiner Stammtanke an der Holzmarktstraße war, sah die Schicht recht schnell nach Desaster aus. Ich hab die knapp 10 kg Erdgas getankt, die ich während der letzten 150 km verfahren hatte und hatte dann plötzlich ein Problem.

Wir rüsseln uns ein Problem. Quelle: Sash

Wir rüsseln uns ein Problem. Quelle: Sash

Denn kaum dass ich den Tankschlauch löste, vermeldete ein ziemlich forsches Zischen, dass Gas austritt. Nach einem kurzen Check war klar: am Auto, nicht am Schlauch. Das Ventil hatte sich einfach nicht mehr geschlossen und das eben getankte Gas freute sich über den unverhofften Ausgang. Kein Wunder, steht ja auch gut unter Druck, das Zeug. Nach ein bisschen Rumgedruckse und mehrmaligem Ver- und wieder Entriegeln war keine Lösung in Sicht: sobald ich den Schlauch ablöste, strömte das Gas aus dem Tank.

Ich – noch gut gelaunt – bin rein, hab das Gas bezahlt und mal gefragt, was ich jetzt machen soll. Ergebnis: Keine Ahnung. Und da es am Auto liegt, vielleicht am besten den ADAC anrufen. Nun ja. Das war schon recht lustig, weil die Festnetznummer nicht via Mobilfunk erreichbar ist, meine Chefs es gleich gar nicht waren, mein Handy sich wehrte … alles schon der Gute-Laune-Killer schlechthin.

Dann aber, bei allem gesunden Hass dem ADAC gegenüber, hatte ich eine wirklich nette Mitarbeiterin dran.. Also engagiert, lieb, lösungsorientiert, was man in so einer Situation braucht. Für mich war das alles reichlich blöd, denn ich weiß nicht einmal, ob meine Chefs dort Mitglieder sind, ich bin es nicht. Unser Unternehmen hat einen Abschleppdienst, mit dem es zusammenarbeitet, aber dass ich denen nicht mit einem Gasleck kommen brauchte, wusste ich auch. Entsprechend hat mir die nette Dame dann trotz aller Freundlichkeit sagen müssen, dass ich das schon vor Ort würde bezahlen müssen.

Puh!

Im Grunde nix dagegen. Ich weiß, dass ich das Geld von meinen Chefs wiederkriege. Ohne Wenn und Aber. Aber mit optimistisch geschätzten 200 € in bar auf Tasche war ich nicht sicher, ob das reichen würde. Naja, immerhin würde sich die entsprechende Werkstatt melden, bevor sie sich auf den Weg machen – inklusive Kostenvoranschlag. Und was hatte ich für eine Wahl?

Inzwischen hatte ich ein lockeres Gespräch mit dem Schichthabenden an der Tanke gestartet. Der war ebenso ratlos wie ich, aber uns war klar, dass wir uns besser anfreunden, da ich sicher noch ein paar Stündchen da sein würde. Darauf wurde ich am Telefon nämlich auch bereits hingewiesen: dass sie leider „sehr beschäftigt“ seien. Also erst einmal ein Kippchen, eine Pizza und ein paar abenteuerliche Überlegungen, wie das wohl ausgehen würde. Dann rief der Abschleppdienst an.

War ich bis dato am Boden zerstört ob der Tatsache, dass ich mir diesen Stress vor Erreichen meines Schichtziels eingehandelt hatte, war das der Punkt, an dem meine Laune ins Positive kippte. Denn der Typ am anderen Ende der Leitung – auch er ein echt netter Kerl, dafür dass es Samstag Morgen um 2 Uhr war – sagte mir frei raus, dass er nicht den Hauch eines Lösungsansatzes hätte. Natürlich würde er mir gerne jemanden schicken, aber der hätte dann halt keine Ahnung und wäre sowieso in frühestens zwei Stunden erst da. Ich solle doch besser bei der Tanke („Die verkaufen das Zeug doch, die kennen da sicher wen …“) mal nachfragen oder gleich die Feuerwehr anrufen. Er warf ein, dass sie das auch mal gemacht hätten – bei einem Unfall allerdings – da hätte die Feuerwehr dann vor Ort abgesperrt und abgewartet, bis der Tank leer war. Wenn es für mich ok wäre, würde er den Auftrag damit stornieren …

WTF?

Ich meine, ich hatte ja extra dort angerufen, weil es mir die letzte Option zu sein schien. Da ein „Da wissen wir auch nicht weiter!“ zu hören, hatte ich nicht erwartet. Das konnte ich nicht mehr ernst nehmen, ehrlich. Das wäre meinem Blutdruck gar nicht gut bekommen. Also hab ich mit der Tankstellenbesatzung ratlos um die Wette geguckt. Ich meine, immerhin habe ich deren Tankschlauch ja immer noch als Abdichtung verwendet und eine Säule blockiert, war damit ja auch deren Problem.

Nun muss man mal einwerfen, dass die Idee des Ausgasenlassens, die der Typ am Telefon genannt hat, schon plausibel klang. Auch wenn es blöd ist, dass das Erdgas im Tank unter Druck steht: das Zeug ist echt nur minimalst gefährlich. Das würde sich nicht einmal entzünden, wenn ich den kompletten Tankinhalt im Innenraum meines Opels ansammeln würde. Dass da was passieren würde, wenn ich mit der Kiste ums Eck fahre, war eigentlich so gut wie unmöglich. Aber – wie einer der weiteren Beteiligten später sagen sollte:

„Wenn dann halt doch einer mit der brennenden Kippe neben dem Auto langläuft …“

Ach ja, die weiteren Beteiligten. Es kam wirklich, wie es von da an kommen musste:

"Ihr Haus brennt? Egal, wir müssen uns um die 72 kümmern!" Quelle: Sash

„Ihr Haus brennt? Egal, wir müssen uns um die 72 kümmern!“ Quelle: Sash

Für die augenscheinliche Undringlichkeit sehr flott hatte ich eine komplette Löschwagenbesatzung zur Lösung des Problems vor Ort. Nur waren die ähnlich ratlos. Eine halbe Stunde zuvor hatte ich es ja auch erst mit Leuten von der Tankstellenbesatzung:

„Was sollen Sie machen? Zuschweissen?“

🙂

Aber ich habe eindeutig nicht den Humor der Berliner Feuerwehr. Der erste – ganz klassisch schnauzbärtige – Typ, kündigte an, dass gleich Kollegen kämen, die „behaupten, sich mit sowas besser auszukennen, naja“ und jene Kollegen ließen dann via Funk gleich von sich hören:

„Warten Sie kurz. Und vielleicht besser keine rauchen nebenher …“

„Kollege, wir sind hier an einer T-A-N-K-S-T-E-L-L-E!“

quäkte es zurück. Noch besser war es, als die Besatzung vor Ort war:

„Im Zweifelsfall kontrolliert abbrennen!“

meinte einer der Uniformierten und grinste mich an. Wie toll es ist, in einer furchtbar nervigen Situation nur nette Leute um sich zu haben! Im Ernst: ADAC, Werkstatt, Tanke, Feuerwehr – sogar die natürlich ebenfalls angerückte Polizei! Allesamt lockere Nachtschichtbesetzung mit Sinn für Humor.

Dass das Ganze im Wesentlichen ungefährlich ist, bestätigte sich zwar (die Messgeräte der Feuerwehr zeigten bereits 10 Zentimeter (!) jenseits des Ventils keine gefährliche Gaskonzentration mehr an), aber wie oben erwähnt: wenigstens irgendwo zum Abgasen abstellen, wo keiner dran vorbeilaufen kann, das wäre schon gut …

Also begann die Suche nach einem Stellplatz. Ich wusste keinen, die Feuerwehr auch nicht so wirklich – und der nette Polizist, der zu seiner Wache nach Hause telefonierte, bekam offenbar auch eine Absage von Cheffe. Irgendwie wollte niemand ein explosionsgefährdetes Taxi übergangsweise beherbergen. Na sowas aber auch!

Und dann – jetzt kommt die Sache mit dem Glück – meinte der Feuerwehrmann, der immer noch gelegentlich am Tank rumgenestelt hatte:

„Ich glaube, es hat aufgehört!“

Alle Einsatzkräfte sprangen hinzu, die Messfühler wurden ausgestreckt, kritische Blicke durchzuckten die Nacht. Und tatsächlich: Nix. Nullkommanull, babbela, die 72 hatte fertig. Der Einsatzleiter, sichtbar erleichtert, begann eine Theorie zu spinnen, nach der vielleicht nur etwas zu viel Druck auf der Zapfsäule gewesen wäre, und all das bisher ausgeströmte Gas nur aufgrund eines Überdrucks ausgetreten sei. „Nur eine Theorie“, wie er extra betonte. Aber es könne ja sein. Unsere kleine Melange aus Polizisten, Feuerwehrmännern und einem Taxifahrer erlangte langsam Einigkeit. Klang soweit ja schon irgendwie … realistisch. Dem Entdecker des Phänomens wurde auf die Schulter geklopft:

„Dann sag ich mal: Gute Arbeit, haste jut jemacht!“

Mir wurde bedeutet, doch baldestmöglich eine Werkstatt aufzusuchen und bis dahin gelegentlich mal zu checken, ob nicht doch noch mal Gas austritt. Mit anderen Worten: nach anderthalb Stunden völliger Ratlosigkeit seitens aller Beteiligten konnte ich einfach weiterfahren. Und, das muss man nachträglich mal sagen, vermutlich zu Recht. Und das mit der Werkstatt kommt, ist ja keine Frage:

„Sie würden jetzt nicht hier um mein Auto rumstehen, wenn mir das am Arsch vorbei ginge! Und sorry im Übrigen, dass ich sie deswegen von anderen Einsätzen abgehalten habe!“

„Entschuldigen Sie sich nicht! Ich sage sonst gerne, dass wir ein Schweinegeld mit sowas verdienen, aber unter uns: das ist ja leider auch nicht wirklich so!“

Hatte ich das mit dem Humor in der Runde schon erwähnt? 🙂

Richtig großartig war dann wirklich am Ende der Einsatzleiter, der sagte:

„Ja nun, dann würde ich wohl sagen, dass wir das wohl am Besten abtun als unwissentlichen Fehlalarm seitens des Melders. Hier ist nix mehr zu tun, aber sie wussten es nicht besser. Dann kostet sie der Einsatz nix und wir müssen keinen Bericht anfertigen.“

Und bevor ich mich angemessen bedanken konnte – obwohl das am Ende ja eigentlich der Realität entsprochen hat – nahm mich einer der Polizisten nochmal beiseite und erklärte mir väterlich:

„Das soll jetzt nicht heißen, dass er ihnen nicht geglaubt hat. Er sieht jetzt bloß zu, dass sie der Einsatz nix kostet!“

Für so einen Ausgang des Ganzen lasse ich mich auch gerne mal in der Auffassungsgabe unterschätzen. 😉

Und am Ende hab ich halt eine Stunde länger als geplant gearbeitet und mein Soll weit übererfüllt. Was für eine fucking bekloppte Schicht!

PS: Von meiner Seite aus ein wirklich fettes fettes Danke an alle Beteiligten! Ich war schwer gestresst von dem Mist, runter mit den Nerven und hier und da sogar außergewöhnlich unlustig. Aber jeder einzelne hat – ungelogen – in jedem Moment ein bisschen mehr dafür gesorgt, dass ich nach der Kacke eigentlich bessere Laune hatte als vorher. Wenn nur alles immer so laufen würde …

PPS: Und dann kommt man heim und fühlt sich gleich nochmal besser … 🙂