Kuriose Nacht

Taxifahren ist ja ein besonders guter Job, um ihn nebenher auszuüben. Sicher, Geld verdient man nicht unbedingt viel, aber wenn man hier und da mal ein paar Stündchen entbehren kann und einen Chef hat, der einem das durchgehen lässt, dann kann man sich ein paar Euro verdienen, ohne dass es sich allzu sehr nach Arbeit anfühlt. Und das tut es wirklich nicht, wenn man mal für ein paar wenige Touren ohne Anspruch aufbricht. Ich mache das ja auch manchmal …

Der Anruf um Mitternacht war bereits der zweite von Jo am gestrigen Abend und ich habe mich breitschlagen lassen, ihn aus der Kneipe nach Hause zu fahren. Im Nachhinein betrachtet war das auch besser so: wer weiß, ob ein Kollege ihn in dem Zustand mitgenommen hätte. Mehr hatte ich nicht vor, ich war ja nicht auf Arbeit. Deswegen habe ich mich auch nicht geärgert, als ich auf halber Strecke festgestellt hab, dass ich die Fackel ausgeschaltet hatte. Das allerdings sollte auch keinen Unterschied machen. Die potenziellen Kunden konnten mich von da an zwar sehen, aber trotz einer kompletten Durchquerung Prenzlauer Bergs fand sich keiner, der mir nicht in letzter Sekunde von einem Kollegen weggeschnappt wurde. Naja, Pech.

Nachdem ich für Ozie noch was an der Packstation abgeholt hatte, hab ich das Auto abgestellt und bin zu meinem Dönerladen rein. Kurz Kippen geholt und dann gehört wie der Typ vor mir sagt:

„Bestellste mir ein Taxi?“

Der Nachtschichtler griff nach dem Telefon, da warf ich ein:

„Also ich möchte mich nicht über Gebühr einmischen, aber ich bin Taxifahrer und ich hab mein Taxi gerade hier vor der Tür abgestellt.“

Und zack! Da hatte ich noch die zweite Tour, die den Ausflug zu später Stunde noch lohnend gemacht hat. Kurz nach Hellersdorf rüber, freie Straßen, alles bestens! Und nein, wie Arbeit hat sich das wirklich nicht angefühlt.

Kurz, aber nett.

Mal ganz ehrlich: es passiert ja in der Regel nichts groß spannendes im Taxi. Ich schreibe hier Blogeinträge über einen Euro mehr Trinkgeld oder einen blöden Spruch zu Fahrtbeginn. Es ist für euch Leser vielleicht nicht unbedingt ein Thrillride ohnesgleichen, aber wie jeder andere Beruf hat auch das Taxifahren leise und laute Momente.

Einen der besonders leisen hatte ich derletzt wieder.

Zwei mittelgroße Vorrentner – also Menschen knapp überhalb meines Alters – winkten mich in Friedrichshain heran und fragten, ob ich sie zum Ostkreuz bringen würde. Natürlich! Und auch immer wieder gerne. Aber der Weg war mit nicht einmal einem Kilometer doch recht knapp bemessen. Letztlich war es nur das Gepäck, das den Einsatz eines Taxis rechtfertigte. Ohne das wären sie am Ende sogar schneller gelaufen.

Aber die Zeit drängte. Nur noch wenige Minuten bis der Zug abfahren würde.

Es ist während der ganzen Fahrt nichts spektakuläres passiert und die 4,60 € auf der Uhr lassen allenfalls eine Einsortierung in die „worst 100“ der Fahrpreise möglich erscheinen. Aber ich hab sie einfach möglichst schnell zu ihrem Ziel gebracht, hab dabei am Ende noch den letzten irgendwie befahrbaren Meter ausgenutzt und ihnen viel Glück beim Erwischen des Zuges gewünscht. Alltag soweit.

Bekommen habe ich am Ende einen Zehner für die rund 3 Minuten Arbeit. Abgesehen davon, dass Wechselgeld zu viel Zeit kostet, gab es das auch, weil ich „doch mal so ein netter Taxifahrer“ sei. Wow!

Wie gesagt: es ist nicht oft spektakulär, aber es würde mir was fehlen ohne sowas!

Vom Hörensagen im Kreis

Ich hab mich ausnahmsweise mal vor den Magnet-Club gestellt. Hat auch keine 3 Minuten gedauert, da purzelten mir ein paar Spanier ins Auto. Gute Stimmung, stressfreie Fahrt. Das Ziel ist mir nämlich mehr als nur bekannt:

„We’ve heard about Berghain. Would you bring us there?“

„Of course.“

So weit, so unspektakulär. Gut, dank Abbiegeverbot an der Oberbaumbrücke ist der Weg derzeit ein wenig länger, aber es ist immer noch eine Tour um die sieben Euro irgendwas. Am Berghain angekommen fielen sie erstmal aus allen Wolken wegen der Schlange. Ich hätte es ihnen eigentlich sagen können, aber nun standen wir da.

„No, we’ll never do that. We’ve heard about Karte Olsrigg. You bring us there?“

„Kater Holzig? We’ll be there in 3 minutes.“

Eine erkennbare Schlange (also abgesehen von den Taxen vor dem Tor) war nicht zu erkennen, aber irgendwie schien ihnen der Bretterverschlag etwas unheimlich zu sein:

„Uh, hmm. Guess that’s nothing for us. But we heard about Watergate. What about this?“

„Are you serious?“

„Why?“

„Because Watergates entrance is directly beside the Magnet. It’s exactly the place we came from.“

Man könnte eigentlich erwarten, dass sich jetzt irgendwer ärgert, weil unnötige Fahrt und so. Nix da:

„Oh really!? That’s nice! Bring us there!“

Ich will mich sicher nicht beschweren, sowas tut meinem Geldbeutel und meinem Kilometerschnitt sehr gut. Aber ein bisschen weniger Verplanung und ein paar handfeste Infos könnten der Truppe letztlich eine Menge Geld sparen. Hab ich gehört.

Weitergehen

Zwei Männer in den besten Jahren, leicht angeheitert, steigen ziemlich flott ein.

„Ja, also zuerst geht es mal in die Bülowstraße xy …“

„Und danach? Geht’s etwa noch weiter?“

„Ja, also sicher. Ähm, also sie, für sie geht es sicher auch noch weiter, aber nicht, äh, mit uns so.“

„Keine Sorge, soo war das auch nicht gemeint.“

🙂

Für’n Fünfer!

Drei Taxen hatten sie vor mir schon abgeklappert. Dann standen sie da und fragten, ob ich sie für einen Fünfer zum Matrix bringen würde. Ich hab die vier Leute angeschaut und hab gemeint, dass das nicht wirklich gehen würde. Dank eines Abbiegeverbotes kommen mindestens 6,40 € auf die Uhr. Aber für 5 € könnte ich sie bis auf 150 Meter ranbringen – Für Fußgänger ist das Durchlatschen zum Warschauer Platz ja legal.

„Hmm, wat is? Neh’m wa die Bahn?“

„Glaub schon.“

Es ist jetzt nicht so, dass ich mich um diese Fahrt reissen wollte, aber eines musste ich doch kurz fragen:

„Habt ihr alle eine Monatskarte oder wie?“

„Nee, sind nur zu Besuch. Unser Kumpel is schon heim.“

„OK, dann viel Spaß!“

„Hä? Wieso’n?“

„Naja, Kurzstrecke kostet 1,40 €. Zu viert kommt ihr auf 5,60 € – statt 5,00 € im Taxi – und von der S-Bahn müsst ihr etwa 400 Meter – statt 150 – laufen. Deswegen: viel Spaß!“

Was soll man sagen? Sie haben am Ende 7,50 € gezahlt. 6,40 € fürs Taxi und 1,10 € Trinkgeld. Und waren sehr umgänglich. 🙂

Eine ganz Eilige

Dass es im Taxi mal schnell gehen soll, ist verständlich. Dass einige Kunden dabei ein wenig die Sicherheit aus den Augen verlieren, leider auch. Ich denke, jeder meiner Kollegen kann über Anstiftungen zum Rasen ganze Bücher schreiben. Da wissen plötzlich selbst Touristen, auf welchen Strecken man „doch nie erwischt“ wird, Bedenken beiseite geschoben und großzügig mit der Bezahlung eines Strafzettels gewunken.

DAS blieb mir glücklicherweise erspart.

Viel gefährlicher aber war, was die Frau sich ausgedacht hat, um ihr Taxi zu bekommen.

Ich stand an der Mühlenstraße , genauer an der Ecke mit Brenner- und Berliner Straße. Ich wartete darauf, dass die Ampel auf ein freundliches Grün umspringt. Nach einigen Sekunden tat sie das auch und ich fuhr los. Parallel zu diesen wenig dramatischen Ereignissen muss die Frau mit den lockigen Haaren und der zierlichen Statur auf der anderen Seite der Berliner Straße beschlossen haben, dass ich ihr Taxi sein könnte. Ohne Rücksicht auf Verluste ist sie quer über die dank Baustelle gesperrte Straße gerannt. Das wäre soweit kein allzu großes Problem gewesen, doch hielt sie sich dabei stets vollständig hinter der A-Säule meines Autos verborgen, so dass ich sie erst gesehen hab, als sie mir direkt vor die Scheinwerfer gestolpert ist und ihr trotz Vollbremsung (aus sehr sehr niedriger Geschwindigkeit – ich stand wirklich umgehend!) so nahe gekommen bin, dass sie die Hände auf meine Motorhaube legen konnte.

Der Fahrer hinter mir hat glücklicherweise genauso schnell geschaltet und am Ende konnte ich die stürmische Neukundin einladen und es ist noch eine recht vergnügliche Fahrt geworden mit allerlei derben Scherzen zum Überfahren von Kundschaft.

Ach ja, wo sollte es hingehen? Ins Kino. Schon erstaunlich, für was sich die Leute heutzutage umbringen wollen.

Arbeitsbeginn und Ende

Vorm Polizeirevier in der Wedekindstraße hat er mich rausgewunken. Ob da nicht irgendwo eine Tanke am Ostbahnhof war und ob wir es mit einem Zehner hin und zurück schaffen würden. Puh, knapp, denke aber mal ja.

„Dann gib Stoff, Alter! Is‘ wirklich eilig! Für jede überfahrene rote Ampel gibt’s einen Bonus!“

„Nur keine Sorge, es gibt keine roten Ampeln auf dem Weg …“

Ich war gerade auf dem Weg zum Ostbahnhof gewesen. Eine letzte Tour noch machen, der Zeiger der Uhr näherte sich der Sechs. Meine Schicht war de facto zu Ende, er war die eine Tour, die ich noch haben wollte. So gesehen hatten wir beide Glück. In gewisser Weise ging es bei ihm auch tatsächlich um jede Minute, denn er sollte bereits mit seinem Transporter auf dem Weg an die südliche Stadtgrenze sein. Und jetzt stand er da und der Tank war leer. Und ich kannte mich in der Gegend ja glücklicherweise bestens aus. Es gibt nämlich tatsächlich auf dem kürzesten Weg zur Tankstelle keine Ampeln – wenn auch nur nachts. Und auch nur, wenn man wirklich Ahnung hat.

Dass die Ampel an der Rüdersdorfer Ecke Franz-Mehring-Platz zu umgehen ist, indem man schon 30 Meter vorher über die Vorfahrt vorm Neuen Deutschland abkürzt, wissen die meisten Taxifahrer, die hin und wieder Kundschaft ins Berghain bringen. Da herrscht nachts geradezu reger Durchgangsverkehr. Die folgende Ampel Ecke An der Ostbahn ist nachts immer aus. Was indes wirklich nur ein paar wenige wissen, ist, dass man seit geraumer Zeit wieder über den kleinen Wurmfortsatz der Straße Am Ostbahnhof von hinten aufs Tankstellengelände der Total-Station fahren kann und sich damit die Ampel an der Holzmarktstraße spart. Eine Anzeige der Route bei Google Maps ist nicht möglich, da die Straßen nicht offiziell existieren auf der Karte …

So lobend hat sich noch nie jemand über meine Ortskenntnis geäußert. 🙂

Am Ende blieb es aber eine Fahrt ohne Bonus – logisch, wo ich keine Ampel überfahren habe … 😉

Nein, im Ernst: der Zehner reichte punktgenau und ich konnte meinem Fahrgast das mit dem fehlenden Trinkgeld kaum übelnehmen, wo er gerade sein Frühstücksgeld in meinem Taxi liegenlassen hat und sich zudem an der Tanke für wahnwitzige 6,99 € einen kleinen Dreiliterkanister kaufen musste, um eine gefühlte Handvoll Sprit zu seinem Geschäftswagen zu transportieren.

Aber wie gesagt: meine Schicht war ohnehin vorbei und ich hab mich gefreut, mal schnell helfen zu können. Und ein Zehner Umsatz ist ein Zehner Umsatz …