Eine der besten Fragen zu Beginn

Dank unzähligen Taxibloggern inklusive mir ist die Frage „Sind Sie frei?“ in einem begrenzten Kreis ja inzwischen zu einer eher lustig konnotierten Kontaktaufnahme mit dem Taxifahrer geworden. Schließlich sind nur die wenigsten Berufsgruppen mit einem eigenen Lichtzeichen für den Beschäftigungszustand ausgestattet.

Eine der selteneren Variationen hatte ich die Tage am Sisyphos. Ich stand da in froher Erwartung einer Tour von Clubheimkehrern. Natürlich gerne nicht nur für 6,80 € zum Ostkreuz, sondern lieber für einen Zwanni nach Prenzl’berg. Aber es war noch zu früh, es kamen nur Leute an. Schon wieder raus wollte keiner. Ich überlegte schon, ob ich wieder wegfahren sollte, da stoppte vor mir ein Auto und der Beifahrer stieg aus. Und er fragte mich:

„Na, haste Bock?“

Obwohl ich immer mal wieder die Befürchtung hab, damit irgendetwas zuzustimmen, auf das ich ganz sicher keinen Bock habe, hab ich ihn mit freundlicher Geste einsteigen lassen.

Es ging nicht zum Ostkreuz und auch nicht nach Prenzlauer Berg. Es ging nach Lankwitz, nochmal ein knapper Zehner mehr. Zumal mit einem ausgesucht freundlichen Fahrgast (im Übrigen Busfahrer bei der BVG, um einmal mehr ein Klischee zu zersägen), mit dem ich mich äußerst angenehm über unsere Jobs, Berlin und unsere jeweiligen Wohnlagen inklusive Themen wie Gentrifizierung und Löhne unterhalten habe. Die Fahrt endete mit einer von ihm ausgegebenen Zigarette vor seiner Wohnung und den bestmöglichen gegenseitigen Wünschen.

Wer bitte sollte auf sowas keinen Bock haben?

Wie eine gute Schicht anfängt

„Bringst‘ uns zum SO36?“

„Sicher. Dafür sind wir ja da.“

Eine unspektakuläre Winkertour, knapp ein Zehner vielleicht von Friedrichshain aus, wo ich das Pärchen aufgegabelt hatte. Aber eben genau der Grund, weswegen ich nicht zielstrebig eine Halte ansteuere, sondern über jene Ecken fahre, die winkerträchtig sind.

Es war auch sonst eine 08/15-Fahrt: Nettes Gequatsche, wenig Besonderheiten, mittelprächtiger Verkehr zur frühen Abendzeit. In den meisten anderen Jobs würde man das „Dienst nach Vorschrift“ nennen.

Umso erstaunter war ich, als wir am Ende vor dem SO36 standen. Während der junge Kerl schnell das Auto verließ, drückte die Dame mir für die 9,40 € Fahrtkosten 15 € hin und meinte wie so viele ganz locker:

„Stimmt so.“

Man sollte Touren besser niemals vor dem Ende bewerten. 🙂

„Iist für soo gaajile Kurvää!“

OK, Trinkgeld fürs Heizen hat sicher jeder Taxifahrer schon mal bekommen. Die Kundschaft hat es oft eilig und ein paar von denen, die hohe Tips versprechen, halten sich dann ja doch daran. Nicht viele, aber immerhin.

Hier aber war die Sache ganz anders gelagert.

Die Spaßigkeit der Truppe begann schon mit der Taxiwahl. Ich stand mit zwei Kollegen zusammen am Ostbahnhof und eigentlich hat sich keiner von uns davon irgendwas versprochen. Es war unter der Woche, schon nach drei Uhr; ich hab mich selbst nur in Position zwei eingereiht, weil ich mit dem Kollegen quatschen wollte. Und Nummer drei gehörte dann ebenso zu den üblichen Verdächtigen, ein Kollege aus meiner Firma noch dazu.
Während wir so quatschten, kamen die Kunden. Sie blieben vor meinem Auto stehen und einer der Vier fragte in die Runde:

„Ähm, wir würden gerne den hier nehmen …“

Ich antwortete eloquent:

„Das ist überhaupt kein Problem, und ich freue mich besonders, denn das ist meiner.“

Ich warf dem Kollegen einen gespielt mitleidigen Blick zu, denn er hatte, als er die Kunden als solche ausgemacht hatte, bereits gesagt:

„Ha, jetzt komm‘ ich weg und mach meinen Hunderter voll!“

Und ich hatte den Hunni schon in der Kasse. Auch die Autowahl war fast etwas seltsam, denn jener Kollege vor mir fuhr einen gepflegten Passat, der hinter mir bereits die neuere Zafira-Variante, den Tourer. Aber nein, sie wollten meine alte Gurke. Glaubt es oder nicht: Mich schockt das nicht mehr, die Wege der Fahrgäste sind unergründlich.

Die vier Leute entpuppten sich als drei Nicht-Muttersprachler mit starkem russischen Akzent nebst einem vermutlich deutschen Mitreisenden. Der hielt mir auch schnell eine Dose unter die Nase und fragte:

„Willste ein paar Nüsse?“

„Nee, danke. Aber: Sehr nett!“

Einer der anderen drei lotste mich nur drei Häuserblocks weiter und machte dann den Witz, dass da alle aussteigen würden. Was ich betont cool abtat und ihm erklärte, dass daran eigentlich nix witzig sei und ich selbstverständlich auch kurze Strecken fahren würde. Er stieg dann aus, nicht ohne mir noch schnell die Abkürzungen zu nennen, die ich fortan zu fahren hätte. Denn natürlich mussten die anderen noch ein ganzes Stückchen weiter.

„Und? Party vorbei für heute?“,

fragte ich meinen Beifahrer, der nicht nur das beste Deutsch sprach, sondern auch der nüchternste zu sein schien.

„Na … aber sicher! HALLOHO, ich hab Erdnüsse dabei! Wie würdest Du das einschätzen? Wie oft passiert sowas bitte!?“

„Hmm, da haste Recht.“

Und so war es auch. Den Fressflash nach dem Kiffen oder Saufen kenne ich auch. Aber die meisten Taxifahrgäste fahren noch mit dem letzten Bier heim – alles spätere ist zumindest bei mir eher selten. Wobei das auch daran liegen könnte, dass ich einer der wenigen bin, der die Leute mit Bierflasche auch noch mitnimmt.

Mir wurde nun eine Straße genannt, die mir wirklich gar nichts sagte, aber mir wurde erklärt, dass es bis fast nach Ahrensfelde gehen würde. Ja, geile Scheiße! Nicht nur eine Tour locker über 20 €, sondern vor allem auch noch in meinen Heimatbezirk – direkt zu der Zeit, zu der ich Feierabend machen wollte!

Und während wir auch darüber so quatschten, wies mich die Dame hinten links zurecht, dass ich auf die Märkische abbiegen müsse. Ohne das böse zu meinen. Ich hab mit einem Grinsen geantwortet, dass ich das wisse. Ich hätte meine Lücken im Stadtplan, aber:

„Hier ums Eck wohne ich, hier kenne ich mich aus, keine Sorge!“

Ich weiß nicht, was mich in dem Moment geritten hat. Mit Kunden an Bord fahre ich immer sehr bedächtig, mit betrunkenen noch dazu. Aber gerade da, in der Kurve von der Landsberger auf die Märkische, einer 300°-Schleife, war mir nach Spaß mit der lockeren Besatzung. Ich kenne die Kurve, ich fahre sie zu jedem zweiten Feierabend, meist allerdings mit leerem Auto. Aber ich kenne auch das Auto mit Beladung und hab die Kurve entsprechend in „Höchstgeschwindigkeit“ genommen, was in dem Fall etwa 50 km/h sind. Ist ja nur ein Opel Zafira. Ich nahm wie immer die Sperrflächen mit und schoss astrein, mit dem linken Reifen nur leicht die Spurbegrenzung touchierend und reifenquietschend auf die Märkische Allee auf. Und während ich noch dachte, dass das jetzt vielleicht doch ein wenig zu herb war, um es mit Fahrgästen zu tun, jubilierte es hinter mir plötzlich laut:

„Sooo gaajil! Bin iich noch nie gefahren diese Kurvää soo gaajil! Kriegst Du Eextra von mjir!“

Die gute Frau war höchst verzückt, ich konnte es selbst nicht verstehen. Aber hey, ich hatte offenbar alles richtig gemacht. 😀

Das angesprochene Trinkgeld war nicht wirklich üppig. Sie hat die 23,40 € auf 25 € aufgerundet. Aber sie hat es explizit nochmal erwähnt:

„Kriiegst Du für Kurvää! War so guut, bijn ich voll gaajil!“

Ich weiß nicht, ob sie DAS so sagen wollte – aber es wäre immerhin eine Erklärung für all das. Ich jedenfalls schreibe mir jetzt „geiles Kurvenfahren“ auf meine Referenzliste. 😉

„Irgend so ein Club halt …“

Ich hab wirklich keine Ahnung, was sich der mir unbekannte Kollege bei seiner Tour gedacht hat.

Nachdem er seine Arbeit bereits getan hatte, stand ich am Sisyphos. Wie immer nur recht kurz, denn recht schnell trat ein junger Typ an mich heran und fragte, ob ich wisse, wo Ritter Butzke wäre. Ich antwortete knapp mit „Ja, sicher!“, da winkte er dann zwei Leute aus der Schlange am Sisyphos heran und sie alle stiegen ein. Hä?

Also nicht, dass es ungewöhnlich wäre, zum Ritter Butzke zu fahren – aber mit Leuten, die noch nicht einmal die Schlange, geschweige denn eine Ablehnung oder einen Abend im Sisyphos absolviert hatten?

Tatsächlich war es so, dass die Kunden offenbar niemals beim Sisyphos landen wollten. Sie hatten ein Taxi rangewunken, Ritter Butzke als Ziel angegeben, und waren am Sisyphos abgesetzt worden.

WTF?

Man kann sich ja mal vertun, aber das Sisyphos hat seinen Namen in ein Meter hohen Buchstaben über dem Eingang stehen …

Noch absurder war, dass die Fahrt zum Sisyphos nicht einmal länger war, als es die zum Ritter Butzke gewesen wäre, der „Kollege“ hatte also auch kein Plus gemacht, sie kamen wohl aus Friedrichshain. Das Plus wiederum hatte ich dann, denn vom Sisyphos aus ist das eine ordentliche Tour gewesen.

Die Kunden sahen es locker:

„Das gehört halt dazu …“

Äh, nein, nicht!?

Künstler, die es richtig schwer haben

Ihr wisst ja, dass ich aus meinen Taxigeschichten ein Buch gemacht habe. Einer der Gründe, warum ich weder währenddessen, noch unmittelbar nach Veröffentlichung spontan mit dem Bloggen oder gar dem Taxifahren aufgehört habe, war, dass man damit nicht reich wird. Obwohl ich als Autor nur schwer an Verkaufszahlen komme, kann ich doch mittlerweile mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es schwer werden wird, auch nur einen hohen vierstelligen Betrag damit zu erwirtschaften.

Was immerhin schonmal nicht schlecht wäre. Im Auto hatte ich nun jemanden, der mir aufgezeigt hat, wie hart es in anderen Branchen sein kann: Ein Filmemacher, der kurz vor der Vollendung seines ersten Kinofilms stand. Er hatte für dieses Projekt laut eigener Aussage „bis auf meine Matratze“ alles in seiner Wohnung verkauft, pennte bei seinem Berlin-Besuch bei der Regisseurin und hatte nun wegen Verzögerungen bei der Vertonung unerwartete 20.000 € Mehrkosten in Aussicht …

Ich hab den sympathischen und den Umständen entsprechend reichlich lockeren Kerl dann vor einem Billig-Hotel abgesetzt, auf das er ausweichen wollte, weil seine Gastgeberin in der gemeinsamen Wohnung „private Probleme“ zu klären hatte. Ich war nie so froh, einfach nur an einem billigen PC vor mich hin zu schreiben, ganz ehrlich.

„Mach‘ mal halblang, Du Vollspaten!“

Selten, dass ich sowas über Leute denken, die am Ende die Schicht abrunden. In dem Fall aber wollte ich gar nix abrunden. Es waren die letzten Minuten des letzten Tages des hervorragenden Wochenendes um den ersten Mai. Für mein persönliches Tagesziel hätten mir zwar noch ein paar Euro gefehlt, aber ich war umsatzmäßig schon der beiden Vortage wegen mehr als nur zufrieden. Und so hab ich den Wagen betankt, saubergemacht und wollte nun zur Firma, die Kiste abstellen. Von der Tankstelle aus etwa ein Kilometer.

Als ich mich aber ins Auto schwang, fuhr von hinten ein schwarzer Opel heran und gab mir zweimal die Lichthupe. Drängler an der Tanke, die nicht mal die wirklich flotten drei Sekunden Zeit haben, bis ich den Tankbeleg ins Portemonnaie gepackt und die Tankkarte in ihr Etui geschoben habe … kann ich ja leiden wie Pickel am Arsch!*

Als ich genervt den Schlüssel umdrehte, sprang aber der Beifahrer aus dem Auto und sprang zu mir an die Seitenscheibe.

Also anderes Szenario – und zwar ein gar nicht unangenehmes:

Ein paar Jungs aus Köln mussten ein Mädel abholen, hatten sich aber verfahren, weil sie kein Navi dabei hatten. Die Straße, die sie ansagten, wusste ich sofort einzuordnen, und sie lag immerhin mal nicht wieder in der Innenstadt, sondern in Richtung Köpenick. Eine flotte 15€-Lotsentour mit einem der Jungs im Auto. Zehn Minuten über leergefegte Hauptstraßen, fertig. Sonntagmorgens ist da sogar Konvoifahren völlig stressfrei. Also hab ich die Schicht nochmal spontan verlängert. Die Fahrt war nicht sehr spannend, der Typ in meinem Auto konnte nur so mittelprächtig deutsch, aber am Ende sind wir gut angekommen und zumindest mein „Heimweg“ ging ebenso flott vonstatten.

Wenn ich als Taxifahrer inzwischen eines gelernt haben sollte: Es gibt eine ganze Reihe Menschen, die die Lichthupe nicht als Beleidigung einsetzen. Vergisst man im Alltag halt trotzdem schnell mal …

*Im Ernst: Ich trödele wirklich nicht an der Tanke, die Bewegungsabläufe da sind seit Jahren einstudiert, die meisten Leute brauchen länger, um ihr Zündschloss zu finden oder den ersten Gang einzulegen.

Kann man ja mal vergessen: Die Bezahlung

Nein, böse gesinnt waren die Fahrgäste mir nicht. Aber blöd geguckt habe ich schon, als sich alle drei nach einer kurzen Pause am Ende der Fahrt anschickten, auszusteigen. Ich fragte einfach mal höflich nach:

„Und … wer gibt mir jetzt das Geld?“

Die verstörten Blicke waren reichlich unterhaltsam, und kurz darauf quakten alle drei ungefähr zur gleichen Zeit los:

„Ich dachte, Du hättest bezahlt!“,

jeweils mit einem anderen Adressaten.

Am Ende hatte ich es mir mehr Entschuldigungen als gezahlten Euro zu tun, sie waren alle aufrichtig bemüht, mir zu versichern, das wäre keine Absicht gewesen. Gut, dass ich derartige „Kleinigkeiten“ halbwegs im Blick habe. 😉