Schichtende (2)

OK, da stand ich nun vor dem Matrix neben einem großflächigen Kotzfleck an meinem Auto als zwei weitere Mädels mich ansteuerten.

Ich hab ihnen bestätigt, dass ich frei bin und gleich gesagt:

„Bitte auf der anderen Seite einsteigen! Hier nicht!“

„Na, i steig’s hier aan!“

„Nein, das tun sie nicht. Denn hier ist alles voller Kotze!“

Auch wenn die bemitleidenswerte Dame aus der letzten Geschichte mein Auto zwar hervorragend verfehlt hatte, so betraf die Pfütze doch jeden Quadratzentimeter vor der linken Hintertür, von dem aus man die Chance hatte, ins Auto zu gelangen. Erfreulicherweise wurde mir diese barsche Ansage aber nicht übel genommen, und die beiden Neukundinnen stiegen auf der anderen Seite ein.

Zum mehr als eindeutigen Dialekt stellten sie auch umgehend klar, dass sie aus Tirol kommen. Das hat im weiteren Verlauf der Geschichte zwar keine Rolle gespielt, aber sie schienen sehr daran interessiert zu sein, dass man es mitbekommt. Die beiden waren zwar nicht unbedingt voll wie ein Rudel Wehrpflichtiger, aber fast wie die zugehörigen zwei sprichwörtlichen Haubitzen.

Das Hotel, das sie mir nannten, erinnerte mich unangenehm an die Ortskundeprüfung, der dazu hingeschmissene Straßenname dann daran, dass ich inzwischen ja einiges mehr weiß. Also gut, eine Tour nach Charlottenburg, runde 15 bis 17 €. Auch ein schönes Schichtende…

Aber davor müssten sie unbedingt noch was essen. Kennt noch jemand das Wort Fressflash? Ich schon, und so konnte ich sie gut verstehen. Was es sein soll? Döner? McDonalds?

„Nee, Currywurst, weil wir sind *hicks* in Berlin!“

Also wäre Döner auch eine Möglichkeit… 😉 OK, im Ernst: Da bot sich das Curry 36 an, das ja angeblich eine hervorragende Wurst macht und fast exakt auf dem Weg liegt. Also wenn man 500 Meter Umweg nicht als Weltuntergang sieht. Und die beiden Damen taten vieles, das aber nicht.

Als sie sich verbal darüber ausließen, wie viel sie zu verdrücken gedachten, schwirrten mir Bilder von verschmierten Sitzen durch den Kopf, die ich unbedingt loswerden musste.

„So, nu muss ich mal was fragen: Wie machen wir das mit dem Essen genau?“

„Ja einfach rein und möglichst viel!“

„Schon klar, aber… Ich gehöre ja nicht zu den Spielverderbern, die das Essen im Auto verbieten wollen – aber eine Currywurst ist ja nun nicht gerade super um sie hier zu essen!“

„Ach was, wir haben doch – guck dir sie mal im Spiegel an! – wir haben teure Mäntel an. Als ob wir die versauen wollten. Aber wenn du kein‘ Bock hast, dann lass uns da raus und wir suchen uns danach ein anderes Taxi!“

„Ob ihr es glaubt oder nicht: Ich wollte tatsächlich fragen, ob das nicht eine Lösung wäre. Bis ins Hotel mit geschlossener Verpackung schaffen sie es ja sicher nicht mehr…“

„Nein! Das wäre ja voll uncool! Hey, kein Problem, wir essen da im Stehen. Du kriegst auch eine Wurst!“

Einladungen durch Fahrgäste… meist halten sie sowieso nicht Wort, meist kriegt man sie, wenn es nicht passt, oder sie wollen einem gleich mitten in der Schicht Drogen anbieten…

„Nee danke!“

„Hey, ist gar kein Problem, ehrlich. Du kriegst, was du willst!“

Diesen Dialog führten wir in unterschiedlicher Intensität noch ein Weilchen fort. Als wir am Curry 36 angekommen waren, unterbrach die eine sogar das Schreiben einer SMS, um nur nicht zu spät zum Essen zu kommen. Ich hab gesagt, ich würde noch eine Zigarette rauchen und erstmal am Auto bleiben – in der Hoffnung, das mit dem Einladen würde sich erledigen. Ich hab das dann gemacht, kurz mit meiner besseren Hälfte via Chat geklärt, dass ich später komme, und bin dann zum Imbiss vorgelaufen.

Ums Abhauen brauchte ich mir gar keine Sorgen zu machen, denn jegliches Hab und Gut der beiden lag sicher im Auto. Fast schon unverantwortlich von den beiden, mich damit alleine zu lassen.

Während ich mich zielstrebig auf die beiden Damen zubewegt habe, herrschte bei ihnen ein gewisses Zögern vor weil sie mich offensichtlich nicht mehr erkannten, und erst als ich quasi vor dem Tisch stand, meinte die eine zögerlich:

„Taxifahrer?“

„Ja…“

„Hier!!!“

Mir wurde ein Schälchen mit Wurst gereicht und Pommes dazu angeboten. Ich hab mehrfach dankend angenommen und mich gefreut, dass meine bezahlte Arbeit in diesem Moment aus Currywurstessen bestand. Während die eine mir dankte, fiel die andere ins Wort:

„Brauchst nicht zu danken, die Uhr läuft ja weiter!“

Aber es kam gar nicht zu einem Streit oder dergleichen. Die kleinen, aber sehr leckeren Portionen waren bald alle, und so gab es noch eine Runde. Dieses Mal verzichtete ich allerdings. Hier und da hab ich ein paar Pommes genascht, aber dennoch verweigert, noch eine zusätzliche Portion zu bekommen. Gekriegt hätte ich sie zweifelsohne, denn mehrfach hintereinander bestellten die beiden Wurst und Pommes und mir wurde versichert, ich könne alles haben, was ich nur wolle.

Aber ich war zu ehrlich, bzw. auch zu unschlüssig, da ich ja ziemlich genau für den Moment, in dem wir da standen, mit meiner Freundin ausgemacht hatte, Kässpätzle zuzubereiten und zu essen. Und ganz ohne Hunger wollte ich ja auch nicht heimkommen 😉

Die beiden unterhielten sich lautstark über Belanglosigkeiten oder sprachen wildfremde Leute direkt an, sodass unser Tisch von allerlei Augen begutachtet wurde, ja allerseits die Leute kicherten ob unserer obskuren Truppe, und ich mir stets dachte:

„Wenn ihr wüsstet, dass ich die beiden nicht etwa abgeschleppt habe, sondern nur der Taxifahrer bin…“

Irgendwann wurde die letzte Schale Pommes bestellt, und ich sollte die Beiden mit eben jener direkt zum Hotel bringen. Sie haben sich mit dem Balancieren wirklich Mühe gegeben, und sich sowohl die Finger geputzt als auch die Schale mitgenommen. Nicht verhindern konnten sie allerdings, dass ich am Ende 15 Pommes von der Fußmatte schütteln durfte. Aber wie will ich deswegen böse sein bei 7 € Wartezeitkosten, 2,60 € Trinkgeld und einer Currywurst?

Und bis ich dann zu Hause war, hatte ich auch wieder Lust auf Kässpätzle…

Is‘ egal!

Das Matrix. Unendliche Breiten…

Wie so oft ist ein junger Mann an mich herangetreten und hat mich gefragt, wie viel es zum Kolumbus-Hotel (oder wie immer es sich gerade genau nennt) kostet.

„Pi mal Daumen 15 €. Kann aber schon sein, dass es ein bisschen mehr ist.“

„Das is ok. Bringst mich hin?“

Na logo! Es gibt schon grundsätzlich schlechtere Touren als zum Kolumbus, und mein Fahrgast sah sogar noch relativ fit aus.

„Party schon vorbei?“

hab ich ihn gefragt. Ziemlich überrascht lauschte ich ihm, als er erzählte, er wisse, dass es jetzt genug sei und dass er weiss wo seine Grenzen liegen. Ja, Studienfahrt hin oder her, aber irgendwann ist es eben gut, und der Abend wird ja nicht besser, nur weil man am Abend noch kotzt oder nicht mehr heimfindet. Und er fühlt sich nicht mehr so gut, würde sich lieber ins Hotelbett schmeißen und noch ein bisschen lesen.

Wow!

Kenn ich so grob zwar auch von mir, dass ich das Bettchen den letzten Partyeskapaden vorziehe, das hat mich in dem Alter allerdings nicht davor bewahrt, davor schon zu übertreiben 😉

Es war eine angenehme Fahrt, und auch wenn der Typ sicher nicht die Partykanone war, war er mir doch sympathisch. Einer von den Leuten, bei denen man nach 3 Sätzen weiss, dass sie keine Hohlbirnen sind und das Bildung tatsächlich was bringt.

Obwohl ich ihn schön artig auf der kürzesten (und nicht der schnellsten) Route heimgebracht habe, verging die Zeit wie im Flug. Rund 100 Meter vor dem Hotel stellte er fest, dass er sich hier „ja sogar schon wieder“ auskenne, und er quittierte es mit einem ehrlichen und höflichen Danke, dass ich tatsächlich die Hotelvorfahrt genutzt habe, um ihn keine 3 Meter vor der Tür abzusetzen. Viele seiner Altersgenossen bevorzugen ja das Aussteigen 100 m vorher, um die letzten 20 Cent Ersparnis noch durch 6 zu teilen.

„Na und siehste: 14,80 €! Hat sogar noch unter 15 gereicht!“

Sowas sagt man ungern. Ist ja eine blöde Summe für Trinkgeld… aber hey, es war eine wirklich nette Fahrt und sie hat jetzt schon das Gefühl hinterlassen, dass ich jemandem mit meiner Dienstleistung wirklich helfen konnte.

„Is‘ egal!“

meinte er recht gelangweilt, in Gedanken schon im Bett.

„Der Rest ist für dich!“

5,20 € Trinkgeld. Und da will ich noch einmal was hören, dass sich Bildungsausgaben nicht lohnen!

„Das kann ich gar nicht erzählen…“

Ach, irgendwie niedlich war sie ja schon.

Eine gefühlt etwa 90-jährige Frau, die am Bahnhof einem Reisebus entsprungen ist, um sich dann anschließend von mir bis nach Pankow fahren zu lassen. 16 Stunden Fahrt hatte sie seit Venedig hinter sich und sie hat sehr überzeugend verkündet, dass das ihre letzte so lange Reise sein würde (zumal sie da nur für 5 Tage war, das wäre ja selbst mir den Aufwand nicht wert).

Sie war dennoch gut gelaunt und hielt es bis zu ihrer Haustüre durch, wo ich ihr dann noch kurz den Koffer hochgetragen habe.

Das Netteste aber war zweifelsohne folgender kurzer Dialog:

„Ach, ich bin ja auch heiser…“

„Oh! Haben sie sich erkältet während der Reise?“

„Naja, ich hab, ich bin… das kann ich ja gar nicht erzählen!“

„Müssen sie nicht, wenn sie nicht wollen.“

„Wissen sie, ich bin da ja ins Wasser gefallen…“

Und dann hat sie mir erzählt wie sie ganz klassisch beim Aussteigen aus einer Gondola ins Wasser gestürzt ist und anschließend frierend auf einer Polizeiwache saß und sich Kleidung von ihren Reiseführern hat geben lassen müssen.

Wenngleich sie das offenbar sehr mitgenommen hat, trennten wir uns letzten Endes mit dem Fazit, dass sie jetzt wenigstens was zu erzählen hat.

So sehr mir dunkel die Worte „Venedig sehen und sterben“ im Ohr klangen: Ich glaube nicht, dass es ihre letzte Reise war…

Ruhig schlafen…

Mit zwei Kollegen aus der gleichen Firma stand ich am Ostbahnhof, und wir haben uns ein wenig gegenseitig geneckt, wer denn nun nach einer Dreiviertelstunde wohl die kürzeste Fahrt bekommen wird. Als mir Kollege A. beim Einstieg seiner Fahrgäste noch schnell hinterrücks den Mittelfinger zeigte, dachte ich, das Duell sei entschieden. Tatsächlich sollte er noch die längste Tour von uns dreien kriegen.

Und ich? Naja, lest weiter…

Als auch der zweite Kollege weg war, trat ein fragend dreinsehender Mann an mein Auto und fiel gleich mit der Tür ins Haus:

„Ich müsste nur zur Dreimalumseck-Straße. Wollen sie mich mitnehmen, oder soll ich lieber weiter hinten nachfragen?“

„Ganz wie sie wollen! Ich fahre sie gerne, wenn sie lieber ein anderes Taxi nehmen wollen, dann will ich ihnen das aber auch nicht ausreden.“

„Ja, aber nicht dass das dann für sie, sie stehen ja sicher auch schon eine Weile…“

„Kommen sie, packen sie die Sachen rein! Ich fahr sie wirklich gerne!“

Das hat er dann geglaubt, und besser als noch eine Viertelstunde zu diskutieren war das so oder so 😉

„Wissen sie: Ich weiss ja, dass es blöd ist, anzustehen und zu warten und dann nur so kurz ums Eck zu fahren. Aber ich kann es ja nicht ändern. Ich kann ja nicht woanders schlafen deswegen…“

Das hat der wirklich gesagt.

„Nein, DAS wäre wirklich zu viel der Rücksichtnahme!!! Glauben sie mir: Kurze Touren gehören genauso zum Geschäft wie lange auch.“

Daraufhin haben wir uns eigentlich ganz nett unterhalten. Im Grunde finde ich es ja super, wenn sich jemand auch um die Dienstleister Gedanken macht, die er für irgendwas beauftragt. Ich für mich kann nur immer wieder sagen, dass ich eher zu wenige Kunden als Problem sehe, als die Strecken, die die verbliebenen fahren.

Nun ja, sein Fahrtziel lag dann auch tatsächlich gleich am Anfang der Straße, und so kamen 6,60 € als Fahrpreis zustande, was ich ihm natürlich auch verkündete.

Von hinten wurde mir ein rotes Scheinchen gereicht mit der Bitte:

„Machen sie zehn! Sonst kann ich heute Nacht nicht ruhig schlafen!“

Damit war mein Stundenverdienst wieder so hoch, als hätte er eine doppelt so teure Strecke gefahren. Ich hab es natürlich dankend angenommen. Aber ein Weltuntergang wäre die eine kurze Tour an dem Abend auch ohne so hohes Trinkgeld nicht gewesen…

Zwei Euro sind ein Witz…

Ich hatte mich gerade festgelesen an einem ziemlich interessanten Text – wahrscheinlich mal wieder einer von Aro –  und muss ziemlich konzentriert auf mein Handy gestarrt haben, als sie die Tür aufmachte und mich fragte:

„Darf ich sie mal was fragen? Fahren sie auch kurze Strecken?“

Das sind nun wirklich nicht die Worte, mit denen in der Regel erwähnenswerte Fahrten anfangen. Es sei denn, ich erwähne einmal mehr absichtlich, dass kurze Strecken nicht abgelehnt werden dürfen und ich es auch nicht toll finde, wenn Kollegen das machen. Und was antworte ich wohl allen – nicht nur wenn es sich wie in diesem Fall um attraktive junge Frauen handelt? Genau:

„Selbstverständlich. Nur Kurzstrecke geht nicht vom Stand aus! Ansonsten gerne!“

„Ich müsste in die Wirstegekündigtwenndusievergisststraße nach Mitte.“

„Naja, soo kurz ist das ja gar nicht…“

„Echt nicht?“

„Nee, da bin ich hier anderes gewöhnt…“

Sprach es und fuhr von meinem Lieblingsbahnhof mit den berüchtigten 6€-Touren los. Als ich ihr auf dem Weg als Beispiel für extrem kurze Fahrten das Maria gezeigt habe, begann sie damit, sich über Leute lustig zu machen, die Taxen aus Prestigegründen für die Vorfahrt vor einen Club wählen – was zwar beim Maria bisher nicht wirklich der Grund für solche Fahrten war, mich aber dennoch auch amüsierte.

Dass sie selbst im Dienstleistungsbereich tätig ist, war weiterhin unverkennbar, da sie ähnlich meiner Wenigkeit keinerlei Probleme hatte, wie ein Orkan daherzureden, und wenn es nur um Belanglosigkeiten wie das böse böse Rauchverbot in Taxen ging. Mit der aberwitzigen Gesprächsfrequenz sowie den eigentlich zu öden diesen zu Grunde liegenden Themen landeten wir binnen Minuten ausgerechnet bei Witzen. Nicht nur, dass wir sie uns gegenseitig erzählten, nein, nebenher blieb während der zeitlich recht eng umrissenen Fahrt auch noch Platz für ein kurzes Gespräch für und wider geschmacklose Witze – nicht ohne Beispiele natürlich.

Entsprechend heiter standen wir dann letztlich vor ihrer Haustüre, und ich warf zwischen zwei Sätze des Gesprächs den Fahrpreis für diese „kurze Strecke“ ein:

„Wir wären dann übrigens bei exakt 10 €!“

Die Antwort werde ich so schnell nicht vergessen, denn was kann einem als Mensch mit Interesse an der Sicherung des Lebensunterhaltes, an Unterhaltung selbst, und daran, dass zufällig anwesende Frauen die eigene Anwesenheit wertschätzen, besseres passieren als folgender Satz:

„Ich geb dir 12, wenn ich noch einen Witz erzählen darf!“

„Da sage ich nicht nein, und Danke natürlich auch! Aber ich würde vorschlagen, wir steigen dafür aus und rauchen noch eine!“

Es war drei Uhr Nachts und der Herbst hat Berlin bereits voll in seiner Hand gehabt. Es hat geregnet, und so fanden wir uns bei ihr im Hauseingang wieder, zwei Witze erzählend und lachend. Ich zitiere an solchen Stellen immer wieder gerne meinen Chef, der bereits vor meiner Einstellung die hier inzwischen bekannten Worte sprach:

„Taxifahren ist der einzige Job, bei dem du während der Arbeit nette Frauen kennenlernen kannst, und direkt im Anschluss mit ihnen was trinken gehen kannst.“

Natürlich habe ich meine Schicht nicht beendet, getrunken haben wir auch nichts, und so sehr ich nach wie vor die Gesellschaft netter Frauen zu schätzen weiss, so sehr verliert das auch irgendwie an Bedeutung, wenn man glücklich in einer Beziehung ist.

Aber geredet haben wir…

Das Auto stand auf einer der bekanntesten Straßen Berlins einsam mit eingeschalteter Warnblinkanlage im Regen und die Lüftung surrte vor sich hin, übertönt vom Prasseln der Tropfen. Und wir standen zu zweit mehr oder minder regengeschützt da und haben uns unterhalten. Über Witze, über unsere Herkunft, Berge, das Meer und ein paar Kleinigkeiten. Keine weltbewegenden Sachen, im Grunde nur Smalltalk extended. Aber doch irgendwie schön in Anbetracht der Tatsache, dass wir uns gerade mal 20 Minuten kannten und uns wohl nie näher kennenlernen werden.

Und als wir uns die Hand gegeben und uns verabschiedet hatten, als ich wieder im Auto saß und die Tourdaten runtergeschrieben hab, hab ich doch kurz durch die vom vielen Regen fast milchig anmutende Scheibe in den Berliner Himmel gesehen und mich klammheimlich darüber gefreut, dass das – all das, was die letzte halbe Stunde passiert ist – tatsächlich das ist, womit ich auch noch meinen Lebensunterhalt verdiene.

Natürlich überwiegen die langweiligen Fahrten. Klar gibt es Idioten, die ich meines Jobs wegen ertragen muss. Aber es gibt eben auch diese schönen Momente während der Arbeit.

12 + 12 + 500

Ich war gerade am Ostbahnhof hinten an die letzte Halte rangerollt. Sofort als ich für eine Zigarette ausgestiegen bin, überwanden zwei etwa 12jährige Jungs ihre Schüchternheit und fragten mich, wie viel es zur Frankfurter Allee kosten würde.

„Naja, kommt drauf an, wohin da genau. Die ist ja ziemlich lang!“

„Direkt zum U-Bahnhof!“

meinte der eine.

„Na, das wären so etwa 10 €. Könnte auch ein bisschen weniger werden.“

Die beiden haben sich angeguckt, genickt und zugestimmt. Dann sind sie bei mir ins Auto gekraxelt.

Ich bin jetzt nicht per se übervorsichtig, was Kinder angeht. Komisch kam es mir aber dennoch vor. So schwierig ist es nun nicht, mit der Bahn dort hinzukommen, und 10 € sind ja doch ein ordentlicher Preis. Lieb gucken konnten die beiden zwar, aber natürlich hab ich darüber nachgedacht, dass sie vielleicht flitzen wollten.

Ich hab über einen Vorschuss nachgedacht, aber auf der anderen Seite wollte ich sie weder verschrecken, noch wäre es so ein exorbitanter Verlust gewesen. Außerdem: Die Kindersicherung hinten links hätte mir sicher geholfen, wenigstens einen der beiden zu behalten, bis Verstärkung kommt.

Ich hab sie gefragt, weswegen sie nicht die Bahn nehmen, und sie entgegneten, dass das Umsteigen zu lange dauere und sie schnell heim müssten.

„Habt ihr etwa noch was wichtiges vor?“

hab ich sie gefragt. Eher erstaunt angesichts der Tatsache, dass es 23 Uhr war.

„Wir müssen heim. Ins Bett!“

Zugegeben, das hätte ich als Antwort nicht erwartet. Sonderlich plausibel klang es irgendwie nicht, aber es war gut zu beobachten, dass sie nicht panisch nach Antworten gesucht haben. Die Fahrt über haben wir nicht viel geredet und ich hab mich auf den ggf. hektischen Ausstieg vorbereitet. Ich hab sie rechtzeitig gefragt, wo ich sie rauslassen sollte, und hab mich bereits 50 Meter vorher abgeschnallt. Damit ich besser nach hinten greifen kann… schön, wenn einem Gesetze auch mal Wege ebnen 😉

Als wir dastanden wurde ich abermals überrascht. Die beiden kleinen Knirpse blieben seelenruhig sitzen, als ich ihnen den Fahrpreis nannte. Dann kramte der eine in seiner Hosentasche und kramte sein Geld raus: Ein fettes Bündel mit zahllosen Fünfzigern, sicher mindestens 500 €. Er blätterte darin umher, zog einen Zehner raus und gab ihn mir.

Trinkgeld gab es keines, aber mich interessiert sowieso viel mehr, was eigentlich hinter der Geschichte steckt….

Sicher ist sicher

Berlin ist ja eine Stadt, deren Ruf kaum noch mehr zu ramponieren sein dürfte. Also in Deutschland zumindest. Die Touristen finden Berlin ja meist super und toll und glänzend und und und.

Hier in Deutschland nimmt man Berlin ja meist wahr als Hauptstadt des Verbrechens. Irgendwelche dubiosen Clans haben ganze Straßenzüge in der Hand, protzen mit gepimpten Karren und geklautem Geld und verhalten sich überaus asozial. Und das nicht nur im Regierungsviertel!

Ich persönlich bin da ja nach wie vor pragmatisch. Auch wenn mein Beruf schon bestimmte Gewaltverbrecher anzieht, bevorzuge ich meist eine „Augen zu und durch“-Mentalität. Natürlich gibt es in Berlin (wie auch anderswo) eine Menge Möglichkeiten, unschön vorzeitig aus dem Leben zu scheiden, aber ich bin mir im Gegenzug auch bewusst, dass meine Teilnahme am Straßenverkehr per se statistisch gefährlicher ist als die Tatsache, dass ich in Neukölln jugendliche Migranten als Winker mitnehme.

Wenn ich die Dinge benennen sollte, die mir in den letzten 10 Jahren am meisten Angst bereitet haben, dann waren es entweder bewaffnete Polizisten in meiner Wohnung, Fahrradfahrer vor meiner Motorhaube oder die Zutatenliste meiner Lieblings-Fertigsuppe. Raubmörder und pöbelnde Jugendliche landen ziemlich weit hinten in der Liste…

Und dann hatte ich neulich zwei rüstige Rentnerinnen im Auto, die ich nachts um 2 Uhr nach Hause fahren sollte. Hervorragend gelaunte, eben von irgendeiner Party kommende alte Damen, die so gar nicht in das Bild von den Leuten passten, die ich persönlich in Lichtenberger Hochhausblöcken vermute.

Die zweite der beiden habe ich dann verkehrsbedingt etwa 30 Meter von ihrem Hauseingang entfernt aus dem Auto entlassen, und irgendwie ist selbst mir in dem Moment etwas mulmig zumute gewesen, als sie sagte:

„Könnten sie vielleicht noch kurz hier warten, bis ich im Hausflur bin?“

Ganz klar, dass ich ihr angeboten habe, sie auch dorthin zu begleiten – aber das wollte sie nun auch nicht. (Kunststück: Ein zwei Meter großer schwarz gekleideter Taxifahrer nachts alleine mit einem… 😉 )

Nein, es war wirklich komisch, sich mal in einem „unbekannten“ Gebiet nachts umzusehen und sich vorzustellen, was alles passieren könnte. Ich hoffe, dass das eine Form der Angst ist, die ich nicht irgendwann mal erleiden muss. Ich liebe es viel zu sehr, nachts durch die Stadt zu laufen – insbesondere da, wo nichts los ist. In direkter Nachbarschaft zu mir kann man nachts so wunderbar zwischen den Hochhausblöcken entlangschlendern, und keine ruhige Reihenhaussiedlung wird dieses schöne Bild je bieten können. Schwer, sich vorzustellen, dass man dabei Angst haben könnte…