Sicher ist sicher

Berlin ist ja eine Stadt, deren Ruf kaum noch mehr zu ramponieren sein dürfte. Also in Deutschland zumindest. Die Touristen finden Berlin ja meist super und toll und glänzend und und und.

Hier in Deutschland nimmt man Berlin ja meist wahr als Hauptstadt des Verbrechens. Irgendwelche dubiosen Clans haben ganze Straßenzüge in der Hand, protzen mit gepimpten Karren und geklautem Geld und verhalten sich überaus asozial. Und das nicht nur im Regierungsviertel!

Ich persönlich bin da ja nach wie vor pragmatisch. Auch wenn mein Beruf schon bestimmte Gewaltverbrecher anzieht, bevorzuge ich meist eine „Augen zu und durch“-Mentalität. Natürlich gibt es in Berlin (wie auch anderswo) eine Menge Möglichkeiten, unschön vorzeitig aus dem Leben zu scheiden, aber ich bin mir im Gegenzug auch bewusst, dass meine Teilnahme am Straßenverkehr per se statistisch gefährlicher ist als die Tatsache, dass ich in Neukölln jugendliche Migranten als Winker mitnehme.

Wenn ich die Dinge benennen sollte, die mir in den letzten 10 Jahren am meisten Angst bereitet haben, dann waren es entweder bewaffnete Polizisten in meiner Wohnung, Fahrradfahrer vor meiner Motorhaube oder die Zutatenliste meiner Lieblings-Fertigsuppe. Raubmörder und pöbelnde Jugendliche landen ziemlich weit hinten in der Liste…

Und dann hatte ich neulich zwei rüstige Rentnerinnen im Auto, die ich nachts um 2 Uhr nach Hause fahren sollte. Hervorragend gelaunte, eben von irgendeiner Party kommende alte Damen, die so gar nicht in das Bild von den Leuten passten, die ich persönlich in Lichtenberger Hochhausblöcken vermute.

Die zweite der beiden habe ich dann verkehrsbedingt etwa 30 Meter von ihrem Hauseingang entfernt aus dem Auto entlassen, und irgendwie ist selbst mir in dem Moment etwas mulmig zumute gewesen, als sie sagte:

„Könnten sie vielleicht noch kurz hier warten, bis ich im Hausflur bin?“

Ganz klar, dass ich ihr angeboten habe, sie auch dorthin zu begleiten – aber das wollte sie nun auch nicht. (Kunststück: Ein zwei Meter großer schwarz gekleideter Taxifahrer nachts alleine mit einem… 😉 )

Nein, es war wirklich komisch, sich mal in einem „unbekannten“ Gebiet nachts umzusehen und sich vorzustellen, was alles passieren könnte. Ich hoffe, dass das eine Form der Angst ist, die ich nicht irgendwann mal erleiden muss. Ich liebe es viel zu sehr, nachts durch die Stadt zu laufen – insbesondere da, wo nichts los ist. In direkter Nachbarschaft zu mir kann man nachts so wunderbar zwischen den Hochhausblöcken entlangschlendern, und keine ruhige Reihenhaussiedlung wird dieses schöne Bild je bieten können. Schwer, sich vorzustellen, dass man dabei Angst haben könnte…

10 Kommentare bis “Sicher ist sicher”

  1. T sagt:

    Die Angst ist ja – statistisch gesehen – auch unbegründet. Wie du schon schreibst, die Chance, an einem Autounfall beteiligt zu sein dürfte wohl um ein vielfaches höher liegen als die, überfallen zu werden. Zumal bei alten Damen ja sexuell oder politisch motivierte Überfälle eher unwahrscheinlich sind.

    Ansonsten würde ich jedem, der mit Angst durch die Straßen läuft empfehlen, den „schlimmsten Fall“ in Gedanken durchzuspielen und „vorbereitet“ zu sein. In Fall der Damen käme als Motivation für einen Überfall wohl nur Geld in Frage. Der bzw. die Täter möchten die Aktion also schnell und erfolgreich durchziehen. Bekommen sie was sie wollen haben sie schließlich keinen Grund für unnötige Gewalt. Im Fall des Falles sollte überfallene Person also den Tätern klarmachen, dass sie freiwillig Geld, Handy … herausgibt. So hat man am Ende vielleicht 200 Euro verloren und ein bisschen Rennerei Ausweis, Bankkarten etc wiederzubeschaffen. Wie oft hat man wohl das Pech überfallen zu werden?

    Und jetzt stellt man dies dem Verlust an Lebensqualität durch Verzicht (z.B. auf nächtliche Ausflüge) und ständige Angst gegenüber.

  2. Anise sagt:

    Angst hat ja auch viel mit Erfahrung zu tun, wenn schon mal was passiert ist, dann wird man vorsichtiger. Das bringt nur leider das Problem mit, dass man eher zum Opfer wird, wenn man das signalisiert. Ich bin gebürtige Neuköllnerin, und mir ist noch nie was passiert, aber ich habe üble Geschichten gehört. Ängstlich bin ich deshalb nicht, aber ich bin vorsichtig, und das ist auch nicht verkehrt.

  3. waldling sagt:

    Ich kanns auch durchaus nachvollziehen, wie du dich fühlst, nachts durch die Straßen/zwischen den Hochhäusern spazieren zu gehen. Mach ich auch gerne, auch wenn hier im Aussenbereich von München die Hochhäuser garnicht so hoch und die Grünanlagen dafür etwas üppiger sind.
    Dennoch vom Land hergezogen wars zunächst schon ein mulmiges Gefühl, so viele Menschen rundrum und doch alles so unpersönlich. Ich kann die Dame schon verstehen, jemanden dahaben zu wollen, der noch ein offenes Auge hat und direkt drauf angesprochen wurde und dementsprechend auch helfen würde.
    Das Gefühl, komplett entspannt nachts noch ne Runde zu drehen hat sich bei mir endgültig wohl eingestellt als nachts direkt vor mir ein Radfahrer gestürzt ist und ich ihm helfen konnte, da sieht man, dass die meisten Leute die unterwegs sind einfach auch „nur“ normale Menschen sind, dankbar sind, wenn man hilft und am Ende haben wohl die wenigsten böse Hintergedanken und wenn kann derjenige genausogut die Wohnung aufbrechen, also lohnt sich die Angst ausserhalb imo nicht 😀

  4. SaltyCat sagt:

    mal abgesehen vom ernsten Inhalt des Posts – mit dem Regierungsviertel hast du den Vogel abgeschossen 🙂

  5. Anise sagt:

    Das habe ich beim ersten Mal glatt überlesen. Danke, ich liebe solche Spitzen.

  6. zecke sagt:

    Ich war zwar noch nie in Berlin.
    Aber ich denke die Kriminalität gibt es überall egal ob in Berlin Münster oder Zürich…
    Es kommt ja auch ufs Stadtviertel an.
    Ich selber habe nacht s keine Angst. Denn passieren kann immer was auch über den Tag. Und Angst ist immer ein schlechter Ratgeber…
    Finde Dein Blog übrigens sehr gut hab ihn in meinen Feeds drinnen….
    lg die Zecke

  7. Sash sagt:

    @T:
    Meine Meinung. Aber oftmals ist Angst nicht ganz so rational…

    @Anise:
    Vorsicht ist natürlich kein Problem. Ich denke, kritisch wird es erst, wenn man anfängt, sich zu verstecken etc. Wobei ich mit den 5 Jungs aus dem letzten Beitrag ja auch froh war, zum Alex zu fahren und nicht an den Arsch der Welt…

    @waldling:
    Verstehen kann ich es total! Ich bin nur froh, dass es mir nicht so geht. Ich war immer schon Stadtmensch und finde es einfach so geil, ausgerechnet die lebhafte Stadt mal in ihren „toten Stunden“ zu erwischen. Wenn ich an meinen Fußweg nachts von Fellbach nach Stuttgart-Gablenberg denke…
    In der Nacht ist nix – aber auch gar nix – wichtiges passiert. Und trotzdem war es eine der schönsten meines Lebens.

    @SaltyCat:
    Und dir ein Danke fürs Freuen! Hach, was hab ich nach Verbrechensumschreibungen gesucht, um sie für den Gag zurechtzulegen…

    @zecke:
    Danke fürs Kompliment!
    Und klar gibt es überall „Kriminalität“ und überall lauern irgendwelche Gefahren. Wer war nochmal der, der gesagt hat, dass das Leben leider lebensgefährlich ist? Stimmt ja…

  8. Taxi 123 sagt:

    Ich muß sagen, daß ich da vor und nach 1989 unterscheide. Eventuell ist es wirklich nur dei Berichterstattung…. Aber vor 1989 war es ruhiger.

  9. Anise sagt:

    Du darfst aber auch nicht dich vergleichen mit einer durchschnittlichen Frau, die nachts durch einsame Strassen streift.
    Hab mal nachts Zeitungen zugestellt, Angst hatte ich nicht, aber das große Schlüsselbund lag immer in der Faust mit einer Spitze durch die Finger.
    Und die Begegnung mit dem Spinner, der mich gefragt hat, ob ich ihm für 50,- zugucken will wie er sich einen runterholt war nachts um 3 auch nicht so lustig wie sie es tagsüber gewesen wäre.

  10. Sash sagt:

    @Taxi 123:
    Bestimmte Tendenzen lassen sich wahrscheinlich auch erkennen. Inwiefern das für einen einzelnen eine Rolle spielt, ist eben die Frage. Ich hab bisher meist die Erfahrung gemacht, dass es in der Regel wesentlich harmloser ist, als man denkt – wobei das umgekehrt eben auch bedeuten kann, dass es einen wo erwischt, wo man „nie damit gerechnet“ hätte. Wenn ich selber eines auf die Nuss kriege, kann mir egal sein, wie die Kriminalstatistik dieses Jahr aussieht. Für mich war es dann doof!

    @Anise:
    Keine Frage, dass ich da Vorteile hab. Und ich will mich da auch nicht hinstellen und sagen: „Stellt euch nicht so an!“ Das ist Quatsch, und wäre absolut unfair gegenüber denen, denen schon was passiert ist. Ich hab auch schon in der Grundschule über Monate hinweg Prügel angedroht bekommen und das war alles andere als eine angenehme Zeit, auch wenn letztlich „nix passiert“ ist.
    Und das mit dem Spinner klingt reichlich beunruhigend…

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