Koffer ohne Mühen

Ich hab jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder ich freue mich oder ich befürchte, alt zu werden. Über beides denke ich ernsthaft nach, denn ein Kunde hat mich derletzt überrascht mit der Bitte, sitzen zu bleiben – er würde sich seinen Koffer schon selbst aus dem Kofferraum holen.

Dass die Leute ihr Gepäck selbst ausladen, passiert immer wieder mal. Manche rennen z.B. schnell zur Heckklappe, während ich noch die Quittung schreibe. Aber mit Ansage passiert das zumindest hier in Berlin und während der Nachtschicht selten. Dabei hab ich dank meiner Lieblingshalte am Ostbahnhof ja durchaus öfter Leute mit Gepäck.

Wollte mich mein Kunde jetzt schonen oder nur nett sein? 😉

Bisschen anstrengend …

„Guten Abend! Wo soll es hingehen?“

„Nach Rummelsburg.“

„Alles klar, wohin da genau?“

„Du, so genau weiß ich das nicht. An die Bucht jedenfalls.“

„Im Wohngebiet an der Hauptstraße?“

„Nein, eher so … von welcher Seite kommen wir denn dann überhaupt?“

„Na wir fahren jetzt hier die …“

„Ach, jajaja! Entschuldigung, ich will da auch nicht aufdringlich sein und so – überhaupt nicht – aber ich muss das jetzt mal ausnutzen, dass Du ja quasi eine Schweigepflicht hast!“

„Hab ich nicht. Wird vielfach falsch vermutet …“

„Na egal. Ich glaub nicht, dass es für Dich schlimm ist oder so, aber weißt Du, ich hab vorher ein bisschen LSD genommen, da muss ich mich jetzt ein bisschen zusammenreissen.“

„OK, kein Problem. Soll ich jetzt da vorne links ab oder doch eher rechts?“

„Du, das war echt nur ein halber Trip, aber sowas ist jetzt echt’n bisschen anstrengend.“

Er hat sich dennoch instinktiv richtig entschieden und wir sind angekommen. War auch nur ein kleiner Trip 😉

Osama und Lisa (3)

Der stressige Teil der Fahrt war damit vorbei. Unwiderruflich. Während ich ihr ein paar halbgare Infos für mein Navi aus der Nase zog, telefonierte Lisa nun abermals mit ihrem Freund und war sichtlich bemüht, ihm zu erklären, weswegen da vorher irgendein Kerl ins Telefon gebrüllt hat, dass sie ihn betrügen würde.

Ich hab die Fahrt auf der Uhr weiterlaufen lassen und ihr ganz explizit mitgeteilt, dass sie die rund 5 € Ersparnis als Entschuldigung für den Anfang der Tour werten solle. Sie indes war trotz der ganzen Osama-Geschichte immer noch heilfroh, überhaupt ein Taxi gefunden zu haben. Mit Freude vernahm ich, dass sie dem Freund am anderen Ende der Leitung sagte:

„Und bring einen Zehner extra mit runter, den hat sich der Taxifahrer aber sowas von verdient!“

Dieser Überzeugung war ich nicht wirklich, denn eigentlich hatte ich sie ja mehr oder minder mit diesem Quatschkopf bekannt gemacht. Aber was ignoriert man nicht alles, wenn man froh um seine Ruhe ist und die letzte Tour mal wieder die gesamte Schicht rettet?

Die Zeit verging wie im Fluge und wir nutzten sie zum ununterbrochenen Reden. Anfangs über solche Flachpfeifen wie Osama, später dann eher allgemein über die Arbeit, das Leben, was halt so anfällt, wenn man müde vom Arbeiten dem sommerlichen Sonnenaufgang entgegenfährt.*

Das Taxameter ratterte lustig vor sich hin und ich hatte eine unglaublich nette und unkomplizierte Kundin an Bord, ich hab wirklich gemerkt, wie Stress und Anspannung komplett von mir abgefallen sind. Die letzten Kilometer waren dann mehr eine private Fahrt, wir redeten inzwischen über die Kunden, als wären wir Kollegen und nicht sie etwa Teil meiner Kundschaft. Aber das kenne ich von Gastronomie-Mitarbeitern. Uns eint da tatsächlich einiges und was da gesagt wird, bleibt irgendwie in der Familie.

Zu guter Letzt hat sie ihren Freund zum Bezahlen angeklingelt und als ich vors Haus gerollt bin, wo selbiger schon wartete, zeigte die Uhr 50,60 € an. Einen Zehner hatte ich schon, der nächste wurde mir in diesem Moment gereicht:

„So, das hier ist schon mal dein Trinkgeld!“

Aber es wurde noch besser!

„Und jetzt sag einfach, dass es 50,60 € sind!“

„Aber …“

„Sag es einfach.“

Ich kann das ja nicht. Ich hatte (rund) 40 € offen, selbst wenn das Trinkgeld das Trinkgeld ist. Glücklicherweise hatte ich schon Kasse gedrückt und der Betrag verschwand von der Uhr. Ich drückte mich vor der Lüge und überließ ihr die Ansage:

„Schatz, das sind 50,60 €, ach 50 sind ok! Der Taxifahrer hat das echt verdient!“

Der Freund, ein auf den ersten Blick eher als Türsteher geeigneter Typ mit groben Gesichtszügen, die er weitgehend unter einer Sonnenbrille verborgen hielt, sah für die Uhrzeit und sein sonstiges Erscheinungsbild unglaublich nett und mildtätig ins Auto und reichte mir den Fünfziger. Und obwohl dieser Mensch eine halbe Stunde zuvor extrem seltsame Dinge am Telefon gehört hatte, nahm er es auch allenfalls zur Kenntnis, dass seine Freundin dem Taxifahrer nun noch unbedingt einen Abschiedskuss aufdrücken musste.

Und danach Feierabend. 20 Kilometer über Autobahn und Landstraße, Musik auf Anschlag, ein Lächeln im Gesicht. So muss das.

*Das war ein Bild überdramatisierender Romantik, die Sonne stand schon recht hoch, es war gegen 6 Uhr.

PS: Und falls jemand die Rechnung jetzt nicht verstanden hat: Die Tour hat mir 50,60 € auf der Uhr gebracht und 19,40 € Trinkgeld kamen obenauf. Ich habe mehr als ein Drittel der Kohle in der gesamten Schicht mit dieser Fahrt gemacht und das Ende war zudem entspannend wie kaum irgendwas in den letzten Monaten. Manchmal hat man im Nachhinein gesehen einfach alles richtig gemacht. Und manchmal … naja, fragt Osama, wenn ihr ihn trefft!

Osama und Lisa (1)

Abend oder Morgen? Die Sonne hatte den Horizont bereits überschritten, aber mir fehlten noch ein paar Euro auf der Uhr, um beruhigt Feierabend machen zu können. Die Frage nach einer angemessenen Tageszeitbeschreibung kam aber gar nicht auf, als mir der junge Mann bedeutete, ich solle einsteigen, um ihn zu fahren. Begrüßt hatte er mich eine Sekunde zuvor mit dem vielsagenden Laut: „Hsslssmmmhah!“ Oder so ähnlich.

Ich war etwa das zehnte Taxi von zwanzig in der Schlange und sonderlich großraumbedürftig sah er nicht aus. Etwas irritiert und überrascht war ich also nicht ganz ohne Grund. Ich musterte den Typen vorsichtig und konnte nicht viel aus ihm herauslesen, außer dass er blau war wie Picassos Periode. Er wollte wohl so um die 30 sein, eher kleinerer Wuchs, aber sportlich. Oberhalb des enganliegenden T-Shirts bestand der Typ aus einem Grinsen mit abenteuerlich großen Zähnen und einer hellbraunen Glatze. Er verfiel umgehend in eine Art Wühltätigkeit, die seine Taschen betraf.

„Wo soll es denn hingehen?“

„Haha, Alter! Keine Ahnung! Feiern!? Ich hab kein Plan. Wo sind wir hier überhaupt?“

„Wir sind am Berghain.“

„Berghain? Oh nee. Hat noch ein anderer Club offen?“

„Sicher, so spät ist es ja nicht. Das Watergate z.B.“

„Watergate. Das is gut! Bringste mich dahin?“

„Klar.“

Während ich startete, förderte sein ständiges Wühlen einen Batzen Fuffis zum Vorschein. Die 6€-Tour mit einem solchen beglichen zu bekommen, stand jetzt nicht unbedingt oben auf meiner Wunschliste, aber es war dennoch angenehm zu sehen, dass der Kerl Kohle hatte. Er selbst jedoch sah das anders und bemängelte den Verlust von viel Geld. Ich entwickelte eine Ahnung davon, wie es dazu kommen konnte, denn er verteilte seinen noch verbleibenden Reichtum, grob geschätzt 500 €, beim weiteren Suchen hemmungslos in meinem Auto. Dass kein Schein aus dem Fenster geweht wurde, war auch alles.

Plötzlich bat er mich an der Eastside-Gallery anzuhalten. Ich blickte etwas mitleidig zu einer potenziellen Winkerin hinüber, befürchtete gar, er würde jetzt auch noch mit Bagger-Versuchen während einer Zwei-Kilometer-Tour anfangen wollen. Andeutungen in die Richtung hatte er davor durchaus durchscheinen lassen. Aber ich hatte Glück. Ich ließ die junge Dame am Straßenrand stehen und hielt mit meinem kuriosen Fang ein paar hundert Meter weiter. Und – das sei erwähnt – lediglich 400 Meter vor dem eigentlichen Ziel.

Fast panisch sprang mein Fahrgast aus dem Wagen, um an seinem Körper und im Auto weiter nach Geld zu suchen. Einen Fuffi legte er mir gleich aufs Armaturenbrett, als Vorschuss quasi.

Fortsetzung folgt …

Bruda!

Kommunikation kann anstrengend sein.

Der Winker kam genau richtig. Ich hatte kurz zuhause Pause gemacht, nachdem die Nacht eher mäßig gestartet war, dann stand er aber nach dem Neustart fast schon umgehend vor dem Auto. Strike!
Was die Kommunikation mit ihm schwierig gemacht hat, war, dass er ein sehr schlechtes gebrochenes Deutsch sprach und wir uns irgendwie nicht so recht auf Englisch eingrooven konnten. Ich hab also ständig – teilweise auch noch leise gemurmelte – Halbsätze erraten müssen. Die Zielstraße hatte ich schnell herausgefunden, es hat aber schon anderthalb Minuten gedauert, bis ich wusste, dass er die Nummer gar nicht kennt und mir das zeigen wollte. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon fast an der Straße, die Fahrt wäre auch als Kurzstrecke durchgegangen.

Abgesehen von der stockenden Kommunikation war mein Fahrgast ein resolut aber sanft auftretender Schwarzer mit einem relativ teuren Anzug. Alter: Weit jenseits der 50. Eine etwas deplaziert wirkende Erscheinung nachts um 2 Uhr an einer Straßenbahnhaltestelle in Berlin-Marzahn. Und seine Zieladresse – ein Imbiss – passte auch nicht besser. Ein bisschen irritiert war ich jedenfalls. Als er mich mit vielen schwer verständlichen Worten ans Ziel gelotst hatte, schaltete ich wie stets das Licht ein und nannte den Fahrpreis. Es waren 6,40 €.

„Tscha, hab’sch leider kein Geld, Bruda!“

seufzte es aus dem Fond.

In so einem Moment schießen mir immer tausend Gedanken auf einmal durch den Kopf. Auch völlig widersprüchliche:

„Wusste doch, da stimmt was nicht! Egal: Vielleicht hat sein Kumpel die Kohle! Was will der eigentlich hier? Meint der das ernst? Komm, 6,40 hat der sicher noch! Gott sei Dank keine lange Fahrt! Soll ich die Cops rufen? Will er abhauen? Ich hab Hunger!“

All das. Und noch ein bisschen mehr.

Ein kleiner Teil von mir muss wohl gezuckt haben, denn als ich mich umdrehte, kriegte sich der alte Mann vor Lachen kaum noch ein. Er amüsierte sich prächtig darüber, dass ich ihm scheinbar geglaubt habe und beruhigt mich, dass er natürlich bezahlt, während er mir hechelnd einen Zehner überreicht:

„Hassu glaubt, Bruda? Zahl’sch dich nich!“

Ich hab bei der entsprechenden Stunde in der Humor-Schule wohl gefehlt. Wobei ich zugeben muss, dass zum einen der lachende Opa ein echt drolliges Bild abgab und es zum anderen immer noch besser ist als der blöde Witz mit dem Überfall.

Kontrollverlust

„Oh Du, jetzt hab ich nur noch’n Fuffi. Geht das?“

„Das passt. Klein wäre schöner gewesen, aber was soll’s?“

„Wollt ich, aber ich hab das nich‘ so unter Kontrolle mit dem Wechselgeld.“

Kennen wir alle 🙂

Araber, Juden und die EM 2012

Oder: „Die Iraner isse besoffen!“

Obwohl ich bei dieser Fußball-EM für mich bisher ungewöhnlich viele Spiele gesehen hab, ist mir das ganze Getue auch dieses Mal wieder auf den Wecker gegangen. Ich unterhalte mich zwar auch als nicht sonderlich fußballinteressierter Mensch mal gerne über ein Ergebnis (ist ja nicht so, dass mich das Wetter – sonst gerne Smalltalk-Thema – rasend begeistern würde!), aber irgendwie hatte man dann doch wie immer das Gefühl, die vorherrschende Logik wäre folgende:

„Ich brülle lauter und beleidige dein Heimatland besser, also gewinnt mein Team – und zwar zurecht!“

Dass nicht einmal die meisten Kollegen irgendeinen Zugang zu meiner Aussage „ist mir eigentlich egal, ob die Deutschen gewinnen“ fanden, versteht sich ja leider fast schon von selbst. Die meisten Leser hingegen werden wissen, dass ich nicht viel von Patriotismus – und noch weniger von Nationalismus – halte. Dass ich Multikulti noch immer nicht für ein Schimpfwort halte, liegt neben vielem anderen auch an meinen Fahrgästen. Viele von euch haben über die Spinner meiner „Alles eins„-Tour gelacht, heute nacht gab es Nachschub.

Erst kurz zuvor hatte ich ein paar Torfköpfe im Auto, die glaubten, dank der EM-Spielberichte aus der BILD könnten sie nun gut informiert über europäische Finanzpolitik reden, da tippelten zwei massige junge Männer mit eher südländischem Aussehen zu meinem Taxi am Ostbahnhof. Ähnlich der Gestalten der oben verlinkten Tour waren sie mir erstmal nicht unbedingt sympathisch, aber das änderte sich schnell. Ich hab klargestellt, dass ich keine Festpreise mache und sie akzeptierten das. Dann jammerten sie zwei- bis dreisprachig über das eben erst beendete EM-Spiel zwischen Spanien und Frankreich. Sie hatten wohl unterschiedliche Wetten plaziert, Heimatstolz trieb offenbar keinen der beiden:

„Ach, sag isch: Hör nicht auf den da hintern! Der ist von Iran!“

„Jaja Mann! Aber den Holzkopf vorne ist Jude!“

„Immer vorsichtig mit Mensche von Iran, sag ich!“

„Geh doch heulen bei wie heißt der? Netanjahu?“

Da hatte ich mir ja gleich das Weltkrisengebiet schlechthin ins Auto gepackt. Super! Im Gegensatz zu ihren oftmals aber doch eher … naja … festgefahrenen Landsleuten nutzten die beiden den ja nicht gerade lächerlichen Konflikt allenfalls zum gegenseitigen Necken. Da könnten sich einige mal ein Scheibchen von abschneiden!

„Alta, bis‘ du morgen Scheißen-England oder Italien?“

„Kein Plan, was wetten?“

„Alta, wirst du so verlieren, weil du morgen England bist!“

„Voll egal, wo ich bin: Deutschland putzt eh weg! Wird Deutschland Aropameister!“

„Haha! Has‘ gehört dem Iraner? Sagt Arabermeister!“

„Hab ich net!“

„Hat gesagt Arabermeister, der alte Araber!“

Daraufhin fingen sie an, die wichtigste Frage all derer zu klären, die bis auf ihre nationale keine sonstige Identität zu haben scheinen: Ob denn „die Araber“ im deutschen Team deutsch seien. Ein Bisschen hatte ich immer noch Sorgen, das könne eklig werden, aber am Ende haben sie sich darauf geeinigt, dass „wer hat Pass und will spiele für Deutschland is Deutsche!“ Und dass sie so wie sie spielen ruhig Arabermeister werden könnten … 😉

Mit der Zeit hatte ich Tränen in den Augen, weil die beiden echt lustig geworden sind. Der Iraner, so wurde mir erzählt, würde nur so dusseliges Deutsch reden, weil er erstmals Alkohol hätte trinken können und der offenbar wirklich aus Israel stammende andere bekam vorgeworfen, dass er ja nun nur für die Italiener sei, weil die wiederum weniger trinken würden als die Engländer, was seit heute – im Namen Allahs! – überhaupt keine gute Idee mehr sei. Oder so.

Die beiden haben einfach eine perfekte Parodie geliefert auf all die unnützen Scharmützel da draußen, auf all die Scheiße, die im Namen von Nationen und Kulturen täglich passiert.

Natürlich, die Welt ist nicht so einfach wie eine Taxifahrt vom Ostbahnhof nach Charlottenburg! Aber verdammt, was würden wir alle gut daran tun, es wenigstens mal auf diesem Weg zu versuchen!