„Danke!“

Ich kam am Ostbahnhof an und hätte mich an dritter Stelle einreihen können. Das heißt: Ich konnte es tatsächlich, stand aber eine Weile lang ziemlich schief auf der Straße, weil der Kollege auf Platz zwei gerade mit einem nicht mehr ganz taufrisch wirkenden jungen Mann beschäftigt war, der sich heftig schwankend ins Beifahrerfenster seiner Taxe lehnte. Ich wartete geduldig, und siehe da: Der junge Mann zieht seinen Kopf zurück und der Kollege rückt vor.

Ich rücke gleich nach, und auch hinter mir fährt bereits ein weiteres Taxi an den Stand. Da der Kollege vor mir sofort aussteigt – ganz offensichtlich, weil er seine Scheiben noch wischen will – tue ich es ihm gleich und frage, was der Kerl denn wollte. Der Kollege antwortete mit einem Hauch Besorgnis:

„Wenn ich das wüsste! Ich hab ihn ja hergebracht. Vom Watergate. Der is‘ unterwegs eingepennt, hier dann ausgestiegen, dreimal um den Stand getorkelt und will jetzt irgendwo anders hin. Aber wohin, das blick ich nicht. Der ist total besoffen und deutsch kann er auch nicht wirklich.“

Mit so einem hatte ich ja letzte Woche schon das Vergnügen. 🙁

Ich sehe mich also mal um – und siehe da: Der junge Mann saß bereits im Wagen hinter mir. Der Kollege dort am Steuer sah alles andere als glücklich aus, fuhr aber letztlich los. Warum auch immer er diesen wirklich stark nach Kotzen aussehenden Kerl mit der unklaren Zielangabe hat einsteigen lassen. Dass ihm das nicht geheuer war, sah man ihm an – und ich nehme es ihm kein bisschen übel.

Was allerdings wirklich daneben war, war dass er neben mir und dem Fahrer an Position zwei anhielt und dem Kollegen ein verächtliches „Na Danke auch!“ an den Kopf warf. Denn der hatte den Fahrgast nicht ohne Grund abgelehnt und das hätten wir alle tun können. Da werden tagtäglich kurze Fahrten widerrechtlich abgelehnt – aber in so einem Fall kann man sich wirklich mal darauf berufen, dass der Mann die betriebliche Ordnung und Sicherheit gefährdet.

Der verbleibende Kollege und ich haben uns zwar kurz ein wenig sparsam angesehen, haben uns dann aber entschieden, das nicht weiter mit Beachtung zu belohnen. Was soll man auch machen? Wir waren uns beide einig, dass wir gerne helfen, wenn es geht. Aber ohne Fahrtziel und dann noch zusätzlich kurz vor Auswurf ist eben was, wo auch wir Taxifahrer mal nein sagen können. Glücklicherweise.

Überraschendes

Die 1925 stand recht einsam auf der zweiten Rücke, will heißen: andere Straßenseite. Ich stand bei Kollege Werner am Auto und diskutierte wie jeden Abend mit ihm die mittelprächtigen Umsätze. In solchen Situationen bin ich manchmal fahrlässig. Ich lasse das Auto offen, so lange ich es noch gut im Blick hab. Insgesamt ist der Taxistand am Ostbahnhof ja eine recht belebte Gegend, aber so lange ich binnen 5 Sekunden am Wagen bin, mache ich mir keine Sorgen, dass da was passiert. Zumal die Kollegen ja auch immer ein Auge offen haben.

Nun näherte sich eine etwas verpeilt wirkende Gestalt meinem Auto und ich konnte ausnahmsweise nicht sofort über die Straße rennen, weil ein Auto kam. Ich signalisierte meine Bereitschaft durch ein Rufen, doch der Kerl nahm mich gar nicht wahr. Als ich sah, wie er die Türe öffnete und einstieg, hatte ich kurz Panik, die aber umgehend verflog, als ich dann endlich ans Auto kam. Der Typ hatte sich einmal auf die Rückbank geschmissen und hatte die Augen zu. Soweit ja ganz gut, aber: WTF?

„Moin. Wo soll’s denn hingehen?“

fragte ich ihn, als ich mich auf den Fahrersitz schmiss.

„Nirns. Ischlafhiernur!“

„Ähm, nee. Also das wird nix!“

„Najutdannfahrnwerhalt …“

„Wohin?“

„Na, ersmaschöneweide.“

Na, aber hallo. Auch noch eine gute Tour. Hab ja nicht wirklich viel erwartet bei der Sache. Das im Übrigen auch mal als Hinweis an die Kritiker, die mein Verhalten bezüglich meines Frustfangs neulich für zu locker hielten.
Die nächsten 20 Sekunden verbrachten wir mit einer ziemlich gestammelten Unterhaltung, bis er sich aufrappelte und meinte:

„Ich kann so’n Scheiß nicht lange aufrecht halten, sorry. Bin’n Leser. Aber hey: Gute Reaktion!“

Erwischt! Voll erwischt! Ich hatte echt nicht den Hauch einer Ahnung. Aber natürlich war ich froh darum, dass die Fahrt sich nun deutlich einfacher gestaltete als mit einem Totalausfall, der im Taxi nur pennen will. 🙂

Ich war an dem Abend wirklich nicht in Höchstform, beinahe hätte Micha es sogar geschafft, mich beim Bezahlen um einen Fünfer zu bringen – was ich aber als Scherz werte, keine Sorge. War auf jeden Fall mal wieder ein sehr innovativer Versuch, hier im Blog erwähnt zu werden!

Ich bin froh, dass mich nicht alle so auf die Schippe nehmen, wenn sie mich treffen, aber ich kann über sowas durchaus lachen. Bei ’nem Fünfer Trinkgeld umso mehr. 😉

Fahrtenklau (2)

Ein paar Tage länger her als der Fahrtenklau jetzt ist eine Geschichte, die am NH Hotel Alexanderplatz (das bekanntlich alles andere als am Alexanderplatz liegt) stattfand. Ansonsten war sie eigentlich vergleichbar.

Ich fahre an dem Hotel vorbei und werfe mehr zufällig einen Blick auf die Hotel-Vorfahrt. Schüchtern scheint dort jemand zu winken. Ich überlege, es zu ignorieren, schließlich bin ich eigentlich auf dem Heimweg. Dann überlege ich es mir (reichlich spät) doch anders, bremse und fahre in die zweite Auffahrt, um von dort aus zum Fahrgast zu gelangen. Der kommt schon auf mich zu, ein freundlicher Anzugträger mit nervösem Lächeln im Gesicht.  Seine schlohweißen Haare wehen im Wind, als er sich ins Auto beugt und meint:

„Ach, eigentlich hatte ich ja bestellt …“

„Wie lange warten Sie denn schon?“

„Naja …“

sagt er und setzt sich.

„Das sind jetzt so fünf Minuten. Und es hieß, das Taxi komme in vier …“

In dem Moment kam mir ein Kollege entgegen. Vorschriftsmäßig war an seiner E-Klasse die Fackel ausgeschaltet. Der Verdacht, er sei der Fahrer mit Auftrag, lag nahe.

„Na, dann wird das dort der Kollege sein, oder?“

„Ja, kann sein.“

„Dann würde ich sie bitten, doch kurz das Auto zu wechseln. Er freut sich sicher.“

„Meinen Sie? Soll ich wirklich?“

„Ganz bestimmt. Es wäre nicht nett, wenn ich ihm die Tour klaue.“

„Verstehe. Einen schönen Tag noch. Und: Danke, dass Sie angehalten haben!“

Und ich hatte immerhin wie geplant Feierabend. Zwischenrein hat der Kunde noch gesagt, dass er gerne zum Alex möchte. Wäre also eh keine weite Fahrt gewesen. Und der Blick des Kollegen, als ich den Fahrgast weitergereicht habe, war die vielleicht 3,50 € Verdienst absolut wert. Auch er hatte nicht mit sowas gerechnet, das sah man ihm DEUTLICH an. Ich bin aber schnell weiter, Feierabend und so.

Mal abgesehen von diesen beiden Erlebnissen hatte ich das aber auch schon andersrum: Dass mir ein Fahrtenklau vorgeworfen wurde, den ich gar nicht begangen hab …

Schichtzusammenfassung

Nee, was schön!

Mal wieder eine richtig arbeitsreiche Schicht gehabt. Und irgendwie hab ich das sogar hingekriegt, ohne das Vergessen meines Deos bei höheren Temperaturen langfristig zu bereuen. Zugegeben: Lang war die Schicht nicht. Neuneinhalb Stunden passgenau, davon sind aber inklusive An- und Abfahrt fast anderthalb zugunsten der Abenteuer draufgegangen, die das kleine 1925chen heute im umsatzfreien Betriebsmodus erlebt hat.

Es lief alles ganz normal, die ein oder andere Fahrt schafft es die nächsten Tage hier zu GNIT, keine Sorge … 🙂

Was auffiel, war das Trinkgeld. Das war allerunterste Grenze dessen, was gemeinhin so normal ist bei mir. Nicht, dass ich ernstlich unzufrieden gewesen wäre – auch wenn einige in letzter Zeit offenbar den Eindruck hatten – es war eben einfach statistisch auffällig. Aber, und das möchte ich inbesondere an die Kollegen loswerden, die sich tatsächlich ärgern über wenig Trinkgeld:

Es gleicht sich alles aus!

In dieser Schicht war es aber bis zum Ende knapp, ganz ehrlich. Trotz ein oder zwei sehr guten Tips wollte der Prozentsatz nicht über die magischen 10,00 springen. Menno! Dann die letzte Tour:

Winker. Und seit der letzten Kundin hatte ich noch keinen Kil … ach, nicht einmal 500 Meter hatte ich seit da zurückgelegt. Aber ich war auch schon müde und in mir reifte langsam – aber mit Nachdruck – die Überlegung, trotz der frühen Uhrzeit Schluss zu machen …

Was passierte? Zwei Leute, zwei Adressen. Beide in Marzahn (Ich konnte das Auto heute mit nach Hause nehmen). Am Ende noch ein sehr nettes Gespräch (Bei dem ich z.B. diese wahnwitzige Tour als Gesprächsthema unterbringen konnte) und 24,60 € auf der Uhr. Und, typisch Gastronomie-Mitarbeiter: Hier haste 30. Ach warte, einen Euro hab ich auch noch so.

BAM! 🙂

Kollegiales

Die mit weitem Abstand besten Taxikunden sind Taxifahrer. Daneben gilt:

Die mit weitem Abstand schlimmsten Taxikunden sind Taxifahrer.

Kommt halt immer drauf an. Ich merke an mir, wie sich die Einstellung zu einer Dienstleistung ändert. Ich fahre definitiv häufiger Taxi als vor meiner Zeit als Fahrer. Schon alleine, weil ich die Preise besser einschätzen kann und das Ganze nicht mehr so unheimlich und fremd ist. Ich gebe auch mehr Trinkgeld, weil ich ja weiß, wie sehr man sich darüber freut. Ich bin darüber hinaus ein wenig gelassener, weil ich weiß, an welchen Punkten der Job manchmal schwieriger als erwartet ist – da will man dann nicht noch der mäkelnde Kunde sein.

Aber: Ich bin auf der anderen Seite auch viel kritischer. Selbst, wenn ich das so gut wie nie wirklich ausspreche. Ich kann mich nur ungenau an die letzten drei Taxifahrten nach Hause erinnern, aber ich weiß verdammt nochmal, dass keiner der Fahrer den wirklich kürzesten Weg gefahren ist. Bei der Fahrt aus der City zu mir geht es da nur um eine Ecke, die macht auf der Uhr auch nur knapp 40 Cent aus, aber ich finde es erstaunlich, dass keiner auf die Idee kam, diese wohlbekannte Abkürzung zu nutzen. Einfach, weil ich es besser weiß. Und das ist irgendwie fast schon belastend. Denn an anderen Ecken kenne ich mich nicht so gut aus und hab das selbe wohl ebenso oft gemacht. Aber man denkt sich: „Falsch. Falsch! FALSCH!!!“

Entsprechend zwiespältig war meine Meinung demnach, als mein Tagfahrer mich gefragt hat, ob ich ihn nicht zum Flughafen fahren würde, wenn er in den Urlaub reist. Zumal er den Job ja noch länger macht und bei Bedarf sicher genug zu meckern hätte. Auf der anderen Seite kenne ich ihn ja – das ist immer gut – und als Gesprächsthema bot sich schon alleine die 1925 an, die von einem Tag auf den anderen plötzlich anfing, Zicken zu machen. So gesehen hab ich’s gern gemacht, ich hätte es auch ohne Bezahlung getan. Ist natürlich der erste Gedanke, wenn man einem Kollegen helfen kann.

(Kleiner Einschub: Das ist immer völlig kurios bei bekannten Kollegen. Als Fahrgast will man immer bezahlen, als Fahrer kein Geld dafür haben. Das artet oft in ziemlich sinnfreie Überredungsversuche in alle Richtungen aus. Aber so ist es halt: Als Kunde zahle ich selbstverständlich – und auch mit Trinkgeld – gerade, wenn ich das Glück hab, einen bekannten Kollegen zu erwischen. Als Fahrer bin ich mit Bekannten einfach nicht so wirklich geschäftlich unterwegs, sondern halb privat, also warum sollte ich Geld verlangen oder auch noch Trinkgeld annehmen? Beides verständlich, nur eben sehr kontraproduktiv.)

Und mein Tagfahrer hatte längst die Taxikosten in seine Reise eingepreist, also hab ich mich nicht gewehrt. Zumal er ja auch Samstag morgens fahren wollte, DIE Zeit schlechthin für guten Umsatz. Da sind 35 € mehr oder weniger schon so eine Sache.

Kurz gesagt: Ich hab es gemacht und es war eine überaus angenehme und problemlose Fahrt – und damit ein gutes Sahnehäubchen auf einer eigentlich schon ganz brauchbaren Schicht. Selbst wenn mein Tagfahrer und ich sicher nicht in allem übereinstimmen – er ist ein netter Kerl und ich kann nur einmal mehr darum bitten, nicht ihm das Leben schwer zu machen, nur weil er das gleiche Auto fährt wie ich.

Ich werde ihn auch auf dem Rückweg abholen – immerhin sind bestellte Touren in Schönefeld ja möglich – und ich freue mich drauf. Auch wenn Taxifahrer die schlimmsten Taxikunden sind. Schließlich sind Taxifahrer auch mit weitem Abstand die besten Kunden im Taxi, wie eingangs erwähnt …

Erste, äh … Schicht?

Nee nee, lieber Juni: Das, was da heute Nacht ablief, das vergessen wir beide schnell wieder und machen das ab sofort besser!

Es waren wirklich ein paar trostlose Stunden auf der Straße heute. Die erste verlief ganz ohne Kundschaft. Also hab ich die 1925 fleißig rausgeputzt. Während ich mit einem Kollegen ausgiebig die Unergiebigkeit der Schicht erörtert habe, kam wenigstens ein rettender Anruf. Jo, seines Zeichens langjährige Taxi- und Blogbegleiterscheinung, sowie angehender DJ, hat gefragt, ob ich ihn einmal mehr nach Hause fahren könnte. Na und ob!

Die Touren mit Jo sind immer gekennzeichnet durch nette Gespräche mit besonders filigran sortierter Situationskomik – die ich leider nicht einmal ansatzweise in schriftliche Form zu bringen in der Lage bin. Schlecht für GNIT, für mich aber so gut wie Pause.

In Prenzl’berg hab ich noch eine Kurzstrecke mitgenommen, um dann, nach längerem Gegurke, am Ostbahnhof festzustellen, dass die Schlange ungefähr doppelt so lang war, wie eine Stunde zuvor – wo ich ja bereits ewig gewartet hatte. Also drauf geschissen und gleich vor der Landung wieder durchgestartet gen Heimat.

Ein kurzer Hoffnungsschimmer kam am NH Hotel Alexanderplatz (das nicht am Alexanderplatz liegt) auf, als dort ein Mann winkte, der zum Alexanderplatz wollte. Kaum jedoch, dass er zu verstehen gab, er hätte eigentlich bestellt, kam auch schon ein Kollege ums Eck. Ich hab ihn gebeten, doch bitte bei selbigem einzusteigen, was mir leid tat, dem Kunden egal war und dem Kollegen eine unglaubliche Erleichterung ins Gesicht zauberte. Na wenigstens das mit der guten Tat hab ich noch hingekriegt.

An der Landsberger Allee, Ecke Petersburger, hatte ich dann wirklich noch einmal Glück. Glück im Unglück sozusagen. Denn die Kundin dort stiegt nur ein, weil die Bahnen dort aufgrund eines Unfalls ein paar Meter weiter liegengeblieben waren. Erstklassigerweise betraf das auch die Linie zu mir nach Hause. An der Unfallstelle waren sie jedoch bereits am Aufräumen und die Tour führte mich fast punktgenau zu meinem Abstellplatz. Also hab ich’s dann wirklich aufgegeben und kurz die 15 Minuten auf die Bahn gewartet.

Die große Umsatzparty ist also einmal mehr aufs Wochenende verlegt. Außerdem fährt mein Tagfahrer in den Urlaub. Ich werde das Auto also auch noch vor der Tür stehen haben. 🙂

Temperamento germano

Als ich ins Licht trat, wollte ich meinen Augen kaum glauben:

„Eine Hauptstraße? Ehrlich? Was soll der Scheiß denn jetzt?“

Die Welt hatte sich eindeutig gegen mich verschworen, denn an dieser verfickten Stelle sollte der Bahnhof zum Umsteigen sein. Ich schwitzte, mein Reisegepäck hing mir schwer auf der Schulter und die Schmerzen in meinem Bein waren kurz vor der finalen Stufe „unerträglich“.
Bis vor fünf Minuten war die Sache noch einfach dumm gewesen, jetzt wuchs mir das alles über den Kopf. Fünf Tage zuvor war ich in Berlin aufgebrochen, das Ziel war zunächst ein Kaff im Rems-Murr-Kreis, danach ging es mit 20 Kids und 5 weiteren Betreuern nach Nordspanien. Eine Freizeit. Die Anreise kostete mich irgendwas um die 30 Stunden. Anstatt nun zwei Wochen Spiel und Spaß mit den Kindern zu genießen und eine schöne Zeit zu haben, hatte ich mich bereits am ersten Nachmittag am Strand verletzt.
Nachdem die ungefähr 105-jährige Ärztin am Campingplatz vor Ort mich aufgemuntert und via Behelfsdolmetscher (der gerne so ähnliche Worte wie Jacke und Hamsterkäfig verwechselte) eine Zerrung diagnostiziert hatte, wusste ich nun, ein paar Tage später, dass das Wadenbein durch war. Sauberer Bruch, soweit kein Problem – sagte zumindest der deutsche Arzt des Nachbarortes, nachdem er mich zweimal geröngt hatte:

„Wir müssen nochmal. Da hatte ich, hihi, wohl die Dosis zu niedrig eingestellt und sie sind ja schon etwas kräftiger gebaut …“

So sauber der Bruch auch war – und so angenehm die futuristisch anmutende verstellbare Schiene sein sollte: Ich hätte vielleicht voraussehen können, dass es sich mit einem gebrochenen Bein und zwanzig Kilogramm Gepäck nicht wirklich komfortabel durch die spanische Mittagshitze laufen lassen würde.

Da die Freizeit hauptsächlich aus sportlichen Aktivitäten bestand und ich zudem schon bei den rund 200 Metern zum nächsten Klo jedes Mal Höllenqualen litt, war mir ein frühzeitiger Heimflug organisiert worden. Am Tag des Barcelona-Ausfluges von ebendort. Nachdem ich mich von der Gruppe getrennt hatte, sollte ich laut Linienplan mit einmal Umsteigen zum Flughafen kommen. Zeit hatte ich ungefähr sieben Stunden, da war die Planung großzügig.

Und ja, da stand ich nun. Mitten in der Stadt auf irgendeinem Prachtboulevard, auf den ich gelangt war, nachdem ich versucht hatte, der spanischen Beschilderung zum Gleis der Flughafenlinie zu folgen. Meter um Meter bin ich einem endlosen Tunnel ins erlösende Licht gefolgt, nur um am Ende festzustellen, dass ich mich zwar tot fühlte, aber immer noch in Barcelona war. Und zwar offensichtlich weit entfernt von meinem Gleis. Wo ich stand, deutete nichts auch nur auf die Existenz eines schienengeführten Verkehrsmittels hin.

Also beschloss ich, mich an die straßengebundenen zu halten.

Ich winkte das nächstbeste Taxi heran und wurde mit einem unwahrscheinlich lauten und enthusiastischen Wortschwall auf Spanisch empfangen. Ich wollte eigentlich schnell einwerfen, dass ich nur deutsch und englisch spreche, aber ich musste mir den Monolog erst einmal anhören, bis ich unterbrechen konnte. Mein Gegenüber war eine zierliche kleine Frau mit langen schwarzen Locken, eher groben Gesichtszügen und einem geschätzten Alter von etwa 40 Jahren. Meinen Einwand, ich wäre leider nur ein Tourist aus Deutschland und könne allenfalls auf Englisch kommunizieren, beantwortete sie mit einem weiteren Monolog, der sich nach nur ungefähr anderthalb Minuten tatsächlich als etwas entpuppte, das sie für Englisch hielt. Aber was hätte ich erwarten sollen? Ich war ehrlich gesagt verdammt froh, dass sie mich überhaupt verstand. Meine Spanischkenntnisse waren zwar nach dem Studium des Linienplans zwar um 20% umfangreicher, was aber lediglich hieß, dass ich nun außer „dos cervezas por favor“ auch „aeropuerto“ sagen konnte. Wobei ersteres bei der Frau sicher auch lustig geworden wäre.

Gemeinsam haben wir mein Gepäck in den Kofferraum ihres runtergerockten 124er-Mercedes gewuchtet, danach hab ich auf einem leicht ins gräuliche abdriftenden Fellbezug auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Meine Fahrerin hat mir extra den Sitz weitestmöglich zurückgestellt, damit ich mit möglichst ausgestrecktem Bein sitzen konnte. Im Grunde konnte ich sowohl sitzen als auch stehen – geschmerzt hat vor allem das An- und Abwinkeln im jeweiligen Moment.
Ich erklärte ihr, warum und dass ich zum Flughafen wollte, was sie mit enthusiastischen Sätzen quittierte, die ich allenfalls zur Hälfte verstehen konnte.

Aber – und das muss man wirklich sagen – sie war nett und zuvorkommend. Aber eben auch sehr gesprächig.

Dass sie das „temperamento germano“ zu schätzen wüsste und deutsche Autofahrer bewunderte, war allenfalls halbironisch gemeint. Denn beim Fahrstil orientierte sie sich alsbald an deutschen Autobahndränglern der schlimmsten Sorte. Dass ich mehrere Stunden Zeit hatte, wusste sie – zumindest hatte sie vorgegeben, mich zu verstehen. An der Sache geändert hat das nichts. Hoffe ich zumindest. Denn sollte das, was mir in den folgenden 25 Minuten passiert ist, die harmlosere Variante sein, dann Hut ab vor allen, die den Normalbetrieb überlebt haben!
Dank des dichten Verkehrs war es kaum möglich, schneller als 100 km/h zu fahren, das jedoch tat sie konsequent. Ich hab, damals selbst auf dem Weg zum Taxifahrer, plötzlich einige erweiterte Kenntnisse über die Fahrphysik von Autos kennengelernt. Zum Beispiel wusste ich nicht, dass sich Spurwechsel auch tätigen lassen, wenn die auf der zu erreichenden Spur vorhandenen Lücken zweifellos kleiner sind als das Auto, das man in sie hineinquetscht. Und bezüglich Multitaskingfähigkeit lag die Dame auch weit vorn, immerhin beherrschte sie es, gleichzeitig zu hupen, zu drängeln, währenddessen zu bremsen und mir eine Zigarette anzubieten.

Ich bin kein schreckhafter Beifahrer, aber während der vielleicht knapp zwanzigminütigen Fahrt hab ich das Bodenblech auf der Suche nach einer Bremse soweit durchgetreten, wie es nur ging. Was die gute Frau nicht davon abbrachte, mir nebenbei und den Blick von der Straße nehmend zu berichten, wie sehr sie an den Deutschen schätzen würde, dass die so zivilisiert fahren würden. Nee, is‘ klar!

Abgesehen von der ein oder anderen Nahtoderfahrung hab ich die Fahrt aber in guter Erinnerung. Die Fahrerin half mir, wo es nur ging, war nett und bemüht und die 19 €, die das alles kostete, schienen zumindest mal nicht allzu überteuert zu sein. Ob ich damit richtig liege, weiß ich ehrlich gesagt bis heute nicht, da ich ja nicht einmal weiß, wo ich sie rangewunken habe.

Auf den Flug musste ich wie eingangs erwähnt ewig warten, erschwert durch die Tatsache, dass ich – das wird sicher eigene Blödheit gewesen sein, das ist mir klar! – in all den Stunden keine Uhr gefunden habe. Dass ich meinen Sitzplatz wegen meines geschienten Beines wechseln musste, mutete irgendwie absurd an, im Gedächtnis behalten habe ich aber eher den phänomenalen Start von Barcelona aus: Der Blick auf Meer und Küste, wenn das Flugzeug die erste Schleife fliegt, ist unbezahlbar.

In Berlin landete ich kaum anderthalb Stunden später in Tegel. Von dort aus hab ich kein Taxi genommen, sondern den Bus. Wahrscheinlich, weil es mir sicherer vorkam. Ein gebrochenes Bein war schlimm, sterben wollte ich dennoch lieber erst später …


PS: Ich hab die Tage viel um die Ohren und arbeite ausnahmsweise trotz Wochenende nicht. Nicht ohne Grund hab ich jetzt eine Geschichte von 2008 geschrieben. Wird die Tage also etwas ruhiger. Aber keine Panik: Ich komme wieder! 🙂