Morgen wieder …

Ja, morgen geht’s endlich mal wieder auf Tour! Da ich hier bei GNIT ja immer wenigstens noch ein paar Knochen reingeworfen habe, kam Euch die Auszeit von mir wahrscheinlich gar nicht so lange vor wie mir. Tatsächlich aber sitze ich ja wirklich seit dem 24. August zu Hause. Ich gehöre wirklich nicht zu den Leuten, denen ohne ihre Lohnarbeit die Decke auf den Kopf fällt. Und eigentlich sollte ich mir mehr Pausen gönnen. Aber es ist einfach so, dass ich mich immer recht schnell wieder zurück ans Steuer wünsche. Ich mag den Job nunmal. Nicht nur, weil ich damit meine Miete bezahle. Ich freue mich auf morgen, hoffe auf ein paar nette Leute und darauf, wieder irgendwas neues von Berlin oder von meinen Fahrgästen zu erfahren.

Aber heute ist der letzte „freie“ Tag. Wenn man so will. Wenn man wie ich nebenher etwas freiberufliches wie Schreiben macht, dann kennt man das irgendwann nicht mehr. Die letzte Woche, in der ich nichts für die Öffentlichkeit bestimmtes geschrieben oder dafür Notizen gemacht, recherchiert, Fotos gemacht oder etwas konzipiert habe? Vielleicht 2008. Einzelne 24-Stunden-Abschnitte wohl um meine Hochzeit rum, als ich krank und auf Reisen gleichzeitig war.

Ironie des Schicksals, dass ich jedes Mal, wenn ich mich entspannen will, ans Schreiben denke. 🙂

Ich war die letzten anderthalb Wochen nicht untätig. Mal abgesehen von den Blogs arbeite ich an einer Leseprobe für mein Buch übers Taxifahren. Das hab ich – außerplanmäßig – vorgezogen und es könnte damit jetzt recht flott gehen. Denn die Leseprobe ist für nicht weniger bestimmt als dazu, dass meine Literaturagentur (also quasi, noch fehlt meine Unterschrift.) sie Verlagen vorstellen kann. Wie man sieht: Hinter den Kulissen ist auch viel los …

Ändert aber nix dran, dass ich mich darauf freue, mich morgen endlich wieder hinters Steuer der 1925 zu klemmen. Zwei Tage Kurzurlaub an der Nordseeküste sind diesen Monat auch schon geplant, bis dahin sollten wir mal die 400.000 Kiilometer zusammenkriegen. 🙂

Party!

Wenn ich bei einem Fahrtziel mal richtig ahnungslos bin und mich z.B. wirklich nur aufs Navi verlasse, dann sage ich gerne beruhigend zu den Fahrästen, dass sie sich mal keine Sorgen machen sollen, da sie die ersten wären, die ich nicht ans Ziel bringen könnte. Das entspricht nicht ganz der Wahrheit, ein oder zwei solche Fälle gab es tatsächlich schon. Aber wenn ich das zu Kunden sage, dann weiß ich sicher, dass es dieses Mal nicht passieren wird.

Im Falle der beiden Mädels in der Marktstraße in Rummelsburg hab ich das nicht gesagt. Sie stiegen ein und wollten zum Blockdammweg. Das ist natürlich kein Ding, den kenne ich schon alleine, weil sich an der Ecke dort eine nachts geöffnete Erdgas-Tankstelle befindet, an der ich immer mal wieder tanke, wenn es sich anbietet.

Zur Tanke wollten die Mädels nicht, sondern zu einer Party.

Am Blockdammweg. Puh.

Also gegenüber des Blockdammwegs an der Köpenicker Chaussee muss hinter einer Mauer an der Spree ein Gelände sein, auf dem öfter Parties und Konzerte stattfinden. Ansonsten kam mir die Ecke bislang zu jeder Tageszeit reichlich tot vor. Insbesondere der Blockdammweg selber. Aber gut, natürlich sind in der Ecke viele Industrie- und sonstige Brachflächen. Platz für Party ist ja bekanntlich überall.

Da mir die jungen Damen auch keine Hausnummer nennen konnten, hab ich ihnen gesagt, dass ich keine Ahnung hätte, wo dort genau eine Party sein sollte. Während eine der beiden optimistisch war und mir sagte, wir sollten einfach mal schauen, guckte die zweite verfinstert drein und fand es ganz offensichtlich eine absolute Frechheit, dass ich als Taxifahrer offenbar absolut untauglich war. Weil ich eine – ich zitiere hier kurz das andere Mädel – „eher so kleine und spontane, nicht wirklich angemeldete Party“ nicht kannte. Is‘ klar! Aber was soll’s? Ich hab mich mit der anderen prima verstanden und konnte das ignorieren.

Tatsächlich standen wir dann am Blockdammweg in tiefster Finsternis zwischen zwei Straßenlaternen. Während ich kurz davor war, mal kurz ein Telefonat über mein Handy zu erlauben (was man als Dienstleister nicht manchmal alles macht …), meinte Madame Finsternis jedoch, Musik zu hören – womit die Fahrt glücklich und erfolgreich beendet war, ohne dass ich rausgefunden hatte, wo die Party stattfand.

Manchmal ist das Glück ein nicht zu unterschätzender Begleiter.

Ich will solche Touren eigentlich nicht machen. Wenn das mal schiefgeht, dann ist völlig klar, dass ich der Depp bin. Entweder weil mir (je nach Situation zu Recht oder zu Unrecht) vorgeworfen wird, mich nicht gut genug auszukennen – oder weil ich im Zweifelsfall natürlich niemanden irgendwo mitten auf der Wiese aussetzen will, von wo aus es keinen Heimweg mehr gibt. Deswegen verlange ich eigentlich grundsätzlich irgendeine gültige Adresse, wenigstens aber sowas wie einen Club-Namen, der sich notfalls googeln lässt. Aber je nach Personal und finanzieller Lage lässt man sich halt auch mal breitschlagen. Man will ja helfen.

Schön, wenn’s gut ausgeht, weil die Musik so laut ist. 🙂

Mit den Fingern

Wenn es darum geht, ein Fahrtziel zu bestimmen, greifen die Fahrgäste meist auf ihre Stimme zurück. Das ist nicht immer ganz einfach, schließlich kann es sein, dass sich die Sprachkenntnisse nicht mit meinen decken oder die Stimme insgesamt nicht will. Dafür gibt es dann Hände und insbesondere Finger. Gott sei Dank!

Auf Karten sind Finger besonders hilfreich, denn auf Karten kenne ich mich recht gut aus. In diesem Fall zeigten die Touris allerdings mitten in die Landschaft. Ohne das hätte ich ihre Anfrage allerdings auch wirklich nicht verstehen können:

„We wanna go to the needle place.“

…und der Finger zeigte zum Fernsehturm.

Aber gut, ist abgespeichert. Der „Nadelplatz“, sowas muss man als Taxifahrer halt wissen, nicht wahr? 😉

Kollgegen, quasi …

Da hab ich neulich rumgeschwafelt bezüglich Karma und so …

Nicht ohne Grund.

Ich hatte eben eine weite Tour hinter mich gebracht, die mich schon erfreut hat. Bis in die City bin ich dann aber leer zurückgefahren. Sowas nervt zwar manchmal, aber Kilometer- und Stundenschnitt waren schon jetzt blendend. Also wayne?

An der Ecke Boxhagener/Neue Bahnhof huschten dann zwei Jungs schnell zu meinem Auto, während ich an der Ampel stand. Eine Kurzstrecke wollten sie. Zum Ostkreuz. Findige Berlin-Kenner und die paar Irren unter Euch, die immer schnell bei google maps die Straßennamen eingeben, bevor sie weiterlesen (heute hab ich’s mal für euch erledigt: Link), werden sich fragen: WTF? Das ist eine der wenigen Fahrten, die nach Normaltarif sogar günstiger als Kurzstrecke sein müssten. Abgesehen davon ist der Fußweg mit knapp 200 Metern deutlich kürzer als der mit dem Auto. Aber gut, über sowas freut man sich ja. Notfalls des Schnitts wegen.

Beim Losfahren bin ich dann etwas geknickt gewesen, als ich es auf der anderen Straßenseite winken sah. Das wäre sicher mehr als eine Kurzstrecke geworden … 🙁

Was für ein Glück ich in Wirklichkeit hatte, wurde mir etwa drei Minuten später bewusst. Die Jungs verließen mein Auto, gaben sogar einen Euro Trinkgeld. Währenddessen hatte ich wahrgenommen, dass vor dem Ostkreuz gerade drei leere Taxen gestanden hatten, die allesamt binnen einer Minute besetzt weggefahren sind. Hm …

Nachdem ich gewendet hatte und meine Fackel wieder angegangen war, bekam ich auch tatsächlich umgehend Fahrgäste. Drei LKW-Fahrer auf dem Heimweg von einer Betriebsfeier. Sehr rüder Ton, aber andererseits eine ehrliche Herzlichkeit untereinander. Lange nicht mehr so viele Schimpfworte gehört, aber das war am Ende ein fairer Preis. Ihre Fahrt war nämlich, ähm, sagen wir nicht mehr ganz eine Kurzstrecke: Karte der Tour (mit kleinen Änderungen bei den Zielorten natürlich).

Und trotz viel nervigem Rumproleten darüber, dass die Fahrt ja wohl viel zu teuer sei, gab es am Ende einen ganzen Fünfer extra obendrauf. „Unter Kollegen“. So darf das ruhig laufen. Und nie vergessen: Ohne die Kurzstrecke hätte ich die Fahrt nie bekommen …

Für Kenner

Am Ostbahnhof.

„Wir würden gerne nach Tempelhof.“

„Alles klar, wohin genau?“

„Erstmal Tempelhofer Damm, dann zeig ich das.“

„OK, kein Problem!“

„Aber ey, hier ähm, also über, über, durch Kreuzberg, ja? Die Kenner-Route!“

Mir wäre ehrlich nicht mal ansatzweise ein Weg eingefallen, der NICHT durch Kreuzberg geführt hätte. Aber ich war wohl Kenner genug, denn es gab gutes Trinkgeld. 🙂

Sportlich

Schichtende! Dachte ich zumindest.

Nach nur siebeneinhalb Stunden hatte ich die Obergrenze dessen, was ich einfahren wollte, erreicht. Sicher, ich hätte jetzt, da es gut lief, auch einfach noch zwei oder drei Stündchen dranpacken können. Aber es ist ja auch so, dass mehr Kundschaft auch anstrengt. Nicht der Kundschaft selbst wegen. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob ich in 8 Stunden nur 30 Minuten Pause habe, oder aber gleich 4 Stunden wie üblich. Und 8 Stunden am Steuer sind wirklich genug.

Meine Tour war vom Ostbahnhof bis nach Hellersdorf gegangen, eine von mehreren unverschämt langen Touren an diesem Wochenende. Auf dem Rückweg stellte ich die gute alte „Starfish“-Platte von Limp Bizkit ein paar Nummern lauter und hielt mich nicht immer ganz an die Geschwindigkeitsbegrenzungen, die die um 4 Uhr morgens natürlich verwaisten Baustellen auf der Landsberger Allee mir aufzwingen wollten. Dennoch sah ich den Arm eines Winkers emporschnellen und hielt – man lässt sich dann ja doch nix entgehen – zügig an. In die Weiß-der-Teufel-wo-Straße wollte mein jugendlich anmutender Fahrgast. Aber er legte bei meiner fragenden Grimasse gleich nach:

„Hier, Konrad-Wolf kennste?“

„Sicher.“

„Ist da ums Eck.“

Ja, scheiß doch die Wand an! Der Tag war so oder so schon perfekt gelaufen und jetzt sollte ich tatsächlich eine abschließende Tour bis kurz vor den Abstellplatz des Autos bekommen? Ja. Ich für meinen Teil war mit der Welt im Reinen. Mein Fahrgast nur bedingt.

„Weißte, bin ick ja jerade jeloofn.“

„Was?“

„Na, den Weg hier. Einssiebzehn.“

„Bitte was?“

„Einssiebzehn ha’ick jebraucht.“

Während wir unweit meiner Haustüre durch Marzahn brezelten, erzählte er mir dann, was Sache war: Er hatte mit einem Kumpel gewettet, dass er von Alt-Hohenschönhausen bis ans hintere Ende von Marzahn in einer Stunde und 15 Minuten laufen könnte. Und?

„Ha’ick mir verlaufen. Hier, da hinten! Wusst‘ ick nich‘, wo jenau ick da durchkomm‘. Einsfuffzehn hätte jelangt. Und einssiebzehn ha’ick jebraucht. Jetz‘ schuld ick ihm ’n Kasten.“

Das mit dem Verlaufen war natürlich blöd. Aber der Sportfreak wusste wenigstens zu unterhalten:

„Die Leute werden sich auch gedacht haben: Wat ’n Irrer!“

„Weil Du gelaufen bist?“

„Naja, im Suff. Und am Anfang mit Döner …“

Schätze mal, die Kalorien hat er nach rund 10 Kilometern locker wieder runter gehabt. 🙂

Mein Fahrgast hat mir daraufhin noch ein bisschen davon erzählt, was er sonst so läuft. Mir als Couchpotatoe wäre da schier unfreiwillig der Kiefer runtergeklappt. Da er in nächster Zeit noch was größeres vorhat, will ich keine Details nennen. Nicht, dass man ihn noch wiedererkennt. Aber ich sag’s mal so: Die Marathon-Distanz ist offenbar nicht für alle eine Grenze …

Ich hab mich selten so inaktiv dabei gefühlt, mein Auto ein paar hundert Meter weit zum Abstellplatz zu fahren. Aber gut, gegen das Gefül hat der Umsatz geholfen. 😉

Meinem Fahrgast jedenfalls wünsche ich noch ein paar weitere Rekorde. Verdient hat er sie sich, denn unter all den Irren, die mit einem Döner in der Hand besoffen 10 Kilometer durch Ostberlin laufen, war er sicher einer der sympathischsten. Oder so.

Fast ein neuer Rekord …

Wenn ich ganz weit, bis fast zu den Anfangstagen meiner Zeit als Taxifahrer zurückgehe, dann komme ich auf ein noch ungünstigeres Weg-Preis-Verhältnis. Ich hab es damals nicht ohne Grund boulevardesk mit „Tarifwahnsinn in Berlin“ überschrieben.

Ähnlich weit sind heute Nacht drei Leute mit ihrer Kohle gekommen. Was aber einen handfesten Grund hat: Berlin.

Einige Clubs waren heute Nacht so extrem gut besucht – mir kommt mein Umsatz richtig lächerlich vor, wenn ich darüber nachdenke. Diese Menschenmassen! Als ich um halb eins heute Nacht vor dem Berghain war, war die Schlange so lang, dass man mit Picknickkörben wahrscheinlich Geld dort hätte verdienen können. Keine Ahnung, ob die Leute inzwischen alle drin sind. Am Sisyphos sah es nicht anders aus, nachdem sie erst mal aufgemacht hatten. Außerdem, und da kommen wir zu meiner Fahrt, am About Blank.

Die Dreiertruppe war schon etwas derangiert, sie waren zuerst im Kater Holzig, danach im Yaam. War offenbar beides nicht so ganz das, was sie suchten. Also hab ich sie um 4 Uhr morgens vom Ostbahnhof zum About Blank fahren sollen. Hab ich natürlich auch gemacht, bin ja schließlich Taxifahrer. Dort angekommen offenbarte sich uns eine Schlange, die bereits bis zur Bushaltestelle am Ostkreuz reichte. Da haben es sich die eigentlich schon recht fertigen Passagiere aber nochmal ziemlich gründlich überlegt, ob sie denn eigentlich wirklich in Feierlaune wären.

Die Antwort war – wenig überraschend: Eigentlich ja schon noch so ein bisschen, aber nochmal eine Stunde anstehen ginge gar nicht. Also sollte ich sie heimbringen. Das Ziel hörte ich gerne: Naumannstraße. Das wären schon vom Ostbahnhof aus irgendwas in Richtung 17 € gewesen, jetzt, nach einer Fahrt völlig entgegengesetzt dieser Richtung, hätte das die längste einer ganzen Serie langer Touren heute werden können.  Richtig: Hätte werden können.

Denn kaum wieder auf der Piste, fanden sie plötzlich, dass so wirklich richtig und ganz in echt nach Hause zu fahren vielleicht auch ein wenig übertrieben sei, nur weil vor dem About Blank eine Schlange war. Immerhin hatten sie noch Stempel vom Kater Holzig, und sooo schlecht war die Musik ja auch nicht.

So kenne ich Berlin: Hier überlegt man sich zwei- oder auch dreimal, ob man um 4 Uhr wirklich schon heim will.

Also ging es doch nicht bis nach Schöneberg, sondern „nur“ zum Kater. Quasi genau dieselbe Strecke wieder zurück. Plus ein paar hundert Meter. Am Ende waren sie knapp über einen Kilometer von ihrem Startpunkt entfernt und auf der Uhr standen 15,00 €. Aus meiner Sicht darf das ruhig immer so laufen, ich freue mich, wenn mein Kilometerschnitt gut wird – oder, wie heute nacht, zumindest besser.

Trinkgeld gab es bei der runden Summe keines mehr, aber was will ausgerechnet ich meckern? 😉