Vom Hörensagen im Kreis

Ich hab mich ausnahmsweise mal vor den Magnet-Club gestellt. Hat auch keine 3 Minuten gedauert, da purzelten mir ein paar Spanier ins Auto. Gute Stimmung, stressfreie Fahrt. Das Ziel ist mir nämlich mehr als nur bekannt:

„We’ve heard about Berghain. Would you bring us there?“

„Of course.“

So weit, so unspektakulär. Gut, dank Abbiegeverbot an der Oberbaumbrücke ist der Weg derzeit ein wenig länger, aber es ist immer noch eine Tour um die sieben Euro irgendwas. Am Berghain angekommen fielen sie erstmal aus allen Wolken wegen der Schlange. Ich hätte es ihnen eigentlich sagen können, aber nun standen wir da.

„No, we’ll never do that. We’ve heard about Karte Olsrigg. You bring us there?“

„Kater Holzig? We’ll be there in 3 minutes.“

Eine erkennbare Schlange (also abgesehen von den Taxen vor dem Tor) war nicht zu erkennen, aber irgendwie schien ihnen der Bretterverschlag etwas unheimlich zu sein:

„Uh, hmm. Guess that’s nothing for us. But we heard about Watergate. What about this?“

„Are you serious?“

„Why?“

„Because Watergates entrance is directly beside the Magnet. It’s exactly the place we came from.“

Man könnte eigentlich erwarten, dass sich jetzt irgendwer ärgert, weil unnötige Fahrt und so. Nix da:

„Oh really!? That’s nice! Bring us there!“

Ich will mich sicher nicht beschweren, sowas tut meinem Geldbeutel und meinem Kilometerschnitt sehr gut. Aber ein bisschen weniger Verplanung und ein paar handfeste Infos könnten der Truppe letztlich eine Menge Geld sparen. Hab ich gehört.

Wetten dass?

Eine wirklich passable Truppe – zumindest fürs Sisyphos. Drei Leute, alle noch in tragbarem Zustand, gute Laune an Bord. Und alle so: yeah! Das Ziel lag ein Stück weit die Danziger hoch, immerhin eine ganz nette Fahrt für einen locker zweistelligen Betrag. Dafür, dass ich keine 5 Minuten warten musste, konnte ich echt nicht meckern.

Die beiden Jungs und das eine Mädel stammten offensichtlich aus verschiedenen Gegenden, Spanien, Südamerika und Australien. Das nenne ich mal eine bunte Mischung. Im Taxi blieb es meist bei Englisch, was mir ganz gut gefiel, so konnte ich hier und da mitreden. Der Spanier sah kurz vor Ende der Fahrt nicht mehr sehr frisch aus und meinte auch selbst, dass er vielleicht doch etwas mehr als einen Salat hätte essen sollen, wenn er feiern geht. Ich hab das eine Weile mit wachen Augen beobachtet, ihm dann aber kurz vor unserem Zwischenstopp an einer Bank gesagt, er solle sich ja rechtzeitig melden, wenn … also nur so, ja?

„WHAT!? Don’t worry ‚bout him!“

fauchte es aus der australischen Ecke.

„He’s fine and there’s no problem!“

„Sure.“

Ich hab selten so verächtlich „sure“ gesagt – sollte es aber öfter tun 😉

Denn wir hielten an der Bank und der junge Kerl mit der schon etwas ramponierten Gelfrisur schälte sich pflichtbewusst und schnell aus Gurt und Sitz, um umgehend vor der Tür in Alkohol eingelegten Salat wieder loszuwerden.

„Hey, look at your friend: he’s getting finer and finer!“

Konnte mir die Spitze nicht verkneifen. So langsam kann ich mir vorstellen, wie sich Ärzte und Pfleger fühlen, wenn Patienten sie offensichtlich anlügen wegen diesem oder jenem. Ich hab ja auch besseres zu tun als den Leuten einzureden, sie müssten kotzen. Ich will bloß im Fall der Fälle nicht, dass es jemand zu peinlich ist, Bescheid zu sagen.

Die Freundin jedenfalls zeigte sich reumütig und dankte mir unter anderem später mit Trinkgeld. Und er?

Er hat selbstsicher verkündet, für den Rest der Fahrt kein Problem zu haben. Wäre ja ohnehin nur wegen diesem Salat gewesen …

Eine ganz Eilige

Dass es im Taxi mal schnell gehen soll, ist verständlich. Dass einige Kunden dabei ein wenig die Sicherheit aus den Augen verlieren, leider auch. Ich denke, jeder meiner Kollegen kann über Anstiftungen zum Rasen ganze Bücher schreiben. Da wissen plötzlich selbst Touristen, auf welchen Strecken man „doch nie erwischt“ wird, Bedenken beiseite geschoben und großzügig mit der Bezahlung eines Strafzettels gewunken.

DAS blieb mir glücklicherweise erspart.

Viel gefährlicher aber war, was die Frau sich ausgedacht hat, um ihr Taxi zu bekommen.

Ich stand an der Mühlenstraße , genauer an der Ecke mit Brenner- und Berliner Straße. Ich wartete darauf, dass die Ampel auf ein freundliches Grün umspringt. Nach einigen Sekunden tat sie das auch und ich fuhr los. Parallel zu diesen wenig dramatischen Ereignissen muss die Frau mit den lockigen Haaren und der zierlichen Statur auf der anderen Seite der Berliner Straße beschlossen haben, dass ich ihr Taxi sein könnte. Ohne Rücksicht auf Verluste ist sie quer über die dank Baustelle gesperrte Straße gerannt. Das wäre soweit kein allzu großes Problem gewesen, doch hielt sie sich dabei stets vollständig hinter der A-Säule meines Autos verborgen, so dass ich sie erst gesehen hab, als sie mir direkt vor die Scheinwerfer gestolpert ist und ihr trotz Vollbremsung (aus sehr sehr niedriger Geschwindigkeit – ich stand wirklich umgehend!) so nahe gekommen bin, dass sie die Hände auf meine Motorhaube legen konnte.

Der Fahrer hinter mir hat glücklicherweise genauso schnell geschaltet und am Ende konnte ich die stürmische Neukundin einladen und es ist noch eine recht vergnügliche Fahrt geworden mit allerlei derben Scherzen zum Überfahren von Kundschaft.

Ach ja, wo sollte es hingehen? Ins Kino. Schon erstaunlich, für was sich die Leute heutzutage umbringen wollen.

Touren, wie ich sie liebe

Ich schreibe hier so oft von ziemlich seltsamen Menschen und erst recht seltsam verlaufenden Touren. Das ist nach wie vor nur ein Teil der Arbeit. Ja, selbst in Berlin! Ja, selbst in der Nachtschicht!

Am letzten Wochenende hatte ich wieder so einen Prototypen einer optimalen Tour. Gut, etwas kurz vielleicht …

Am Ostbahnhof blickt mich mit fragendem Blick ein junger Mann an. Vielleicht 25 Jahre alt, kurze Haare und eine Hautfarbe, die mir bei Pfannkuchen schon zu dunkel wäre. Er erkundigt sich auf Englisch, ob ich ihn in diese Oranienstraße in Kreuzberg bringen könnte. Er hätte sich (mit der Bahn!) verfahren und nun keinen Bock mehr. Er wohne erst seit kurzem hier und er träfe sich nun mit Freunden zu einem gemütlichen Abend, wisse aber nicht, wo das jetzt genau sein soll.

So denn!

Ein bisschen Smalltalk, wie Berlin auf Zugezogene wirkt, ein paar Infos, wie er nächstes Mal mit der Bahn dorthin kommt, ein bisschen nettes Privatgeplänkel. Viel Platz ist ja nicht bei einer Tour von 6,80 €. Für die Hausnummer hab ich das Navi befragt und am Ende meinen Fahrgast etwa am Heinrichplatz entlassen, uns gegenseitig eine gute Zeit in Berlin wünschend.

Er zückte einen Zehner, ich mein Portemonnaie – da insistiert er mit liebenswerter Penetranz:

„Oh, no no no! Just keep the change! You saved my evening!“

„Die kurze Strecke soll er doch laufen!“, „Scheiß Zugezogene!“, „Neger stinken irgendwie alle!“ – alles schon gehört unter „Kollegen“. 🙁

Macht ihr nur eure „tollen“ Fahrten! Ich genieße derweil genau die oben genannten.

out for art(icles)

Den ein oder anderen Fahrgast lasse ich dann ja schon wissen, dass ich blogge. Bei den meisten halte ich trotz potenzieller Leserschaft die Füße still, bei manchen merkt man ohnehin, dass ihr Interesse nicht gegeben wäre. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und manchmal ergibt es sich dann auch eher zufällig.

So wie beim von Sarah von out for art recht frei wiedergegebenen Dialog am Ende einer Fahrt von Kreuzberg nach Prenzl’berg.

Dass wir uns trafen, war ein Zufall. Ich stand an einer Ampel und die Tür öffnete sich ohne Vorwarnung, so dass das nicht gerade auf Zimmerlautstärke laufende „Break on through“ von den Doors schlagartig eine gewisse Doppeldeutigkeit bekam. Die Fahrt war nett und das Lob für mich als Fahrer kann ich auch an meine Kundin zurückgeben. Ach, wären nur alle so nett und angenehm!

Die Erwähnung meines Blogs geschah wirklich so zufällig, wie bei out for art geschrieben. Genau genommen hab ich auf die Frage nach einer Karte geantwortet:

„Leider nicht. So professionell bin ich – keine Karte, aber eine eigene Website …“

Der selbstironische Touch meiner Ansagen fehlt mir dort im Blog etwas. Wie dem auch sei: Zum bereits zweiten Mal an diesem Wochenende bin ich zufällig auf eine Autorin gestoßen und so folgte im Anschluss noch kurzes Blog-Fachgesimpel über dies und das. Alles wie gesagt sehr angenehm, weswegen ich den Blog auch gerne verlinke. Wir suchen doch alle nach Lesern und Inspiration für neue Artikel, nicht wahr? Out for articles …

Dass ich das bisher nicht verbloggt hatte, erklärt sich im Übrigen zum einen dadurch, dass ich meist ein paar Tage im Voraus blogge, zum anderen, dass ich mir den Namen out for art nur so grob merken konnte und wusste, dass ich leichter zu googeln bin.

Und jetzt dürft ihr bei Sarah die Statistik explodieren lassen. 🙂

PS: Sarah, wenn Du das liest: Sash ist ok, Sascha Bors auch. Aber Sasch Bors? Bitte nicht …

Hey, faules Ich!

Dieser Eintrag ist von meinem fleißigen Ich an mein faules Ich gerichtet. So war zumindest der Plan. Während ich hier jedoch am Nachsinnen bin, stelle ich fest, dass ich so persönlichkeitsgespalten gar nicht bin. Mein fleißiges Ich ist nämlich in Wirklichkeit genauso faul wie das andere – es setzt bloß aktiv Arbeit zur Arbeitsvermeidung ein …

Das bisherige Wochenende war jedenfalls von meiner Faulheit – vor allem aber Müdigkeit – geprägt. Ich konnte am Freitag Abend nicht länger als bis 2 Uhr machen. Koffeein war bereits überdosiert, trotzdem bin ich gefahren wie ein Neunzigjähriger ohne Brille nach 10 Bier während er telefoniert und einen Blowjob bekommt. Es wäre schlicht unverantwortlich gewesen, auf der Straße zu bleiben. Woher die Müdigkeit kam, weiß ich nicht – ich bin „heute“ noch früher aufgestanden.

Naja, die gestrige Schicht in Zahlen: 7 Stunden Arbeitszeit, für Freitags extrem magere 94 € auf der Uhr.

Und heute?

Ich bin früh los. 18.20 Uhr. Und gleich aufgeregt wegen Stau auf der Landsberger. An der Warschauer dann Winker und los ging es. Die Fahrten trudelten ein, allerdings nicht rekordverdächtig. Schon immer gut, aber nichts, was nicht wann anders auch mal passiert. Etwas wirklich gutes konnte ich nur erwarten, wenn ich lange arbeite. Aber gut, ach o weh!, das wäre so gut wie nichts gewesen. Am Donnerstag hatte ich schon blau gemacht und ich war jetzt schon wieder sehr früh wach. Allenfalls eine Schicht über der magischen 300€-Grenze hätte vollends ausgeglichen, was ich am Vortag verbockt hatte. Und 300 €, nur mal so: Ja, manche schaffen das öfter mal. Mein Rekord jenseits von Silvester lag bei 297,00 € – bei einer 13,5-Stunden-Schicht wohlbemerkt.*

Aber träumen darf man ja mal.

Die Schicht lief vor sich hin. Hier und da ein Eintrag zum Bloggen, dort Langeweile. Ständig Stress mit Handy-Netz und GPS, die Cops haben den Taxistand ständig zugeparkt und und und. Außerdem hat mir die ersten zwei Stunden der Mund wehgetan, weil mir ein Fahrgast eine verpasst hat. Dazu aber in einem anderen Eintrag näheres. War nicht so wild, wie es sich anhört 😉

Und ich wurde und wurde, ähm, ja … nicht müde. Gut, rein rechnerisch hab ich rund 1,5 Gramm Koffein zu mir genommen, aber ich war erstaunlich „normal“ wach, nicht dieses Koffein-Poltern im Hirn, das zwar die Augen offen, den Körper aber müde hält. Einzig Muskelkater im Arm ergab sich irgendwann.

Und irgendwann zwischen 5 und 7 Uhr wurde mir klar, dass ich das schaffen könnte: Meine 400 € Wochenendsoll in zwei Tagen vollzukriegen, auch wenn ich am ersten nur 94 € geschafft hatte. Am Ende hab ich’s dann einfach durchgezogen. Es war wieder hell und ich hab noch zwei Touren an der wilden Renate abgegriffen. Ein Blick auf die Zahlen am Taxameter verkündete dann gegen 7.30 Uhr, dass ich es geschafft hatte:

311,10 € in bis dato 13 Stunden. Puh!

Dann noch schnell das Auto säubern und um ziemlich genau 8.00 Uhr hab ich die Kiste abgestellt. Runde 5 € über Soll. Nicht viel, aber immerhin gleich noch die Nachlässigkeiten der ersten Woche ausgebügelt. Jetzt bin ich platt, aber glücklich. Und ich muss heute Abend nicht noch einmal raus. Aber insgesamt finde ich 21 Arbeitsstunden für 2 Tage auch ausreichend – ganz gleich, was für Rekorde andere Fahrer so aufstellen!

Und was will ich eigentlich sagen, gegen ein faules Ich, das mal eben 3 Stunden an die übliche Arbeitszeit ranhängt, um mir einen ganzen Tag zu ersparen? 🙂

*die Leser-Tour nach Kreischa war keine normale Schicht, also echt nicht!

Frauen-Nacht-Taxi

In Stuttgart kannte ich das, da war das (keine Ahnung, ob es das noch gibt) eine Kooperation zwischen der SSB und den Taxen. Da konnte man als Frau nachts ein Taxi beim Bahnfahrer bestellen und die SSB hat für die Fahrt bis ganz nach Hause dann einen Fünfer zugezahlt. Keine schlechte Sache eigentlich, aber hier in Berlin gibt es sowas nicht.

Ich finde das schade auf der einen Seite – es gibt eine Menge benachteiligter Gruppen, denen man hier und da den Zugang zu einem Taxi erleichtern könnte. Auf der anderen Seite ist die Einfachheit unseres Tarifs auch eine seiner Stärken. Und ich kann mir auch besseres vorstellen, als mir im Taxi wegen irgendwelchen Günstig-Tarifen ständig Studentenausweise und Berechtigungskarten zeigen zu lassen.

Und nun hatte ich eine junge Frau im Auto und sie wollte ein Frauen-Nacht-Taxi. Auf meine Aussage hin, dass es sowas hier nicht gibt, ging es dann leider mit dem mir immer noch sehr unangenehmen Handeln weiter. Ob ich denn nicht wenigstens was am Preis machen könnte.

„Oder: was kostet es denn bis zur Jessnerstraße.“

„Ach, vielleicht acht Euro.“

„Kannste da nicht noch was machen?“

„Mal im Ernst: bei acht Euro?“

„Ich hatte echt’n scheiß Tag und will hier nicht ewig rumdiskutieren …“

Ich bin einfach zu gutmütig. Da ich weiß, wie es mit wenig Geld ist. Aber eigentlich hätte ich antworten sollen, dass mein Tag auch beschissen war, ich lieber einen Zehner für die Strecke hätte und ebenso keinen Bock auf Diskussionen. Wäre gelogen gewesen, aber das konnte ich bei ihr auch nicht ausschließen.

Das hätte eine betrübliche Erinnerung an eine abgelehnte Fahrt bleiben können, aber es geschah etwas sehr seltenes:

Ausgerechnet zwei jugendliche Suffköppe retteten die Situation. Sie wollten nur kurz zur Warschauer und kamen mit der jungen Frau überein, dass sie sie mitnehmen könnten. Das war zwar ein Umweg, aber da die Jungs die Fahrt bis zu ihrem Ziel übernehmen wollten, blieb ihr vor allem der mit 3,20 € ja nicht unwesentliche Einstiegspreis erspart.

So zusammengewürfelte Fahrten sind immer schwierig, aber hier hielten sich alle an die Abmachungen. Das war eine der Fahrten, derentwegen ich meine Freude über Gemeinschaftstouren drüben bei meinen Chefs niedergeschrieben habe. Ich hab die beiden Partypeoples bei 6,20 € auf der Uhr entlassen und sie haben 1,80 € obenaufgelegt mit der Bitte, sie doch der jungen Frau zu erlassen. Bei ihr angekommen zeigte das Taxameter glatte 9 €, so dass ich sie gegen Zahlung eines symbolischen Geldstücks heimbringen konnte. Und immerhin war sie so anständig und hat mir einen Zweier gegeben.

Am Ende hat alles gepasst: Die Jungs sind an ihr Ziel gekommen, die junge Frau auch. Ich hab keinen Festpreis machen müssen und verloren hat bei der Sache niemand. Ich bin mir sogar sicher, dass keiner meiner Kollegen eine der beiden Touren hätten haben wollen – eine ganz kurze und eine etwas längere unter Tarif: das sind auch nicht die Fahrten, die ich mir erhoffe, wenn ich mich an den Bahnhof stelle 😉

Schade, dass es nicht immer so läuft. Bei der Einleitung hatte ich echt schlimmstes befürchtet …