Was sich so alles lohnt …

War ja eigentlich ’ne ganz nette Truppe heute morgen. Ich bin mir jetzt nicht sicher, wer da wen wirklich gemocht oder gehasst hat und was nur Spielchen waren – aber abgesehen von den folgenden Dialogen hatte ich durchaus Spaß. Es waren am Ende einfach drei junge Leute Anfang 20, die nach einer ziemlich umfänglichen Partynacht um 6 Uhr morgens noch eine Tour in den alleräußersten Nordosten Berlins für mich hatten.

Wir waren kaum losgefahren, da meinte der Typ neben mir schon:

„Mach mal 20 glatt und dann die Uhr aus.“

„Nö. Mach ich sicher nicht.“

„Jetzt komm! Auf’m Hinweg waren’s genau 28,80 €.“

„Ähm ja, ein Grund mehr, die Uhr nicht bei 20 € auszumachen.“

„Nee nee, Rest kriegste so. Haste mehr von.“

„Lass mal.“

Die Fahrt war entsprechend lange und er kam immer wieder drauf zurück:

„Nee, jetzt im Ernst – mach die Uhr doch aus. Dann musste’s deinem Chef nicht geben!“

„Vergiss es.“

„Warum denn nicht, sollst doch auch von was leben!“

„Das tue ich ja und ich hab nix davon, wenn mein Chef pleite geht, oder?“

„Des is‘ doch jetzt gar nicht das Thema!“

„Doch, isses.“

„Ach komm, Du hast doch eh nachher ’ne Leerfahrt zurück …“

„Ja, umso mehr gibt das keinen Sinn!“

An der ersten Adresse stiegen seine Kumpels aus. Die Uhr stand bei  26 €.

„Jetzt mach doch endlich die Uhr aus!“

„Nee – und jetzt komm: Jammer wegen der zwei Euro nicht rum!“

„Aber des sin‘ ja noch 5 bis bei mir!“

„Ach? Dann kommt das mit den 28,80 € aber nicht so wirklich hin …“

„Ja, weiß ja auch nicht.“

Ende der Fahrt. Endlich. Aalglatte 31 € auf der Uhr.

„Machste 35.“

„Danke.“

Was hat sich nun mehr gelohnt? 😉

So weit normal nervige Festpreisverhandler. Geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Umso mehr an Tagen wie gestern, an denen bei mir der Umsatz ohnehin passt. Interessant wird die Geschichte im hier ausgesparten Mittelteil. Denn dort outete er sich als Mitarbeiter einer Firma, die viel (sehr viel!) mit dem Taxigewerbe zu tun hat:

„Und für wen arbeitest Du? Ach warte, müsste ja hier – ah genau! – was? Domek und Habel! Is‘ ja geil! Die kenn‘ ich sogar! Einer deiner Chefs war mal auf einer Veranstaltung mit mir. Ey, Du hast echt Glück, is’n korrekter Typ. Da hab ich schon ganz andere kennengelernt. Coole Sache, ey! Nee, kannste froh sein, dass es noch solche Leute gibt im Gewerbe. Genau die Leute, mit denen ich auch echt gerne zusammenarbeite …“

Ist das noch dumm oder sind da schon Anzeichen für eine Spaltung der Persönlichkeit erkennbar?

Nicht das Geld allein …

macht eine gute Fahrt aus. Insbesondere, wenn man mal betrachtet, was man bei so einer normalen Fahrt verdient. Nee, also ich für meinen Teil muss da nebenbei schon noch ein nettes Gespräch führen, was neues kennenlernen, irgendwas halt, das sich nicht nach stupider Arbeit anfühlt. Ich glaube, das ist der Unterschied zu den dauernd grummeligen Kollegen. Würde ich immer nur Euro und Minuten sehen, dann wäre Taxifahren wirklich ein außergewöhnlich beschissener Job und ich würde hier den ganzen Tag nur Rumranten und mich bedauern.

Aber, seien wir mal alle froh, is‘ ja nicht so!

Ein bisschen albern bin ich ja manchmal beim kürzesten Weg. Ich fahre hier und da wirklich gerne mal die Schleichwege, die der ein oder andere Kollege ignoriert und stattdessen die Hauptstraßen nimmt. Das ist rein kohlemäßig zwar eher kontraproduktiv, verträgt sich dafür aber hervorragend mit der Taxiordnung und der Kundenlaune.

So auch bei der Frau, mit der ich umgehend ins Quasseln gekommen bin. Dies und das, tolle Taxi-Erlebnisse, bla keks. Und dann standen wir plötzlich vor ihrer Türe.

„Oh! Äh, ich mein, äh, wow!“

„Was ist?“

„Ja, äh, gut gefahren!“

„Danke?“

„Ey, ich wusste ja, dass das nicht so weit ist – aber dass es die kurze Strecke gibt …“

Und ganz ehrlich: Es lässt sich drüber streiten, ob das schon die kürzeste und/oder sinnvollste war.  Aber natürlich hab ich das Lob gerne angenommen. Ebenso wie die 2,20 € Trinkgeld. Das ist zwar – wie eingangs erwähnt – nicht alles, aber schlechter werden die Fahrten durch die Kohle dann halt auch auf keinen Fall. 🙂

Nebenher?

„Sie machen das bestimmt nur nebenher, oder?“

Die Frage gehört zweifelsohne zur Grundausstattung deutscher Taxifahrgäste. Ebenso wie man bei Shootern im Falle akuten Munitionsmangels meistens noch ein Messer zur Verteidigung in der Hand hat, greifen Fahrgäste zu diesem Satz, wenn sie sonst nicht so genau wissen, was man den Taxifahrer über seinen Job fragen könnte.

Die junge Frau mit blondierter Dauerwelle und Brille, Typ Verwaltungsfachangestellte, stellte die Frage auch.

Auf der einen Seite mag ich den Subtext nicht, der da mitschwingt – weil es immer irgendwie so klingt, als wäre Taxifahrer kein „richtiger“ Beruf oder etwas, dass man sich ja nun wirklich nicht die ganze Zeit geben kann. Auf der anderen Seite entspreche ich ja auch diesem Klischee. Ich schreibe nunmal viel „nebenher“ und inzwischen sage ich das auch meist.

„Ach echt? Und was? Auch so Bücher und so?“

Die Frage kam zur rechten Zeit, denn ich konnte – wenn auch zaghaft, weil noch unerfahren in der Rolle – einfach mal sagen:

„Ja. Mein erstes eBook erscheint die Tage bei Amazon.“

(GNIT hab ich natürlich umgehend nachgeschoben, ist ja klar 😉 )

Ja, so sieht’s aus:

BÄM!

Buch is‘ fertig und zu haben!

Ich kann nur hoffen, ihr findet das genauso cool wie meine Kundin. In dem Artikel hier drunter gibt es noch ein paar genauere Infos, aber den Link zu Amazon kann ich ja auch hier gleich mal posten:

Papa, ich geh zum Zirkus! oder: Karriere – kann man das essen?

Und ein kostenloses Probekapitel gibt es hier.

Sich nicht sehen lassen

„Wo darf es denn hingehen?“

„In die Willibald-Alexis-Straße nach, nach …“

„Kreuzberg, nehme ich an!?“

„Ja genau! Prima, sie kennen die!“

„Ja, zugegebenermaßen eher zufällig. Ein Freund hat da mal gewohnt.“

„Nein, na so was! Wissen Sie, meine Tochter ist da hingezogen! Kennen Sie vielleicht …“

„Sicher nicht. War nur einmal da in den letzten zwei Jahren.“

„Oh. Na dann. Das kenne ich …“

„Was?“

„Ist mit ihrem Freund also …“

„Er wohnt nicht mehr da!“

„Ach, ich dachte schon, es wäre eher … naja, eher so wie bei uns.“

„Wie denn?“

Und dann hat sie die große Familiengeschichte rausgeholt und entrümpelt. Die Tochter sei eigentlich eine nette, aber naja, mit den Eltern sei es in dem Alter (mit 25) ja immer so ein Problem. Hergezogen ist sie also eher aus Protest. Die Gegend aus der die Familie kommt, bleibt mein Geheimnis, aber wenn es euch gefällt, können wir gerne das schwäbische Hinterland jenseits der Stuttgarter S-Bahn annehmen. Es hagelte damals, vor zwei Jahren, wohl das ein oder andere böse Wort. Aber mit der Zeit – man kennt sowas – haben sie sich gegenseitig dann doch eher vermisst als gehasst. Die Tochter hat die Eltern mit einer recht großen Geste nach Berlin eingeladen, in die erste eigene Wohnung. So wie die Mutter das schilderte, hatte ich meine alte WG vor Augen und was für ein Höllenstress das war, wenn sich mal irgendwelche Eltern – insbesondere der Neuzugezogenen – zum Essen oder dergleichen angekündigt haben. Da wurde wahrscheinlich wochenlang aufgeräumt.

Es war dennoch vergebens. Der Vater war ohnehin ziemlich genervt von der Aktion, aber als sie dann im Taxi saßen, ist er wohl völlig ausgeflippt. Für so alten Landadel ist Kreuzberg nicht unbedingt die schönste Gegend. Die Willibald-Alexis-Straße am Chamissoplatz ist zwar eigentlich schönstes Altbaukreuzberg, meines Wissens nach nun wirklich nicht die schlechteste Wohnlage. Der nervöse Vater hat aber irgendwo am Kotti oder am Mehringdamm – keine Ahnung, von welchem Bahnhof sie genau gekommen sind – das Handtuch geschmissen und angefangen rumzufluchen, dass er es sich ja Mühe gegeben hätte, sich aber beim besten Willen nicht „in so einer Gegend sehen lassen“ könne.

Mein Kollege muss damals die stressigste Tour des Monats gehabt haben, denn es muss einen cholerischen Streit im Fond gegeben haben, an deren Ende die Mutter nachgab und ihren Mann widerwillig wieder zum Bahnhof zurückbegleitete und mit ihm unverrichteter Dinge noch am selben Abend wieder abgefahren ist.

Ich dachte schon an der Stelle, dass das gebloggt werden muss. Der arme Kollege! Die Krönung kam aber noch.

Dass sie mit seiner Entscheidung nicht so ganz einverstanden war, zeigte sich ja bereits an der Tatsache, dass sie nun wieder – und alleine – in Berlin war. Also hab ich vorsichtig eingeworfen:

„Wovor hatte er denn Angst? Wen hätte er denn hier schon treffen sollen – außer vielleicht andere Väter, deren Töchter hierher gezogen sind?“

„Das hab ich ihm ja auch gesagt. Aber es geht ja immer nur um den Ruf! Der Ruf! Dabei weiß der gute Mann gar nicht, was er eigentlich für einen Ruf hat!“

Der gute Mann führt wohl einen Familienbetrieb, Holzverarbeitung. Eigentlich ja nicht unbedingt das Gewerbe, bei dem man sich nicht vor einem Mehrfamilienhaus blicken lassen kann. Aber seine Frau meinte:

„Das glaubt mir ja hier eh keiner! Der is heute Morgen sogar mit mir zusammen zum Bahnhof gefahren, damit die Leute nicht reden, wenn wir getrennt weggehen. Wahrscheinlich wird er da im Hotel warten, bis ich am Sonntag abend wiederkomme. Und seine Sekretärin bumsen – der feine Herr mit dem guten Ruf! DAS weiß nämlich in Wirklichkeit auch jeder, nur traut sich keiner, ihm das zu sagen, außer …“

„Lassen Sie mich raten …“

Ich glaub, ich wahr versehentlich Statist in so einem komischen Landarzt-Roman oder sowas … 0.o

Wozu frage ich eigentlich?

Ich hab ja neulich mal geschrieben, dass man als Taxifahrer am Besten immer alles mögliche fragt. Auf die Zieladressen trifft das sehr sehr oft zu, auf die Strecken ein bisschen weniger. Klar, es gibt auch eine Menge gleichwertige Strecken zwischen zwei Punkten. Und so manche Strecken, bei denen fragen eigentlich … nun ja.

Eine von mir vergleichsweise oft gefahrene und doch immer wieder gerne gesehene Fahrt ist die vom Ostbahnhof zum Flughafen Schönefeld. Eine erstklassige 30€-Tour, die mir schon das ein oder andere Mal ganz zuletzt noch teilweise die Schicht gerettet hat – oder für einen guten Start gesorgt, je nach Uhrzeit. Für diese Strecke gibt es so viele halbwegs vernünftige Routen, das ist nicht mehr normal:

1. Die Touristen-Route

Das ist eine schöne Route, die von vielen Touristen – allerdings auch Berlinern – geliebt wird. Sie ist einfach, weil es fast immer nur geradeaus geht und es zudem die ausgeschilderte Strecke ist. Auf allen anderen Pfaden biegt man irgendwann mal „falsch“ ab. Dabei ist die Route definitiv die längste von allen.

2. Die schnellste Route

Ohne großes Bohei immer auf den Hauptstraßen bis zur Autobahn – und dann ab dafür! So fahre ich in 90% aller Fälle, natürlich nach Absprache mit den Kunden. Denn auch wenn sie kürzer als die Touristen-Route ist, ist sie immer noch lang. Die Argumente „Autobahn“ und „schnell“ werden aber gemeinhin bei Flughafenfahrten immer gerne gehört. Auch von Menschen, deren Flieger erst in 7 (!) Stunden geht …

3. Die vorbildliche Route

Nochmal ein paar Meter kürzer ist dieser Weg, den viele Kollegen offenbar gerne fahren. Der Preisunterschied zu meiner ist marginal und ich mag sie deswegen nicht, weil die Ecke über die man abkürzt, so düster ist, dass man regelmäßig ängstliche Kunden im Auto hat, die einen fragen, wo man jetzt bitte sei und ob man nicht anders fahren könnte. Dabei ist sie wirklich eine Top-Strecke!

4. Die kürzeste Route

Das ist die definitiv kürzeste Strecke, das ist die, die wir bei der Ortskundeprüfung wissen müssen. Der Fahrpreisunterschied zur Touristen-Route liegt bei fast 4 €. Das Problem ist, dass sie einmal quer durch die Herzen von Kreuzberg und Neukölln führt, ein einziges Stop-and-Go vor den zahlreichen Ampeln. Sie dauert mindestens so viel länger, wie sie weniger kostet. Ich hatte in 4 Jahren noch keinen Fahrgast, der das ernsthaft bis zum Schluss durchziehen wollte …

(alle Beispiele unter Einbeziehung der derzeitigen Sperrung der Oberbaumbrücke)

Ich muss zugeben, dass ich die Frage nach der Route oft wertend stelle. Ich frage selten einfach sachlich „Günstig oder schnell?“. Meist sage ich: „Ich würde die Strecke über die Autobahn bevorzugen, die ist sowohl schnell als auch nicht die teuerste.“ Wenn ich das gesagt habe, gab es noch nie einen Widerspruch, außerdem kommt man hier bei der Ansage „30 €“ tatsächlich auf 29,80 bis eben 30,00 €. Aber wirklich immer mache ich das dann halt auch nicht. So auch neulich.

Der Kunde hatte Zeit, obwohl er der Kleidung nach geschäftsmäßig unterwegs war. Das roséfarbene Hemd spannte ziemlich über der Wohlstandsplauze, die Krawatte in dunkelblauem Satin schlackerte unwirsch nach links und rechts. Der hellgraue Anzug darüber hinterließ mich einmal mehr mit der Frage, warum Business-Outfits offenbar von farbenblinden Ottifanten designt, bzw. zusammengestellt werden. Sein auch nicht gerade schmales Gesicht wurde von einer viel zu kleinen Brille betont, etwas lässig wirkte da schon der sauber rasierte schmale Bart über die gesamte Kopfbreite. Hübsch war vielleicht was anderes, aber zum einen hätte ich in dem Outfit noch schlimmer ausgesehen, zum anderen war er ja nicht da um mich zu heiraten. Ich hab’s ihm also durchgehen lassen. 😉

Er wollte, mit lässiger Distanz betont, „keine Umwege“ fahren, ansonsten solle ich tun, was ich für richtig hielt. In Anbetracht der obigen Auswahl dann halt doch eher eine verwirrende als klärende Aussage. Also hab ich ihm die Wahrheit gesagt: dass ich meine Lieblingsstrecke hätte, es allerdings auch wesentlich kürzer gehen würde:

„Es sind locker drei Kilometer weniger, wenn ich über Neukölln fahre, aber dann …“

wollte ich schon zum Verteidigungsmonolog ansetzen.

„NEUKÖLLN? Also so mitten durch, das, also, das ist ja ein UNFUG sondersgleichen! Nein nein, fahren Sie mal über Treptow!“

Ich sag’s ja. KEIN EINZIGER Kunde in vier Jahren. Und was haben wir in der Taxischule diese blöde Strecke gelernt …

Reden ist Silber …

Über den Stellenwert von Gesprächen im Taxi kursieren ja stets unterschiedliche Meinungen. Ich persönlich unterhalte mich gerne, aber hier lesen so viele Leute, dass ich jedes Mal, wenn ich das einfach so als Aussage stehen lasse, von irgendwem die Antwort kriege, dass geschwätzige Taxifahrer voll doof wären. Dabei hab ich selbstverständlich auch mit Ruhe im Auto kein Problem. Schwierig daran ist höchstens, dass ja kaum jemand das Wort ergreift und um Ruhe bittet. Aber die meisten signalisieren ihre Haltung mittels Körpersprache oder indem sie Handy und Zeitung rausholen. Klappt alles. In den übrigen Fällen muss ich dann mit ein wenig Fingerspitzengefühl in den ersten Sekunden oder Minuten der Fahrt herausfinden, wie der Hase läuft.
Und ich würde sagen, dass das Teil dessen ist, was gute Taxifahrer ausmacht.

Meine Fahrgäste, zwei Stück an der Zahl, gemischtgeschlechtlich und wahrscheinlich in einer intimen Beziehung zueinander, passten irgendwie in kein Raster. Auf die ein, zwei einleitenden Gesprächsfetzen antwortete vor allem sie sehr nett und offen, mit einer Begeisterung, die keinesfalls mehr unterschwellig zu nennen war. Gesprächsführung hingegen war eher nicht so ihr Ding, sie sagte stets ein bis maximal zwei Sätze – und zwar dergestalt, dass ein ums andere Mal unklar war, ob ich das Thema jetzt vertiefen sollte oder könnte oder eben nicht.

„Oh, dem Gepäck nach hatten Sie wohl eine lange Reise!?“

„Ja, wir waren in der Schweiz, zwei Wochen Winterurlaub, Schifahren. War eine lange Zugfahrt, glücklicherweise ohne Bahnverspätung und jetzt sind wir ja gleich da.“

Kaum, dass ich ein Thema ansprach, wurde es schnell mit zwei Sätzen beendet – dennoch schwang dazwischen aber Lust an der Unterhaltung durch.

„Ach, Sie haben Kinder?“

„Ja, zwei Mädchen, acht und fünf. Ist schön mit den beiden. Manchmal halt auch stressig.“

Es war komisch. Auch dass ich am Anfang mit ihrer Straße nichts anzufangen wusste … das wurde nett aufgenommen – und unterschwellig enttäuscht. Zuletzt hab ich mich auf’s Fahren konzentriert und mich darüber gefreut, dass die Tour allenfalls eine Viertelstunde dauern würde. Ich war mir bewusst, dass ich gerade einer von „diesen Taxifahrern“ war. Ich wusste nur nicht so recht, welcher:

Der nervig geschwätzige Laberheini oder
der stumme, grummlige, unnahbare Sack?

Ich wollte keiner der beiden sein und ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was in meinen Kunden, insbesondere in ihr, vorging. Ich hab in Gedanken das Trinkgeld gestrichen und mich damit abgefunden, dass am nächsten Abend in einer Wohnung in Pankow über den schrägen Vogel im Taxi gequatscht werden würde, der zu viel/zu wenig geredet hat. Bin ich halt auch einmal Negativbeispiel, sowas soll vorkommen.

Am Ende hielt ich vor ihrer Türe und der Ausladevorgang bezüglich ihrer Reiseutensilien lief genauso ab wie die Fahrt. Freude und Empathielosigkeit, Nettigkeiten und eiserne Mienen.

„Dann wären wir genau bei 14 €.“

„Hier, zwanzig. Stimmt so.“

Ich raff’s bis jetzt nicht. Für ein obligatorisches Na-er-war-ja-wenigstens-kein-Vollidiot-Trinkgeld war es definitiv einige Klassen zu hoch.

0.o

Aguso aus Freiburg

„Entschuldigung, wie weit isses denn etwa bis zum Kottbusser Damm?“

„So ungefähr drei Kilometer, Pi mal Daumen acht Euro mit’m Taxi.“

„Echt? O Prima. Ich würd‘ dann noch aufrauchen und wenn bis dahin keiner kommt, fahr ich mit Dir. In Ordnung?“

„Sicher doch!“

Er hat dann noch aufgeraucht, zwei Minuten später saß er schon auf dem Beifahrersitz. Ein netter junger Mann, gepflegter Bart, Kurzhaarfrisur, lässige Freizeitklamotten und eine mir nicht näher bekannte Form von Mütze auf dem Kopf. Die Strecke war nicht lang, man sollte meinen, arg weit über Smalltalk komme man dabei nicht raus. Besuch in Berlin, Freunde, Berlin ist echt schön, mal was ganz anderes und hey: Du kommst doch auch aus Süddeutschland, oder?

„Erwischt.“

„Cool, woher genau?“

„Stuttgart, direkt.“

„A Stuargarder! Ich komm aus Freiburg, war aber oft in Stuttgart zum Feiern!“

Und noch einmal vier, fünf Sätze über Berlin, Stuttgart, die Unterschiede – dann wurde er schnell nachdenklicher:

„Berlin is‘ schon geil. Alles größer, bessere Clubs … ich war gern in Stuttgart, aber hier kann ich wenigstens mal wirklich weggehen, ohne mir’n Kopf zu machen. Ich weiß nicht, wie Dir das ging, aber bei mir – schau mich an! – war’s immer erstmal nervig!“

Ich hab mich in den letzten 15 Jahren verbogen und verhaspelt, um diese Scheiße irgendwie verständlich auf den Punkt zu bringen und hab’s dabei nur selten über genervte Reaktionen meiner Gegenüber gebracht. Jetzt saß er hier neben mir, im Taxi in Berlin, und regte sich als Betroffener über den Alltagsrassismus auf. Aguso – mit diesem Namen stellte er sich zum Ende der Fahrt hin vor – war, auch Nachts unschwer zu erkennen, von schwarzer Hautfarbe. Und:

„Jedes Mal, wenn ich in Stuttgart weggegangen bin, obwohl nee – nicht übertreiben! – aber drei von vier Mal, ha’m se uns angehalten und kontrolliert, gefilzt. Das ganze Programm. Und hier: nie!“

Ich hab ihm zu verstehen gegeben, dass ich das durchaus auch kenne. Wobei ich damals natürlich den Vorteil hatte, mir meine langen Haare zusammenbinden zu können und die Antifa-Buttons von der Jacke nehmen. Dann ein Hemd angezogen und schon war ich als perfekter Deutscher niemals in der Verlegenheit, meine Taschen entleeren und zusehen zu müssen, wie sich bewaffnete Uniformierte darüber lustig machten, was ich an Lesestoff dabei hatte oder welche Kondommarke. Aguso sprach, im Übrigen ruhig und gelassen, nicht aggressiv, allenfalls frustriert, weiter:

„Ich war ja auch mal in Köln. Da is‘ schon eher wie hier. Hab da auch Leute kennengelernt, aus Eritrea. Als die das gehört ha’m, meinten die, wir wär’n ja paranoid, so’n Quatsch, alles Bullshit, sowas gibt’s doch gar nich‘ hier! Und dann waren die zu Besuch und ich – des is‘ jetzt echt scheiße, das so zu sagen – ich fand das richtig lustig, dass uns die Bullen gleich am ersten Abend gefickt haben. So richtig. Total unverschämt. Die ha’m uns so hart rangenommen, die Kölner Mädels ha’m angefangen zu flennen …“

Es ist kein Geheimnis, dass ich nicht deswegen nach Berlin bin. Ich bin nicht in Berlin, weil ich Stuttgart hasse. Im Gegenteil, ich finde es heute sehr sehr schön, gewissermaßen zwei Heimatstädte zu haben und ich hätte kaum meine Hochzeit in Stuttgart gefeiert, wenn es mich da uneingeschränkt wegziehen würde. Auf der anderen Seite liegt mir das ja durchaus auch reale schwäbisch-spießige Weltbild so fern, dass ich mich wohl selbst mit Wolfgang Thierse im Taxi recht gut unterhalten könnte (andere Meinungsverschiedenheiten natürlich nicht ausgeschlossen).

Von außen, als Unbeteiligter, ist man irgendwie immer gezwungen, konstruiert und aufgesetzt zu wirken. So lange man nicht selbst betroffen ist, wirkt man immer irgendwie unglaubwürdig und muss sich nicht minder konstruierte Gegenargumente anhören. Sicher, Aguso ist nicht der erste, den ich kennenlerne und ich habe selbst schon ein von der Polizei durchsuchtes Zimmer auf meiner Liste zu verzeichnen. Aber ein ums andere Mal macht das ein wenig fassungslos. Die erste Verkehrskontrolle nach 10 Jahren Führerschein ist lustig, klar. Und bei der ersten „unabhängigen Personenkontrolle“ wundert man sich allenfalls. Und ja, das für sich ist kein großes Thema.

Aber irgendwann steht man da und pfrimelt aus seinem Geldbeutel die Adressen von Kumpels, weil es die Cops nichts angeht, mit wem man zu tun hat. Da steht man in der U-Bahn, greift sich in die Tasche und denkt sich:

„Scheiße, ich hab mein Taschenmesser noch einstecken. Hoffentlich machen die da keinen Stress wegen!“

Die berühmte „Schere im Kopf“ wirkt sich plötzlich nicht „nur“ auf Kunst und Kultur, sondern aufs Alltagsleben aus. Und das wegen der Hautfarbe? Man sollte meinen, wir Menschen wären langsam mal darüber hinweg.

Aguso z.B. war wahrscheinlich das Musterbeispiel für Integration. Akzentfreies Deutsch, besser noch: leicht schwäbischer Dialekt! Lässig, aber ordentlich, Student, Maschinenbau (Fachkräftemangel, anyone?), ein sympathischer Mensch mit einem Lächeln bei jedem noch so traurigen Satz, am Stuttgarter Hauptbahnhof, etwa sechs Stunden vor unserem Treffen das letzte Mal kontrolliert,

„nur so normal, Ausweis zeigen halt.“

Unser Innenminister fordert derzeit mal wieder neue Anti-Terror-Gesetze, z.B. wegen gewaltbereiter Salafisten. Aguso wird sich künftig wahrscheinlich auch noch Gedanken darüber machen, ob sein Bart weit genug gestutzt ist. Ich hielt nach nur viel zu wenigen Minuten mit 7,80 € auf der Uhr, die wie selbstverständlich mit einem Zehner ohne Rückgeld beglichen werden. Noch ganz im Thema, verabschiedeten wir uns mit gequältem Lächeln voneinander.

„Wie heißt Du nochmal?“

„Sascha.“

„Sascha. Ich bin Aguso. Cool! Meine erste Bekanntschaft dieses Mal in Berlin. Und: a Schwoab!“

Und dann ist er feiern gegangen, vermutlich ungestört. Ich nehme an, seine Taschen hat er vorher dennoch überprüft. Sicher ist sicher.