Hasinizer

Man stelle sich folgendes Gespräch im Fond meines Taxis bitte mit breitem amerikanischem Akzent vor:

„Und dann ist there eine Concert.“

„Wow. Und ihr geht dahin?“

„Oh yeah, weil Susi is eine kultureller Hasi! Das besten kultureller Hasi!“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe viel mit kultureller Hasis zu tun.“

„Ha, du bist einfach ein Womanizer!“

In diesem Moment meldete Susi, selbst anwesend, auch einmal zu Wort:

„Nee, der is nich ein Womanizer. Der is eine kultureller Hasinizer!“

Nach sowas braucht man eine Pause. Zur Zwerchfellentspannung.

This is the end…

Am Ende der Schicht war nich noch bei weitem nicht angelangt. Es war genau genommen die erste Tour. Mich ereilte sie in Form eines Winkers, der überraschenderweise einen Koffer zückte und ihn unvermittelt einlud. Nicht, dass das irgendein Problem darstellen würde – Winker mit Koffern sind einfach selten. Am Bahnhof kommt das natürlich öfter mal vor, aber die meisten Leute, die von Zuhause mit Gepäck ein Taxi nehmen wollen, bestellen dann ja doch. Er nicht.

Aber so hatten wir auch gleich ein Gesprächsthema: Wozu einen Koffer?

Alles in allem war die Antwort unspektakulär. Er war semi-professioneller DJ und als Geschenk unterwegs zu einer Geburtstagsparty. Nur sein Bus war ihm gerade raus, deswegen jetzt ein Taxi. Aha. Wir haben uns ganz gut verstanden und uns die ganze Fahrt über unterhalten. Hauptsächlich über seinen Beruf. (Mal was anderes, von meinem erzähle ich ja ständig 🙂 )

Besonders aufregend war nichts, was er erzählt hat, aber am Ende kam die übliche lustige Anekdote:

„Wünsche erfüllen ist immer schwierig. Deswegen leg ich auch Platten und CD’s auf. Mit internetfähigem Equipment wird man gerne mal gezwungen, schnell was runterzuladen. Und manche Wünsche darf man einfach nicht erfüllen und es geht immer in die Hose.“

„Das kann ich mir vorstellen. Ist ja nicht alles partytauglich…“

„Ja, ganz klassisch kommt das ältere Semester irgendwann schon ziemlich breit an und wünscht sich ‚The End‘ von den Doors. Das kannste einfach nicht bringen…“

„Nee, das ist echt…“

„Ich mein, geiler Song. Aber nicht, wenn gerade alle anderen tanzen wollen!“

Ach, was hab ich mich an alte WG-Parties erinnert gefühlt! 😀

Allerdings bin ich zugegebenermaßen einer jener Spielverderber gewesen, der immer irgendwann Pink Floyd oder so rausgekramt hat. Älteres Semester, hm? Naja…

Und falls wer gerade Lust bekommen hat: Hier der Link zu Youtube 🙂

„Schaffste noch!“

Bevor ich vorletztes Jahr das erste Mal an Silvester gefahren bin, haben mich die Kollegen nicht nur vor den Kotzern gewarnt, sondern viel mehr auch vor den Unglücklichen. Nicht etwa, weil sie gefährlich wären, sondern weil sie einem gehörig die Laune verderben können an diesem sonst so wundervollen Tag für uns.

Ich hatte damals auch umgehend eine ziemlich deprimierte Frau im Auto, mit der ich just die längste Fahrt des Abends hatte und richtig froh war, danach wieder kurz vor dem Ausfall stehende betrunkene Jugendliche zu befördern. Aber ja: Der Jahreswechsel lädt einen ja nicht nur zum Feiern ein, sondern auch zum Nachdenken, was man in den letzten 12 Monaten so zustande gekriegt hat. Dass der Abend eher weniger schön ist, wenn ein Jahr im Rückblick nur aus zerbrochenen Beziehungen und toten Verwandten besteht, kann ich nachvollziehen.

Eher selten sind allerdings die Leute, denen die Silvesterfeiern selbst auf den Zeiger gehen – von den Hardcore-Spaßverweigerern mal abgesehen. Mich ereilte das diesjährige Glück kurz vor meiner Haustüre, als ich mich gerade auf eine Pause gefreut hatte. Aber ich kann ja nicht nein sagen, wenn man mich nett fragt, ob ich nicht noch vielleicht kurz…

Die Fahrt war tatsächlich nicht lang, vielleicht 3 Kilometer, etwas das mir an Silvester immer gut gefällt. Da es an Kundschaft eh nicht mangelt, erhöht das Stunden- und Kilometerschnitt doch beträchtlich.

Jedenfalls wollte er nur in eine Hochhaussiedlung unweit meiner Heimat und das Gespräch landete recht schnell bei der Feier. Er hätte keinen Bock mehr und geht jetzt „nach Hause“. Was aber gar nicht zu Hause war. Er hat sich hier eine Wohnung für eine Nacht angemietet, denn er war extra aus Frankfurt am Main wegen Silvester zu seiner Freundin gefahren.

Ich hab mich kurz umgeschaut, keine Freundin gefunden und besser mal nicht gefragt.

Dann hat er selbst ausgeholt zum Erzählen: Er ist ein wenig verspätet angekommen, dummerweise war er damit so ziemlich der einzige nüchterne Mensch auf der Party. Seine Freundin war bereits so nahe an komatösen Zuständen, dass sie weder geradeaus gucken, noch ihn ernsthaft erkennen würde. Ihm ist das also tierisch auf die Nüsse gegangen und er hat sich gefrustet auf den Heimweg gemacht. Ich hab ihn mit ein paar Allgemeinplätzen des Bedauerns bedacht, wurde dabei jedoch von seinem Telefon unterbrochen. Zunächst rief die Freundin an, was er nach einer Minute abbrach, da sie ihm offenbar nicht sinnig oder überhaupt wie begründen konnte, weswegen er umkehren sollte.

Eine Minute später klingelte es wieder. Das Gespräch dauerte ähnlich lange, mein Fahrgast beendete es mit den Worten:

„Na das schaffste auch noch, wenn ihr so weitermacht!“

Etwas zögerlich hab ich gefragt, ob es schlechte Neuigkeiten gäbe. Er hat seine Stirn in Falten gelegt, als wüsste er selbst nicht so genau, was er davon zu halten habe. Dann sagte er:

„Ach, das war einer von den Typen, die vorher schon so furchtbar an meiner Freundin rumgebaggert haben. Und jetzt erzählt der mir hier wunder weiß was über sie. Soll er sie doch abschleppen, ist mir jetzt auch egal!“

Dann ist er mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen ausgestiegen und hat mir ein sattes Trinkgeld vermacht. Ich hab gequält zurückgelächelt und mich innerlich gefreut, dass mein Jahr damit dann doch etwas besser anfängt…

Vorsätzliches

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und abgesehen von meiner Vorfreude auf Silvester im Taxi merkt man das auch hier und da an der Kundschaft:

„Und, wo feiern sie Silvester?“

„Hauptsächlich hier im Taxi.“

„Sie…? Oje, das tut mir leid.“

„Muss es nicht. Ich arbeite freiwillig. Und irgendwer muss ja die Feiernden heimbringen… außerdem will ich mal wieder ein Bisschen mehr arbeiten…“

„Haha, auch ein guter Vorsatz!“

„Naja, eigentlich mach ich mir keine Vorsätze.“

„Ich schon. Immer. Dieses Jahr will ich endlich mal mit dem Rauchen aufhören. Meine Mutter werde ich 2012 öfter besuchen und dieses Mal spare ich wirklich auf einen Urlaub im Herbst!“

„Oha! Und setzen sie ihre Vorsätze auch immer um?“

„Nee, eher nicht so…“

„Das ist schwieriger als der Schwur am Abend, nicht wahr?“

„Ja, aber dieses Jahr habe ich den Vorsatz gefasst, meine Vorsätze besser einzuhalten!“

Dabei grinst er mich ein wenig schief an und versucht sichtlich gequält, das witzig klingen zu lassen – wobei er ganz offensichtlich eher befürchtete, dass es wieder nichts wird. Ein wenig erbärmlich wirkt er dabei.

Und das ist der Grund, weswegen ich eigentlich nicht auf diese Vorsätze stehe. Irgendwelche Pläne umzusetzen hat natürlich jeder immer mal wieder vor. Aber mir reicht es, im Rückblick zu sehen, dass irgendwas geklappt hat – oder vielleicht auch nicht so gut gelaufen ist. Für mich wird 2012 auch spannend. Ein neuer Blog, das erste Jahr Ehe, hoffentlich das Loswerden des ersten Buches, noch hoffentlicher ein Stipendium und nicht zuletzt gegen Ende dann das Lachen über die ganzen deprimierten Weltuntergangspropheten, die sich heimschleichen, weil nix passiert ist. Aber davon werden wir im Laufe dieses Jahres hören, nicht jetzt.

Wie haltet ihr es mit Vorsätzen zu Silvester?

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Da ich noch nicht weiß, ob ich morgen groß zum Bloggen komme, wünsche ich euch schon mal einen guten Rutsch und einen feucht-fröhlichen Jahreswechsel. Und ärgert die Taxifahrer in der Silvester-Nacht nicht! 🙂

Kleinode aus Kundenmund

Im Grunde hab ich nicht viel mitbekommen von den Kunden. Ein Paar, irgendwas um die 40 und zur Abwechslung mal nett zueinander. Die beiden haben sich untereinander unterhalten, wenig mit mir. Das war schon ok, aber da ich ja auf Arbeit keine Kopfhörer trage, kann ich nun folgenden Dialog zum Besten geben:

„Schatz, ich hab da ein Problem.“

„Ja?“

„Ich will die Betten umstellen.“

„OK, warum nicht?“

„Ja, aber ich kann das nicht.“

„Wieso, was ist denn, Schatz?“

„Du liegst da immer drin…“

Wie Bombe (2)

Als ich meinen alkoholisierten Super-Fang wieder im Auto hatte und ausparken wollte, ermahnte er mich, wir müssten erst einmal anstoßen. Dazu hatter er mir tatsächlich eine Cola mitgebracht, er selbst hielt sich an einer kleinen Jägermeister-Pulle fest. „Nicht betrinken“ war er ja angeblich. Wieder auf der Straße hab ich ihm den Gefallen getan und ihm zugeprostet, ist ja nicht das erste Mal, dass ich im Auto etwas trinke.

Er verzog bei seinem ersten Schluck das Gesicht, als würde er – wie ich – eigentlich gar keinen Schnaps trinken und es ziemlich widerlich finden. Als Lösung fing er an, sich eines der 5 gekauften Bier zu öffnen. Ich bin da nach wie vor recht offen, aber er war schon arg in Mitleidenschaft gezogen. Also hab ich ihn mehr als nur deutlich verwarnt:

„Hey! Nix dagegen, dass du hier Bier trinkst! Aber VORSICHT! Das Auto bleibt gefälligst sauber, sonst wird’s teuer!“

Als Antwort dienen sollte ein etwa zweiminütiger Monolog seinerseits, der zum Inhalt hatte, dass er Gustav heißt und als Gustav selbstverständlich auch saubermacht, was er beschmutzt. Außerdem sei das auch mit dem Geld kein Problem, denn er hätte Arbeit, weder Frau noch Kind, einfach nur „Kohle ohne Ende“. Dabei hantierte er mit seiner Bierflasche immer so, als ob er mir ernstlich zeigen müsste, wie es aussehen würde, würde er sie ausschütten. Ein bisschen geschwitzt hab ich bei der Darbietung durchaus. Aber er hat sein Versprechen gehalten.

Kurz vor dem Ziel musste er mir zeigen, wo es jetzt genau zu seiner Firma geht. Als wir an der Ampel standen, hätten es folgende Worte getan:

„Hier gleich hinter der Kreuzung die erste Einfahrt rechts!“

Gesagt hat er ungefähr folgendes:

„Fahrsdu fahrsdu gerade, immer gerade. Nicht hier rechts, erst nachher. Dann rechts, dann ist meine Firma!“

Das kann man so auslegen wie er, muss man aber nicht. Kurzum: Es hat 3 Anläufe gebraucht, bis wir die Einfahrt getroffen haben. Auf dem Gelände selbst gab es das gleiche Spielchen nochmal, aber ich hab das genossen. Ich hatte meinen Blogeintrag in der Tasche, alles ok. Am Ende einer solchen Tour muss man – insbesondere als Gustav! – natürlich eine Zigarette rauchen. Deswegen muss der Taxifahrer auch eine rauchen. Irgendwie logisch. Fand er zumindest.

Immerhin ist er dazu ausgestiegen. Damit wäre eigentlich alles erledigt gewesen. Ach gut, das Zahlen…

Das stellte ihn – wie er ja gesagt hatte – vor keine sonderliche Herausforderung. Er drückte mir einfach seinen Geldbeutel in die Hand, der mit grob geschätzten 500 € durchaus ausreichend ausgestattet war, um die 14€-Tour zu begleichen. Ich hab ihn dann gezwungen, hinzusehen was ich mir rausnehme, denn bei seiner Aufmerksamkeitsspanne hätte es keines Meisterdiebes bedurft, mal eben die Hälfte der Kohle zu entwenden.

Da mein Fahrgast langsam aber auch die Kontrolle über die Sprache verlor, gab es nicht einmal weiteres Trinkgeld. Stattdessen rutschte er neben der offenen Beifahrertür plötzlich weg, stürzte kopfüber und ohne sich abzustützen ins Wageninnere. Statt aber bequem auf dem Beifahrersitz zu langen, knallte er mit dem Kopf gegen das Amaturenbrett, um am Ende mit dem Gesicht zwischen selbigem und der Türe eingeklemmt liegen zu bleiben. Wer will, kann das gerne versuchen: Es gibt keine bequeme Position, in der man das hinkriegt. Im Grunde weiß ich nicht einmal, wie er einem Genickbruch entgehen konnte…

Also hab ich ihn rausgefischt und nebenbei auch sein offenes Bier, dass er bei der Aktion in den Wagen geschmissen hat.

Aber ebenso wie ihm sein Kopf nicht abgefallen war, stand das Bier nun, leicht an den Türschweller angelehnt, sicher im Wagen und ist nicht ausgelaufen. Mehr Glück kann man kaum haben. Er sah ein, dass es nun besser wäre, zu gehen. Ich selbst wollte ohnehin einen Abflug machen. Als ich gerade einsteigen wollte, drang ein fürchterlicher Lärm an mein Ohr, aus genau der Ecke, um die er inzwischen verschwunden war.

„Was ist los, biste hingefallen?“

„Jaaaaa!“

„Ist was passiert?“

„Nee, aber besoffen wie Bombe!“

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung 🙂

Wie Bombe (1)

Als ich am Freitag wieder ins Cockpit zurückgekehrt bin, war ich noch nicht so ganz überzeugt von meinem Versprechen, schnell blogbare Fahrgäste zu finden. Ich bin vielleicht nicht schlecht darin, Kleinigkeiten aufzupumpen, aber die ersten 3 Kunden haben einen schalen Nachgeschmack von Nichts mit Wasser hinterlassen.

Für die Schicht und für mich als Taxifahrer waren sie super. Schnell ein paar Euro verdient, keine Probleme, alles bestens. Für mich als Blogger war es indes eine Katastrophe. Das Glück kam dann jedoch schon um 22 Uhr etwa angetorkelt. Ich war an der Rücke gerademal sechster oder siebter Fahrer, eigentlich hatte ich also sogar noch mit etwas Wartezeit gerechnet. Aber da stand er dann – oder versuchte zu stehen. Er war ein junger Mann, eingekleidet in einen knallroten Trainingsanzug, vom Zustand her leicht mitgenommen. Auf jeden zweiten Vorwärtsschritt folgte einer rückwärts und so wie er schon nach Brockenlachen aussah, dachte ich mir:

„Na komm, den packste ein. Nur so zum Bloggen!“

Mit einem Geräusch, das entfernt an ein „Pff“ erinnerte, sank er auf den Beifahrersitz und ich begrüßte in standesgemäß:

„Guten Abend aber auch. Na, war auch schon ein Bier zu viel, oder?“

„N-N-Neeeee!“

protestierte er mit starkem russischen Akzent und erging sich in Unverständnis darüber, dass ihn andere Fahrer nicht mitnehmen wollten. Eine grobe Adresse hatte er auch noch parat, dann ging es auch schon los. Ziel sollte eine nicht so genau benannte „Firma“ in einem Lichtenberger Gewerbegebiet sein, immerhin grob eingegrenzt auf eine Kreuzung, die mir was sagte. Allerdings wollte er unbedingt noch Bier kaufen und brauchte dazu einen Imbiss. Für eine clevere Idee hielt ich es nicht bei seinem Zustand, aber besser als die folgende war es dann doch noch:

„Trinkst du mit! Kriegst du von mir!“

Ihm das auszureden war nicht leicht:

„Hey, ich kann während der Arbeit nix trinken!“

„Ach, is egal!“

„Nein, das ist nicht egal.“

„Machst du Woodka! Lemon! Merkt Polizei nix!“

„Und wenn doch? Nix da. Mein Schein ist mir wichtig!“

„Machstu kommstu! Nullzwei! Merkt niiiix!“

„Ja, und ich muss 0,0 Promille haben, Ende der Diskussion.“

„Sonst ist der Schein, also nicht Führerschein…?“

„Ja genau. Mein P-Schein! Der ist dann weg. Hier ist übrigens ein Imbiss!“

Ich hab den Wagen an der Frankfurter Allee vor einem Imbiss gestoppt, er wollte allerdings nicht aussteigen, bevor ich ihm sage, was ich trinke. Da hat er sich nicht von abbringen lassen. Also hab ich ihm vorgeschlagen, er könne mir ja eine Cola mitbringen. Reichlich ungelenk hat er sich aus dem Auto geschält und ist unsteten Schrittes zum Imbiss gewankt. Während ich mir eine Zigarette angezündet habe, hat er mir noch zugerufen:

„Cholla! OK, kriegst du Cholla! Machst du dir keine Sorgen. Ich bin nicht betrinken. Trunken! Nicht!“

5 Minuten, halbe Strecke – und schon hab ich eine Auszeit gebraucht. 🙂

Den Rest der Tour gibt es morgen. Verzeiht mir, aber so viele Stories hab ich noch nicht gesammelt. Und der reicht für zwei…