Ein paar Fahrgastinformationen

„Wir haben uns ja in Westberlin irgendwie eingeigelt und rechnen jeden Tag damit, dass sie die Mauer wieder hochziehen…“

„Immer wenn ich den Fernsehturm sehe, muss ich an Zuhause denken. Mannheim!“

„Ich nehme an, sie transportieren mich auf der möglichst günstigsten Route. Also Greifswalder ist in Ordnung, aber bitte nicht über Greifswald selbst…“

„Ich hab mich einmal im Taxi geschminkt, das mach ich nie wieder…“

„Ich komm gerade vom Spiel. Waren sie auch da?“

„Also ich finde ja nicht, dass Marzahn noch zu Berlin gehört. Aber ich bin ja auch schon älter…“

„Hat ihr Auto schon Musik?“

„Aber wenn ich vom Alex zur Siegessäule will, muss ich doch über Hauptbahnhof fahren. Durchs Brandenburger Tor kann man ja gerade nicht…“

„Ey, so einen Bart will ich auch mal. Wie haste des gemacht? Wachsen lassen, oder?“

Ich mag meinen Job 🙂

Aha. Interessant.

Manche Kunden sind ja schon eine ganz eigene Marke. Der Mann im dunkelgrauen Anzug, der sich am Ostbahnhof in mein Taxi setzte, wirkte immerhin routiniert.

„Ins Comfort Hotel Lichtenberg bitte.“

Das ist ein Hotel, bei dem ich eigentlich nicht mal überlegen muss. Von fast allen Ecken Berlins ist das Hotel genauso anzufahren wie mein Zuhause, und im Grunde ist das auch noch super simpel: Wenn man erst einmal auf der Landsberger Allee ist, ist alles in Ordnung. Irgendwie hat mich aber die Routine, ein dummer Gedankengang oder was auch immer, fragen lassen:

„Sie meinen das in der Rhinstraße, oder?“

Dann ging es los.

„Ja selbstverständlich. Welches denn sonst? Sie müssen einfach die B1 runterfahren und dann irgendwann links ab. Soll ich ihnen das zeigen?“

„Nein, ich weiß wo das Hotel ist, danke. Und sie sind immer so da hin gefahren?“

„Ja natürlich! Das erste Mal damals mit meinem Navi, inzwischen nehme ich ja eigentlich immer ein Taxi. Wissen sie, ich bin ja jetzt seit 2 Jahren fast einmal monatlich in Berlin…“

„Und sie sind IMMER diesen Weg gefahren?“

„Na klar.“

„Wissen sie was? Dann zeig ich ihnen heute mal den kürzesten.“

Und er fängt noch an zu lachen und meint, ich solle das ruhig versuchen. Wenn ich unter 17 € komme, will er einen Zwanni bezahlen. Ich komme ins Grübeln. 17 € ist ja nicht so viel, und wenn jetzt doch mal einer den richtigen Weg gefahren ist… Aber Quatsch, meist passiere ich die Kreuzung Landsberger Ecke Rhinstr. bei ungefähr 15 € – und von da aus kriege ich keine 80 Cent mehr auf die Uhr.

Er indes achtet nur bedingt auf den Weg. Die FAZ aufgeschlagen, nur gelegentlich aus dem Fenster linsend passiert er im Fond ahnungslos eine Strecke, bei der ich zum Fahren nicht einmal mehr die Augen aufmachen müsste, wenn die anderen Verkehrsteilnehmer nicht wären.

Ich rolle die Hoteleinfahrt hoch und schalte ganz bewusst schwunghaft die Uhr aus und grinse:

„Das macht dann 15,60 €.“

Seine Reaktion war knapp. Ganz trocken, sichtlich ohne emotionale Regung (also auch ohne Groll) meinte er:

„Aha. Interessant. Dann gehört der wohl ihnen.“

Kann ja nicht jeder die kürzeste Strecke so spannend finden wie ich 🙂
Aber das mit den Wetten sollte ich eindeutig öfter machen.

Die ganz wichtigen Probleme

Unfreiwillig mitgehört, zwei Mädels hinten im Taxi:

„Ey!!! Muss isch disch mal Bild zeigen! Ey wart mal!“

„Boah, waaaas?“

„Ey, habsch doch gesagt, dass isch die Freundin vom Hassan gesehn hab. Ey Alter, scheiße! Ey die sieht aus wie 13! Habsch misch geguckt, hat aber nur ein Bild bei Internet. Gucksdu!“

„Ey, escht?“

„Ey, Alter, die ist 17! Will der misch verarschen. Ey guck dir die mal an. Und weißsch, die sieht mal von der Seite noch mehr Scheisse aus. Ey, alles was die gleisch mit mir hat, ist dass die auch blond ist! Der will misch verarschen. Gucksdu!“

„Boah krass!“

Bin ich unnormal, weil ich solche Gespräche nie geführt habe?

Jaja, die Kinder…

Fangen wir nach der langen Pause doch klassisch mit einer Matrix-Tour an!

Die Jungs haben mich hinten als Dritten gleich angequatscht, ob ich 5 Leute mitnehmen könne. Und wie viel es zum Generator kosten würde. 7 bis 8 Euro hätte der Kollege gesagt.

„Nee sorry, das reicht nicht ganz. Die Fahrt kostet exakt 9,40 €. Dann kommen aber noch die 1,50 für die fünfte Person dazu. Also 10,90€.“

„Machen wir 10 € glatt?“

„Nee, jetzt stellt euch nicht so an.“

„11 €!“

„Ich hab doch 10,90 € gesagt!“

„OK, alles klar!“

Zum einen hab ich natürlich jetzt drei Jugendliche von der Rückbank pflücken dürfen, um den einen Zusatzsitz rauszuklappen, aber es ist nicht selten, dass die Leute das OK für 5 Leute verwechseln mit einem „OK, ausnahmsweise dürft ihr euch zu viert auf die Rückbank quetschen!“

Dann ist einer der 5 plötzlich weggegangen und hat rumgemeckert, er hätte jetzt schon die Tageskarte bezahlt und er würde so heimfahren, wenn das noch extra kostet. Seine Kumpels haben ihn alle gedrängt einzusteigen, er solle nicht so einen Stress machen wegen dem bisschen Geld – fast schon selten sowas.

Auch wenn das zu Beginn alles recht stressig klingt, war die Fahrt zunächst sehr angenehm. Die 5 haben rumgealbert, sich ein bisschen gegenseitig geneckt, Jugendliche nach einer Party eben! Noch dazu nicht einmal voll wie Eimer, kein bisschen aggressiv… super Kundschaft im Grunde.

An der Warschauer Ecke Kopernikus ist dann tatsächlich die Mimose von vorhin wegen irgendeines unbedeutenden Spruches unter hunderten an der Ampel ausgestiegen und wollte den Rest laufen. WTF?

Seine Kumpels haben mich gebeten, anzuhalten, sie würden dann auch hier aussteigen. Der Unmut wurde allerdings lauter, und so kam es, dass ich rechts rangefahren bin, nicht auf ihre Wünsche gehört habe („Fahr den einfach um, ok?“), und die Fahrt nach halber Strecke quasi beendet habe. 6,70 € standen da, und selbst der eine Spinner, der jetzt nochmal anfragte, ob ich 6 machen würde, war eher auf einen Witz aus.

Naja, einer ist ausgestiegen und die anderen haben beschlossen, auf die beiden Idioten zu pfeifen und wollten, dass ich weiterfahre. Das Taxameter war schon aus, also hab ich es ausgelassen. Ich kenn ja den Gesamtpreis und hab mit den Jungs ausgemacht, dass es dabei bleibt.

Als wir die beiden anderen überholt haben, hagelte es noch böse Sprüche hin und her, der Rest war einfach nur locker. Die drei verbliebenen haben sich noch darüber amüsiert, wie weit der Weg für die anderen beiden jetzt wäre und waren am Ziel blendender Laune. Mit 11 € wollten sie mich von Dannen ziehen lassen, dann aber machte der eine nochmal die Tür auf und meinte:

„Ey, hier haste noch 50 Cent. Hol dir’n Bier! Auf jeden! Wie lange arbeiteste noch?“

„Ach, schon noch so 3 bis 4 Stunden…“

„Aber danach holste dir ein Bier! Versprochen?“

„Ich werd‘ sehen, was ich tun kann.“

Bleibt abschließend nur anzumerken, dass es erstaunlich treffsicher war mit den 60 Cent Trinkgeld. Wo mein Bier in meinem Supermarkt doch 59 Cent pro Flasche kostet 🙂

Ach so, bevor sich jemand wundert:

Ich hab auf dem Rückweg vom Generator in Richtung belebter Gebiete einfach kurz für 4,20 € das Taxameter angeschmissen, damit die Abrechnung auch für meinen Chef stimmt.

Die Leute haben Probleme…

„Hey Taxi!“

kreischte ein Mädel und hatte die Hand schon an meiner Türe. Im Matrix war schon so gut wie Schluss, und nach Sonnenaufgang erweckte der ohnehin meist trostlose Anblick des Warschauer Platzes geradezu Mitleid. Ein paar einzelne Gestalten standen herum und redeten, nicht einmal mehr Musik hat die Situation verschönert. Ein Anblick wie wenn man morgens nach einer WG-Party mit Kopfweh in die Küche geht und feststellt, dass man festes Schuhwerk benötigt, um zur Kaffeemaschine zu kommen.

Es gab sowieso nur eine geringe Chance, überhaupt noch jemanden zu finden, der ein Taxi braucht, da kommt einem solch offensives Vorgehen wie das der o.g. Dame doch entgegen.

Die anderen Mitglieder des kleinen und nicht sehr feinen Kreises jedoch machten keine Anstalten, ihr zu folgen, weswegen sie zurück ging.

„Na dann halt nicht!“

dachte ich. Im Folgenden vernahm ich unschöne Ausdrücke seitens meiner potenziellen Kundin, die sich jedoch an die männlichen Anwesenden außerhalb des Autos richtete. Spätestens als sie dem einen lautstark erklärte, dass sie definitiv viel hübscher als die andere sei, nur ein bisschen dicker (was wahrscheinlich zur Hälfte dem Makeup geschuldet war), habe ich mir gewünscht, der Kelch ginge an mir vorrüber.

2 Minuten später stieg sie mit einer Freundin ein. Nicht ohne sich davor lautstark zu unterhalten, wer jetzt als erster einsteigt. Einblick in Sashs Gedankenwelt:

„Puh, ruhig bleiben und durchatmen. Du machst das schon und im Zweifelsfall ist sie hübscher. In 10 Minuten ist alles vorbei…“

Ich wartete einen Tick zu lange mit meiner Begrüßung, da schrie man mir ins Ohr:

„So ein Scheißtag! Isch hab mein Freund totgeliebt (mit überschlagender Stimme nochmal lustiger!) und der haut jetzt mit so ner Schlampe ab! Ey scheiße Alter! Verstehst du?“

„Äh ja… klingt nicht wirklich gut. Wo darf es denn hingehen?“

„Isch, wir, äh… keine Ahnung. Wo wollen wir hin?“

Naja, man muss ja nicht alles wissen. Ich hab sicherheitshalber die Uhr gar nicht angemacht. Das wird böse enden.

„Ey, naja, wir fahren Warschauer Straße!“

„Also mal ganz im Ernst. Da hinten ist der Eingang zur U-Bahn. Ich fahr gerne einmal drumrum, aber das is‘ vielleicht ’n bisschen teuer für den Spaß.“

„Was?“

„Ey, der hat gesagt, die U-Bahn ist da hinten!“

„Ey, aber isch kann nisch aussteigen.“

„Der sieht des nicht mehr, der is‘ schon ums Eck gegangen!“

„Ey escht? Scheiße, isch sterbe, wenn der sieht, dass wir gar nicht Taxi sind.“

„Ey ok, wir gehn U-Bahn. T’schuldigung!“

Ich freue mich immer über Kundschaft, aber das ein oder andere Mal tut es nicht sonderlich weh, wenn Fahrgäste es sich anders überlegen…

Und was ich stattdessen bekommen habe, könnt ihr morgen früh lesen.

Voll schön!

Hatte ich also eine (besser gesagt: zwei) nette Abschlusstouren mit einem Vierertrupp gutgelaunter und schon leicht angeschlagener Mädels aus meiner alten Heimat Stuttgart. Auch wenn die Wege nicht ewig waren, sind wir doch ein bisschen zum Reden gekommen, und wie so oft schweifte das Thema irgendwann zum Taxifahren:

„Und, kann man da gut von leben?“

„Ach, ich bin zufrieden, aber eine Familie möchte ich damit nicht durchbringen müssen. Ansonsten ist Berlin ja eine günstige Stadt.“

„Echt? Was zahlst du denn so an Miete?“

„Das ist ein bisschen schwer zu beantworten, denn ich wohne zusammen mit einem Kumpel und meiner Freundin…“

Und dann alle im Chor:

„Ooooaaaahhhh!“

Ich bin ja auch froh, meine Freundin zu haben, auf so viel Mitgefühl war ich allerdings nicht vorbereitet. Und mir ist spontan ein alter nichtlustig-Cartoon dazu eingefallen:

Klick mich, wenn du gucken willst!

Trendy Schweden

OK, ich hab keine Ahnung, ob man das irgendwie so witzig hingeschrieben bekommt, wie es war…

An der Gedächtniskirche:

„Ahh, wir keneen diesen Kirchen. Ist daas von die kapuute die zweiten Weltkriegen?“

„Ja, genau.“

„Deeshaalb man hat gebildet diese modernen Gebäude daneben?“

„So in etwa.“

„Daas ist den modernen! Ist den trendy Kirche. Trendy Berlin! Wir haaben gelesen in ein Reisenführer, daas Berlin soll sein so sehr trendy. Desweegen wir sagen bei alles waas wir sehen: Trendy Berlin!“

Wer ernstlich glaubt, die Namen bei Ikea seien lustig, der sollte sich unbedingt man mit schwedischen Touris unterhalten. Sie wollten von mir ein paar neue deutsche Sätze lernen. Wie sich das bei jungen Leuten offenbar gehört, waren definitiv auch ziemliche Sauereien darunter, aber ich würde doch gerne sehen, wie sie irgendjemandem erzählen:

„Mein Schwanz ist ein Rotkehlchen.“

Und es ist nicht so, dass ich ihnen Blödsinn erzählt hätte. Sie wollten (wegen eines Textes in ihrem alten Deutschbuch) unbedingt wissen, was Rotkehlchen heisst. Da haben wir lange rumlamentieren müssen, weil sie aus dem Buch (wer zur Hölle druckt sowas?) das Wort „Domherren“ im Kopf hatten. Hat eine Weile gebraucht, bis wir rausgefunden haben, was sie meinen.

Weitere Highlights der Tour waren das Geständnis, dass der eine was mit einem Mädel hatte, obwohl er doch auf Jungs steht, und dazu die erklärende (?) Aussage des anderen:

„Weisst du, er ist nicht mein Freund. Aber ich liebe ihm!“

Wie lustig der Job doch sein kann…