Gutes Timing

Hallo zurück erstmal, liebe Leser!

Eine Woche Funkstille ist nun vorbei – aber da die Klagen so zahlreich nicht waren, hoffe ich doch, dass ich gleich zur Tagesordnung übergehen kann 😉
Nur so viel: Ich war krank, hatte Besuch und nebenbei auch oft keinen Bock. Da muss auch mein Blog mal ein wenig leiden.

Heute dann der langersehnte Start, der Wiedereintritt – oder was einem sonst noch so für Vokabeln einfallen, die man in Anlehnung an den ersten bemannten Raumflug vor nunmehr 50 Jahren verwenden kann…
So spektakulär wie Gagarins Flug war meine erste Schicht natürlich nicht. Weder hat meine Kiste den Weltraum erreicht, noch ist sie ins Trudeln gekommen, und einen Orden von der russischen Regierung werde ich wahrscheinlich auch nicht bekommen. Sei es drum. Es war ja nur eine total langweilige Dienstagsschicht.

Ich bereite mich auf die Schichten ja durchaus unterschiedlich vor. Nicht arg, aber in Nuancen. Während ich Samstags zum Beispiel dafür sorge, dass ich ein paar Knabbereien dabei habe, die ich schnell nebenher essen kann, sorge ich mich Dienstags wesentlich mehr um Zigaretten und Lesestoff. Wer denkt schon daran, beim Fahren zu essen, wenn man sowieso 6 von 8 Stunden rumsteht…

Insofern war die Schicht nicht nur was seichtes zum Wiedereinstieg, sondern gleichzeitig auch eine erneute Geduldprobe. Eine Tour pro Stunde hab ich gerade so hinbekommen, das Gesamtergebnis blieb dennoch zweistellig. Dennoch spreche ich von gutem Timing in der Überschrift. Weswegen?

Also zum einen hab ich die Bahn zum Heimfahren punktgenau erwischt. Das ist in der Tat nicht schlecht, denn die fährt Nachts ja nur im 30-Minuten-Takt. Aber damit will ich nun wirklich niemanden langweilen.

Nein, es ging natürlich um eine Tour. Als ich heute einmal fast eine Stunde vor dem Ostbahnhof versauert bin, trat ein Mann an einen Kollegen vor mir heran, setzte sich in sein Auto und redete. Dann stieg er wieder aus und ging zu einem weiteren Kollegen. Soweit nichts ungewöhnliches, Preisverhandlungen sind ja letztlich – ob legal oder illegal – an der Tagesordnung.
Als er dann zu einem dritten Kollegen wechselte, wurde ich neugierig. Er war zwar bisher überall abgeblitzt, aber selbst der blödeste Vollpfosten fragt nicht 3 Taxifahrer, ob er eine 30€-Tour für 10 kriegt. Ich vermutete sowas wie „an der Bank halten“, Kartenzahlung oder eine kleine Finanzdifferenz von einem 5er – den man ja eventuell auch wieder an einer Bank ausgleichen könnte.

Inzwischen haben sich die ersten beiden Kollegen unterhalten, und es kam heraus, dass der Kerl wohl nach Bernau wollte. Ui!
Dem ersten Kollegen hat er einen Zwanni geboten, was dann locker die Hälfte unter einem halbwegs plausiblen Angebot liegt. Kollege 2 allerdings hat schon 30 geboten bekommen, und so überlegte ich zum einen, wie viel ich verlangen würde – zum anderen, wie viel er bieten würde, wenn er die Taxen der Reihe nach durcharbeitet und immer um einen Zehner erhöht 🙂

Letzteres hätte 70 € für die Tour gebracht, aber das war natürlich eine absurde Annahme. Ich hab also mal geschaut, wie weit das genau ist. Mein Navi meldete was von 25 Kilometern, und ich wartete weiter. Für 30, naja… 33 Euro hätte ich ihn eingesackt. Versaut zwar den Schnitt, aber an einem Dienstag… und selbst mein Chef freut sich im Zweifelsfall erst mal über den Umsatz. Eine gigantische Ferntour, bei der die Kilometer dann wirklich schmerzhaft werden, sieht ja dann doch anders aus.

Aber soweit kam es nicht.

Kollege Nummer 4 hat irgendeinen Deal ausgehandelt und ist mit ihm von Dannen gefahren. Damn! Ein paar Minuten mehr blieben mir also nicht erspart.

Meinen Fahrgast bekam ich aus einem ganzen Pulk an Leuten, und ja: Es war sekundengenaues Timing, dass ich just ihn erwischte. Und… Moment mal! Den kennste doch!

Es war niemand anders als der personifizierte Glücksgriff unter den regelmäßigen Fahrgästen am Bahnhof: Ein Geschäftsmann, der bis nach Zehlendorf fährt und immer gute 3 € Trinkgeld gibt. Meine erste Fahrt mit ihm hatte ich bereits in meinem ersten Monat. Siehe hier.

Er war damit – nach langer Pause – das dritte Mal (Rekord!) Gast in meinem Auto, und wie schon beim zweiten Mal erkannte er mich nicht wieder. Das macht mich jetzt nicht fertig, ich bin nur einer von zahllosen Taxifahrern und zudem hat der werte Mann die Angewohnheit, die Fahrt nach Hause mit Zeitunglesen zu verbringen. Das erste Mal hat mich seine Schweigsamkeit noch tierisch nervös gemacht, inzwischen freue ich mich darüber, denn bei ihm weiss ich inzwischen, dass es keine eisige Kälte ist, sondern er lediglich seine Fahrt gerne ruhig und lesend verbringt.

Auf den Fahrtpreis war ich selbst gespannt, da ich ihn seit der Tariferhöhung nicht mehr gefahren habe, und er außerdem inzwischen auch eine zweite Route vorschlug, die ich dann lieber genommen habe als seinen Standardweg.

Am Ende lief es auf 31,00 € raus, nicht auf die 29,60 €, die damals noch Standard waren.
(ich hab ja damals mit Fahren nach Navi sogar 28,90 € hinbekommen und hätte es noch billiger geschafft…)
Aber auch er hat seinen Preis angepasst und 34 € gegeben. 😀

Gut, wie eingangs erwähnt: Deswegen ist die Schicht noch nicht zu einem Rekord geworden – aber wenn ich jetzt überlege, wo ich ohne die Tour sein könnte…

Manchmal ist es dann doch schön, wenn man nicht den Erstflug wagt, sondern in bekannten Gewässern schifft.

Mittendrin statt nur dabei

Das ist ein Slogan, der aufs Taxifahren wesentlich eher zutrifft als aufs Sportfernsehen. So manches Mal ist man mitten drin in einer Party, einer Beziehungskrise oder einer spannenden Diskussion. Manchmal auch durchaus ungewollt.

Im Großen und Ganzen weiß ich zu schätzen, dass die Leute in der gefühlten Anonymität des Taxis mal eben alles loswerden, was sie bedrückt – oder weiterfeiern als wären wir noch im Club. Neulich hatte ich erst ein Gespräch mit einer Psychologin (Wofür Termine? Die fahren ja auch Taxi 😉 ) und die meinte, ich hätte ja den großen Vorteil, keine Schweigepflicht zu haben. Oh ja, was würde mir mein Blog fehlen, wenn es so etwas gäbe!

Aber alles ausplaudern kann ich auch nicht. Ich würde ja gerne erzählen, bei welchem Verein der Fußballer kickt, der hackevoll vom Matrix zur Bank gefahren werden wollte und erklärte:

„Ich verdien 500.000 € im Jahr. Ist mir doch egal, was die Fahrt kostet!“

Da gibt es natürlich Grenzen. Oder die Mitarbeiter einer großen Firma, die über einen Kollegen sagten, dass sie es nicht aushalten würden, wie dieser direkt gegenüber der Firma zu wohnen und auf den Schriftzug des Arbeitgebers zu blicken… das sind so Dinge, die ich in ihrer ganzen Pracht dann doch auch alleine genießen muss – alles andere wäre unfair!

Was ich aber kann – und darüber bin ich sehr froh! – ist, obwohl in einer Beziehung lebend, darüber reden, dass ich derletzt nach langer Zeit mal wieder einen Kuss als Dankeschön akzeptiert habe für eine Anfrage nach einer Adresse. Ist vielleicht ein bisschen viel Mittendrin, aber Spaß muss bekanntlich sein 😉

West Berlin, 5 €

Anfragen von Kunden sind erst einmal immer schön. Ich will Geld verdienen, und was ich dazu brauche, sind Kunden, die Geld für meine Dienstleistung ausgeben wollen. Also antworte ich auf Kundenanfragen eigentlich immer mit der gebotenen Höflichkeit und mit guter Laune. Heute Nacht ist mir das zugegebenermaßen schwer gefallen.

Vor der Narva Lounge (also im Grunde das Matrix) laberten mich zwei Quatschköppe auf englisch zu. Damit komme ich auch eigentlich gut klar, aber wenn ich bedenke, dass sich manch einer über Schwaben in Berlin aufregt, dann sollte man sich meines Erachtens nach gleich danach die Australier ansehen.

Ich hab ja nun einige Australier im Auto, aber es ist schlicht schwer, einen Slang zu verstehen, wenn man selbst bei der eigentlichen Sprache noch diverse Lücken hat.

„West Berlin, to West Berlin, the Zoo. In the Hostel. 5 €!“

Das war so das, was ich mit Mühe und Not aus einem dreißigsekündigen Monolog entnehmen konnte. Aber das war ein schlechter Scherz. Denke ich mir so.

Zum Zoo sind es vom Matrix aus runde 16 bis 18 €, also weit entfernt von dem, was die Jungs mir geboten hatten. Ich hab sie über den Preis aufgeklärt, unseren Tarif, unsere Pflicht, selbigen einzuhalten und darüber, dass ich ja auch mein Geld verdienen muss.

Dennoch haben sie mein Angebot angenommen, einen anderen Fahrer zu fragen.

Kein Wunder, dass sie letzlich zurück kamen. In unserem Gewerbe tummeln sich einige Gestalten, die Festpreise liebend gerne annehmen, aber die 5 € sind ja nicht einmal schwarz ohne Uhr eine Alternative.

So kam es dann, dass sie mich letztlich auch noch mit folgendem grandiosen Argument belästigten:

„Fuck, we’re only fucking students!“

Ich bin sonst ja ein Meister der Konfliktbewältigung, aber darauf ist mir nichts anderes eingefallen als:

„Fuck, and I’m just a fucking cabdriver!“

„inbegriffen“

„Hey, isch geb disch 50 €, wenn du den verprügelsch!“

Dieses freundliche Angebot hab ich an diesem Wochenende ausschlagen müssen. Quasi im wahrsten Sinne des Wortes. Ebenso nicht wirklich angenommen habe ich ein Angebot einer Kotzer-Truppe. Es gab also allerlei Unstimmigkeiten über die Frage, was beim Taxifahren alles an Service inbegriffen ist. Das ist allerdings eine zu lange Geschichte, als dass ich sie jetzt – wo mir die Schlafenszeit sowieso davonrennt – mal kurz niedertippen könnte.

Morgen dann – aber es wird sich lohnen 😉

Neues aus der Aussprachenwelt

Berlin. Wahrscheinlich immer noch die Stadt in Deutschland mit den meisten doppelten Straßennamen. Wahrscheinlich auch immer noch die Stadt mit den meisten Straßennamen überhaupt.

Beide Tatsachen sind für uns als Taxifahrer nicht leicht. Ich bin als Schwabe nun wirklich nicht der Mensch, der andere wegen unsauber ausgesprochenen Straßennamen verurteilt. Während der Arbeit allerdings könnte ich manchmal durchdrehen. Es mag ja für den durchschnittlichen bayrischen Dorfbewohner komisch klingen, aber es existieren in Berlin tatsächlich die Husemannstraße und die Hosemannstraße. Und wenn ich zweimal nachfrage, dann tue ich das, um den Kunden Kosten zu ersparen.

Heute allerdings wusste ich mit dem Straßennamen gar nichts anzufangen:

„Bossdem-Straße!“

Auf meine Nachfrage hin bekam ich gesagt:

„Boss. Temm. Straße!“

Da werden die Berliner Kollegen jetzt wohl auch dumm aus der Wäsche gucken. Mit einem Hinweis habe ich es dann allerdings gefunden. Und dabei handelte es sich um eine Querstraße:

„Buhlen-Straße!“

Na, wo sind die erfahrenen Köpfe des Gewerbes? Lasst es in den Kommentaren krachen!

Das Maria mal wieder

Ich war gerade dabei, ein wenig über mich selbst zu lachen. Im Radio erzählte der Sprecher etwas von den 17 Euro-Ländern, und dank der Betonung hatte ich mich zunächst gefragt, welche runtergekommenen Staaten denn jetzt bitte zu den 17-Euro-Ländern gehören würden.

Da trat ein Anzugträger an mein Auto heran und fragte mich, ob es hier etwa irgendwo einen Club namens Maria geben würde. Etwas anders formuliert höre ich die Nachfrage nach dem Club am Ostbahnhof ja recht regelmäßig. Wie auch in jedem anderen Fall war ich mir nicht zu fein, die 400 m Fußweg mit einmaligem Abbiegen zu beschreiben.

Der sehr nette Kerl bedankte sich höflich, zögerte dann aber doch.

„Sagen sie, könnten sie mich da auch hinfahren?“

„Klar, wenn sie wollen. Aber wegen des Einstiegspreises sind wir da auch gleich bei 4 Euro.“

Im Grunde sage ich das hauptsächlich, weil es mir als Kunde für die paar Meter echt zu teuer wäre. Aber just ein paar Stunden zuvor hatte ich eine nicht ganz so kurze Tour, genau 2 Kilometer, bei der ich am Ende der Strecke vom Fahrgast zu den 6,60 € zu hören bekam:

„Na das sind ja Preise! Für das Stückchen!?“

Der hier war locker.

„Na dann würde ich sie bitten! Ich bin ja so halb im Urlaub hier!“

Da ich gerade mal ein paar Minuten dort stand, lag mir selbst der Gedanke fern, mich irgendwie zu beschweren oder auch nur zu ärgern.

Die Fahrt selber war so kurz, dass es wirklich nichts besonderes zu berichten gibt. Ich zeigte ihm die nicht gerade einladend wirkende Tür im Zaun, die zum Club führt, und er kramte in seinem Geldbeutel, um die aufgelaufenen exakt 4,00 € zu begleichen.

Dass er das nicht mit 4,00 € getan hat, auch nicht mit dem üblichen Fünfer, sondern mit 7,00 € – das ist der Grund, warum es jetzt hier steht. Außerdem hab ich mir grinsend gedacht:

„Wenn du jetzt noch einen Zehner einfährst, gründest du ein 17-Euro-Land!“

😀

Rauchertaxen

Es gibt sie nicht (mehr).

Rauchertaxen.

Ich als Raucher habe natürlich ein zwiegespaltenes Verhältnis. Aber im Grunde bin ich froh darum. Natürlich wünsche ich mir manchmal im Winter, nicht in die Kälte zu müssen – andererseits rauche ich dann weniger – und für die nichtrauchenden Fahrgäste ist es sicher ein Segen. Zumal selbst ich als Raucher den Geruch nur leiden kann, wenn er nicht übermäßig und vor allem nicht abgestanden und kalt ist.

Dass ich als Nachtfahrer zudem ständig mit Brandlöchern in den Sitzen, brennenden Jugendlichen und nicht zuletzt mit Drogentests dank Passiv-Kiffen zu tun hätte, sind weitere Gründe, weswegen ich das Verbot gar nicht so schlimm finde.

Aber das müssen ja nicht alle so sehen. Mal abgesehen von den vielen Fahrern, die die ganze Zeit im Auto quarzen und glauben, man merkt es nicht, wenn man die Kippe rausschmeisst, sobald der Fahrgast einsteigt – die Fahrgäste sind bisweilen auch mehr als nur durchschnittlich süchtig.

Manche betteln eine komplette fünfminütige Fahrt durch, dass sie doch bitte eine Zigarette rauchen wollen, und sind plötzlich ganz überrascht am Ziel, andere lassen schon am Stand nicht locker. Dann läuft es so wie neulich. Ein potenzieller Kunde tritt – mit den Resten einer brennenden Kippe in der Hand – an mein Auto heran:

„Scheiße, bei dir kann ich nicht rauchen, oder?“

„Nein, leider nicht.“

„Na gut…“

Er wendet sich ab und will zum nächsten Taxi. Ich will noch was für die Aufklärung tun:

„Es gibt keine Rauchertaxen mehr.“

„Wie bitte?“

„Ich sagte, es gibt keine Rauchertaxen mehr.“

„Im Ernst?“

„Ja.“

„Aber manchmal darf ich doch…“

„Aber mit Sicherheit dürfen sie das nicht wirklich, unter der Hand vielleicht.“

„Also darf ich bei dir?“

„Nein.“

„Scheiße!“