Gute Reise

Fernfahrten sind im Taxigewerbe zwar in gewisser Weise regelmäßig, wenn man mich fragt, würde ich allerdings sagen: Es gibt zu wenige! Ich denke, so ziemlich jeder Fahrer, der Nachts an einem Bahnhof steht, hofft zumindest manchmal auf DIE Tour. Vielleicht nicht nur nach Kreuzberg, sondern eben mal nach Dresden. Oder nach Hamburg, Köln, München?

Diese Touren sind natürlich für Otto Normaltourist utopisch teuer. Das hat auch einen einfachen Grund: Uns Taxifahrer. Durch unser Lohnmodell der Umsatzbeteiligung verdienen wir an einer Fernfahrt eben ziemlich viel – wenn man es auf die Stunde umrechnet. Und dass uns der Gedanke freut, in einer Nacht mal eben schnell 500 € Umsatz zu machen, statt den üblichen 150… da brauchen wir nicht drüber reden, oder? 😉

Aber diese Beträge gibt es ohnehin nur selten. Meist nur, wenn ein Reiseunternehmen, eine Airline oder die Bahn sie zahlen. Wobei Kollege Herbert auch mal einen Geschäfsmann im Wagen hatte, der mühelos 900 € für eine Fahrt nach Duisburg aus dem Portemonnaie geblättert hat. In den meisten Nächten sind Fernfahrten aber doch nur ein schöner Traum und oftmals müssen wir sie sogar ablehnen, weil uns die Zeit nicht mehr reicht…

Zurück zum Ostbahnhof.

Ich stehe mit Kollege Yusuf am Stand und uns fällt beiden der Typ auf, der gefühlt minutenlang mit dem Fahrer der ersten Taxe redet. Schließlich löst er sich und geht zum zweiten. Er trägt eine dunkelblaue Jogginghose, eine dazu passende Jacke, und wie ich mir sein Gesicht so angesehen habe, hätte ich wetten können, dass er darunter nur ein Feinripp-Unterhemd anhat. Nach einer Kreditkartenanfrage sah der Typ nicht wirklich aus.

Ich hab mir mit Yusuf überlegt, was es sonst sein könnte, denn inzwischen ist er unaufgeregt zum dritten Fahrer gegangen und damit ist die übliche Vermutung von wegen kurze Fahrt und entsprechender Ablehnung unplausibel geworden. Was sollte er schon für Wünsche haben? Umsonst fahren? Einen Kindersitz benutzen? Einen Großraumwagen für sein Ego bestellen wollen? Uns sind die Ideen ausgegangen.

Wir beide standen an meinem Wagen, Position 5. Lange konnte es also nicht mehr dauern, bis wir es erfahren würden. Der Kollege auf Position 4 redete inzwischen mit ihm, und so langsam war ich gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen. Dann endlich trat er an uns heran und stellte sich mit folgenden Worten vor:

„Hallo. Guten Abend. Ich bin Alkoholiker und muss nach Bielefeld.“

Ich kann nicht behaupten, dass ich deswegen entspannter war. Während ich ihn mit einem „Das ist ja ein ganzes Stückchen“ hinhielt, hab ich mir im Hinterkopf schon überlegt, wie ich das mit dem Tanken erledigen soll und ob das zeitlich reichen würde.

„Ich hab jetzt nur ein Problem…“

„Ja, nach Bielefeld ist es weit. Das ist keine günstige Angelegenheit.“

„Ja, es ist so: Ich hab kein Geld!“

Äh, ok!? Alle Träume sind zerplatzt. Das Netbook, das ich mir vielleicht hätte kaufen können von der Kohle, löste sich vor meinen Augen auf, es fühlte sich nach der ganzen Spannung und dem Wort Bielefeld plötzlich ziemlich leer an in mir.
(Ich bitte euch zu beachten, dass es eine ziemlich kuriose Begleiterscheinung meines Jobs ist, dass ich seitdem das Wort Bielefeld in einer gewissen Art erregend finde. Außerhalb des Taxigewerbes finden sich sicher nicht viele Leute mit dem selben Problem.)

„Aber…“

Aber? Aber was? Kann er vielleicht gleich Geld abheben? Oder hat er nur „Kumpels“ in Bielefeld, die ihm das dann „ganz sicher“ zahlen werden? Wie viele Kilometer sind das nochmal? Der Tank ist noch halbvoll…

„Aber ich hab Zigaretten!“

Bitte was? Aber ja: Er hat seine dunkle Reisetasche geöffnet, und darin befanden sich sicher 20 Stangen Zigaretten. An und für sich ein ziemlicher Gegenwert. Aber zum einen sicher nicht legal, und außerdem: Wer raucht schon f6?

„Garantiert nicht gefälscht!“

Ja. f6. Die verkauft man auch im Original eher in homöopathischen Einheiten und so selten wie ich die Marke sehe, schätzte ich, die Stangen würde sicher schon jemand vermissen.

„Also sie wollen die Fahrt nach Bielefeld mit Zigaretten bezahlen?“

Ich wollte mich nur nochmal vergewissern.

„Nein nein nein!“

Ich dachte kurz daran, wie ironisch es doch ist, ausgerechnet am Bahnhof nur Bahnhof zu verstehen…

„Ich hab ja ein Bahnticket. Mein Zug fährt um 4 Uhr morgen früh.“

„Und sie wollten was nochmal genau?“

„Naja, ich hab kein Geld für Alkohol in der Zwischenzeit. Ich wollte fragen, ob sie mir vielleicht Zigaretten abkaufen wollen. 20 € die Stange?“

Yusuf und ich haben dankend abgelehnt. Er hat es allerdings noch ein ganzes Weilchen weiter probiert. Wer weiss, ob er noch Erfolg hatte. Meine Tour kurz darauf ging im Übrigen nach Hohenschönhausen. Ist zwar nicht ganz Bielefeld, war aber auch ok 🙂

PS: Wer es gerne etwas tiefsinniger hat, der kann meine Überschrift als dezenten Hinweis auf das gleichnamige Lied der Toten Hosen von 1993 verstehen, das das Thema Drogenabhängigkeit thematisiert 😉

Wofür Smartphones gut sind

„Do you know the rainbow factory?“

Hätte ich sofort an meinen kleinen Helfer aus dem Hause HTC gedacht, dann hätte ich die einmalige Chance gehabt, cool wie Trinity im ersten Matrix-Teil auf die Frage „Can you fly that thing?“ zu antworten:

„Not yet.“

Stattdessen sollte es eine längere Odyssee für beide Seiten werden.

Ich griff natürlich erst mal zum Robertha, das ich für solche Fälle ja grundsätzlich gleich hinter der Windschutzscheibe zu liegen habe.

„It’s a hostel!“

flötete die etwa 40jährige Frau und wirkte eigentlich recht entspannt.

Wundersamerweise hab ich es nicht gefunden. Auch wenn ich hier meist über die Fehlgriffe zu diesem Buch schreibe: Ich möchte das nicht negativ verstanden wissen! Im Gegenteil: Dass ich mein Handy mit Internetzugang regelmäßig als Informationsquelle vergesse, liegt vor allem daran, dass ich in dem Buch bisher wirklich fast alles gefunden habe, was Fahrgäste so gesucht haben. Aber jede Regel hat so ihre Ausnahmen.

Also bin ich etwas zerknirscht zum Kollegen hinter mir gestiefelt.

„Hey Kollege, kennst du das Hostel Rainbow Factory?“

„Nee, nie jehört.“

„Soll in Kreuzberg sein.“

„Nee du, tut mir leid!“

Mist!

Die Lösung in der Hemdtasche ständig mit mir herumtragend, streifte ich zu einem weiteren Kollegen, und die Frau, die so gerne Kundin geworden wäre, wurde immer nervöser. Sie konnte zwar noch sagen, dass es eine Straße mit L war, aber wirklich weitergeholfen hat das auch nicht. Sie musste zudem binnen 15 Minuten da sein.

Nachdem auch der vierte Kollege nichts wusste, haben wir uns erst mal getrennt. Mir ist das Ganze sauer aufgestossen, weil ich der guten Frau natürlich helfen wollte. Als ich mich in mein Auto gesetzt habe und mein Handy in die Hand nahm, hab ich mich natürlich zu Tode geärgert. Also fast. Der noch lebendige Teil ergooglte das Hostel kurz und anschließend sprang ich aus dem Wagen.

Wo war sie hin?

Mit einem der Kollegen habe ich mich noch unterhalten über das Thema, aber er wusste leider auch nicht, wo die Kundin hin ist.

„Wenn se wiederkommt, dann kriegst du se! Hast det ja extra rausjesucht!“

meinte der Kollege – und ein anderer fragte gleich nach:

„Haste jefunden? Und wo ist dit nu?“

Man lernt ja nie aus in dem Job.

Kurz darauf kam sie aus dem Bahnhof und wedelte mir mit einem Zettel zu. Ich winkte gleichermaßen mit meinem Handy, und letztlich war es so, dass wir uns gegenseitig entschuldigt haben. Sie versprach, nie wieder ohne Adresse ein Taxi zu nehmen, und ich gelobte Besserung im Oberstübchen. Sie hatte zudem mit einem Telefonanruf geklärt, dass sie später kommt. Ach, was ist es schön, wenn alles läuft.

Gut, es war nur eine 8€-Tour. Aber auch wenn es kitschig klingt: Es war ein verdammt schönes Gefühl, zu sehen, wie glücklich sie war, als wir angekommen sind! Und vielleicht lerne ich daraus ja wirklich – und denke mal dran, dass ich das Internet nicht nur zum kurzweiligen Zeitvertreib dabei habe…

Kunden verloren

Es gibt eine Menge Kollegen, die ich nicht verstehe. Ein besonders anschauliches Beispiel hatte ich neulich am Ostbahnhof direkt vor mir.  Er stand an erster Position, ich an zweiter. Eine kleine Truppe von drei Mädels stand neben unseren Autos, und versuchte offensichtlich herauszufinden, ob sie ein Taxi bräuchten. Aber noch standen sie etwas abseits.

Sie wollten gerade auf den Kollegen zugehen, da traten plötzlich zwei Jungs auf der Bildfläche auf. Sie gingen zu eben jenem Fahrer und standen ein paar Sekunden an dessen Türe. Die Mädels drehten ab. Zunächst in meine Richtung, dann komplett.

Man könnte sagen: Eine typische Bahnhofsszene mit verplanten Leuten.

Dann kamen die beiden Jungs zu mir. Ich hab mich innerlich gerüstet gegen Festpreisangebote oder sonstige Unwägbarkeiten. Ich hab die Scheibe runtergelassen, was allerdings weniger kommunikationsfreundlich gemeint war, als es scheint: Ich hab damit nur verhindert, dass sie gleich die Tür öffnen. Man kennt so seine Tricks 🙂

„Entschuldigung, kannst du mir sagen, wo das Yaam ist?“

„Äh klar, das ist direkt hier gegenüber. Da wo das weiße Licht leuchtet.“

„Boah danke ey! Weil dein Kollege hat uns gerade echt angebrüllt und sich beschwert.“

„Wie bitte?“

Nun erklärte mir der junge Kerl, dass er dem Kollegen die gleiche Frage gestellt hat. Seine Antwort war indes nicht wie meine einfach kurz und informativ, denn er soll folgendes gesagt gebrüllt haben:

„Was? Scheiße! Wegen euch Arschlöchern hab ich jetzt Kunden verloren!!!“

Das war offensichtlich auf die beiden Mädels gemünzt – die in dem Moment scheinbar ein Taxi benötigten. Mal abgesehen davon, dass dem Kollegen gar nicht wirklich eine Tour entgangen ist: Geht’s noch?

Die beiden Jungs waren jedenfalls schwer verdattert und verunsichert, und einer von denen hat dann – was wahrscheinlich eher ein Öl-ins-Feuer-Gießen war – gemeint, dass sie ja auch dorthin fahren könnten. Ich könnte den beiden echt einen Orden verleihen für diese – aus ihrer Sicht ja total verständliche – Aussage! 😀
Was hätte sich der Choleriker besseres wünschen können, als eine 200m-Fahrt…

Aber gut, das war noch nicht der ganze Witz.

Während ihre erste Erfahrung mit Berliner Taxifahrern also eher suboptimal verlief, waren die beiden offensichtlich recht froh, an mich geraten zu sein. Der zweite der beiden trat nämlich nun auch ans Auto heran und reichte mir eine Münze:

„Weisst du, ich will dir jetzt zwei Euro geben!“

„Hey, ist echt nicht nötig. Sorry für den Spinner da vorne.“

„Nein Mann, ehrlich! Wir kennen uns nur nicht aus, und dann brüllt der Wichser uns so an. Hey, aber du bist korrekt. Nimm es einfach, weil du nicht so ein Arschloch bist!“

So, das waren dann anderthalb Minuten. Späteren potenziellen Kunden geholfen, den Ruf der Taxifahrer wieder gradegerückt und mal eben schnell zwei Euro verdient. Eigentlich müsste ich mich bei dem Kollegen sogar bedanken…

Füße, hart wie Kruppstahl

Mit der Beförderungspflicht ist es ja so eine Sache. Eine Auslegungssache. Im Grunde muss ich ja alle Leute mit einem Beförderungswunsch bei mir im Taxi mitnehmen. Es sei denn, sie stellen eine Gefährdung dar. Genau genommen schreibt die BOKraft zum Thema Beförderungspflicht vor:

“ […] können sie die Beförderung ablehnen, wenn Tatsachen vorliegen, die die Annahme rechtfertigen, daß die zu befördernde Person eine Gefahr für die Sicherheit und Ordnung des Betriebs oder für die Fahrgäste darstellt.“

(BOKraft §13)

Ich bin ja keiner der Taxifahrer, die die betriebliche Ordnung gleich gefährdet sehen, wenn sie zu wenige Einnahmen machen, und deswegen kurze Fahrten ablehnen. Was Betrunkene angeht: Naja… bei manchem Kotz-Kandidaten war ich kurz vor einer Ablehnung, aber letztlich gebe ich den Leuten dann doch eine Chance. Und nach wie vor würde ich sagen, dass die Falsch-Positiv-Liste meinerseits (mit derzeit 4 Einträgen) durchaus rechtfertigt, dass ich meist ein Auge zudrücke.

Manchmal kann ich aber auch einfach nichts mehr machen. Berlin als Partyhauptstadt Deutschlands hat bisweilen Drogenopfer zu bieten, deren Birne so aufgeweicht ist, dass ich sie wirklich nicht mal eben ins Taxi packen kann, weil ich letzten Endes die Sauerei mit der Leiche habe, wenn sie plötzlich vergessen sollten, einzuatmen.

Kompliziert wird das Ganze dann, wenn man an der Straße auf Leute trifft, die diesen Zustand schon vor dem Drogenkonsum haben.

Als ich neulich durch Schöneweide in Richtung Innenstadt zurückgefahren bin, fand ich mich vor einer einschlägig bekannten Lokalität plötzlich mehr oder minder in Gesellschaft von etwa 15 besoffenen Neonazis.
Alleine die Anzahl lässt ja darauf schließen, dass sie zu dieser Versammlung bundesweit mobilisiert haben, für mich hat das die Sache nicht unbedingt angenehmer gemacht.

Ich hab die Situation ohne äußere Gemütsregung kurz überflogen und bin beim ersten Grünton der umschaltenden Ampel mit Vollgas davon. Sollen die Jungs ruhig mal einen züchtigen deutschen Wanderabend machen!

Um rechtlichen Missverständnissen vorzubeugen: Die Gefährdung hab ich natürlich ausschließlich in ihrem offensichtlich überzogenen Alkoholkonsum gesehen. Tatsachen, die dafür sprechen? Na wenn ein Nazi mal beide Arme hebt! Und der hat echt wie blöde mit denen rumgefuchtelt… 😉

Neuer Tarif?

„Guten Abend. Wo darf es denn hingehen?“

„Hallo. Wir möchten gerne in die Rigaer Straße.“

„Alles klar.“

„Sagen sie, könnten wir da den Friedrichshain-Sonder-Spezial-Preis machen? Das mit den zwei Kilometern?“

Also ich finde die Idee mit der Kurzstrecke nach wie vor nicht wirklich schlecht. Aber irgendwas ist bei der Kommunizierung desselben in den letzten Jahren gewaltig schiefgelaufen 🙂

Jemanden ansprechen…

Aufgefallen ist sie mir schon ein paar Ausfallschritte vorher. Ich stand vor der Kulturbrauerei und wartete an zweiter Position auf Kundschaft,

„Hi. Sag mal, kanns‘ du, du kanns‘, du kanns‘ sicher was sagen.“

„Ähm, ja: Guten Abend erstmal!“

Betrunken. Kein Problem. Das Schwanken alleine war schon deutlich, aber aus ihren Taschen ragten gleich noch zwei Bierflaschen Wegzehrung, die offensichtlich nicht mehr nötig waren, um das allgemeine Absturzlevel zu erreichen. Sie floss geschmeidig um meinen Wagen, lehnte sich an die Fahrertüre und konzentrierte sich darauf, mich anzusehen.

„Nein nein nein! Ich wollte fragen: Wo ist denn hier noch was los?“

„Naja, hier in der Kulturbrauerei ist offenbar noch der ein oder andere Laden und Club offen.“

„Ja aber weissdu, versteh mich nich falsch. Ich will ja nur wissen, wo man jemanden ansprechen kann.“

„Also ich würde es da drinnen versuchen.“

Also es ist ja so – versteh mich nich falsch! – ich wohne ja eigentlich gleich da drüben. Aber ich will heute Nacht nicht alleine sein…“

„Das verstehe ich, keine Sorge!“

Ich hab unauffällig meinen Blick schweifen lassen. Ihr Alter war schätzungsweise Ende 30, die Klamotten ließen sie jünger wirken. Über der Hose trug sie einen einfachen Rock, unter ihrem offen getragenen Kapu hing das lange Shirt heraus. Ganz dem Wunsch entsprechend, die Nacht nicht alleine zu verbringen, hatte das 3 Nummern zu große Shirt einen beachtlichen Ausschnitt, der immerhin gar nicht die Frage aufkommen ließ, ob sie einen BH trug.

Sie kramte in ihren Taschen und stellte erstmal 2 Bierflaschen und 2 kleine Flachmänner auf meinem Autodach ab.

„Weissdu, manchmal is es einfach schwer, jemanden zum Reden zu finden. Ich will doch VERDAMMT NOCHMAL nur, dass jemand mit mir redet!“

Au Backe! Ich ziehe die Irren ja mal wieder an!

„Du, ich bin ja nich immer alleine gewesen. Weissdu, ich war ja auch schon im Knast, ich hab sogar mal 4 Wochen Therapie in der Psychiatrie gemacht…“

Ein großer Schluck aus der Bierflasche lockerte ihre Zunge noch weiter:

„Un es is ja nur so, dass ich… also ich will ja heute nur noch jemanden finden. Is da drin denn noch was los und was? Warum stehst du mit deinem Taxi hier?“

„Naja, ich hoffe eben genauso, dass da drin irgendwas los ist.“

„Ja, aber WARUM STEHST DU HIER?“

„Ich warte auf Kunden. Und da hier einige Leute rein und raus gehen, nehme ich an, dass ich hier Kundschaft bekommen werde.“

„Halt mal!“

Sie versucht mir, die Bierflasche anzudrehen.

„Nee, ich stell sie besser auch hier…“

Mein Dach. Mir ist ja bewusst, dass das Dach meines Autos nicht wirklich in Mitleidenschaft gezogen wird, wenn da jemand eine Flasche abstellt. Andererseits kann ich dann nicht vorrücken, wenn der erste Kollege frei wird – und überhaupt stehe ich nicht auf Bierduschen beim Einstieg…

„Ich denke, wir stellen die besser mal hier auf den Gehweg!“

„Mir egal, ich muss pissen. Sorry kurz!“

Ganz ungeniert zog sie sich die Hose herunter und hockte sich an den nächsten Baum, der bedauerlicherweise keine 2 Meter entfernt stand. Ich bemühte mich also – während ich die Flaschen vom Dach auf den Gehsteig verfrachtete – möglichst nicht weiter ihre Intimsphäre mit meinen Blicken zu verletzen.

Die Szene dauerte aber auch nicht lange, und so hatte ich sie kurz darauf wieder neben mir stehen, äußerst verärgert über meine Alk-Umpflanz-Aktion.

„Ich muss dir eine Geschichte erzählen.“

„Bitte!“

(Fuck, hab ich das wirklich gesagt?)

„Es is, also die Geschichte is eigentlich ziemlich traurig. Aber ich weiss nich, wem ich sie sonst erzählen kann.“

„Hmm… das ist doof. Aber ich höre ja zu!“

„Ja, also die Geschichte. Das is weil wegen die Geschichte. So. Und das is so…“

Sie bricht in Tränen aus und kauert sich dabei an mein Auto. Sie jammert noch desöfteren, dass sie etwas zu erzählen hätte, arg viel mehr an Inhalt höre ich indes nicht. Inzwischen fährt der erste Kollege weg und ich möchte gerne seinen Platz übernehmen.

„Hey, ich höre mir die Geschichte gerne an. Aber ich bin ja leider auch zum Arbeiten hier. Ich würde gerne vorrücken“

Sie starrt mich wutentbrannt an, packt ihre auf dem Boden stehenden Alkoholika und… folgt mir. Als ich eine Position weiter vorne angekommen bin, schmeisst sie sich mehr oder minder unfreiwillig gegen das Auto und meint:

„Ich will doch nur wissen, ob da drin noch jemand zum Reden ist…“

„Das kann ich nicht sicher sagen. Da müsste ich lügen. Aber ich vermute: Ja!“

„Weissdu, es is ja nicht so, dass ich dich verführen will. Ich will… obwohl… vielleicht will ich dich ja verführen… ach scheiße!“

„Was ist denn jetzt?“

„Ich, ich… sag mal: Wie kann es eigentlich sein, dass du hier einfach arbeitest?“

„Wie?“

„Wie kannst du den Job hier machen, ohne zu heulen oder einfach mal zuzuschlagen?“

„Ganz ehrlich: Manchmal ist mir durchaus nach Heulen zumute. Aber Zuschlagen halte ich einfach nicht für eine Lösung…“

An diesem Punkt sammelt sie alle ihre Getränke ein und torkelt in die Kulturbrauerei…
Endlich.

Fahrer, Kunden, Missverständnisse

Mein Gott, was sich aus einer Kundenanfrage alles ergeben kann – oder wie rede ich aneinander vorbei. Drama am Ostbahnhof in 3 Akten.

Die Personen:

Die Kunden:
4 Rentnerinnen mit 4 kleinen Koffern.

Taxifahrer (nach Reihenfolge am Stand, vereinfacht):
Kollege 1, Fahrzeug Mercedes E-Klasse
Kollege 2, Fahrzeug Mercedes B-Klasse
Kollege 3, Fahrzeug Skoda Octavia Kombi
Kollege 4, Fahrzeug Opel Zafira
Kollege Sash, Fahrzeug Opel Zafira.

Sashs Fahrzeug steht als einziges auf der den Kunden gegenüberliegenden Straßenseite.

1. Akt (Prolog)

Die Kunden betreten den Bahnhofsvorplatz. 3 von ihnen bleiben weise dreinsehend am Taxistand neben den Fahrzeugen von Kollege 1 und 2 stehen. Eine Kundin stelzt über die Straße auf Sashs leeres Fahrzeug zu. Sash wird aufmerksam und gibt sich als Fahrer zu erkennen.

„Hallo, kann ich ihnen helfen?“

„Ja, wir bräuchten ein Taxi für 4 Personen mit Gepäck.“

2. Akt (Eskalation)

Sash sieht sich am Stand um. Jedes der Fahrzeuge bietet selbstverständlich Platz für 4 Personen zuzüglich des nicht sehr umfangreichen Gepäcks. Dies gibt er auch zu verstehen und meint:

„Das ist selbstverständlich machbar. Aber sehen sie: Die Kollegen haben doch auch Platz für sie.“

Damit will er nicht etwa die Rentner loswerden, sondern nur sicherstellen, dass sie nicht wegen falscher Vermutungen ein anderes Taxi vor ihm verschmähen. Die Kollegen 1 und 2 scheinen sich nicht zu interessieren und bleiben im Wagen sitzen, Kollege 3 meint auf Nachfrage verwundert:

„Wat weiss ich denn, warum die hier so einen Stress machen?“

Dann nimmt er einen Funkauftrag an und fährt davon.

Sash geht zu Kollege 2, in der Hoffnung, seine nette Geste, einem länger wartenden Fahrer die Tour zu ermöglichen, wird erkannt:

„Kollege, bei dir ist doch sicher auch Platz für das bisschen Gepäck der Damen, oder?„

Die Kunden sind sichtlich aufgebracht, schielen verächtlich auf das Fahrzeug und beharren auf folgendes:

„Aber wir wollten doch ein Auto für VIER Leute!“

Währenddessen schält sich Kollege 2 aus seinem Fahrzeug und fängt an, Sash anzupöbeln:

„Was ich nicht verstehe: Wieso gehen sie denn nicht zu ihm!?“

und deutet auf Kollege 1. Der bleibt weiterhin im Auto sitzen und ignoriert das ganze Geschehen. Inzwischen wittert Kollege 4 eine gute Chance und fragt nach, ob er eventuell helfen könne.

Während Sash Kollege 4 erklärt, was für ein Auto gesucht ist, redet sich Kollege 2 in Rage über Kunden, die keine Ahnung hätten, aus völlig unerklärlichen Gründen nach wie vor in Richtung Sash. Kollege 4 reagiert erfreut und ruft den Damen zu, sie mögen doch bitte zu ihm kommen, er würde sie gerne mitnehmen. Das wiederum ist für die Kundschaft zu viel. Die Wortführerin beschwert sich nun lautstark, dass sie überhaupt nicht daran denkt, ein anderes Auto als das von Sash zu nehmen und wie unverschämt es sei, dass ihr dieser Wunsch verwehrt würde.

„Natürlich können sie bei mir einsteigen, ich wollte doch nur…“

„Glauben sie, wir wollen in so ein tiefes Auto einsteigen? Da kommen wir doch nicht mehr raus. Eine Frechheit ist das hier!“

Mit Zähneknirschen murmelt Sash ein paar einladende Worte und geleitet die lustig erregte Truppe über die Straße zu seinem Auto. Kollege 1 verharrt weiterhin in seinem Fahrzeug und Kollege 2 ruft Sash beleidigt hinterher, dass er die Tour ruhig fahren soll. Kollege 4 gibt langsam sein Betteln um Aufmerksamkeit auf, während Sash unter empörtem Fluchen auf die ach so schlimmen Berliner Taxifahrer das Gepäck einlädt…

3. Akt (Auflösung)

Mit durchaus ambivalenten Gefühlen nimmt Sash zur Kenntnis, dass es sich um eine lukrative Tour bis nach Buckow handelt. Während der Fahrt gelingt dann die teilweise Aufdröselung des Durcheinanders, und Sash findet mit seiner Bitte Gehör, doch beim Schimpfen auf die bösen Taxifahrer wenigstens diejenigen auszuklammern, die versuchen, irgendwie zu helfen.

Das Schauspiel endet letztlich unblutig mit einem durchschnittlichen Trinkgeld für Sash und einer Truppe von Kunden, die ab jetzt der Meinung sind, die Taxifahrer am Ostbahnhof streiten sich, um zahlende Fahrgäste loszuwerden.

Kollege 1 wacht eine halbe Stunde später auf und erzählt von einem irren Traum mit vier Rentnerinnen. Kollege 2 ist die restliche Schicht noch sauer über die blöden Kunden und hofft vergeblich, die Fahrt wäre unter 8 Euro geblieben, während Kollege 4 sich fragt, was er eigentlich falsch gemacht hat.

Da soll mir nochmal einer sagen, dass das ja alles so einfach ist…