Dinge überhören (wollen)

Nach wie vor ist beim Taxifahren die Kommunikation mit den Kunden oder die der Kunden untereinander eine der angenehmeren Seiten. Ich mag die Personenbeförderung immer noch genau wegen dem Personen-Teil. Jaja, manchmal isses zu laut und manchmal kommen zu viele Ausdrücke drin vor, aber Pakete würden mich im Gegenzug echt langweilen. Heute allerdings war einer der wenigen Momente, von denen ich im Nachhinein dachte, dass ich vielleicht besser nicht hingehört hätte.

Sicher, falls mich zufällig interessieren würde, inwiefern die Schwere der erektilen Dysfunktion von Marlon aus Charlottenburg (unter Einbeziehung verschiedener Partnerinnen!) mit dem Tod seines Vaters korrespondiert, wäre es eine lehrreiche Fahrt gewesen. Aber ich muss hier doch (schon alleine, weil ich Marlon nicht kenne und meine Wahrscheinlichkeit, seine Partnerin zu werden eher im unteren Promillebereich rangiert) sagen:

Nö. Wollte ich nicht wissen.

Drive-by-Kundschaft

Es gibt Dinge, die erwartet man ald Taxifahrer einfach nicht. Zum Beispiel eine zaghafte Winkerin am Bahnhof Marzahn. Also, ja, gut, winken am Bahnhof ist ja vielleicht noch ein Ding. Aber sie wollte in die Schaperstraße. Da kenne ich nun eine in Charlottenburg. aber das wäre ja absurd gewesen: 40€ oder so. Als Winkertour in Marzahn, schon klar …

„Kennen Sie? Da bei der Nürnberger Straße, nah beim Ku’damm?“

Verdammt, die meinte wirklich diese Straße! 0.0

Zugegeben, eigentlich wollte ich gerade noch das Auto waschen, aber dann doch lieber sowas!

Wir fuhren also los und so langsam gefiel mir dieser Schichtbeginn außerordentlich gut. Das ging etwa zweieinhalb Kilometer gut. Dann bemerkte sie (in jeder Hinsicht unerwartet):

„Ach, hier is‘ ja ein IKEA! Na, dann lassen Sie mich bitte hier raus!“

0.o

Ganz ehrlich: Ich wusste bis dato nicht, dass IKEA überhaupt jemals Laufkundschaft gehabt hat.

Unterschiedliche Koordinatensysteme

Etwas überrascht führte ich mit der Kundin rund ums Engelbecken Gespräche über den ehemaligen Gewässerverlauf. Da mussten wir allerdings beide geschichtlich passen. Ich hab dann eingeworfen, dass die Straßen in Berlin mir schon umfangreich genug seien, woraufhin sie sagte:

„Sehen Sie: Mich können Sie überall in Berlin aussetzen und ich hab keine Ahnung, wo ich bin. Es sei denn, es liegt an einem Gewässer.“

„Also nehme ich an, dass sie beruflich was mit Wasser machen?“

„Ich kartiere Wasserstraßen.“

Geil!

Ich meine: Eine riesige Stadt wie Berlin kann man auf 1000 Arten erschließen. Auch als Taxifahrer zum Beispiel ist man ja mit seinem Schwerpunkt auf Straßennamen (und z.B. eher Schwächen beim U-Bahn-Netz oder den Radwegen) auch ein Spezialfall. Aber die Kartierung von Wasserstraßen, da jubelt der Nerd in mir, das finde ich großartig. Einfach nur, weil es das auch gibt! 🙂

Voll die Hilfe

Ganz unabhängig von Karten- oder App-Bezahlung: Wenn es um Bares geht, ist „das mit dem Wechselgeld“ eine Sache. Schön, wenn wir das mal hinter uns haben, aber man kann und sollte als Taxifahrer in Erwartung einer 150€-Schicht einfach keine 500€ Wechselgeld mit sich führen.

Und dann sie. Meine erste Tour an dem Abend. Eine nette junge Dame, leider war die Strecke halt kurz. Ist mir egal, passt schon.

„Dann wären wir bei 6,90€.“

„Oh, ich hab jetzt nur 50€, aber sie können gerne 7€ machen …“

Mal ganz im Ernst: WTF?

Ehrlich: Wenn die 10ct-Münzen unser Problem beim Wechselgeld wären, wären wir nicht nur Idioten, sondern zudem auch bei 99,90€-Fahrten aufgeschmissen, wenn uns jemand hundert Euro reicht. Darüber hinaus mag Trinkgeld eine Freiwilligkeit sein (und diese Fahne halte ich immer wieder hoch!), aber sich mit über alle Maßen unterdurchschnittlichem Trinkgeld  dafür entschuldigen, dass man die Wechselgeldkasse zu sehr in Anspruch nimmt … äh ja, WTF?

PS: Ja, es gibt Leute, die irrigerweise glauben, dass wir Taxifahrer zu wenige Münzen haben und nicht etwa zu wenige Scheine. Aber selbst  die runden dann eben auf den nächsten Schein auf. Nicht, dass ich das für nötig halten würde; aber es ist leider das Einzige, was dann Sinn macht.

 

Einfach mal nett sein

Ich hatte nicht wirklich einen Grund zu klagen. Die Warterei am Ostbahnhof hat mir immerhin eine 20€-Tour in den Wedding beschert. Mit zwei wirklich netten Jungs, die sich am Ende dafür bedankten, dass es so eine nette Fahrt gewesen sei. Das Trinkgeld blieb zwar unterdurchschnittlich, aber man will ja wirklich nicht an den Details herumnörgeln.

Ich blieb gleich an der Ecke kurz stehen, um mir den Umsatz zu notieren, da klopfte es an meine Scheibe. Ein netter junger Mann fragte in gebrochenem Deutsch:

„Hallo? Hab ick je’and. Du fahre?“

„Äh, sicher.“

Zugegeben, meine Alarmglocken waren scharf geschaltet, denn in der Regel schaffen es die Fahrgäste ja selbst, ihre Anfrage zu formulieren. Und die junge Frau, die der Frager dann zum Taxi geleitete, wirkte auch ein wenig wackelig auf den Beinen. Kaum dass sie einstieg, war aber klar: Eher keine Kotzgefahr. Sie heulte wie ein Schloßhund und presste nur kurz eine grobe Richtungsangabe in der 25€-Region hervor. Für mich als Taxifahrer also erst einmal wow.

Andererseits hatte ich jetzt für mehr als 20 Minuten eine heulende Frau im Auto, das ist dem Menschen in mir dann doch auch etwas unangenehm.

Ich hab eine Weile warten müssen, dann aber irgendwann einen Punkt finden können, an dem ich ein „Alles in Ordnung bei ihnen?“ einwerfen konnte. Natürlich war nix in Ordnung. Aber ich konnte kurz und schnell das Eis brechen, indem ich sagte, dass ich ihr gerne ein Taschentuch anbieten würde, aber ausgerechnet heute keines dabei hätte.

(Was nicht gelogen war, denn ich hatte kurzfristig ein neues Auto bekommen. Details dazu gibt es die Tage mal, ich hab aber noch nicht einmal Fotos gemacht.)

Sie stammelte, dass sie so gerne eine rauchen würde und fragte, ob ich rauche. Da war ich ja nun gleich doppelt der Spielverderber mit meiner Aussage, ich hätte aufgehört. Sie meinte dann, dass sie ja „eigentlich“ auch aufgehört hätte, aber jetzt und hier … ob wir nicht zusammen eine rauchen könnten.

„Bitte lassen Sie mich da raus! Aber eine Ausnahme im Jahr genehmige ich mir im Hinblick auf die Taxiordnung. Wenn Sie also wollen, ich lasse ihnen das Fenster runter, rauchen Sie eine. Ich würde mir aber wünschen, Sie würden darauf achten, auch ordentlich aus dem Fenster zu aschen.“

Und schon konnte die unglücklichste Frau Berlins ausgerechnet in meinem Taxi für einen kleinen Moment gar nicht fassen, was für ein riesiges Glück sie hat. Obwohl das weder psychisch noch toxikologisch eine Meisterleistung war: Es hat ausgereicht, vorübergehend die Tränen versiegen zu lassen. 🙂

Der Rest war dann ein Bisschen Zuhören von meiner Seite aus. Einer Story, die um eine an diesem Abend beendete Beziehung und zu viel Rotwein kreiste. Es soll nicht abschätzig klingen, aber eine Überraschung war das da dann auch schon nicht mehr wirklich. Der Mensch in mir war schon einmal zufrieden und gegen Ende sollte es auch noch einmal was für den inneren Taxifahrer geben.

Als wir nämlich noch etwa zwei Minuten vom Ziel entfernt waren, standen etwa 22€ auf der Uhr. Sie kramte in ihrer Tasche und meinte:

„Ich möchte Ihnen schon mal, gleich vorweg, 50 € geben.“

„Danke, aber warten Sie doch bitte, bis …“

„Nein, nein! Ich meine ohne Rückgeld!“

„Oh. Äh, mal ganz im Ernst: Haben Sie sich das gut überlegt?“

„Ja, das passt so.“

Ich bin, deswegen hab ich’s so in die Überschrift gepackt, eigentlich nur einmal mehr einfach nett gewesen. Ich hab aber das Gefühl, dass das an diesem Abend für diese eine Kundin wirklich wichtig war.

Ich bin die Tage im Netz über so einen neunmalklugen Kalenderspruch gestolpert, der mir eigentlich zu kitschig war. Er besagte sinngemäß, dass man immer erst einmal nett sein sollte. Weil man, wenn man damit nicht weiterkommt, immer noch gemein sein könnte, ohne dass sich am Ergebnis was ändert; dass das aber umgekehrt sehr viel schwerer bis unmöglich wäre. Und nach der Fahrt ist mir das wieder eingefallen und ich hab mir überlegt, wie die Fahrt wohl ausgegangen wäre, wenn ich gleich zu Beginn zur Kundin gesagt hätte, sie solle mir mit dem Geschnodder ja nicht das Auto vollsauen. Ich schätze mal, dass es dann weniger als 110% Trinkgeld gewesen wären. 😉

Glaubwürdigkeit: So lala

Nach vielen kurzen Touren an dem Abend endlich mal was im 15-bis-20-Euro-Bereich. Na also! Es geht doch!

Besser noch: Eine lustige Kundin, die von einem Test im Rahmen eines mehrteiligen Bewerbungsprocederes berichtete. Für sich selbst war sie sich nicht sicher, wie’s gelaufen ist, ich jedenfalls drücke aus Sympathiegründen die Daumen. Unterhaltsam war, wie sie von einer Freundin berichtet, die das Ganze ebenso hinter sich bringen musste:

„Und dann fragen die da, ob man ein Idol hätte. Ihr ist nicht so wirklich was eingefallen, also hat sie mal ‚Jesus‘ gesagt.“

„OK. Das ist anspruchsvoll.“

„Und dann fragen die sie: Ach, Sie sind gläubig? Und sie so: ‚Äh, nein?'“

Ach, herrlich! Könnte man sich nicht ausdenken, sowas. 😀

Unentschlossen

Kunden, die nicht wissen, wo sie hinwollen. Das ist so eine Art 1A-Klischee, das gerne mal die Runde macht unter Taxifahrern und denen, die es werden wollen. Der Alltag gibt dem recht, allerdings ahnt man manchmal nicht, wie belanglos und gleichzeitig bescheuert das sein kann.

Stellt Euch einfach mal vor, Ihr seid ich. Ein Taxifahrer, der zumindest bei netter Kundschaft wirklich bereit ist, alles zu tun. Rückwärts die vereiste Einbahnstraße im Schneckentempo (Aber spätestens bis 1:05 Uhr!) durch eine angetrunkene Horde Helene-Fischer-Fans entlangdriften? Na klar, macht nach Tarif 11 €, passt schon!

Und dann das „große Problem“: Die Zieladresse liegt in einer Einbahnstraße. Inzwischen sogar wieder befahrbar, das war nicht immer so. Und „voll schwer“ zu erreichen. Will heißen. Von der Hauptstraße rechts ab in die Nebenstraße, dann links in besagte Einbahnstraße. Eine Geschichte von 200 Metern. Für unbedarfte Fahrer wie mich.

Die Kundin bittet mich nach dem Abbiegen in die Nebenstraße allerdings anzuhalten. OK, warum nicht? Wenn sie den Rest laufen will …

„Jetzt muss ich überlegen …“

„Ich fahr Sie gerne hoch, ist kein Ding.“

„Jaja, für Sie und mich nicht, aber andere Menschen …“

„Ich kann auch hier halten.“

„Nein, warten Sie, ich muss überlegen!“

„OK.“

„Ich weiß jetzt auch nicht …“

„Wollen Sie alleine da rübergehen?“

„Ja. Nein. Also vielleicht …“

„Bitte! Ich stehe mitten auf der Straße!“

„Ja, also bringen Sie mich …“

Ich setze den Blinker.

„NEIN! Halten Sie einfach hier!“

„Gerne, kein Prob …“

„Aber eigentlich wäre es nur …“

„Wie gesagt, ich bringe Sie gerne …“

„Ach, hier ist schon ok!“

Ich hoffe, all der Stress hat wenigstens in ihrem Universum Sinn ergeben. In meinem war’s ehrlich gesagt einfach nur unnötig stressig.