Einfach mal nett sein

Ich hatte nicht wirklich einen Grund zu klagen. Die Warterei am Ostbahnhof hat mir immerhin eine 20€-Tour in den Wedding beschert. Mit zwei wirklich netten Jungs, die sich am Ende dafür bedankten, dass es so eine nette Fahrt gewesen sei. Das Trinkgeld blieb zwar unterdurchschnittlich, aber man will ja wirklich nicht an den Details herumnörgeln.

Ich blieb gleich an der Ecke kurz stehen, um mir den Umsatz zu notieren, da klopfte es an meine Scheibe. Ein netter junger Mann fragte in gebrochenem Deutsch:

„Hallo? Hab ick je’and. Du fahre?“

„Äh, sicher.“

Zugegeben, meine Alarmglocken waren scharf geschaltet, denn in der Regel schaffen es die Fahrgäste ja selbst, ihre Anfrage zu formulieren. Und die junge Frau, die der Frager dann zum Taxi geleitete, wirkte auch ein wenig wackelig auf den Beinen. Kaum dass sie einstieg, war aber klar: Eher keine Kotzgefahr. Sie heulte wie ein Schloßhund und presste nur kurz eine grobe Richtungsangabe in der 25€-Region hervor. Für mich als Taxifahrer also erst einmal wow.

Andererseits hatte ich jetzt für mehr als 20 Minuten eine heulende Frau im Auto, das ist dem Menschen in mir dann doch auch etwas unangenehm.

Ich hab eine Weile warten müssen, dann aber irgendwann einen Punkt finden können, an dem ich ein „Alles in Ordnung bei ihnen?“ einwerfen konnte. Natürlich war nix in Ordnung. Aber ich konnte kurz und schnell das Eis brechen, indem ich sagte, dass ich ihr gerne ein Taschentuch anbieten würde, aber ausgerechnet heute keines dabei hätte.

(Was nicht gelogen war, denn ich hatte kurzfristig ein neues Auto bekommen. Details dazu gibt es die Tage mal, ich hab aber noch nicht einmal Fotos gemacht.)

Sie stammelte, dass sie so gerne eine rauchen würde und fragte, ob ich rauche. Da war ich ja nun gleich doppelt der Spielverderber mit meiner Aussage, ich hätte aufgehört. Sie meinte dann, dass sie ja „eigentlich“ auch aufgehört hätte, aber jetzt und hier … ob wir nicht zusammen eine rauchen könnten.

„Bitte lassen Sie mich da raus! Aber eine Ausnahme im Jahr genehmige ich mir im Hinblick auf die Taxiordnung. Wenn Sie also wollen, ich lasse ihnen das Fenster runter, rauchen Sie eine. Ich würde mir aber wünschen, Sie würden darauf achten, auch ordentlich aus dem Fenster zu aschen.“

Und schon konnte die unglücklichste Frau Berlins ausgerechnet in meinem Taxi für einen kleinen Moment gar nicht fassen, was für ein riesiges Glück sie hat. Obwohl das weder psychisch noch toxikologisch eine Meisterleistung war: Es hat ausgereicht, vorübergehend die Tränen versiegen zu lassen. 🙂

Der Rest war dann ein Bisschen Zuhören von meiner Seite aus. Einer Story, die um eine an diesem Abend beendete Beziehung und zu viel Rotwein kreiste. Es soll nicht abschätzig klingen, aber eine Überraschung war das da dann auch schon nicht mehr wirklich. Der Mensch in mir war schon einmal zufrieden und gegen Ende sollte es auch noch einmal was für den inneren Taxifahrer geben.

Als wir nämlich noch etwa zwei Minuten vom Ziel entfernt waren, standen etwa 22€ auf der Uhr. Sie kramte in ihrer Tasche und meinte:

„Ich möchte Ihnen schon mal, gleich vorweg, 50 € geben.“

„Danke, aber warten Sie doch bitte, bis …“

„Nein, nein! Ich meine ohne Rückgeld!“

„Oh. Äh, mal ganz im Ernst: Haben Sie sich das gut überlegt?“

„Ja, das passt so.“

Ich bin, deswegen hab ich’s so in die Überschrift gepackt, eigentlich nur einmal mehr einfach nett gewesen. Ich hab aber das Gefühl, dass das an diesem Abend für diese eine Kundin wirklich wichtig war.

Ich bin die Tage im Netz über so einen neunmalklugen Kalenderspruch gestolpert, der mir eigentlich zu kitschig war. Er besagte sinngemäß, dass man immer erst einmal nett sein sollte. Weil man, wenn man damit nicht weiterkommt, immer noch gemein sein könnte, ohne dass sich am Ergebnis was ändert; dass das aber umgekehrt sehr viel schwerer bis unmöglich wäre. Und nach der Fahrt ist mir das wieder eingefallen und ich hab mir überlegt, wie die Fahrt wohl ausgegangen wäre, wenn ich gleich zu Beginn zur Kundin gesagt hätte, sie solle mir mit dem Geschnodder ja nicht das Auto vollsauen. Ich schätze mal, dass es dann weniger als 110% Trinkgeld gewesen wären. 😉

6 Kommentare bis “Einfach mal nett sein”

  1. Joe sagt:

    Karmakonto und Trinkgeldkonto zeitgleich aufgefüllt. Was will man mehr. 🙂

  2. MsTaxi sagt:

    Mich fasziniert nach über neun Jahren immer noch die Vielfältigkeit unseres Berufes jenseits der Ortskunde, mal ist man Gastrokritiker, mal Seelentröster, sie trägt viel zu meinem Spaß an der Arbeit bei. Wenn dann einfach aus Gründen des eigenen Menschseins solche Begegnungen und Begebenheiten entstehen, ist das klassischer humaner Mehrwert. Für beide Seiten.

    @Joe
    Ich stelle immer wieder fest: Ein gut gefülltes Karmakonto hat ein gut gefülltes Trinkgeldkonto im Schlepptau. 🙂

  3. hafensonne sagt:

    „Weil man, wenn man damit nicht weiterkommt, immer noch gemein sein könnte, ohne dass sich am Ergebnis was ändert; dass das aber umgekehrt sehr viel schwerer bis unmöglich wäre.“

    Das ist ein Phänomen aus der Sozialpsychologie und heißt tit-for-tat. Also man verhält sich bei einem Konflikt zu Beginn kooperativ, und ab da spiegelt man dann das Gegenüber. Wenn der andere daraufhin auch kooperativ ist, ist man es auch wieder usw., während wenn der andere auf die Kooperation unkooperativ reagiert, wird man plötzlich auch unglaublich unkooperativ.

    Ich finde ja, als erstes erstmal nett zu sein, auch besser. Karmapünktchen. Und mal ehrlich: Mit hochgezogenen Mundwinkel fühlt man sich doch selbst auch gleich viel besser!

  4. bleistift sagt:

    Bis eben dachte ich noch, ich hätte seit Mitte 2009 keinen Artikel verpasst. Aber das du nicht mehr rauchst, ist mit plötzlich neu.

  5. mm. sagt:

    @bleistift: Hauptsächlich steht es drüben im neuen alten/taxifreien Blog: https://sascha-bors.squarespace.com/sashs-blog/

  6. Muhu sagt:

    Oh, danke! Über sashs alten Blog sehe ich nur bis Ende November 🙂

    Hatte mich schon gewundert 😅

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