Richtung Berlin

Mir stieg ein Mann am Bahnhof Marzahn ins Auto ein. Sein Ziel war die Möllendorffstraße, das war soweit kein Problem. Die Nummer sollte die 71 sein, was mir natürlich nix sagte. Da die Möllendorffstraße in jede Richtung zwei bis drei Spuren besitzt, in der Mitte eine Straßenbahn verkehrt und stellenweise sogar noch zusätzliche Nebenfahrbahnen existieren, hielt ich es für eine gute Idee, rauszufinden, auf welcher Seite die Nummer liegt.

„Das ist, wenn wir in Richtung Berlin fahren, auf der rechten Seite.“

Aha.

Mir ist schon klar, wie das gemeint war. Richtung Zentrum halt. OK. Aber hier mal eine (nicht einmal vollständige) Karte von Berlin, auf der ich den Verlauf der Möllendorffstraße in rot markiert habe:

Möllendorff Richtung Berlin, Quelle: Google Maps

Alles klar?

Vorbildlicher Nicht-Räuber

Auch nach bald 10 Jahren tue ich mich schwer damit, was ich Kunden antworten soll, die mich hart bemitleiden, weil mein Job ja so gefährlich ist. Denn das ist so ein klassisches Feld, wo Gefühle und Meinungen auf Statistiken und Fakten treffen und eindeutig ist dann nicht einmal letzteres. Natürlich haben wir Fahrer ein zusätzliches Risiko durch Raubüberfälle und es gibt keinen Grund, das kleinzureden. Andererseits liegt aber die Hochzeit der Taximorde vier bis sechs Jahrzehnte (!) zurück und wer wirklich dauernd Panik schiebt, vielleicht mal eine Tageskasse zu verlieren, hat echt noch zu wenig gerafft, wie wenig Geld das eigentlich jeweils ist.

Nun hatte ich einen Winker im Auto, der mich behutsam versuchte darauf vorzubereiten, dass er am Zielort das Geld aus der Wohnung holen würde. Was ich mit einem „Kein Problem!“ abgetan hab. Er versprach mir, sein Handy dazulassen, „auch anjeschaltet, keine Sorge!“, wo ich mich dann trotz der überwiegend korrekten Kollegen wieder frage, wie wenig vorsichtig unsere Kundschaft eigentlich ist.

Aber es ging weiter:

„Ich muss Dich warnen: Ich komme gleich wieder runter und ich hab dann meinen Hund dabei. Keine Panik, ich mach den auch gleich am Geländer fest, ich will das dann nur nutzen, um noch eine Runde mit ihm zu drehen.“

„OK.“

Auf die Idee, dass jemand seinen Hund mitbringt, um mich zu bedrohen, bin ich in 10 Jahren noch nicht einmal im Ansatz gekommen. Zumal das grenzwertig blöd wäre, da so ein handelsübliches Taxi ziemlich hundesicher ist, wenn man sich darin verschanzt.

Aber er erwähnte auch gleich, dass er das nur sage, weil er von Taxifahrern ja schon üble Stories gehört hätte. Und eine davon wäre eben, dass z.B. mal ein Kunde statt mit Geld mit einem Messer wieder am Taxi stand, obwohl er das Taxi mit seinem Namen bestellt und zu seiner Haustüre hat fahren lassen.

Der Idiotie-Faktor dieser Aktion bewegt sich vermutlich auf mittlerem Berliner Niveau, aber ich stutzte doch etwas, denn ich hab so eine Geschichte nicht zum ersten Mal gehört, sondern erstmalig um das Jahr 2004 herum. Ja genau, lange bevor ich im Taxi gelandet bin. Es war in meiner WG in Stuttgart, als ich anlässlich einer Party den Bruder einer späteren Mitbewohnerin kennengelernt habe, der dann im weiteren Verlauf des sehr feucht-fröhlichen Abends gebeichtet hat, dass die dümmste Aktion seines Lebens war, zugedröhnt einen Taxifahrer mit einem Messer bedroht zu haben, nachdem er zuhause die Kohle, die er eigentlich dort erwartet hat, nicht mehr auffinden konnte.

Sicher, das wird auf der Welt schon ein paar Mal passiert sein, aber ratet mal, woher er kam … genau: Berlin.

Mit meinem Fahrgast hat dann natürlich alles gut geklappt. Und er hat den Hund tatsächlich angeleint, obwohl ich ihm gesagt habe, dass er ihn ruhig mit zum Auto bringen kann.

Was „kurzes“ zwischenrein

Ich hab gerade stressige zwei Wochen ohne freien Tag – auch wenn ich den Knirps nicht mitzähle und nur am Wochenende Taxi fahre. Das früher übliche After-Work-Blogging muss gerade früheren Bettzeiten weichen und ich weiß auch noch nicht so recht, wann ich das nachholen kann. Kommt aber. Hier nun aber noch schnell die Impression einer Kundenroute, ein Träumchen. Insbesondere, weil’s Arschlöcher waren:

„Fährste uns Harmonie? Kennste kürzesten Weg?“

„Ich bin noch am Überlegen, aber ich glaube ja.“

„Egal, zeig ick Dir!“

„We took the scenic route.“ Quelle: maps.google.com

Meine Strecke wäre 8,5 km lang gewesen.

Der erste Fahrgast

*Trommelwirbel*

SCHBIN WIEDER DA!

So. Zurück aus der Elternzeit. Oder besser gesagt so halb, denn seit drei Tagen bin ich offiziell nur in Teilzeit beschäftigt wegen Elterngeld+. Aber das ist hier jetzt ja auch egal. Da die Fragen kommen werden: Es geht der ganzen Familie gut und dem kleinen Spatz fehlen keine 130 cm mehr, bis er größer ist als ich. Guter Start.

Gut war der Start auch gestern Abend, zumindest wenn man etwas Vorgeplänkel mit vergessenem Portemonnaie und so abzieht. Ja, ich weiß – aber man kommt halt echt nicht oft erst nach vier Monaten wieder zurück zur Arbeit und ich bin ehrlich gesagt schon ein bisschen stolz, dass ich keine Anleitung fürs Taxameter gebraucht habe.

Ja, gleich der erste Fahrgast vom Bahnhof Friedrichsfelde Ost zur Metro war in gewisser Weise etwas speziell:

Ein „Fahrgast“. Quelle: Sash

Jepp. Ein Schlüsselbund.

Und der Typ, der mich gebeten hat, den Schlüssel zu transportieren, war sich seiner Sache deutlich unsicherer als ich. Für mich war klar, dass ich selten so eine stressfreie Fahrt haben werde. Aber ich wurde später nochmal angerufen, mein Nummernschild wurde fotografiert, das ganze Programm. Und am Ende wurde mir versprochen, dass das nächste Mal gleich ich angerufen werde. 🙂

Da der Schlüssel zu einem Lieferwagen gehörte, war das halt wohl schon alles recht wichtig, aber mal im Ernst: Das sind Menschen ja auch immer. Für mich war’s wirklich nur ein „OK, dem kann ich wohl nix von meiner Elternzeit erzählen“. Das Geld gab’s im Voraus und das mit dem Trinkgeld hat dann der glückliche Schlüsselempfänger übernommen. Und natürlich war’s schneller und günstiger als wenn der Typ mitgefahren wäre und dann wieder zurück.

Und ich finde es auch ok, wenn Leute bei so Randbereichen der Taxidienstleistung etwas unsicher sind. Ich glaube, ich bin gar nicht so schlecht darin, Dinge zu erklären. Manchmal mache ich das ja sogar schriftlich. 😉

„Am Hermannplatz gesperrt“

Ob sie in der Nähe von Charlottenburg sei, fragte mich die leicht aufgebrachte Frau und sorgte damit bei mir für leichte Zweifel ob ihrer allgemeinen Zurechnungsfähigkeit, da ich keine zwei Minuten zuvor jemanden jenseits der Stadtgrenze ganz im Nordosten, in Ahrensfelde, abgesetzt hatte. Da war mit „Ach naja, was ist schon weit?“ halt auch nix mehr zu machen. Die gute Nachricht, die ich ihr überbringen konnte, war, dass die S-Bahn wirklich durchfährt, ohne Umsteigen. Aber halt trotzdem eine ganze Dreiviertelstunde.

Naja, jedenfalls sei das total schlimm und nur ihren Freunden zu verdanken, die ihr gesagt hätten, sie solle mit der U7 fahren, da am Hermannplatz alles gesperrt sei …

Mit anderen Worten: Sie hat U7 und S7 nur so mittel gut trennen können und ist mit der S7 in die falsche Richtung bis zur Endstation gefahren. Da ich jetzt nicht auf die Schnelle eine Grafik für den Linienverlauf und die Bahnhöfe Ahrensfelde, Charlottenburg und Hermannplatz anfertigen will, nehme ich eine meiner beliebten Übersetzungen ins Bundesgebiet:

Die werte Dame hat mir also in Rostock gesagt, dass sie eigentlich nach Köln wolle, nun aber hier gelandet sei, weil in Frankfurt/Main alles gesperrt sei.

Ich … verstehe. Oder so.

Im Übrigen ist da keine Fahrt draus geworden, weil ihr klar war, dass das im Taxi eine etwas teurere Angelegenheit hätte werden können. In dem Fall ungefähr 40 Euro bei absolut kürzester Strecke.

Serienkillerin. Das Übliche.

Kneipenauftrag in Marzahn, aber man tut als Taxifahrer ja, was man kann. Das stark alkoholisierte Pärchen kommt mir schon entgegengetorkelt, es läuft eigentlich gut. Die Zieladresse kenne ich so auf etwa 500 Meter genau, passt also auch.

„OK, die X-Straße. Also ich würde sagen, der kürzeste Weg müsste …“

„IS EJAAAL! FAHR EINFACH!“

Es ist nicht so, dass ich solche Freibriefe nicht zu schätzen wüsste, aber es gab durchaus zwei potenzielle Routen. Immerhin war seine Freundin eine helfende Stimme:

„Hier rechts, dann links. Hören Sie auf die Frau auf der Rückbank, besser nicht auf ihn.“

„Jetzt wo Sie es sagen: Scheint mir eine vernünftige Wahl zu sein!“

🙂

Ich hüte mich sonst ja sehr davor, bei Pärchenansagen parteiisch zu sein, aber hier gab es halt ein Promillegefälle von mindestens 1,5. Der Freund wollte dann unterwegs noch zu einer (bereits geschlossenen) anderen Kneipe, wusste am Ziel nicht einmal, dass er nicht in jener Kneipe angekommen ist und musste aus dem Auto gezogen werden. Mit seiner Freundin indes hab ich mich recht nett über die Schwierigkeiten mit besoffener Kundschaft unterhalten können, denn sie war Barkeeperin und dass sie mit ihm unterwegs war, kann ich bloß so interpretieren, dass es keine Fiktion ist, dass in seltenen Ausnahmefällen wirklich mal vorkommt, dass Generalverschmandete die hübsche Bedienung abschleppen.

„Keine Sorge, er ist sonst schon eher hilfreich …“

„BINSCHIER IM OCHSEN?“

„Nein, Schatz.“

„BINSCHIER SUHAUSE?“

„Das ist doch jetzt egal.“

Ich hab eingeworfen:

„Ich hoffe doch, dass das Ihr Zuhause ist, sonst hab ich Sorgen, wobei ich hier gerade helfe.“

Und sie, eiskalt:

„Ich bringe ihn jetzt in meinen Keller und morgen entsorge ich ihn dann stückchenweise.“

„SCHMUSSIN KELLER?“

„Nein Schatz, alles ok … machen Sie sich keine Sorgen, Herr Taxifahrer!“

Ich bemühe mich. 😀

Weinerlicher Trinkgeldgeber

Es gibt so Leute, die könnte man sich als Nicht-Dienstleister echt nicht ausdenken. Zum Beispiel den Typen, den ich mit zwei Kumpels in Friedrichsfelde eingeladen habe. Er sagte mir flott von der Rückbank an, dass ich sie ins Krankenhaus bringen solle, sein Freund sei verletzt. Der nun wiederum saß neben mir und sah erst einmal ganz vergnügt aus.

Aber der Typ von der Rückbank begann nach der kurzen Klärung, in welches KH sie denn nun wirklich wollten, gleich mal mit seiner wichtigen Feststellung, dass ich ja nun eigentlich verpflichtet sei, sie umsonst dorthin zu bringen, weil der Kumpel ja verletzt sei. Ich hab das ohne mal kurz alle Paragraphen zu wälzen wie folgt beantwortet:

„Nö.“

Meine neu erworbene Lieblingsnervensäge hatte Glück. Denn zum einen war sein erster Satz „Wir bezahlen natürlich trotzdem, logo!“ und zudem haben ihn seine Kumpels aufgefordert, ruhig zu sein. Aber dann stieg er während der Fahrt voll ein und versuchte mir abzuringen, dass es jetzt eigentlich nicht in Ordnung wäre, dass ich ihnen Geld berechne, weil das ja „meine Pflicht“ sei, Verletzten zu helfen.

Wie gesagt: Ich hab nicht Jura studiert und bin offen einer gegenteiligen Aussage diesbezüglich, aber ich bin mir doch sehr sicher, dass das nicht so ist. Wie ich dem Fahrgast auch schnell mal gesagt habe, bin ich als Mensch und Bürger selbstverständlich in der Pflicht, gegebenenfalls Hilfe zu leisten – was aber natürlich nicht mit einschließt, dass ich meine Dienstleistung kostenlos anbiete. Ich bin mir sicher, dass sich selbst (bzw. gerade!) im Falle von Schwerverletzten meine Pflicht darauf beschränkt, den Rettungsdienst zu alarmieren.

Aber das wollte der eloquente junge Mann nicht hören und redete und redete auf mich ein, was ich denn machen würde, wenn X und Y wäre und überhaupt und sowieso!

„Ja oder Nein? Ja oder nein? JA ODER NEIN? JA ODER NEIN? JA ODER NEIN?“

„NEIN.“

„Was, wie kannst Du, Du bist als Taxifahrer …“

„KANNST DU JETZT MAL DIE KLAPPE HALTEN!?“

Und mal im Ernst: Man muss es wirklich erst einmal schaffen, mich bei nur zwei Kilometern Strecke so zu reizen, dass ich laut werde. Aber meine Fresse war der Typ nervig. Wenn er mich wenigstens hätte ausreden lassen!

Was dann aber folgte, war so eine Art Meta-Parodie. Während der „schwer verletzte“ Kumpel auf dem Beifahrersitz seine blutende Lippe – das war die Verletzung! – im Spiegel beäugte, wurde der dritte im Bunde plötzlich nachdenklich und bat mich, doch bitte nicht so schlimme Worte zu benutzen. Ich hätte seinem Freund gesagt, er solle „die Klappe halten“ und das wäre nicht nett. Sie würden so ein Vokabular nicht benutzen und es wäre nicht fair, dass ich das tun würde.

Und das ist kein Witz. Ich hab nicht einmal „Fresse“ gesagt, obwohl es selbstverständlich genau so gemeint war*.

Der Rest der Fahrt verlief recht leise, aber dennoch mit dem anhaltenden Tenor, dass es nicht ok war, was ich gesagt hätte.

WHAT

THE

FUCK?

Während mich der schwer verletzte Beifahrer bezahlte, ermahnte mich der Ach-so-gut-bescheid-Wisser dann noch einmal, dass es echt lieb wäre, wenn ich mich bei ihm entschuldigen würde. Das war in Anbetracht der Tatsache, dass das drei Männer in meinem Alter mit großer Klappe waren, so absurd, dass ich’s einfach gemacht habe. Ich bin ja kein Unmensch und will ja nicht, dass einer weinen muss.

Und was soll ich sagen? Dafür gab’s sogar Trinkgeld.

Hätte ich keinen Blog, läge mir sehr viel daran, diesen Bullshit einfach zu verdrängen. 🙂

*Alle, die hier länger als ein paar Tage mitlesen, wissen, dass ich meine Kunden sehr gern hab und ihnen einiges verzeihe, was viele Kollegen nicht nachvollziehen können. Aber als Taxifahrer gehöre ich zu jenen Dienstleistern, die teils mehrmals pro Nacht auf Leute treffen, die nicht nur wie der Typ hier versucht, mir meinen Job und meine Rechte und Pflichten zu erklären, sondern zudem immer einen Grund parat haben, warum ich gerade für sie heute mal auf meinen ohnehin nicht sehr stattlichen Lohn natürlich verzichten müsse. Natürlich ist das manchmal nur ein Witz und ich bin nicht einmal da völlig humorbefreit, aber wenn solche Typen dann auch noch darauf bestehen, dass ich sagen soll, sie hätten aber recht, recht, recht, RECHT, REEEEHEEEEEECHT! … mal ganz im Ernst: Wie wäre Eure Laune dabei?