Kuriose Nacht

Taxifahren ist ja ein besonders guter Job, um ihn nebenher auszuüben. Sicher, Geld verdient man nicht unbedingt viel, aber wenn man hier und da mal ein paar Stündchen entbehren kann und einen Chef hat, der einem das durchgehen lässt, dann kann man sich ein paar Euro verdienen, ohne dass es sich allzu sehr nach Arbeit anfühlt. Und das tut es wirklich nicht, wenn man mal für ein paar wenige Touren ohne Anspruch aufbricht. Ich mache das ja auch manchmal …

Der Anruf um Mitternacht war bereits der zweite von Jo am gestrigen Abend und ich habe mich breitschlagen lassen, ihn aus der Kneipe nach Hause zu fahren. Im Nachhinein betrachtet war das auch besser so: wer weiß, ob ein Kollege ihn in dem Zustand mitgenommen hätte. Mehr hatte ich nicht vor, ich war ja nicht auf Arbeit. Deswegen habe ich mich auch nicht geärgert, als ich auf halber Strecke festgestellt hab, dass ich die Fackel ausgeschaltet hatte. Das allerdings sollte auch keinen Unterschied machen. Die potenziellen Kunden konnten mich von da an zwar sehen, aber trotz einer kompletten Durchquerung Prenzlauer Bergs fand sich keiner, der mir nicht in letzter Sekunde von einem Kollegen weggeschnappt wurde. Naja, Pech.

Nachdem ich für Ozie noch was an der Packstation abgeholt hatte, hab ich das Auto abgestellt und bin zu meinem Dönerladen rein. Kurz Kippen geholt und dann gehört wie der Typ vor mir sagt:

„Bestellste mir ein Taxi?“

Der Nachtschichtler griff nach dem Telefon, da warf ich ein:

„Also ich möchte mich nicht über Gebühr einmischen, aber ich bin Taxifahrer und ich hab mein Taxi gerade hier vor der Tür abgestellt.“

Und zack! Da hatte ich noch die zweite Tour, die den Ausflug zu später Stunde noch lohnend gemacht hat. Kurz nach Hellersdorf rüber, freie Straßen, alles bestens! Und nein, wie Arbeit hat sich das wirklich nicht angefühlt.

Ich möchte zum …

„Das Berghain?“

„Gar kein Problem, das ist …“

„Ist nich weit, oder?“

„Nein, sie müssen da vorne …“

„Ah, ich dachte schon, das wär da hinten irgendwo!“

„Nein nein, einfach hier …“

„Soll ja gut sein dort.“

„Ja, sagt man. Also wenn sie …“

„Schon mal dagewesen?“

„Drinnen?“

„Ja, wie komme ich denn jetzt da hin?“

„Wollte ich ja gerade …“

„Ihr Kollege wollte mir das nicht sagen.“

„Naja, jetzt mach ich’s ja.“

„Was?“

„Ich erkläre ihnen jetzt kurz den Weg. Ist gar nicht schwierig. Nur hier vorne …“

„Das ist gut, ich hab so’n schlechtes Gedächtnis.“

„Ist nur zweimal ums Eck. Wenn sie hier links …“

„Ach, da wäre ich ja völlig falsch gelaufen!“

„Also links!“

„Was haben Sie gesagt?“

„Sie müssen hier vorne …“

„Ich bin ja nur dieses Wochenende hier …“

„Ja. Also passen sie auf: …“

„Kommt man da echt so schwer rein?“

„Ja, soll nicht leicht sein. Soll ich ihnen …“

„Ja, wie komme ich da jetzt hin?“

„Hier links, dann die nächste rechts …“

„Moment, ich würde mir das gerne aufschreiben. Wo hab ich denn jetzt meinen Stif … ach dann halt Handy!“

„Haben Sie’s nun? Ist doch nur hier links, nächste rechts und dann wied …“

„Warten Sie, warten Sie! So schnell kann ich auch nicht tippen!“

„…und dann wieder links.“

„Das klingt aber kompliziert.“

„Ach was: links, rechts, links, immer die erste Str …“

„Können Sie mich da vielleicht einfach hinfahren?“

Dreimal alleine während dieser Unterhaltung, dreimal. Mindestens -.-

Kurz, aber nett.

Mal ganz ehrlich: es passiert ja in der Regel nichts groß spannendes im Taxi. Ich schreibe hier Blogeinträge über einen Euro mehr Trinkgeld oder einen blöden Spruch zu Fahrtbeginn. Es ist für euch Leser vielleicht nicht unbedingt ein Thrillride ohnesgleichen, aber wie jeder andere Beruf hat auch das Taxifahren leise und laute Momente.

Einen der besonders leisen hatte ich derletzt wieder.

Zwei mittelgroße Vorrentner – also Menschen knapp überhalb meines Alters – winkten mich in Friedrichshain heran und fragten, ob ich sie zum Ostkreuz bringen würde. Natürlich! Und auch immer wieder gerne. Aber der Weg war mit nicht einmal einem Kilometer doch recht knapp bemessen. Letztlich war es nur das Gepäck, das den Einsatz eines Taxis rechtfertigte. Ohne das wären sie am Ende sogar schneller gelaufen.

Aber die Zeit drängte. Nur noch wenige Minuten bis der Zug abfahren würde.

Es ist während der ganzen Fahrt nichts spektakuläres passiert und die 4,60 € auf der Uhr lassen allenfalls eine Einsortierung in die „worst 100“ der Fahrpreise möglich erscheinen. Aber ich hab sie einfach möglichst schnell zu ihrem Ziel gebracht, hab dabei am Ende noch den letzten irgendwie befahrbaren Meter ausgenutzt und ihnen viel Glück beim Erwischen des Zuges gewünscht. Alltag soweit.

Bekommen habe ich am Ende einen Zehner für die rund 3 Minuten Arbeit. Abgesehen davon, dass Wechselgeld zu viel Zeit kostet, gab es das auch, weil ich „doch mal so ein netter Taxifahrer“ sei. Wow!

Wie gesagt: es ist nicht oft spektakulär, aber es würde mir was fehlen ohne sowas!

Vom Hörensagen im Kreis

Ich hab mich ausnahmsweise mal vor den Magnet-Club gestellt. Hat auch keine 3 Minuten gedauert, da purzelten mir ein paar Spanier ins Auto. Gute Stimmung, stressfreie Fahrt. Das Ziel ist mir nämlich mehr als nur bekannt:

„We’ve heard about Berghain. Would you bring us there?“

„Of course.“

So weit, so unspektakulär. Gut, dank Abbiegeverbot an der Oberbaumbrücke ist der Weg derzeit ein wenig länger, aber es ist immer noch eine Tour um die sieben Euro irgendwas. Am Berghain angekommen fielen sie erstmal aus allen Wolken wegen der Schlange. Ich hätte es ihnen eigentlich sagen können, aber nun standen wir da.

„No, we’ll never do that. We’ve heard about Karte Olsrigg. You bring us there?“

„Kater Holzig? We’ll be there in 3 minutes.“

Eine erkennbare Schlange (also abgesehen von den Taxen vor dem Tor) war nicht zu erkennen, aber irgendwie schien ihnen der Bretterverschlag etwas unheimlich zu sein:

„Uh, hmm. Guess that’s nothing for us. But we heard about Watergate. What about this?“

„Are you serious?“

„Why?“

„Because Watergates entrance is directly beside the Magnet. It’s exactly the place we came from.“

Man könnte eigentlich erwarten, dass sich jetzt irgendwer ärgert, weil unnötige Fahrt und so. Nix da:

„Oh really!? That’s nice! Bring us there!“

Ich will mich sicher nicht beschweren, sowas tut meinem Geldbeutel und meinem Kilometerschnitt sehr gut. Aber ein bisschen weniger Verplanung und ein paar handfeste Infos könnten der Truppe letztlich eine Menge Geld sparen. Hab ich gehört.

Weitergehen

Zwei Männer in den besten Jahren, leicht angeheitert, steigen ziemlich flott ein.

„Ja, also zuerst geht es mal in die Bülowstraße xy …“

„Und danach? Geht’s etwa noch weiter?“

„Ja, also sicher. Ähm, also sie, für sie geht es sicher auch noch weiter, aber nicht, äh, mit uns so.“

„Keine Sorge, soo war das auch nicht gemeint.“

🙂

N‘ Juter mit Pommes

„Ick bin’n Juter! Nimmste mich mit?“

„Kommt drauf an: was hattet ihr denn für ein Problem?“

Es ist nicht oft so, dass ich potenzielle Kundschaft über irgendwelchen Stress per se ausfrage. Dass der Kollege vor mir z.B. den Kunden abgelehnt hatte, wäre mir egal gewesen. Dass der „Jute“ allerdings kurz zuvor den Fahrer davor als Taxi-Lutscher beschimpft und bereits als ich ankam ein kleines Stelldichein mit Polizeibeamten hatte, hat mich skeptisch gestimmt.

So für den Moment wirkte der Kerl wirklich nett wie sonstnochwas und stand mir auch höflich Rede und Antwort. Der erste Fahrer hätte ihn nicht mitgenommen, weil er sich Pommes geholt hätte …

Aha. Das ist vielleicht nicht notwendig, aber hey – ich hatte auch schon Pommes im Auto verteilt und akzeptiere es, wenn Kollegen da nein sagen.

„Und dann war ich sauer und hab ihm Pommes auf die Scheibe geschmiert …“

Ach so, nee ist klar.

„Und dann hat der die Bullen gerufen! Echt jetzt Mann, die Bullen!“

„Ähm, dein Beitrag war jetzt aber auch nicht die feine englische, oder?“

„Naja, aber …“

Eine knappe Minute hat er sich damit zu rechtfertigen versucht, dass es auch schlimme Taxifahrer gibt. Tut ja auch voll was zur Sache in dem Moment. Wenn er jetzt irgendwas gegen den Kollegen hätte vorbringen können – aber nein: der Hinweis, dass er ihn mit Pommes nicht mitnehmen würde, war wohl wirklich alles. Als hab ich ihn weiter eher fragend und vorwurfsvoll angesehen. Und er so:

„Hey, ich bin nicht mehr ganz nüchtern – ok. Aber ich bin’n Juter. Ehrlich. Ich bezahl Dich, ist eine Fahrt mehr. Ich weiß, wo ich wohn, alles easy. Ist deine Entscheidung, ich lauf auch. Ehrlich, kein Problem. Wäre eine gute Tour für dich, aber wenn Du nicht willst … echt, ich will nur nach Hause, ich lauf auch, so ist es nicht, ich bin da nicht so, SCHEISSE, DANN LAUF ICH HALT!“

Sprach’s und knallte seine frisch erworbenen Pommes vor dem Taxistand auf den Boden. Ich hab wirklich nix gemacht bis dahin, war aber froh, dass sich die Geschichte so erledigt hat. So wie der drauf war, hätte der mir wahrscheinlich vor Hass auf eine rote Ampel demonstrativ ins Auto gekotzt oder sowas. Echt, Leute gibt es …

Für’n Fünfer!

Drei Taxen hatten sie vor mir schon abgeklappert. Dann standen sie da und fragten, ob ich sie für einen Fünfer zum Matrix bringen würde. Ich hab die vier Leute angeschaut und hab gemeint, dass das nicht wirklich gehen würde. Dank eines Abbiegeverbotes kommen mindestens 6,40 € auf die Uhr. Aber für 5 € könnte ich sie bis auf 150 Meter ranbringen – Für Fußgänger ist das Durchlatschen zum Warschauer Platz ja legal.

„Hmm, wat is? Neh’m wa die Bahn?“

„Glaub schon.“

Es ist jetzt nicht so, dass ich mich um diese Fahrt reissen wollte, aber eines musste ich doch kurz fragen:

„Habt ihr alle eine Monatskarte oder wie?“

„Nee, sind nur zu Besuch. Unser Kumpel is schon heim.“

„OK, dann viel Spaß!“

„Hä? Wieso’n?“

„Naja, Kurzstrecke kostet 1,40 €. Zu viert kommt ihr auf 5,60 € – statt 5,00 € im Taxi – und von der S-Bahn müsst ihr etwa 400 Meter – statt 150 – laufen. Deswegen: viel Spaß!“

Was soll man sagen? Sie haben am Ende 7,50 € gezahlt. 6,40 € fürs Taxi und 1,10 € Trinkgeld. Und waren sehr umgänglich. 🙂