Notlösung Andrew Jackson*

Als sie nur ganz seicht den Arm hob, um mich anzuhalten, sah das noch wie eine coole Geste aus. War es nicht. Die junge Frau war so hinüber, wie man nur hinüber sein kann, wenn man mit einer Flasche Bier durch Kreuzberg torkelt. Nun gilt in meinem Taxi die 0-Promille-Grenze nur für mich und ich hab sie gerne eingesackt. Die einzige Winkerin in dieser Nacht.

Vom Outfit her eher Straßenkämpferin als Disco-Bunnie war sie mir zugegeben gar nicht unsympathisch. Und sie nannte, wenn auch unsauber ausgesprochen, eine Straße, die mir von Touren vom Ostbahnhof wohlbekannt war. Und von der ich zumindest zu wissen glaube, dass es sie nicht zweimal gibt.

„Kein Problem, kriegen wir hin.“

„Du kennsie?“

„Ja. Und den kürzesten Weg dorthin. So wie es sein sollte.“

Eine schöne Tour. Nicht weit zwar, aber mir fehlten zwei Stunden vor Feierabend ohnehin nur noch 15 Euro für mein Schichtziel und die Fahrt sollte mehr als die Hälfte bringen.

Nach allerlei Bedenken ihrerseits, ob wir wirklich in die richtige Richtung fahren würden, beendeten wir die Fahrt am Ende mit beidseitiger Zufriedenheit und 8,60 € auf der Uhr. Schnell verdientes Geld auf meiner Seite und eine sichere Heimfahrt ohne selbst noch eine Peilung zu haben für sie. Win-win.

Dann ging es ans Bezahlen. Sie nestelte Kleingeld aus ihren Hosentaschen, alles wild durcheinander, nur die erhofften Scheine fand sie nicht. Beim Abzählen der Münzen wurde schnell klar, dass das nicht reicht. Gut, vier Euro kamen schnell zusammen, danach aber nur noch ein weiterer. Schon unter Einbeziehung von Rotgeld.

Wat nu?

Um ehrlich zu sein: ich hätte sie aussteigen lassen. Klar, eine Runde zur Bank hätte sicher geklappt, aber der Aufwand und der Stress. Wegen am Ende dreiirgendwas …
Da meinte sie plötzlich eher scherzhaft:

„Na, wenn Du auch amerikanisches Geld annehmen würdest …“

Und ich sprang ein:

„Mach‘ ich. Natürlich!“

Sicher: auch da ist die Frage nach dem Aufwand berechtigt. Aber irgendwann geh‘ ich eh mal wieder zur Bank und US-Dollar sind nun vergleichsweise einfach zu wechseln. Das wird nicht wieder drei Jahre dauern dieses Mal. 😉

Und nun begann sie zu kramen und zu kramen …

„Hier ist ein Dollar. Da noch einer. Hier hab ich auch noch einen …“

Das erste Mal seit ich Taxi fahre, habe ich mir überlegt, ob ich jetzt nach dem Wechselkurs suchen müsste, um die richtige Summe zu bestimmen. Bisher hab ich ausländisches Geld immer nur mit großzügigem Aufrunden bekommen – was ehrlich gesagt des Wechselaufwandes wegen seine Berechtigung hat. Ich muss das schließlich nicht machen, ich bin da einfach nur nett.

Geklappt hat es auch dieses Mal, denn sie sagte plötzlich:

„Deeenirabschesucht! Hiernswansiger!“

Zwanzig Dollar. Für 8,60 Euro auf der Uhr. Da kann ich mit leben. Und sie hoffentlich auch.

Dann noch schnell der Check, ob sie nix vergessen hat, und ich konnte weiter. Bei meinem nächsten Stopp habe ich 20 Euro-Cent, einen leider wertlosen Teil eines australischen 20-Dollar-Scheins und ein Feuerzeug eingesammelt. Was solche Touren halt so mit sich bringen … aber am Ende glaube ich, dass es sich für sie dennoch gelohnt hat, ausgerechnet mich als Fahrer zu erwischen. 🙂

*Andrew Jackson ist auf der US-amerikanischen 20-Dollar-Note abgebildet.

„Drug dealers on the backseats“

Was man von Fahrgästen zu hören bekommt, ist bisweilen etwas seltsam. Ebenso wie im Internet – oder besser: den Medien im Allgemeinen – sollte man da nicht alles glauben. Tue ich auch nicht. Aber manchmal würde mich der Hintergrund dann doch interessieren.

Dieses Wochenende erst wurde mir von dänischen Touristen berichtet, dass bei ihnen manche Taxifahrer ein Problem mit Drogendealern hätten, die mit ihnen fahren und dabei ihren Stoff verticken würden. Und die Fahrer hätten zu viel Angst, sich dagegen zu wehren.

Klingt erst einmal abstrus und unnötig teuer, aber wenn man es sich genau überlegt, ist das keine blöde Idee. Erstens werden Taxifahrer (zumindest hierzulande) mit Kundschaft eher nachlässig von der Polizei behandelt. Zudem kommt man schnell von A nach B und ggf. in brenzligen Situationen schnell weg, ohne dass das eigene Kennzeichen registriert wird.

Ich wurde auch schon mal gefragt, ob ich mir nicht z.B. Botenfahrten vorstellen könnte …

Ist an der Sache mit Dänemark was dran? Das fände ich ja eine interessante Info.

PS:
Liebe Dealer da draussen: Bitte nicht! Je nach Art der Drogen bin ich Euch nicht mal schlecht gesonnen – aber wir Taxifahrer haben unsere eigenen Probleme und unser Job ist mit Drogendelikten schwer vereinbar. Und es ist nicht so, dass wir nicht wüssten, dass sich in eurem Gewerbe mehr Geld verdienen lässt. Wir haben uns trotzdem für dieses hier entschieden. Thanks.

Hinten raus …

„Du bist Sash, oder? Is‘ ok, wenn ich Dich hier hinten raus …?“

Selbstverständlich! Nicht nur von wegen freie Taxiwahl – das ist quasi der Inbegriff dessen, was ich mir von meiner halblebigen Internetprominenz erhoffe. 😉

War gestern Abend auch eine schön weite Tour. Kaum auszumalen, wie mies die Schicht ohne sie verlaufen wäre …

Aber hintenraus kam sicher noch was anderes, nämlich die Enttäuschung bei meinem hier vorsichtshalber mal anonymen Leser. Hatte er beim Einstieg noch gegrummelt, weil die Niederländer gegen Spanien den Ausgleich geschossen hatten, blieb mein Radio während der Fahrt aus und wir haben uns nett unterhalten.

Als er ausgestiegen war, drehte ich wieder laut und bekam fast umgehend das 4:1 mit. Na das wird ein „heiteres“ Heimkommen gewesen sein.

Aber hey, Kopf hoch: diesbezüglich waren schließlich ALLE gestern überrascht! 🙂

Wink mit dem Zaunpfahl

„Könnten Sie uns in die Oranienstraße in die Bar 39 bringen?“

„Sicher. Wissen Sie zufällig, wo genau die dort liegt?“

„Nein, sorry.“

„Gut, dann … probiere ich es mal mit Nummer 39.“

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, ich sag’s Euch! 🙂

Überraschung!

Öfter mal was neues! Man hält sich ja an, nicht immer nur den selben Quatsch zu machen.

Ich – als Inbegriff eines Gewohnheitstieres – komme nicht so oft von selbst auf neue Ideen, kann aber immerhin recht sicher sein, dass meine Fahrgäste da auch von alleine für sorgen. So hatte ich ja nun schon einige Leserfahrten mit Euch – allen bisher aber war gemein, dass ihr davon wusstet. Nun ergab sich die Chance, daran etwas zu ändern. Was gar nicht so leicht war.

Vor einiger Zeit nämlich meldete sich Felicitas Then bei mir. Das; traurigerweise, wenn man ehrlich ist; nicht etwa, um für mich zu kochen, sondern um mich zu fragen, ob wir es irgendwie hinkriegen würden, dass ich als Überraschung zum Geburtstag ihres Freundes Tammo auftauchen würde. Und das gestaltete sich nicht so leicht wie gedacht, denn handelsübliche Geburtstage haben den Nachteil, außerhalb meiner Arbeitszeiten zu liegen.
Am Ende waren es zwei Telefonate und mehrere Mails, bis der Plan stand, einmal wurde sogar mein Schlaf vorzeitig beendet. Aber zu guter Letzt stand ich als Überraschung mit einer noch erstaunlich kühlen Flasche Sekt in Kreuzberg und habe mal wieder zu spät gemerkt, dass Aliens sich wie vor jeder Fahrt mit anschließendem Foto meiner Frisur bemächtigt hatten.

Ganz sicher entspannter als am Vorabend, als die beiden damit beschäftigt waren, 300 Burger fürs Hoffest des regierenden Bürgermeisters anzurichten, standen sie dann pünktlich vor mir und dank viel Selbstdisziplin bin ich wohl eine gute Wahl gewesen. Die Tage davor hätte ich nämlich gerne irgendwas angedeutet, aber wie soll man das machen, wenn man weiß, dass es insbesondere von der Person gelesen wird, die es zu überraschen gilt?

So gesehen ist nicht nur vom Überraschungen nicht ganz so sehr mögenden Geburtstagskind sondern auch von der Überraschung selbst einiges an Spannung abgefallen, als wir letztlich fröhlich plaudernd zu dritt in der 72 saßen. Am Ende sind es zwei Fahrten geworden, beide schön – gerade im Vergleich zur sonst sehr mauen halben Schicht.

Gut, darüber, dass ich in einem Anflug völliger geistiger Umnachtung einmal beinahe 4 € Wechselgeld zu wenig rausgegeben habe, sollte ich vielleicht besser schweigen, aber sonst glauben ja wieder alle, sowas passiere mir gar nicht. Da will ich meinem Aufklärungsauftrag dann ja doch auch nachkommen. 😉

Wäre die angedachte dritte Fahrt noch zustande gekommen, wäre ich in dem Abend mehr Privatchauffeur als Taxifahrer gewesen, was eigentlich ganz ok war. Insofern, an Felicitas gerichtet: wenn das mit dem eigenen Chauffeur irgendwann klappt, sieh‘ das hier einfach als Bewerbungsschreiben! 😀

Und nun, abschließend, wie sicher schon erwartet: das Beweisfoto (dafür, dass sich schon wieder Aliens an meiner Frisur zu schaffen gemacht haben)

Sash, Felicitas, Tammo. Quelle: auf Autodach abgestellte Kamera.

Sash, Felicitas, Tammo. Quelle: auf Autodach abgestellte Kamera.


Ach, Kollege!

Kaum war ich am Sisyphos angekommen, winkte mich der Kollege von Position 1 ganz nach vorne. Ich war Achter oder so. Da ich den einzigen Großraumwagen fuhr, bin ich einfach mal vor, obwohl die Kommunikation eher hilflos verlaufen war über die Entfernung.

Vorne angekommen erwarteten mich jedoch keine fünf Leute, sondern zwei. Hä?

„Fahren Sie uns zum Ostkreuz?“

Im Grunde wäre ich gerne ausgestiegen und hätte dem Kollegen eine auf’s Maul gehauen. Dieses blöde Kurze-Touren-Ablehnen … ich entwickele da echt noch eine Allergie dagegen. Zumal das Ostkreuz als Fahrtziel ja echt immer noch 6,80 € bringt. Das ist nicht dicke Knete, aber zum S-Bahnhof Rummelsburg ist es knapp ein Euro weniger. Und was ich als Fahrer am Ostbahnhof schon alles für Fahrten hatte …

Auf der anderen Seite war es ja immerhin mal nett, dass er einen Kollegen besorgt hat, der die Tour macht. Lustig wäre die Situation sicher geworden, wenn er da auch auf einen Kurzstreckenmuffel getroffen wäre. Aber ich hatte die Kunden im Auto, eh kein Problem mit der Tour – und genügend Ahnung von Psychologie, um zu wissen, dass es der Kundenbindung eher weniger dienen würde, wenn ich jetzt Streit mit dem „Kollegen“ anzetteln würde.

Wie unberechenbar das Taxigeschäft ist – und wie unnötig damit das Ablehnen von kurzen Touren – zeigte diese Fahrt. Die beiden Mädels kamen trotz der kurzen Strecke lebhaft ins Gespräch darüber, ob ich sie nicht doch noch bis zum Savignyplatz mitnehmen sollte. Mal eben runde 10 km und fast 20 € mehr …
Erst im allerletzten Moment war klar, dass das nix wird. Schade, natürlich.

Da ich nun ja nicht weit gekommen war, hab ich eine Kehrtwende gemacht und bin wieder ans Sisyphos rangefahren. Mit Kundschaft. Und unvorhersehbar war das nicht. Eine Menge Leute winken da mal eben für eine Kurzstrecke. Als ob das nun mit 10,80 € auf 4 Kilometer in knapp 7 Minuten nicht schon eine hammergute Ausbeute gewesen wäre, stand ich nun am Sisyphos an zweiter Position. Und hatte binnen 3 Minuten schon wieder eine Fahrt. Dieses Mal für gute 20 €.

Natürlich kann man da nicht sicher sein, aber ich würde wetten, dass der Kollege mit seiner Tour und den vielleicht 5 Minuten Vorsprung nicht mehr als 30 € gemacht hat in der Zeit. Aber nach wie vor gilt: Ich bin ja der Idiot, der Kunden auch so kurze Wege fährt, die sie eigentlich laufen könnten/sollten. Nee, is‘ klar …

Volle Jungs machen halbe Sachen

Und dann auch noch ausgerechnet beim Bezahlen!

Gut, beim Bezahlen kann eine Menge schief gehen – sogar wenn niemand die Gegenseite über den Tisch ziehen will. Und das war bei den beiden Typen so. Aufgegabelt haben sie mich an einer Ampel im Berliner Nordosten und wollten nach Lichtenberg. Eine problemlose Fahrt von knapp über 5 Kilometern. War nicht ganz der kürzeste Weg, dafür aber haben wir es bei nur zweimal abbiegen belassen.Ohne insbesondere auf den sehr besoffenen der beiden zu hören, hätte ich es sicher für unter 11 € geschafft, so standen halt 11,80 € auf der Uhr. Große Dramen sehen anders aus. Mir wurde ein Zwanziger gereicht und ich gab schon mal das Wechselgeld raus, bis mir eine, nun ja, geringfügige Unzulänglichkeit des Geldscheins auffällt: Er hatte, anders als seine Artgenossen in meinem Portemonnaie, keine zwei Hälften, sondern eine. Mit anderen Worten: er war nicht, wie ich zunächst dachte, gefaltet, sondern durchgerissen.

Da sich bekanntlich mit einem halben Schein nix anfangen lässt – bei einer so sauberen Trennung in der Mitte mit keiner der beiden Seiten – bin ich von einem Versehen ausgegangen und hab dem Nüchterneren (der auch bezahlt hatte) den Schein hingehalten.

„Schätze, da fehlt leider noch was.“

Er stierte den halben Schein an, und stellte fest:

„Öh, ja. Ein halber Zwanni quasi.“

Sein Kumpel hat überhaupt nicht begriffen, worum es ging und nebenher angefangen, darüber zu philosophieren, wie bei 11,80 € ein halber Zwanni fehlen könnte. Der letztlich nur in Maßen zurechnungsfähigere Geldgeber fragte indes, was er jetzt tun solle. Ich gab ihm den naheliegenden Tipp, vielleicht mal nachzusehen, ob er die andere Hälfte noch hätte.

Und siehe da:

Bisschen Klebeband, und der sieht wieder aus wie neu! Quelle: Sash

Bisschen Klebeband und der sieht wieder aus wie neu! Quelle: Sash