Karussellfahren, yippieh!

Ganz so hat sich die Kundschaft nicht geäußert, aber sie war doch angenehm relaxt, als wir mal eben den großzügigen Kreisverkehr des Strausberger Platzes umrundeten.

Ich hab gestern Abend nicht ohne Grund über Straßensperrungen geschrieben, denn wir hatten das vor kurzem wieder, dieses Mal aber zum Halbmarathon. Dafür wurde unter anderem das erste Stück der Karl-Marx-Allee gesperrt, bis zum – nun ja! – Strausberger Platz eben. Und das schon so gegen Mitternacht oder ein Uhr. Jedenfalls nicht nur unerwartet früh, sondern just binnen einer halben Stunde, seit ich dort das letzte Mal vorbeigekommen war.

Das Ziel der Kunden war auf quasi gleich langem Weg auch über die Lichtenberger Straße zu erreichen, ich hätte also einfach rechts abbiegen können. Aber völlig ohne etwas anderes als die Durchfahrt zu erwarten, bin ich in den Kreisel gecruist und hab dann statt einer 90°-Drehung eben eine um 450° vollführen dürfen.

Ich hab sicher schon unüberraschter am Steuer ausgesehen, aber die Kundschaft nahm es wie eingangs erwähnt locker. Immerhin einer der schon leicht angetrunkenen Studenten kommentierte das Ganze sogar halbwegs angemessen:

„Huiii!!!“

Fußgängerzone des 17. Juni

Straßensperrungen sind ja so ein Thema für sich. Wie bei fast allen Verkehrsthemen sind die betroffenen Teilnehmer – allen voran die Autofahrer – gerne schnell am Rotieren.

(Vielleicht überträgt sich ja der Impuls der zwangsweise stehenden Räder auf die Fahrer, das sollte man mal untersuchen!)

Natürlich sollte man das ein wenig differenzierter betrachten. Der öffentliche Verkehrsraum ist nicht nur fürs Auto da und bei wichtigen Veranstaltungen ist es zweckmäßig, den Fahrzeugverkehr umzuleiten. Auf der anderen Seite sorgen solche Sperrungen natürlich je nach Art und Häufigkeit des Auftretens auch für eine Verkehrsverschärfung. Im Falle der Straße des 17. Juni, besonders der Abschnitt zwischen dem Brandenburger Tor und dem Großen Stern, ist die Sperrung schon gewaltig. Während auf dem 17. Juni der Verkehr 3-Spurig rollen kann, bieten alle auch nur halbwegs naheliegenden Ausweichrouten nur je eine Spur pro Richtung.

Und tagsüber ist das heftig, wenn dort gesperrt ist. Für mich als Nachtfahrer ist das eigentlich egal. In meinem Straßenverzeichnis existiert der Teil quasi nicht mehr, ich hab mir die John-Foster-Dulles-Allee und die Tiergartenstraße zur Regel, nicht zur Ausnahme gemacht.

Das aber auch nicht freiwillig. Die Straße des 17. Juni soll die meistgesperrte Straße Deutschlands sein, was ich für plausibel halte. An mindestens hundert Tagen im Jahr ist sie gesperrt. Ein Drittel der Zeit, gefühlt viel häufiger. Das ist irgendwo logisch, schließlich ist es wohl das repräsentativste Stück unseres Landes überhaupt. Zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor feiert es sich nicht absolut furchtbar Silvester, sondern man kann sich dort auch mit viel zu kleinen Demonstrationen optisch zum Löffel machen oder als Staatsoberhaupt große Reden schwingen.

Vermeiden lassen wird sich das Interesse, diese Straße für den Autoverkehr stillzulegen, also eher nicht. Dann könnten wir doch aber ein bisschen ehrlicher sein und sie wenigstens umbenennen. „Fußgängerzone des 17. Juni“ würde dem Ganzen doch die Lockerheit verleihen, die man als Autofahrer ja ohnehin braucht, wenn einen der Weg dort durch vorbei führt.

Na also, geht doch!

Dieses Wochenende … ich sag’s Euch!

Sowas deprimierendes ist auch mir selten passiert. Die 10 geplanten Stunden am Freitag liefen völlig desaströs und selbst mit der zufällig noch hinzugefügten elften (die immerhin mal eben fast 40 € Umsatz brachte) kamen am Ende nur knappe 7 € Bruttostundenlohn raus. Der Samstag fing nochmal beschissener an, insbesondere war es traurig, dass ich während der ersten dreieinhalb Stunden nur zwei (!) Touren hatte. Zwei!

Aber gut, immerhin war eine längere dabei. Und so sollte der Abend – nach einer Pause – auch weitergehen: Wenige Touren, dafür aber lange. Kommt im Prinzip nicht arg viel schlechter als mehrere kurze Fahrten, aber wirklich genießen konnte ich die viele Wartezeit auch nicht. Ich möchte den Job nicht nur aus den Augen meines Geldbeutels sehen, aber ohne Kundschaft isser auch einfach recht langweilig.

Und dann stand ich am Berghain. Nach einer langen kundenlosen Rückfahrt in die City dauerte jetzt auch das Warten verhältnismäßig lange. Damn it! Um wenigstens noch irgendwas halbwegs brauchbares aus dieser Schicht rauszuholen, wären 20 € für die nächste Tour schon angemessen gewesen.

Und das war ABSOLUT UNMÖGLICH*. Vom Berghain kriegt man einfach keine Tour über 20 €. Die Fahrten von dort teilen sich auf in die ungeliebten Fahrten der Leute, die nicht reinkommen und nun einen anderen Club ums Eck oder ein Hotel aufsuchen – und denen, die nach dem Feiern dort nach Schöneberg fahren. Ob zu Toms Bar, einem Hotel oder ihrer Wohnung, egal: Das ist so zuverlässig, das hätte man gerne öfter im Taxigewerbe.

So auch mein Kunde. Ein zierlicher junger Mann, und er wollte in die Motzstraße. Schöneberg. Immerhin. Trotzdem halt „nur“ 16 €. Man könnte jetzt sagen: „Ja, es klappt halt nicht immer alles!“ und das wäre richtig. Aber an diesem Abend? Wo ich von der Halte nur Fahrten über 20 € und kürzere Touren allenfalls von unterwegs kannte?

Das Schicksal kann auch nett sein.

„Oh, fuck fuck fuck! Wir müssen zurück zum Berghain!“

meinte mein Fahrgast auf der Holzmarktstraße.

Was vergessen. Medikamente. Oder Drogen? Mir egal.

Ich hab dann „total uneigennützig“ angemerkt, dass es, wenn es schnell gehen sollte, deutlich günstiger wäre, wenn ich warte. Also im Gegensatz zu einem neuen Taxi vom Berghain aus. Und er hat angenommen. Das allerdings eher überraschend, denn er sprang nur raus, sagte, dass er gleich wiederkommen würde und sprintete davon. Für ein paar Momente hatte ich die Befürchtung, er wäre ohne zu bezahlen stiften gegangen, weil das so schnell ging, dass ich nicht einmal ein Pfand einfordern konnte.

Aber er kam wieder. Und wir fuhren bis nach Schöneberg. Dann mit rund 23 € auf der Uhr.

Und nun?

Konnte er nicht zahlen. 19 € in bar hatte er. Mit Karte wäre gegangen, aber ich hab ja keinen funktionierenden Kartenleser an Bord.

Alles dumm gelaufen? Geht so. Er wollte zu einem Automaten und ich hab gewendet, um hinzufahren. Hatte aber vergessen, dass ich schon „Kasse“ gedrückt hatte. Also verschwand der Betrag vom Taxameter. Dumm, denn eigentlich hätte ich das ja berechnen dürfen. Aber wie das Leben so ist: Ich hab’s nicht getan. Eine 23€-Tour vom Berghain in einer miesen Nacht … da kann man auch mal 700 Meter für umme fahren.

War so gesehen eine komplizierte Sache, aber hey: 23 € vom Berghain aus! 😉


*natürlich ist grundsätzlich alles möglich. Die Aussage des obigen Satzes ist als vernachlässigbar geringe Wahrscheinlichkeit zu verstehen. Genau genommen hatte ich ja bereits vor kurzem eine Tour über 20 € vom Berghain.

Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht?

Manchmal weiß man nicht so recht, was man von Fahrgästen halten soll. Meiner kam mir zunächst mehr als nur gelegen. Kaum dass ich vom Berghain eine ordentliche Tour bis nach Schöneberg hatte, stand er quasi schon da und winkte. Eigentlich ein unauffälliger Kerl, mittelgroß, blondierte Haare, lässige Kleidung. Auffallend hübsch zwar, das aber wurde durch das Outfit aus ausgebeulten Trainingshosen und locker übergeschmissener Jacke überspielt.

Und besoffen wie ein Rudel Bundeswehrsoldaten.

Dass Deutsch nicht seine Muttersprache zu sein schien, ging komplett unter, da er sich sowieso kaum noch zu artikulieren verstand. Zunächst dachte ich an einen schwedischen Touri, aber dem schien nicht so zu sein:

„Bschein Prostitjute from Mllca!“

Es fällt mir oft leicht, die Sprache angeschlagener Leute irgendwie rüberzubringen, hier geraten wir in den Bereich der völligen Unlesbarkeit, wie man sieht. Und ob ich die ganze Geschichte, die er mir zwischen akuten Anfällen von Halbschlaf unbedingt erzählen musste, richtig verstanden habe, kann ich auch nicht sicher sagen.

Nun, er musste jedenfalls kurz zur Sparkasse am Nollendorfplatz, um Geld für die Fahrt zum Zoo zu holen. Er war angeblich Prostituierter aus Mallorca und nun ein paar Monate in Deutschland, um über die Nicht-Saison auch ordentlich Geld zu verdienen. Er könne mir also prinzipiell schon anbieten, in Naturalien zu zahlen, aber eigentlich habe er Feierabend.

Das hat mich jetzt aus verschiedenen Gründen nur wenig enttäuscht.

Eigentlich wäre er total müde, ließ er mich weiter wissen, und so wirklich gefallen würde ihm Deutschland auch nicht. Aber, jetzt würde er noch eine Runde ficken gehen und morgen würde er eine große Party schmeißen, für die er schon für 80 € beim Netto Käse, Wein und Salami gekauft hätte. Könne ich mir ja mal merken, je nachdem, was ich noch so vorhätte am Wochenende. Die Krönung des Ganzen war, dass er natürlich nicht wirklich zum Zoo wollte, sondern zum Tiergarten am 17. Juni, was unsere Fahrtstrecke (siehe Karte unten) dann etwas unnötig kompliziert gemacht hat. Zum Abschluss hat er mäßig erfolgreich versucht, mich zu umarmen und ist wie ein kleines Kind mit federnden Sprüngen im Gebüsch verschwunden.

Manchmal ist man einfach froh, nicht alles zu verstehen. 0.o

Hier die Route:


Größere Kartenansicht

PS: Ich hab jetzt mal das „klassische Google Maps“ eingebunden, das neue ist ja eine Bedienungskatastrophe sondergleichen. Kennt jemand eine gute Alternative, falls es irgendwann nur noch die neue Version gibt? Hat OSM einen Routenplaner? Ich hab nix dergleichen gefunden …

Moment mal!?

„Äh … haben Sie Torell, Ecke Gubener gesagt?“

„Ja, schon.“

„Mist!“

Fehler machen wir ja alle mal, aber so strunzdumme sind dann doch hoffentlich selten. Es hatte alles gut angefangen. Die Familie kam offenbar aus dem Urlaub, Sohnemann war schon groß genug, um ohne Kindersitz sitzen zu können und alle wollten bloß schnell nach Hause. Das wäre auch alles kein Ding gewesen, hätte ich nicht irgendwie statt der Torell- die Corinthstraße im Kopf gehabt und die Gubener, obwohl eigentlich bekannt, mal eben als „eine von den kleinen Nebenstraßen da hinten“ abgetan. Und so bin ich dann losgedüst. Gleich an der ersten Kreuzung rechts statt links und runter auf die Mühlenstraße …

Dort kam mir dann oben angedeuteter Geistesblitz.

Peinlich daran war nicht nur, dass ich mit den Kunden in die falsche Richtung los bin, sondern eben, dass ich die Ecke eigentlich ja gut kenne. Das ist knapp einen Kilometer von meiner Lieblingshalte entfernt und vom Berghain vielleicht noch 300 Meter. Direkt an dieser Kreuzung liegt das Hotel Upstalsboom, das ich sogar auf die Ortskundeprüfung lernen musste und zu dem ich bestimmt schon 20 mal gefahren bin. Nur zufällig komme ich kaum noch dort vorbei, seit sie die Durchfahrt bei der Feuerwehr verboten haben.

Da ich nun schon auf der Stralauer war, war selbst wenden eigentlich blöd, so dass ich im Grunde eine riesige unnütze Runde drehen musste. Ich hab mich tausendmal entschuldigt und selbstverständlich die Uhr bei 5,00 € ausgemacht. Das wäre so in etwa der Normalfahrpreis gewesen. Und was machen meine Fahrgäste?

Die haben das als völlige Selbstverständlichkeit abgetan. Passiert ja jedem mal …
Finde ich toll, ich war auch genug mit Ärgern und Schämen beschäftigt, ich hatte keinen Anschiss mehr nötig. Aber ein wenig gefragt hab ich mich schon, warum niemand beim ersten Abbiegen kurz gesagt hat, dass es in die andere Richtung geht. Die wirkliche Krönung nach der gefühlt halben Weltumrundung war dann, dass ich am Ende auf den Fünfer auf der Uhr ganze drei Euro Trinkgeld bekommen habe.

Ich kann wirklich nicht behaupten, dass ich die verdient hatte. Aber umso mehr hat’s mich gefreut. 😀

Fehlfahrt

Vorwort:
Heute wird es länger, heute wird es unschön. Nun seid Ihr gewarnt. Viel Spaß!

„Fehlfahrten“ habe ich sehr selten – also Fahrten, die am Ende nicht bezahlt werden. Jetzt aber hat es mich am Wochenende mal wieder erwischt und es war zum Kotzen wie eh und je. Und ja, das war die Fahrt, die ich vor ein paar Tagen so kryptisch erwähnt hatte.

Im Nachhinein bleibt mir die Szene im Gedächtnis, wie die Kundin sich vor zwei weiteren Taxiinteressierten vordrängelte, um bei mir einzusteigen. Wie viel glücklicher wäre ich jetzt, im Nachhinein, wohl über die andere Kundschaft gewesen!

Aber angefangen hat alles ganz locker. Sie wolle zum Nöldnerplatz, sagte sie mir. Nicht betrunken, alles im Griff, super. Ich fragte sie, welchen der beiden gleichlangen Wege sie bevorzugen würde, sie wählte den schnelleren und alles war gut. Zumindest bei mir. Bei ihr eher weniger, denn in den folgenden Minuten erzählte sie unter anderem, dass ihr die Wohnung gekündigt wurde, und sie nun bei einem Kumpel pennen würde. Was eine Scheiße, Bedauern usw., das Übliche.

Als ich die Nöldnerstraße befuhr, fragte ich, ob ich links zum Platz abbiegen solle.

„Nee, hier geradeaus.“

Soweit nicht verwunderlich. Erst einen bekannten Platz ansagen, dann in eine der Straßen dort wollen – das machen viele Fahrgäste. Als ich nun aber bereits mehr als einen Kilometer am Platz vorbei war, fragte ich nochmal:

„Weiter geradeaus?“

„Ja, hmm, nee. Nöldnerplatz eben. Glaub, wir sind da schon vorbei.“

Ich hab innerlich ein bisschen geflucht, mir aber gedacht: Bleib ruhig wie sie. Der Umweg scheint sie nicht zu stören, also lass‘ gut sein. Ist ja mehr Geld, also was soll’s? Also hab ich versucht,  ihr eine genaue Adresse zu entlocken. Klappte nicht wirklich:

„Ich kenn‘ die nicht genau. Aber ich war ja schon x-mal da. Ich erkenn‘ das Haus dann schon.“

Und auch im weiteren Verlauf klang das alles gut. Sie sagte hier und da mal an, ob ich rechts oder links solle, allerdings auch allzu oft nahezu apathisch, dass ich geradeaus fahren solle. Als wir das zweite Mal nach einem Fehlstich den Platz ansteuerten, klingelten natürlich auch bei mir die Alarmglocken: Diese Fahrt führt nirgends hin! Brech das ab!

Aber jedes Mal, wenn ich dachte, dass die gute Frau unzurechnungsfähig ist, wirkte sie plötzlich wieder aufgeweckt und empathisch und machte klar, wie unangenehm ihr das sei, dass sie das nicht mehr so gut im Kopf hatte. Irgendwann kam sie dann mit der Nummer 4. Das Haus sei wohl die Nummer 4. Welche Straße? Nöldnerplatz! Aber da gibt es keine Häuser …

Also sind wir im Schritttempo die angrenzenden Straßen abgefahren. Mal hier lang, mal da lang und im Zweifelsfall immer weiter. Geradeaus natürlich, ist ja klar.

Hätte die normale Fahrt zum Nöldnerplatz etwa 11 € gekostet, standen nun langsam 20 auf dem Taxameter. Zudem war klar, dass allenfalls ihr Kumpel würde zahlen können. Wir waren zwischenzeitlich bis zum Bahnhof Lichtenberg und zum Ostkreuz gekommen, überall zuerst aufgeregte Freude über die richtige Richtung, dann Ernüchterung. Beim von mir schon fest entschlossen allerletzten Versuch ging es dann auf die andere Seite der S-Bahn. Victoriastadt also …

Da gerieten die Erinnerungen der jungen Dame dann allerdings wirklich ins Rotieren und sie lotste mich einen völlig hanebüchenen Weg entlang in die Kaskelstraße. Nicht zur Nummer 4, auch nicht zu einem der denkmalgeschützten Häuser. Eher so zweistellig und hässlich. Aber offenbar richtig. Ob ich mit hochkommen möchte, fragte sie mich – was ich in Ermangelung eines brauchbaren Pfandes annahm. Im heruntergekommenen Treppenhaus erklomm sie Stufe um Stufe, Stockwerk um Stockwerk, vorbei an Türen mit über 10 Paar Schuhen davor. Im vierten Stock dann lag das Ziel, die Tür war angelehnt. Sie bat mich, eben kurz draußen zu warten und ging für eine Minute hinein.

Meine Hoffnung war wieder da. Wir waren hier an einer Wohnung mit Namensschild an der Tür und drinnen wartete ein offensichtlich großherziger Mensch, der eine Obdachlose bei sich aufnimmt. Also was soll passieren?

„Du, des is‘ jetzt voll scheiße: Der Marcel ist nicht da und von dem wollte ich doch das Geld …“

eröffnete sie mir, als sie erneut in der Tür stand. Aber um einen Plan war sie nicht verlegen:

„Komm doch kurz rein und schreib mir deine Nummer auf. Dann bezahle ich das morgen. Echt jetzt!“

Jaja, und eine der lila Locken vom Weihnachtsmann gibt es als Trinkgeld dazu, schon klar!

Aber was macht man nicht alles! Ich hatte inzwischen eine Dreiviertelstunde meiner Arbeitszeit verschenkt und zudem würde ich im Gegenzug ja auch ihren Namen notieren können. Das wird schon! Think positive!

Ich betrat die fast unbeleuchtete Altbauwohnung und fühlte mich mit dem Übertreten der Schwelle umgehend unwohl. Ich mag Altbauten nicht sonderlich, aber mit fahlem Licht und miserabel zusammengestellter Einrichtung wirkt das auf mich immer gleich wie eine Fabrikhalle oder ein Steinbruch. Beides keine Orte, in denen ich leben könnte.
Sie verschwand kurz im nur von einem Fernseher beleuchteten Wohnzimmer, einige beschwichtigende Worte flüsternd, kam dann wieder in den Flur und bat mich, die Küche zu betreten. Rissiges Linoleum am Boden, Kühlschrank aus den 80ern, ansonsten Ordnung und Sauberkeit. Eine einzelne leere Bierflasche auf der Fensterbank. Und das Licht ging nicht an. Die folgenden drei Minuten suchte meine Mitreisende in dem nur vom Flur aus notbeleuchteten Raum nach einem Stift, konnte aber keinen finden. Nicht in diesem Kästchen, nicht in jener Schublade.

„WAS IS!? WILLSTE JETZT AUCH NOCH DEN KÜHLSCHRANK LEERFRESSEN?“

polterte es in martialischer Lautstärke aus dem Wohnzimmer. Stimme, Tonfall und Genuschel ließen vor meinem inneren Auge einen voll sympathischen Kerl erscheinen: Zwei Meter groß, 50 Kilo Übergewicht, Glatze und 17 Bier intus. Na, was für eine heitere Gesellschaft!

„Nee, ich such nur’n Stift!“

„IM KÜHLSCHRANK, ODER WAS?“

Meine Fresse!

Letztlich war ich es, der zufällig einen Stift sichtete, und kurz darauf verlangte ich ihren Ausweis.

„Hab ich nicht mehr.“

„Irgendwas anderes?“

„Nix …“

Dass die Sache gelaufen ist und ich mein Geld nicht sehen würde, war klar. Von ihr konnte ich keinen überprüfbaren Namen bekommen und die Wohnung gehörte ihr ganz offensichtlich auch nicht. Obwohl ich damit drohte – für den Fall, sie rufe nicht an – stellte ich es mir erbärmlich vor, wie ich tags drauf mit den Cops vor der Tür stände und irgendein misanthropischer Hool brüllen würde:

„WAT’N WEIB? KENNICK NÜSCHT!“

Eine knappe Stunde Arbeits- und Lebenszeit waren das. Zur Entschädigung standen 25,80 € auf dem Taxameter und ich werde sie nie sehen. Denn natürlich hat sich die Frau nicht mehr gemeldet und sie wird es auch nie tun.

Ich habe gestern mit einem Kollegen am Stand gesprochen, der mir ein paar Jahre und damit ein paar Fehlfahrten voraus hat. Er hat mir gesagt, dass er das inzwischen lockerer sehe. Jeder müsse mal einstecken und den Ärger sei es eigentlich nicht wert. Und dass er nach Möglichkeit den Leuten immer folgendes mitgibt:

„Ich kann an der Situation jetzt nichts ändern. Ich bin nur ein armer Taxifahrer, der hier nachts auf der Straße versucht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie bezahlen mich nicht für die Arbeit, die ich erbringe, also hab ich ihnen quasi Geld geschenkt. Stellen Sie sich ruhig bildlich vor, sie haben gerade mein Portemonnaie geöffnet und sich 25 € rausgenommen. Sehen Sie es als Spende von jemandem, der auch nur versucht, seine Miete zu bezahlen!“

Ein wenig theatralisch, wenn Ihr mich fragt. Aber der Kollege fügte, erstaunlich regungslos, hinzu:

„Und immerhin zweimal bisher hab ich dafür ein ‚Danke!‘ erhalten.“

Die Wege meiner Kunden mal wieder …

Man muss ja nicht immer den kürzesten Weg nehmen. Aber bei 4 Kilometern Umweg staune sogar ich immer noch ziemlich:


Größere Kartenansicht

Und ja: Es ist schon angenehm, das Adlergestell langzudüsen, wo stellenweise 70 km/h erlaubt sind. Bei vier Kilometern spart man aber nicht einmal mehr Zeit. Egal: Die Kunden sind die Könige und ich kann einen Fünfer mehr auch immer brauchen …