Argh! Haben will…

Manchmal trifft einen das Glück ja mit voller Wucht, sodass man augenblicklich ehrfürchtig erstarrt und die Schönheit der Welt in all ihren Facetten plötzlich klarer vor Augen hat als je zuvor.

Meist ist es jedoch so, dass das Glück anderer Leute direkt vor deinen unglücklichen Augen für dich etwa die Auswirkung eines gepflegten Schlages in die Weichteile hat.

Ostbahnhof.

Ich stehe seit gar nicht so langer Zeit an zweiter Position und rauche eine Zigarette. So bekomme ich mit, wie ein Fahrgast an den Kollegen vor mir herantritt. Während er den Koffer verstaut, fragt der Kunde, was es denn bis Frankfurt/Oder kosten würde. Der Kollege bleibt völlig emotionslos und nennt 150 € als Preis. Der Kunde stellt klar, dass es eigentlich noch ein zwei Dörfer weiter geht, und ob 200 € Festpreis ok wäre. Dann sind sie losgefahren.

Die Sätze bin ich nicht mehr losgeworden in der Schicht. Schon gar nicht bei der nächsten Tour: Spindler & Klatt, 5,40 €, machste 6!

Dreckwetter!

Herbstliche Grüße (auch von meiner neuen Kamera) in die gemütlichen Stuben meiner Leserschaft! Freut euch, wenn ihr bei so einem Wetter Nachts nicht auf die Straße müsst:

Brrr! Herbst. Quelle: Sash
Brrr! Herbst. Quelle: Sash

Ist ja glücklicherweise nicht immer so 🙂

Wenn man einmal heim möchte…

Auch wenn es viele Kollegen tatsächlich nicht glauben wollen: Morgens am Wochenende ist der Ostbahnhof eine verdammt gute Halte. Wenn ich mich Sonntag früh für meine letzte Samstagstour anstelle, bin ich schon oft mit Fahrten nach Spandau, Lichtenrade, Hellersdorf, meist aber zum Flughafen Schönefeld „überrascht“ worden.

Da mein Tagfahrer das Auto aber auch irgendwann haben will, verlege ich die letzte Tour somit meist eher auf 6:15 bis 6:30 Uhr statt später. Wenn man es überhaupt mal vernünftig einschätzen kann, wann man Kunden hat…

Aber manchmal will auch ich nach einer langen Nacht nur noch heim. Da fehlen vielleicht noch 5 € auf die 200 oder ich hoffe, noch ein bisschen den Kilometerschnitt drücken zu können mit einer Tour grob in Richtung des Abstellplatzes. Das Ablehnen einer langen Fahrt zu dieser Uhrzeit ist alles andere als problematisch, da die Kollegen, die sich um die Uhrzeit am Bahnhof tummeln, meist schon die Tagfahrer sind, sprich: eben mit der Schicht angefangen haben. Da hat niemand was gegen einen 30€-Stich zu Beginn einzuwenden, und meist frage ich sie auch vorher, ob es für sie ok wäre.
Die Fahrgäste haben ebenso meist Verständnis, also läuft das eigentlich ganz gut.

Und so stand ich neulich da, es war ziemlich genau 6 Uhr. Ich hatte überlegt, direkt von der Tanke aus zum Abstellplatz zu fahren, aber irgendwie kam der Ehrgeiz dann doch mal durch. Darf nach 29 Jahren Faulheit ja auch mal passieren.

Es wurde das bekloppteste Schichtende ever.

Zunächst wartete ich 10 Minuten, bis ich erster war. Dann kam eine Kundin. Sie wollte wohin? Richtig: Flughafen Schönefeld. Mein Ziel hingegen war die Storkower Str., und eine Tour über 15 € wollte ich in gar keinem Fall annehmen. Vielleicht, wenn es über die Landsberger Allee gehen sollte, da wäre der Rückweg nachher schnell. Aber lieber so um die 10 €. Richtung Westen vielleicht 8. Meinetwegen gerne eine kurze Tour wie den ganzen Abend davor. So 6,50 € und richtige Richtung?

Die Kundin hatte Verständnis, der Kollege hat sich mächtig gefreut, ich hab weiter gewartet. Die Zeit verrann ziemlich langsam.

15 weitere Minuten später tauchte dann ein Kunde am Horizont auf. Na also! Wo soll es hingehen?

„Ach, ich müsste ganz dringend zum Flughafen Sch…“

„Dann steigen sie doch bitte zu meinem Kollegen ins Auto, ich bin schon 10 Stunden unterwegs und möchte gerne nur noch eine kurze Tour fahren.“

Kollege glücklich. Fahrgast glücklich. Sash müde. weiter warten!

Etwa 10 Minuten nach dieser Anfrage betrat ein weiterer Kunde das Spielfeld. Er wollte wohin? Richtig! Zum Flughafen Schönefeld!

Inzwischen wäre ich mit der ersten Flughafen-Tour längst auf dem Rückweg gewesen und mit 30 € mehr Umsatz auf direkterem Wege in die Heimat. Aber ich bin tapfer weiter rumgestanden und hab die Hoffnung nicht aufgegeben, dass keiner der Kollegen weiter hinten mitbekommen hat, was für eine erbärmliche Gestalt ich in diesem Moment war.

Die nächste Tour hab ich angenommen. Sie war zwar mit 16 € eigentlich zu lang, sie führte mitten ins Herz von Schöneberg, also straight nach Südwesten, was genau entgegen meiner Richtung lag – aber ich wollte es gar nicht mehr mitkriegen, wie mich der nächste Kunde dann wahrscheinlich wegen einer Ferntour nach Leipzig gefragt hätte oder so…
Ich hab das Auto dann mit ein paar Minuten Verspätung abgestellt, was glücklicherweise kein Thema ist, da mein Tagfahrer am Sonntag immer spät anfängt. An diesem Tag hab ich ihn tatsächlich mal getroffen am Auto, und er meinte zu mir:

„Kiek ma, bist ja noch unterwegs. Ha, siehste ooch ma Sonntags de Sonne uffjehn!“

Hätte ich drauf verzichten können…

Ich glaube, nächstes Mal fahre ich einfach „heim“. Irgendwann ist es schließlich mal gut!

Kürzer als kurz…

Ich hab nur gesehen, dass zwei Männer in der Halle des Ostbahnhofes aneinandergeraten sind. Es wurden ein oder zwei Schläge ausgeteilt, irgendjemand hat sie getrennt, im Nachhinein keine große Sache.

Einer der beiden kam wutentbrannt rausgerannt, hat sich eine Minute mit einem Kollegen unterhalten, dann ist er als Fahrer in eine abgestellte Taxe gestiegen und losgefahren. Was war da bitte los?

Ich hab den Kollegen gefragt, und nach dem war die Geschichte folgende:

Der oben erwähnte Kollege stand offenbar am Ostbahnhof in der Schlange ganz vorne. Dort bekam er einen Funkauftrag zum Fritz-Club, direkt Ecke Straße der Pariser Kommune. Das ist im Grunde 40 Meter hinter Platz 1 in der Schlange, wirklich nur einmal über die Straße. Obwohl immer wieder auch Kollegen dort vor dem Club direkt warten, was einer der wenigen Streitpunkte an der Halte ist, hat er seinen Fahrgast dort auch angetroffen und aufgenommen. Und jetzt soll es so gewesen sein, dass dieser als Fahrtziel tatsächlich den Ostbahnhof angegeben hat. Also mit Wohlwollen 50 Meter Fahrtweg.

Die kurze Fassung des ebenso unbeteiligten Kollegen lässt einige Fragen offen, insbesondere, was wohl im Taxi genau passiert ist. Fakt ist wohl, dass der Fahrer ihn tatsächlich dahin gebracht hat, und der Fahrgast mit den Worten „Du Arschloch!“ das Taxi verließ und die Tür zugeknallt und/oder dagegengetreten hat.

Um diesen Vorfall zu bewerten, fehlen mir die Infos. Ich weiss nicht, was für Flüche der Kollege ausgestoßen hat, ich weiss nicht einmal, ob der Fahrgast das Taxi mit oder ohne Bezahlung verlassen hat.

Aber eine grundsätzliche Frage hat das Ganze aufgeworfen, und ich hab mit meiner besseren Hälfte unerbittlich einige Zeit über die Problematik diskutiert. Ist es ok, wenn ein Kunde eine derartige Strecke fährt, bzw. was soll so schlecht daran sein?

Meine Position war zunächst die Seite der Fahrer. Es ist allgemein bekannt, dass kurze Strecken jetzt nicht gerade das Wunderelexier sind, das uns Fahrer zum lächeln bringt. Ich selbst mache ja auch wirklich jeden Mist mit, aber kann man in so einem Fall nicht davon ausgehen, dass sich jemand über einen lustig machen will? Dass jemand 300 Meter fahren will, weil er sich kurz aufwärmen will – ok. Dass einem fußlahmen Menschen 400 Meter zu weit zum Laufen sind – ok. Dass wer sich nicht merken will, an welcher Ecke auf den 500 Metern Weg er abbiegen muss – ok. Aber 50 Meter? Mit Sichtkontakt zum Zielort? Ist das nicht ein Zeichen für „Mit dem Deppen kann ich mir mal einen Spaß erlauben“?

Die Argumentation meiner diskussionsfreudigeren Hälfte war dagegen, dass wir abgesehen von der rechtlichen Verpflichtung zur Fahrt ja durchaus auch hier durch den Startpreis entschädigt werden – wir kriegen die 3,20 € hier ja für sichtbar wenig Arbeit hinterhergeschmissen. Oder: Ist das Ganze nicht eigentlich nur deswegen schlimm, weil wir uns als Fahrer über kurze Strecken aufregen? Für 20 € ertragen wir ja auch 15 Minuten lang den ein oder anderen Deppen. Für 10 € auch noch gute 10 Minuten. Warum also sollte eine Minute, selbst wenn es nur eine abschätzige Geste ist, für 3,20 € so schlimm sein? In allen Fällen haben wir unsere Arbeit vielleicht mal nicht überragend gerne gemacht, aber ist es wirklich ein Problem dieses Kunden oder doch des Tarifs in dem Fall – also dass die Wartezeit in dem Fall zu wenig berücksichtigt ist?
Und damit einhergehend: Braucht ein Kunde wirklich einen Grund für eine Fahrt, oder sollte uns als Fahrer das nicht egal sein?

Ganz ehrlich: Ich finde unter all dem oben genannten nichts wirklich falsch. Ärgern würde ich mich wahrscheinlich dennoch über den Typen… auch wenn ich deswegen keine Schlägerei anzetteln würde.

Irgendwelche Gedanken dazu?

Großeinkauf

Der Abend am Ostbahnhof zog sich noch nicht so lange wie manch anderes Mal. Bald sollte ich mal meine erste Tour haben. Nette Kollegen waren nicht in Sichtweite, es war noch früh am Abend und die ganzen desorientierten Touristen, die ganzen eiligen Arbeiter und die aufgeputschten Partygänger umflossen die Taxihalte und die Nachrückstände ohne nennenswert daran hängenzubleiben. Hier und da ging alle paar Minuten ein Auto weg, ich war letzten Endes Dritter in der Schlange.

Zwei Typen, ziemlich abgeratzt und mit einem schwer beladenen Einkaufswagen zogen an meinem Taxi vorbei. Wahrscheinlich Flaschensammler. Der eine raunzte mir in einer mir unbekannten Sprache etwas zu und ich ignorierte ihn, da ich es für eine unfreundliche Anfrage nach einer Zigarette hielt.

Ich hab seit ich Taxi fahre sicher eine halbe Stange Zigaretten am Ostbahnhof verschenkt. Mal an einen Kollegen, mal an nette oder lustige Zeitgenossen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, aber nicht an „Gib ma Kippe“-Typen.

Etwas irritiert hab ich festgestellt, dass die beiden aber gar nicht am Auto vorbeigegangen sind, sondern dahinter stehen blieben und in gebrochenem Deutsch um Einlass baten. Oh! OK! Tatsächlich Kunden!
Der Einkaufswagen war unter den ganzen Lidl-Tüten auch nicht mit leeren Flaschen gefüllt, sondern mit einem Einkauf, wie ich ihn noch aus WG-Zeiten kenne. OK, nicht von der Zusammensetzung, aber immerhin!

Kurz entstand noch Verwirrung, weil die Personenanzahl auf 5 anstieg, und ich trotz großzügig dimensioniertem Kofferraum keine Chance sah, einen der Zusatzsitze parallel zu diesem Einkauf auszuklappen, aber es zeigte sich schnell, dass nur 3 Leute mitfahren würden.

Ein zahnloser, grinsender Mann, der nach einem Zigarettenkongress roch, wuchtete mit mir zusammen den Einkauf ins Taxi. Eine Palette Milch, ein Sixer Limonade. Eine Tüte Lebensmittel, zwei Tüten, drei, vier, fünf. Noch zwei Sixer Limo, einen Karton Zucker, noch eine Tüte, noch eine und noch eine. Zu guter Letzt war der Kofferraum meines Zafira bis zur Ladekante voll mit dem halben Abendumsatz des Lidls am Bahnhof und wir sind ins Auto gekrochen.

Die Fahrt war kurz, nur mal eben übers Wasser nach Kreuzberg rein, aber nett. Trotz vielleicht nicht sehr vertrauenserweckendem Aussehen entpuppten sich die drei als angenehme Kunden, die meine Hilfe beim Ein- und Ausladen sogar mit einem netten Trinkgeld bedachten. Klar, nicht unbedingt die Tour, die man nach etwas Wartezeit haben möchte, aber andererseits bin ich doch froh darüber, dass es Leute gibt, denen klar ist, dass 7 € fürs Taxi fürs Transportieren eines wirklich nicht zu Fuß transportablen Einkaufs bei weitem nicht so teuer ist, wie sich selbst ein Auto dafür anzuschaffen.

Bleibt nur noch die Frage: Wozu braucht man einen ganzen Karton Zucker? 🙂

Glück allein…

…entscheidet letztlich beim Taxifahren.

Das Auto hatte ich geputzt und betankt, als ich das letzte Mal am Matrix aufgeschlagen bin. Der Umsatz war ok. Nicht berauschend, aber ok. Immerhin würde es dreistellig werden. Jetzt noch eine Tour zum Generator Hostel und ich bin glücklich!

Eine ganze Weile lümmelte ich in der Schlange herum und las mich durch meinen Feedreader. Erster war ich noch nicht, aber irgendwann kamen dann doch zwei einsame Gestalten auf mich zu:

„Sach ma, wat würde es bis Petershagen kosten?“

„Kommt drauf an, wo genau. Grobe Größenordnung liegt aber bei 40 €.“

Und es kam kein Widerwort. Kein Handeln, kein entsetzter Blick. Nur der Satz:

„Alles klar! Wir fahren mit dir. Wir rauchen nur noch auf.“

In den nächsten zwei Minuten sind die anderen Taxen vor mir frei geworden. Auf mein Auto kam eine geradezu nach Gruppenkotzen aussehende Truppe randalierender Schotten im Kilt und versuchte, sich Zugang zum Taxi zu verschaffen. Und dann haben auch noch meine Fahrgäste geholfen, mein Auto zu verteidigen, und die sturzbetrunkenen Tölpel weiterzuleiten. Da ist der Kelch gerade nochmal an mir vorübergegangen. Puh!

Die Fahrt war nett und komplikationslos. Der Fahrpreis lag nach Taxameter bei genau 40,00 €, und dennoch gab es Trinkgeld.

Die Arschkarte an dem Abend hatte neben dem Kollegen mit den Schotten vor allem mein Tagfahrer. Nach dem Tanken und Putzen nochmal 50 km* über teils staubige Dorfstraßen zu brettern hatte ich allerdings so auch nicht geplant…

*man darf nicht vergessen, dass die Tankfüllungen nur rund 300 km weit reichen. Das reicht natürlich für mehr als eine Schicht, aber ein voller Tank ist immer netter.

Inkompatibel

Kollege E. gehört zu den Kuriositäten des Taxigewerbes in der Hauptstadt. Im Grunde ist er eine ortskundige, laute Kugel, die unentwegt alberne Sachen von sich gibt. Das fängt damit an, dass er jedem, der ihm am Stand eine Frage zu stellen versucht, erst einmal antwortet:

„Berlin! Sie sind in Berlin!“

Das kann auf der einen Seite anstrengend sein, ist aber auch oftmals lustig. Insbesondere, wenn gleich mehrere Kollegen vor Ort sind. Da kommen bei Fahrtanfragen dann Antworten wie:

„Sie können sich einen von uns aussuchen. Er hier sieht am besten aus, aber der andere Kollege hat es nötiger. Ich fahr sowieso einen Umweg. Entscheiden sie sich jetzt…“

Im Allgemeinen kommt das während der Nachtschicht auch super an, insbesondere bei den Partygängern. Dumm wird es, wenn die Kundschaft die wirklich (ich verbürge mich dafür, kein Mensch kann das ernst nehmen!) offensichtliche Albernheit dieser Aussagen falsch versteht. So ist neulich ein Fahrgast schnaubend aus seinem Taxi abgehauen, was mich dann doch zu einer Nachfrage getrieben hat. Der Kollege erklärte, dass der betroffene Fahrgast wohl keinen Spaß verstanden hätte, und auf die Frage hin, was er so spät hier noch mache, ob er im Bahnhof geschlafen hat, wutentbrannt mit einem

„Sowas muss ich mir nicht anhören!“

wieder abgedampft sei. Im Übrigen zielsicher genau entgegen seiner Richtung…

Also ich bin da ja wirklich vorsichtig und unscheinbar. Aber so ein riesiges Drama war der Spruch ja nun wirklich nicht. Also wenn jemand um die 25 morgens um halb 6 voll wie Eimer ins Auto krabbelt, dann kann man doch von etwas mehr Lockerheit ausgehen, oder?