Am Taxistand, zwei Kollegen:
„Hey, Mensch Sash! Dich hab ich ja lange nicht gesehen!“
„Hast ihn auch nur an der Autofarbe wiedererkannt, oder?„
Ich mag es, dass wir hier keine Farbfreigabe haben 🙂
Am Taxistand, zwei Kollegen:
„Hey, Mensch Sash! Dich hab ich ja lange nicht gesehen!“
„Hast ihn auch nur an der Autofarbe wiedererkannt, oder?„
Ich mag es, dass wir hier keine Farbfreigabe haben 🙂
Wochenende. Es ist zwar einiges los in der Stadt, aber die meisten Leute sind bereits in den Clubs, zwei eher ruhige Stunden für uns. Am Ostbahnhof wächst die Taxischlange ins Unermessliche, aber wirklich bewegen will sich da nichts. Ich habe irgendwann keine Lust mehr, setze den Blinker und ziele in Richtung Boxhagener Kiez. Nur 300 Meter ums Eck winkt mich eine junge Frau heran. Sie bittet mich, sie nach Biesdorf zu fahren, was ich nicht nur in Anbetracht der Länge der Tour gerne annehme. Es entwickelt sich folgender kurzer Dialog:
„Sagen sie mal, ist das normal, dass da überhaupt keine Taxen am Ostbahnhof stehen?“
„Ja, am Hinterausgang schon…“
Schon so manchem ist am Morgen nach einer Party nicht wirklich nach Aufstehen zumute gewesen. Je tiefer man ins Glas schaut, desto glasiger schaut man selbst am nächsten Morgen. Eine alte Weisheit, die leider manches Mal nicht bedacht wird. Als ich am vergangenen Wochenende meine Schicht leicht verspätet begonnen habe, lag der junge Kerl schon schlafend auf der Mauer am Taxistand meines Lieblingsbahnhofes. Sonderlich gefährlich schien mir das nicht zu sein, er hatte trotz angenehmer Temperaturen sogar eine Jacke an, die Wahrscheinlichkeit, dass ihn jemand anmalt, war größer als die, dass er erfriert.
Jedes Mal, wenn ich am Stand ankam, lag er in leicht veränderter Pose da, scheinbar wollte er tatsächlich seinen Rausch dort ausschlafen und nicht mitten in der Nacht erwachen. Naja, mit der Zeit ignorierte ich ihn. Irgendwann stand dann ein Kollege vor mir und meinte:
„Willste besser rufen Krankenwagen? Isse kaputt die Mann!“
Ich drehte mich um, und da lag er. Der Kollege klärte mich umgehend auf. Beim Versuch, aufzustehen, hat er die Balance verloren und ist stocksteif nach vorne umgefallen. Mit dem Gesicht aufs Pflaster. Na super!
Ich bin kurz zu ihm rüber, hab mich vergewissert, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht. Er hatte einige Schrammen im Gesicht, hatte eingepinkelt und inzwischen war auch seine Jacke weg, er lag mit dem nackten Bauch auf dem Asphalt. Meine Ansprache quittierte er mit Grunzen. Er schien die Idee nicht so toll zu finden, jetzt schon aufzustehen. Also hab ich die 112 gewählt…
Minuten später waren sie da, sie hoben ihn auf, setzten ihn auf sein Mäuerchen, drohten mit der Polizei, wenn wieder einschlafen und nicht gehen würde. Dann sind sie weggefahren. Da hatte ich etwas mehr erwartet.
Und kaum dass ich von der nächsten Tour zurückkam, lag er wieder vor dem Mäuerchen, zusammengekauert unter seiner Jacke (wo auch immer die jetzt wieder herkam) und schlief. Ich hab mir mehrmals überlegt, nochmal Hilfe zu holen, es dann aber gelassen. Und tatsächlich: Irgendwann spät in der Nacht saß er dann etwas weiter weg und versuchte die Lage zu peilen. Sein Gesichtsausdruck war eine Steilvorlage für Leute, die nicht wissen, wie man Kopfschmerzen illustrieren könnte, aber immerhin waren seine Augen offen.
Und irgendwann war er dann weg. Nur seine Jacke, die lag noch da.
Der wird sich freuen, wenn er endgültig zu sich kommt, da bin ich sicher!
„Hallo ich bin der Günther, wie heißt du?“
Um mir diese Frage zu stellen, hat er sich extra von seiner Sektflasche gelöst, an der er die letzten paar Minuten zwischen einigem Kichern immer mal wieder genuckelt hat.
„Sash.“
„Sash? Das ist ein schöner Name!“
„Danke.“
„Sash, bist du Taxifahrer?“
„Ja, allerdings.“
„Können wir dann ein bisschen mit deinem Taxi rumfahren? Einfach so ein bisschen rumfahren?“
„Günther, das können wir machen. Aber das Problem ist: Das kostet Geld.“
„Einfach rumfahren?“
„Ja, auch das.“
Zugegeben, ich habe selten eine dämlichere Frage gestellt bekommen am Taxistand. Aber es war unschwer zu erkennen, dass Günther nicht wirklich geistig auf der Höhe war – und das nicht des Alkohols wegen. Deswegen hab ich die Fragen geduldig über mich ergehen lassen. Und zack! Kaum 10 Minuten später wusste ich, dass er sich in Berlin auch ganz doll auskennt, weil – und die Logik ist beachtlich – er in einem betreuten Wohnen in Zeuthen wohnt. Ich erfuhr von seinem zweitägigen Urlaub und der Tatsache, dass er jetzt ja nur betrunken tut, weil er sonst eigentlich nicht trinkt. Bei ihm im betreuten Wohnen würden sie immer zusammen kochen, ein Paar Rezepte hat er auch gleich noch aufgezählt.
Anstrengend war er, ja.
Aber nach 10 Minuten meinte er dann, als er mir ganz weltmännisch die Hand schüttelte:
„Sash, war schön, dich kennenzulernen. Schönen Abend noch!“
Und dann ist er wieder zu seiner Sektflasche gegangen, der Günther.
„Was kost’n nach Spandau?“
Was für ein Glück! Fast anderthalb Stunden bin ich am Ostbahnhof versauert. Davon gut eine halbe Stunde auf erster Position. Ich hatte schon mit allen Kollegen rumgescherzt, ich würde jetzt mal eben kurz zum Boxhagener Platz rüberfahren. Und dann das! Spandau! Locker 30 €, je nachdem wohin. Ach ja:
„Ich sag jetzt mal 25 bis 35 €. Kommt drauf an, wohin es genau gehen soll.“
„Ja, so zum Rathaus. Also eher so Falkenseer Platz, er hier muss dann aber noch weiter bis nach Staaken.“
„Na das ist ja dann komplett einmal durch. Also ich hoffe, dass wir da mit 35 € hinkommen.“
„Können wir da nicht was pauschal machen?“
„Können wir nicht. Aber wenn ich jetzt sage, dass das etwas über 35 werden, dann werden wir auch nicht bei 50 landen. Versprochen! Also mit 2 € Spielraum denke ich, dass ich 35 € anbieten kann.“
Dachte ich wirklich. Das wäre zwar ganz schön eng geworden, wenn ich mir das jetzt auf dem Routenplaner ansehe, aber in solchen Fällen halte ich in der Regel ja mein Wort und mache die Uhr aus. Die beiden haben es aber drauf angelegt:
„Na dann sagen wir doch 30!“
„Nee. Also ihr könnt das sagen, aber für 30 fahr ich nicht.“
„Aber machen doch alle…“
„Meinetwegen. Ich erkenne bloß nicht, wo da jetzt der große Vorteil für mich liegen soll.“
„Na Mensch, du kannst doch die Uhr auslassen und dann haste ’ne super Tour. Muss der Chef ja nicht wissen!“
Wenn, ja selbst wenn ich mich darauf einlassen würde – dann doch mit Sicherheit nicht bei der größten Tour am Abend, bei der ich dann locker 30 „Leerkilometer“ ansammeln würde…
„Jungs, dazu verstehe ich mich mit meinem Chef aber eindeutig zu gut.“
„Ja, aber wir…“
„Ja, ich aber auch!“
„Dann schauen wir halt, ob sich ein Kollege nicht so gut mit seinem Chef versteht…“
An diesem nicht sehr sinnvollen Punkt der Unterhaltung angelangt, guckten die beiden ziemlich dumm in der Gegend rum, sodass zwei andere an mein Taxi herantraten.
„Sind sie frei?“
„Ich schätze mal ja!“
„Könnten sie uns zur Revaler 99 bringen?“
Seufz.
„Na klar!“
Dass ich gerade 30 € Umsatz gegen 6 € getauscht hatte, war ärgerlich. Viel ärgerlicher war jedoch, dass ich mir sicher war, dass Dennis – der Kollege hinter mir – ähnlich verzweifelt war wie ich und (wenn auch nicht schwarz) gerne mal eine Tour fährt, so lange sie nur irgendwie Umsatz bringt 🙁
Ich hab die beiden anderen Jungs dann kurz zur Revaler gebracht, hab meine 6 € nebst einem Zwickel Trinkgeld bekommen und bin nach einer erfolglosen Runde durch den Boxhagener Kiez wieder am Ostbahnhof aufgeschlagen. 10 Minuten später vielleicht. Und wer steht da an erster Position? Dennis!
Ich bin gleich rüber und hab ihn gefragt:
„Na, haste se auch nicht gefahren?“
„Nee!“
„Was haben sie dir geboten?“
„Wollten 30 zahlen. Ich hab gesagt, dass es 50 sind.“
(Das war wirklich ein bisschen übers Ziel hinaus, aber in dem Fall fand ich es lustig 🙂 )
„Und dann?“
„Die müssten noch hier sein. Die haben alle Kollegen hier gefragt. Wollte keiner Festpreis machen!“
Dass ich das noch erleben durfte 😀
…sind es, die unseren Job wirklich schwer machen. Ich rede gar nicht von den kotzenden Kunden oder den Taxiüberfällen. Die Leute, die undurchsichtige Zielangaben machen, die Prolls und Nervensägen sind allesamt nicht immer leicht zu ertragen, aber wenigstens bezahlen sie uns dafür. Richtig nervig wird es, wenn man Arschlöcher als Kollegen hat. Denn die sorgen dafür, dass uns selbst die wohlmeinende Kundschaft mit Vorurteilen begegnet.
Von Kollege Reinhold hab ich neulich schon geschrieben. Den meine ich damit natürlich nicht. Aber ausgerechnet der hatte neulich eine Begegnung der dümmlichen Art an meiner Lieblingshalte. Als er sich am Ostbahnhof hinter mir einreihte und gleich ausstieg, um mich zu begrüßen, hab ich den Kollegen hinter ihm gar nicht wahrgenommen. Als Reinhold fast bei mir war, rief er von hinten:
„Was fährste denn so langsam, ist dein Motor kaputt?“
Die Straße Am Ostbahnhof ist 30er-Zone. Ich bin da auch nicht immer ganz regelkonform unterwegs, aber besser wäre es. Es gibt Abende, da hat so ziemlich die ganze Halte schon Erinnerungsfotos von dort bekommen. Gruppentarife gibt es leider bei Ordnungswidrigkeiten immer noch nicht…
Naja, auf die doofe Frage hat Reinhold mit einer Prise feinsten Zynismus geantwortet:
„Nö, aber du wolltest mich ja offenbar schieben.“
„Ach komm, du bist doch kein Rentner, dass du da so langschleichen musst!“
Reinhold grinste und verkündete wahrheitsgemäß:
„Rentner? Natürlich bin ich Rentner. Sag sowas nicht, wenn du keinen Überblick hast, Kollege!“
„Was? Du hast ja wohl keinen Überblick, wenn du hier so langsam fahren musst.“
Ich konnte Reinhold nur beipflichten, als er kurz und trocken bemerkte:
„Weisst du was? Du bist einfach ein Arschloch. Sowas wie dich sollte man von der Straße holen!“
Während der „Kollege“ sich wutschnaubend in sein Auto verzogen hat, haben Reinhold und ich schon neue Fahrgäste gehabt. Wie war das Sprichtwort mit den kleinen Sünden doch gleich? 😀
Wer sich so aufregt, weil er mal 100 Meter weit gemäß StVO fahren muss, der muss wirklich gewaltig einen an der Waffel haben. Da muss man echt nicht drüber diskutieren…
Kommunikation ist was wunderbares. Aber auch was wunderbar komisches, wenn sie nicht funktioniert. Es passiert ja immer mal wieder, dass man ein bisschen aneinander vorbeiredet oder sonstwelche Fails in diese Richtung abgibt. Ein gelungenes Beispiel lieferten neulich zwei Kollegen am Taxistand am Ostbahnhof.
Kollege 1 hütet die Spitzenposition, dahinter steht Kollege 2. Nun Passiert etwas, das noch jeden Taxifahrer aus der Fassung gebracht hat: Es naht Kundschaft. Wirkliche leibhaftige Fahrgäste! Wenn man so hört, was manche Kollegen über die Halte hier sagen, sollte man meinen, dass wir dort sowas noch gar nicht gesehen hätten.
Aber dieser Kunde ist auch noch ein wenig unsicher. Er stakst vor den Taxen herum und scheint noch nicht ganz entschlossen zu sein. Kollege 1 registriert das, bleibt aber ruhig. Vielleicht überlegt er es sich noch, vielleicht gibt es eine Tour. Abwarten! Manchmal ist zu viel Aufdringlichkeit auch genau das falsche Mittel.
Kollege 2 indes spürt, wie sich in seinem Innern der bedingungslose Dienstleister zu Wort meldet. Kundschaft! Die muss man bedienen! Was macht denn Kollege 1? Steigt der nicht aus? Himmel hilf, das ist ja furchtbar!
Er tut nun das vielleicht nicht unbedingt logischste, aber das lauteste: Er hupt. Falls Kollege 1 eingenickt wäre oder über einem spannenden Krimi in einer Traumwelt versunken… so hätte man ihn am Besten rausgekriegt.
Dumm nur: Kollege 1 war durchaus wachsam. Auf eines kann er sich allerdings gar keinen Reim machen: Warum der Kollege hinter ihm jetzt plötzlich hupt.
Offenbar ebenfalls durch das Hupen animiert, beschliesst der Kunde nun endgültig, ein Taxi zu nehmen. Natürlich nicht das hupende, sondern den ersten in der Reihe. Und der Fahrer steigt auch gerade aus. Wie praktisch, schließlich hat man ja Gepäck dabei.
Kollege 1 hat allerdings erstmal überhaupt keine Zeit für die sicher gut zahlende Kundschaft, er muss erst einmal dem Gehupe auf die Spur kommen und bewegt sich schleunigst auf Kollege 2 zu. Der Fahrgast steht verwundert daneben und versteht die Welt nicht mehr. Es entspinnt sich ein sehr kurzer Disput zwischen den beiden Kollegen. 1 fragt, warum 2 gehupt hat. 2 deutet auf den Kunden. Daraufhin ist Kollege 1 genervt, weil er das ja durchaus geblickt hat und zum anderen schon längst am Einladen sein könnte.
Der Fahrgast beendet den Streit, unwissend darüber, dass es eigentlich sogar um ihn ging:
„Na wat is? Wollt ihr diskutier’n oder fahr’n? Mann mann mann…“
Super Situation. 2 kundenfreundliche Fahrer, ein Fahrgast und alle haben sie schlechte Laune! Thumbs up! Großes Kino, Jungs!