WHAT THE FUCK?

„Was war bisher ihre heftigste Taxifahrt?“

Sowas oder sowas ähnliches fragen mich Fahrgäste gerne, oft aber auch Journalisten. Und ich schlängele mich gerne um eine eindeutige Aussage herum, oft ist das ja eine Frage der Umstände und gerade Vokabeln wie heftig (aber auch krass, schlimm oder eindrucksvoll) lassen sich ja oft verschieden interpretieren. Was dann aber gestern Abend passiert ist … ich denke, ich hab jetzt einen Alltime-Favoriten als Antwort.

Ein paar Details muss ich bei der Fahrt weglassen; ich kann aber alle Fragenden beruhigen: Die alles entscheidende Frage hat mein Fahrgast auch nicht beantwortet, nämlich die danach, was eigentlich genau passiert ist.

Als Winker war er das ultimative Von-sehr-gut-auf-hammerscheißegeil-Event am noch sehr jungen Abend. Ich hatte davor nur eine einzige andere Tour, die jedoch hat mich mal schnell von der Frankfurter Allee bis zum ZOB gespült. War leider alles ein wenig eilig, ich konnte den guten Anfang kaum genießen, ein bisschen Ruhe tat gut, ich schlug gleich einen Weg gen Osten ein, scheiß auf die Leerkilometer! Und da stand er dann und wollte immerhin mal bis zum Hauptbahnhof. Bezahlte Rückfahrt, netter junger Kerl, alles easy.

Ja, nix da!

„Tut mir leid, mir geht’s heute nicht so gut.“

„Im Sinne von Ich-muss-vorsichtig-fahren?“

„Nein, passt schon. Aber ich bin, ich werd für lange Zeit in den Knast gehen. Sehr lange Zeit, fuck, mir ist übel!“

Die Blogbarkeit war da schon klar. Jetzt mal einfach für sich gesehen. Gefängnis ist eine harte Sache und ich muss ehrlich sagen, ich stehe dem Konzept durchaus kritisch gegenüber. Vor allem aber isses für mich natürlich ziemlich interessant, mit Leuten zu reden, die damit Erfahrungen machen (mussten). Und obwohl es natürlich seltsam ist, wenn jemand fremdes einem durch die Blume zu verstehen gibt, dass er irgendwas echt schlimmes gemacht hat: Sind nicht eigentlich die unheimlicher, von denen man gar nix weiß?

Aber gut, er saß da, wirkte reichlich mitgenommen und es sah alles danach aus, als ob er gerade irgendwie versucht, den letzten Tag vor dem Haftantritt noch schön zu gestalten. Das aber klappte nur so mittel.

„Weißte, vielleicht muss ich das gerade einfach erzählen, sorry. Aber sagt man nicht, dass Ihr Taxifahrer irgendwie wie Therapeuten seid?“

„Da ist schon was dran, aber ich sag’s gleich: Was uns von Therapeuten unterscheidet, ist: Wir können nicht so gut helfen.“

„Ich hab mein Leben ruiniert, ich werd‘ alles neu anfangen müssen, es ist alles vorbei!“

Wie gesagt: Obwohl er nicht ein Wort darüber verloren hat, was genau passiert ist, kann ich das Gespräch nicht in Gänze schildern. Ein paar Sachen aber doch. Das Überraschendste zuerst: Nix da mit Haftantritt! Was vor ihm lag, war das Stellen bei der Polizei. Aber ja, er sei kriminell, hätte Freunde in den Knast gebracht, die Familie zerstört und was das eigentlich schlimme war: Er war frisch verliebt und wollte eigentlich ein neues Leben beginnen, spießig, mit Kindern, der Druck mache ihn fertig, aber jetzt sei eh alles im Arsch, aus, vorbei, er bräuchte jetzt nur noch in seine Heimat fahren, die würden dort vermutlich schon am Bahnhof warten. Sieben, acht Jahre, wenn’s mal gut geht. Alles verloren, futsch, Ende. Er habe nur noch, was er am Leib trage.

Uff.

Und die Laune war entsprechend. Ihm war kotzübel wegen der bevorstehenden Ereignisse, er wusste nicht, ob er lieber noch zwei Stunden in einem Hotel schlafen oder was essen sollte, seine Tränen sind am Armaturenbrett meines Autos runtergeflossen, der Kerl hatte (was, wenn er die Wahrheit gesagt hat, verständlich war) einen vollständigen Nervenzusammenbruch.

Und auch wenn er was getan hat, wofür er zurecht eine hohe Strafe kriegen wird: So dreckig sollte es Menschen nicht gehen müssen. Der Typ war, wenn’s hoch kommt, 30 Jahre alt, er hat mich ein wenig an einen früheren Mitbewohner erinnert. Hätte er versucht, mich um einen Preisnachlass zu bitten, wäre ich skeptisch geworden, aber so wie er da ohne Grund jammerte, wirkte er glaubwürdig. Hat seine Fehler eingesehen, leider zu spät, und suchte einen Ausweg. Den aber natürlich weder er noch ich hatten.

Das war eine der längsten Viertelstunden meines Lebens. Und seinen Zustand hab ich ja auch hinreichend geschildert.

Ich hab ihn 800 Meter vor dem Bahnhof drauf hingewiesen, dass wir gleich da seien, einfach um ihm die Chance zu geben, sich den Rotz aus dem Gesicht zu wischen, bevor er aussteigt. Er bat mich, ihm ein Hotel zu suchen, oder nein, was zu Essen. Also nach dem Hotel, also vielleicht, aber …

„Mach Du mal, ich kann nicht mehr klar denken!“

Ich hab ihn an ein meines Wissens nach eher günstiges Hotel gefahren, mit Sichtkontakt zum Bahnhof.

„Hier. Sollte bezahlbar sein. Und Essen: Siehste den Eingang. Drinnen haste alles: Mac, Bäcker, Currywurst, keine 50 Meter entfernt.“

„OK, hey, danke. Scheiße, sorry für alles! Was kriegste’n?“

„16,30€.“

Er kramte ein bisschen in seinen Taschen und zog einen Beutel hervor. Einen kleinen schwarzen Müllbeutel.

„Drogengeld. Braucht keiner, den Dreck.“,

sagte er mit einer beachtlichen Empathielosigkeit. Er zauberte einen zerknitterten Zwanni aus dem Säckchen, reichte ihn mir und meinte, dass das schon ok wäre. Ich dankte höflich und wünschte ihm alles den Umständen entsprechend Gute. Und das war ernst gemeint. Beim Aussteigen fielen ihm ein paar Sachen runter, die ihm sichtbar unwichtig waren. Er hob sie dennoch auf und warf sie mir auf den Beifahrersitz:

„Ach da, kannste auch noch haben. War gut zu reden und is‘ ja egal jetzt.“

Da ist er dann durch eine Horde lachender und feixender Touris ins Hotel gegangen und ich hab die zwei Fünfziger eingesteckt. Warum auch nicht, jetzt, wo’s eh egal ist?

Der Miesmacher

Von der Sorte hatte ich lange keinen mehr: Einen Miesmacher vom Dienst. Und zwar sowas von!

Ein bisschen Einleitungsgeplänkel darüber, wo ich herkommen würde, was ich so machen würde, etc. pp. Soweit freut mich das, ich erzähle ja gerne aus meinem Leben, das habt Ihr vielleicht schon bemerkt.

„Und dann machste so’n Scheiß wie Taxifahren?“

Danach kann durchaus noch viel gutes kommen, aber alleine die Tatsache, dass er völlig überhören wollte, dass ich nebenher auch noch schreibe, war eine Aussicht auf das, was noch kommen sollte. Ohne dass er am Ende überhaupt in Erfahrung gebracht hatte, was ich verdiene, schwärmte er mir mitleidig vor, dass ich doch „bei Daimler am Band“ meine 5.000 € im Monat haben könnte und dass Taxifahren ja nun wirklich nix sei.

Wirklich? Es gibt da draußen Berufe, die mir nach nur ein paar Jahren mehr Geld bringen als Taxifahren?

Warum nur hat mir das nie jemand erzählt?

-.-

Ja, es ist eine komische Sache: Ich mag meinen Beruf, obwohl ich weiß, dass er (teils gravierende) Nachteile hat. Ich verstehe auch sehr gut, dass diese Nachteile – also z.B. die Bezahlung – für andere nicht hinnehmbar wären. Aber hey, deswegen müssen ja eben nicht diese Leute diesen Job machen, sondern ich bringe sie heim. Stellt Euch mal den Stammtisch nach der Daimler-Spätschicht vor, wenn die niemanden finden, der sie danach für einen Stundenlohn unter 45 € brutto heimbringt. In der Welt wollen die auch nicht leben!

Und ich will halt im Gegenzug keinen 9-to-5-Job. Das heißt nicht, dass die schlechter wären, aber vielleicht sind die halt was für andere Leute. Natürlich ist bei mir das Geld manchmal knapp und natürlich ärgere ich mich manchmal darüber. Ja, natürlich hab sogar ich schon darüber nachgedacht, ob es mir mit einem anderen Job nicht besser gehen würde. Aber wer hat das nicht? Mal abgesehen davon, dass ich ja nicht einmal mit mieser Bezahlung alleine bin: Was ist denn mit Überstunden zum Beispiel? Soll ich jetzt wirklich jedem Fahrgast, der mir völlig fertig ins Auto steigt, erzählen, dass ich eine Bude anzünden würde, die mich zu Überstunden zwingt? Oder wie sehr ich sie bedauere, dass sie wirklich eine feste Arbeitszeit haben, wegen der sie jetzt das Taxi zum Büro zahlen müssen und ich mir so einen Scheiß ja nie ans Bein nageln lassen würde?

Dass Taxifahren kein Job für alle Menschen ist, ist doch offensichtlich. Aber wie kommt man bitte auf die Idee, deswegen wäre jeder andere besser? Und mal im Ernst: „Bei Daimler am Band“? Gutes Geld, schon klar. Aber sucht das mal unter den Berufswünschen bei Kindern!

Nix gegen eine interessante Debatte um soziale und psychologische Bedingungen in unterschiedlichen Berufsfeldern, immer her damit! So gerne ich die Vorzüge meines Jobs verteidige, so wenig will ich ihn als alleinig beste Wahl darstellen. Aber dieses billige „Ich hab zwar keine Ahnung, wer Du bist, aber ich weiß, was besser für Dich wäre!“ kann mir dann doch gerne gestohlen bleiben.

Ich hab den Typen mich bemitleiden lassen. So ist das halt beim Taxifahren: Da verdient man sich seinen Bonus eben damit, mal eben zehn Minuten einen Idioten vor sich hinbrabbeln zu lassen. Anstatt wie anderswo abzuwarten, bis die Stechuhr 3,22 Stunden später erlösend klickt. Ich hab ihn entlassen mit dem Hinweis darauf, dass ich jetzt einfach spontan Feierabend machen werde. Weil ich gerade eher Bock auf ein paar Bier hätte. Da hat er mich fragend angesehen und ich hab gesagt:

„Ja, kann ich natürlich nicht immer machen. Aber mit der Tour hab ich mein Geld für heute zusammen. Und für 6 Stunden ist das schon ganz ok. Am Monatsende lass ich mir dann für morgen einen Tag Urlaub eintragen, das passt schon.“

Manche wollen’s ja nicht anders.

Tatsächlich hab ich auf dem Heimweg noch Winker gehabt, den Umsatz mit ein paar netten Mädels, die mich total cool fanden, einfach nochmal um ein paar Euro erhöht. Ich nehme an, das mit dem Urlaubstag fällt auch flach, denn anstatt Bier zu trinken, blogge ich nun aus Lust und Laune ein paar Worte über einen Typen runter, der an einem Samstagabend nix besseres zu tun hatte, als mir mal zu erklären, wie toll ich es doch hätte haben können. Wie sehr ich dabei leide, habt Ihr sicher alle bemerkt. 😉

Gna!

Rückblickend könnte man natürlich nach jedem Mist, der passiert ist, sagen, dass man dies oder jenes hätte anders machen können. Immer. Das liegt in der Natur der Sache und das verstehen auch alle, bis auf die paar Leute, die nicht einmal ohne Taucherbrille einen Waschlappen benutzen und hinterher im Internet dem Rest der Menschheit erklären, dass sie selbstverständlich auch vorher alles besser gewusst hätten.

Aber bei der Tour war eigentlich alles bestens. Die Kundin nannte eine Straße, die ich kannte, spezifizierte die Hausnummer mit einem Platz, den ich ebenfalls kannte und stimmte zu guter Letzt zu, dass meine Idee, über die XY-Straße dorthin zu fahren, wohl ziemlich gut sei. Das ist so ein klassischer Fall, wo das Navi selbstverständlich aus bleibt und man sich freut, dass alles so einfach ist.

Als wir dann an besagter Platz- und Straßenecke standen, war die Hausnummer indes nicht wirklich in Reichweite. Die 43 war angesagt, aber auf der einen Seite waren wir gerade bei der 12, auf der anderen liefen sie nach der Hufeisenreihenfolge in die 200er. Da ich wusste, dass die Straße auf der einen Seite nur hundert Meter weitergeht, in die andere hingegen ca. 2km, war die Richtung klar: Ein paar hundert Meter links ab, es war nicht einmal ein Umweg, so wie wir gefahren waren.

Meiner Kundin indes gefiel das nicht. Sie glaubte, es sei rechts rum, sie war ja schon mal da. Entgegen der Einbahnstraße natürlich. Ich stoppte kurz und fragte nochmal der Nummer wegen nach. Sie befragte ihr Handy und beharrte auf der 43, aber selbst als ich ein paar Meter weiterfuhr und die Zahlen von der 12 an anstiegen, beruhigte sie das nicht. Und dann kam, was in solchen Fällen natürlich nicht fehlen darf: Eine Straßensperrung, ein Umweg, der zwingend einen noch weiteren Umweg erforderte und am Ende eine Kundin, die die zwar im Rahmen liegenden 13 € mit einem kleinen Trinkgeld beglich, sich aber am Ende ein paar hundert Meter vom Ziel entfernt ausladen ließ. Sichtlich genervt davon, dass … ja, was eigentlich?

Klar: Dass ICH keine Ahnung hatte.

-.-

Ich  nehme das heutzutage auch sportlich. Ich bin mir wirklich nicht zu fein, einer Hausnummer wegen das Navi anzuschmeißen, aber wenn die Kundschaft sagt, dass das genau da-und-da liegt und das Problem am Ende ist, dass die Angabe um mehr als einen halben Kilometer falsch ist, dann ist das echt nicht meine Sorge und dann muss ich die zwei Euro extra, die ich deswegen vergurke, eben auch in Rechnung stellen.

Lieber gewesen wäre mir natürlich auch ein ehrliches „So genau weiß ich das jetzt nicht“, dann hätte ich Onkel Google befragt und eventuelle Umwege danach wären auch auf meine Kappe gegangen. Naja, Lehrgeld und so …

Fahrten, die ich nicht verstehe

Natürlich: Wenn ich als Taxifahrer eine Tour fahre, bin ich in diesem Moment genau eines auf dieser Welt ganz sicher nicht: Der Fahrgast auf dieser Tour. Und da man andere Menschen nicht immer versteht, kommt es eben auch vor, dass ich manche Fahrgäste und ihre Wünsche nicht verstehe.

Im Gegensatz zu so manchen Kollegen stimme ich dieses Lied nun ja auch wirklich nicht bei jeder kurzen Strecke an. Natürlich wird ein Koffer auch nach den ersten 800 Metern schon mal unnötig schwer und manche ganz besonderen drei Minuten sind dann eben auch mal schnell fünf Euro wert. Ich stimme zwar einem Kollegen zu, der bei solchen Touren gerne sagt, er wäre dafür zu geizig; aber wirkliches Unverständnis sieht anders aus.

Heute hatte ich dann (natürlich nicht zum ersten Mal) einen solchen Fall: Zwei junge Leute, noch nicht einmal am Ende ihres Abends, aber vorerst mit zu müden Füßen. Vom Ostbahnhof zur Warschauer Straße. Gut, die Bahn fuhr nicht mehr, das passiert. Und es sind immerhin auch anderthalb Kilometer, die will man dann nicht laufen, schon klar. Kurz bevor ich sie dann – nach nochmaliger Nachfrage – tatsächlich am U-Bahnhof rausgelassen habe, berichteten sie mir, dass sie dann noch zum Cassiopeia weiter wollten. Das sind noch einmal lockere 700 Meter mehr.

Und ja: Natürlich kann man das laufen. Ich will’s auch niemandem ausreden, Himmel nein! Aber wieso man wirklich sackteure 6,90 € für ein Taxi ausgibt und dann noch ein Drittel des Weges läuft, anstatt für 8,30 € bis vor die Tür zu fahren … nee, ehrlich!

Natürlich: Noch eine Kippe rauchen, frische Luft schnappen, nochmal reihern, was zu essen holen, das Geld ist knapp – es gibt eine Menge Gründe, früher auszusteigen. Ich trauere dem Rest der Fahrt jetzt auch nicht nach. Aber mit der Begründung „die Füße sind müde“ verstehe ich das nicht. *kopfschüttel*

Der normale Stress

Eigentlich lasse ich mich ja aus Prinzip nicht stressen. Deswegen mache ich diesen Job ja. Ich muss nicht mehr Straßenbahnen hinterherrennen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen, ich bringe die feiernden Leute gemütlich nach Hause, während sie ohnehin in einer anderen Dimension schweben und die Straßen sind frei.

Aber:

Das ist natürlich auch nur der Optimalzustand. Irgendeinen Stress gibt es immer mal. Hier Hektik, dort ein aufdringlicher anderer Verkehrsteilnehmer und nicht zuletzt auch manchmal Kundschaft mit Sonderwünschen oder Auswurfanstalten. Aber im Normalfall verteilt sich das alles auf zig Schichten.

Heute hatte ich so eine „Glückssträhne“, die ihresgleichen gesucht hat. Der eine Winker fischt mich an einer vielbefahrenen Kreuzung ab und hat es eilig, obwohl ich ihmzuliebe auf dem Fußgängerüberweg angehalten hatte und nun eine 270°-Drehung ohne die Gefährdung anderer zu praktizieren hatte. Die nächsten erwischten mich in einer einspurigen Straße ungefähr 10 Sekunden vor dem Ums-Eck-Schießen eines Feuerwehrlöschzuges und gaben als Ziel allen ernstes irgendeine „Da-wo-Onkel-Paul-mal-besoffen-hingeschifft-hat-Straße“ an. Auf meine zackige Nachfrage sagten sie dann, dass das direkt an der Ecke der „Da-hat-sich-im-Jahr-1853-mal-wer-laut-geäußert-Allee“ liegt.

„OK, dann so: Welcher Stadtteil denn überhaupt?“

„Ach so. Na hier ums Eck!“

-.-

Die dritten hatten es ganz eilig und mussten zu genau dem Flughafen, der mir ein legales Wenden erst nach anderthalb Kilometern erlaubt hätte. Bei Feierabendverkehr mitten in der Nacht. Was halt so passiert.

Natürlich: Hat alles geklappt, haben wir hingekriegt, inklusive kürzestem Weg, Freundlichkeit und nur marginaler Beeinträchtigung der Berliner Rettungsdienste. Muss ja. Irgendwie.

An dieser Stelle einmal mehr ein herzliches Danke an all die Kollegen, die den Job tagsüber machen und das sicher zehnmal öfter haben als ich. Ich will nicht tauschen, ehrlich nicht!

Einen Schritt weiter

Es geht weiter in Sachen P-Schein-Verlängerung: Der Antrag ist schon mal gestellt.

Durch die unerwartete Geschichte mit der Brille (die derzeit immer noch zusammengeklöppelt wird) ist es nun halt so, dass der Antrag erst bearbeitet wird, wenn ich meinen Nachweis über den bestandenen Sehtest nachreiche. Abgesehen davon, dass ich mir keine großen Sorgen mache, weil es im Notfall immer die Möglichkeit gibt, gegen ein kleines Entgelt eine drei Monate währende Ausnahmegenehmigung zur Personenbeförderung zu bekommen (und sowieso niemand jemals einen P-Schein kontrolliert); ich muss auch ehrlich sagen, dass mich das Bürgeramt gestern fast schon positiv überrascht hat.

Denn die Bürgerämter sind in Berlin ja quasi komplett zusammengebrochen. Ich weiß nicht, ob das außerhalb der Stadt groß wahrgenommen wurde, aber in den letzten Jahren wurde es quasi unmöglich, dort Termine zu bekommen. Während man zeitgleich eingeführt hat, dass man genau dort aber wegen jeder Kleinigkeit zuerst hin muss. Die Geschichte mit dem Start-up, das automatisiert die Online-Termine gebucht und dann gegen Geld an die Bürger verkauft hat, wird wohl noch eine Weile erzählt werden. Inzwischen geht die Vermittlung telefonisch vonstatten, aber ich hab z.B. den gestrigen Termin auch 2 Monate zuvor gebucht. Sich mal eben schnell ummelden – oder eben einen P-Schein verlängern – kann da mit etwas Unachtsamkeit gepaart sehr schnell sehr eng werden.

Allerdings: Abgesehen von der Tatsache, dass ich zum Termin bereits drei Minuten zu früh (!) dran kam, hat mich auch erfreut zu hören, dass die Bearbeitungszeit bei P-Schein-Verlängerungen derzeit angeblich bei fünf Wochen liegt. Und das ist nicht ironisch gemeint, denn im Vorfeld heißt es, man solle möglichst drei Monate vor Ablauf den Antrag stellen (also fünf Monate vorher einen Termin beim Bürgeramt ausmachen).

Und wenn das wirklich wahr ist und das mit der Brille und dem erneuten Sehtest planmäßig halbwegs schnell klappt, dann klappt das vielleicht wirklich bis zum Stichtag Mitte Oktober.

Ja, man sollte sich nicht zu früh freuen, und Einfluss auf den Verlauf hab ich ab da dann natürlich auch keinen mehr. Aber verhaltener Optimismus ist unter den Umständen weit mehr als ich im Vorfeld für diese Zeit jetzt erwartet hätte. 🙂

„Dann fahren wir einfach zu Dir …“

Das war dann die letzte Stufe:

„Ach komm, dann fahren wir einfach zu Dir!“

Aber da war die Fahrt schon gelaufen. Und zwar sowas von.

Angefangen hatte sie eigentlich super. Die Frau trat am Ostbahnhof an mein Taxi und fragte höflich, ob ich sie nach Hellersdorf bringen könnte, Cottbusser Straße. Na und ob! Als ich irgendwann fragte, welche Nummer genau, antwortete sie freundlich, dass sie mir das gerne zeigen würde. Ich hatte hunderte Touren mit ähnlichem Wortlaut, wirklich kein Grund zur Sorge. Dann aber schlug der Zeiger fast schon schlagartig um auf „Das endet mit der Polizei“:

„Wissense, wir halten besser vorher noch bei Wolfgang. Das ist mein Freund. Ich werde sie sicher nicht komplett bezahlen können.“

Soweit geht das ja fast noch. Aber meine Alarmglocke war angeschaltet:

„Wo wohnt Ihr Freund Wolfgang denn?“

„Na, direkt bei mir ums Eck. Hier, Cottbusser. Oh nein, warten Sie, der ist ja umgezogen. Ich bin heute aber auch durcheinander. Ich war ja vorher mit ihm unterwegs, Wissen Sie, ich bin ja Lehrerin …“

Zu dem Zeitpunkt standen ungefähr 22 € auf der Uhr und es war klar, dass ich die nie kriegen würde. Also zumindest nicht heute und nicht von ihr oder Wolfgang. Oder Hartmut, die Namen hatte sie jetzt auch durcheinander gebracht, heute war aber auch so ein stressiger Tag! Da mir klar war, dass das ohnehin zeitaufwändig wird und es bei nicht erhaltenem Geld völlig egal ist, wie hoch der Betrag ist, hab ich sie noch bis zur Cottbusser Straße gebracht. Natürlich ohne Ergebnis:

„Wissen Sie, das sieht inzwischen alles so anders aus, ich erkenne die Häuser gar nicht mehr wieder. Die bauen hier aber auch so viel neu gerade!“

Weder Wolfgang, noch Hartmut, noch der inzwischen neu in die Gang aufgenommene Sven winkten mich heran, also musste es nun dann endlich sein:

„Wissen Sie was: Das ist gar nicht schlimm. Aber sehen Sie, ich als Taxifahrer bin da jetzt leider etwas überfordert. Ich kann Sie jetzt ja nicht ohne irgendeinen Anhaltspunkt die ganze Zeit durch Hellersdorf fahren. Das wird teuer und es wird ja auch schon dunkel. Ich rufe jetzt mal die Kollegen von der Polizei an, die können sehr schnell rausfinden, wo sie hinmüssen.“

Erfreulicherweise gab es keine Gegenwehr. Puh.

Ich hab den Cops schnell geschildert, worum es geht: Orientierungslose Person, irgendwas um die 70 bis 80 Jahre, Standort, fertig. Und dann ging das Warten los. Und es dauerte. Unter anderem wohl auch, weil Ortskunde eben eine Spezialität von Taxifahrern und nicht von Polizeifunkern ist, die auch mal übersehen, dass es einen Unterschied zwischen Hellersdorfer Straße und Alter Hellersdorfer Straße gibt. Egal. Ich hatte nun also 25 Minuten lang die Bespaßung für eine demente Kundin zu liefern.

Sie war wie gesagt sehr ruhig. Aber wenn dann halt doch wieder mal 5 Minuten Wartezeit rum waren, schlug sie eben neue Ziele vor. Zum Sven, nach Hause, zu Wolfgang. Und am Ende halt auch zu mir:

„Ich penn dann auf der Couch im Wohnzimmer, ich bin morgen früh wieder weg.“

„Da müssen Sie was durcheinanderbringen. Ich habe keine Couch.“

„Ach sicher, im Wohnzimmer! Da hab ich doch letztes Jahr schon mal übernachtet. Ich auf der einen, Du auf der anderen!“

Es war also wirklich ernst.

Über den Punkt des Ärgerns war ich da aber schon lange weg. Ich fand es ehrlich gesagt sogar sehr faszinierend, mal zu sehen, wie das menschliche Gehirn mit einem Fehler wie Demenz umgehen kann. Binnen weniger als einer halben Stunde hatte die Kundin mich, den völlig fremden Taxifahrer, in ihre Story mit eingebunden. Eine Story, in der es völlig normal war, dass sie nicht wusste, wo sie wohnt oder dass ihr Schlüssel und Handy „geklaut“ worden waren. Sie fragte mich, ob denn mein „Kleiner“ jetzt die ganze Nacht alleine sei – und als ich antwortete, dass ich kein Kind hätte, winkte sie gleich ab und meinte:

„Ja sicher, das hat ja deine Ex-Frau mitgenommen.“

Und so traurig das auf Außenstehende eigentlich wirkt: Ich finde es fantastisch. Natürlich ist es schade, dass die gute Frau sich nicht mehr in der Welt zurechtfinden konnte, aber für sie selbst war das alles ok und sie hatte nur einen seltsamen Tag. Und ich war heute halt mal Sven oder Hartmut.

Als die Polizeibeamten dann eintrafen und mein Bedauern über die (inzwischen mehrfach veränderte, aber immer noch hochgradig illegale) Haltesituation beiseite wischten, spielten Sie zudem mein Spiel vollkommen mit: Nach der sehr kurzen und erfolgreichen Personalienaufnahme hat einer der beiden ihr dann freudig erzählt:

„Na, dann kommen Sie mal mit zu uns, Frau XY! Ab jetzt sind wir Ihr Taxi. Wir wissen, wo Sie hinmüssen. Die Polizei weiß eben alles oder kann es zumindest herausfinden. Außerdem haben wir sogar den neueren Opel!“

Grmpf. Auf der 2223 rumhacken wäre aber bei lässigen 122.000 km echt nicht nötig gewesen!

Nein, im Ernst: War geradezu vorbildlich. Das wichtigste und zeitraubendste hatten wir unter vier Augen davor schon geklärt:

„Was würden Sie denn jetzt bekommen?“

„30,90€. Aber das spielt in Anbetracht der Umstände keine Rolle.“

„Sie wissen aber, dass sie – auch gegenüber Angehörigen – das Recht hätten …“

„Ich weiß. Aber erstens hatte ich das schon mal und es ist nix passiert und zweitens geht es jetzt darum, dass die Dame nach Hause gebracht wird.“

„Also … Sie … verzichten …?“

„Ich verzichte. Sehen Sie zu, dass Sie sie gut heimbringen.“

Und wie bereits angedeutet: Das zuständige Pflegeheim war schnell ausfindig gemacht und nach einer freundlichen Verabschiedung von meiner „Kundin“ inklusive Handschlag stieg sie mit den Worten „Ach wissense, ich will ja eigentlich nur noch ins Bett!“ in den Streifenwagen.

War für mich eine Scheiß-Stunde. Abgesehen vom entgangenen Umsatz war’s einfach auch anstrengend. Man will ja nicht falsch reagieren, noch mehr Stress provozieren – und obwohl’s vielleicht keinen Unterschied gemacht hätte – auch nicht dreist lügen. Ich hab danach nochmal eine halbe Stunde Pause gemacht, auch ich brauche manchmal etwas Zeit, um so Dinge zu verdauen.

Wahrscheinlich hat sie mich schon vergessen. Oder sie erzählt Sven beim nächsten Besuch, dass die Polizisten echt nett waren, die er ihr rausgesucht hat, ich weiß es nicht. Und so doof das für mich auch gelaufen ist: Ich hoffe einfach, dass es am Ende wenigstens insofern was gebracht hat, als dass sie in ihrer Welt, die mir leider nur bedingt und kurzfristig offenstand, keinen schlechten Abend hatte und dass sie zur Stunde nicht schlecht träumt von schlimmen Taxifahrern. Mehr bleibt mir in meiner kleinen Rolle da wohl nicht übrig. 🙁