Da stand ich nun. Der Weihnachtsmann hat sich mit seinen zwei Bier aus dem Beifahrersitz geschält und eine Vierertruppe Kiddies stand schon ganz hibbelig wartend vor dem Taxi und hoffte darauf, dass ich sie nicht stehen lassen würde. Wäre mir natürlich nicht in den Sinn gekommen. Als der Zeitpunkt gekommen (also der Weihnachtsmann gegangen) war, platzte einer gleich raus:
„Haste den Unfall gesehen?“
Ich folgte seinem Finger, drehte mich um und tatsächlich: auf der anderen Straßenseite stand ein Auto, dessen Motorhaube eine formvollendete Symbiose mit dem nächstliegenden Laternenpfahl vorzubereiten schien. Während sie ins Auto krabbelten, erzählten sie mir jedenfalls, dass da ein besoffener Typ dringesessen hätte und sie gerade als Zeugen für die Cops noch dableiben mussten.
An dem Punkt war mir klar, dass ich heim musste. Ich hatte hier vor vielleicht 10 Minuten den letzten Kunden eingeladen. Ganz definitiv genau hier – und ich hab von dem ganzen Tara auf der anderen Seite der Straße nix mitbekommen. Vielleicht war ich müder als gedacht. Ich hab noch so vor mich hinüberlegt, dass der Kerl jetzt wohl froh gewesen wäre, ein Taxi genommen zu haben – selbst wenn er von Warschau gekommen war: Totalschaden, Führerschein weg … in Anbetracht dieses Verlaufs sind unsere Dienste dann eben doch ein Schnäppchen. Aber gut …
„Wo soll’s hingehen, Jungs?“
„Marzahner Promenade 35, kannst uns aber am Döner rauslassen. Ich zeig Dir dann, wo Du genau …“
„Danke, weiß ich. Und danke für die Fahrt! Ich wollte gerade Feierabend machen und ich wohne in der Promenade in der 26. Ich kenn den Döner, der liegt fast vor meiner Haustüre, super Sache!“
Und das war es wirklich! Sowas kommt schon öfter mal vor, aber immer noch selten genug, dass man sich darüber freut! 🙂
Die Jungs waren auch gut drauf und haben es trotz dreisten Nachfragens, ob wir in Anbetracht der Dinge nicht den Preis halbieren können, nie den Bogen überspannt. Im Gegenteil: sie haben sich selbst nicht wirklich ernst genommen, sondern angefangen, mir obskure Dinge wie das Rasieren meines Kopfes anzubieten, wenn ich ihnen einen Nachlass gewähre. Und die Einladung auf einen Döner und anschließendes Trinken bei ihnen in der Bude wirkte sogar glaubhaft. Da ich nun aber seit sechseinhalb Stunden am Sitz festgewachsen war und wirklich nur meine Ruhe wollte, hab ich dankend abgelehnt.
Ich hab in Sichtweite zum Dönerladen geparkt, kurz den nötigen Papierkram erledigt und die Wertsachen aus dem Auto geräumt. Um 7.35 Uhr hab ich den Wagen zugeschlossen, in meine Tasche mit dem Trinkgeld gegriffen und nach einem überprüfenden Blick, ob die Jungs bereits auf dem Heimweg sind, meine Schritte zum Döner gelenkt.
Hab mir drei Feierabendbier eingepackt und mit den Angestellten kurz über die Silvesterschicht getratscht. Und dann, als ich zu Hause vor meinem Schreibtisch mit einem bereits reichlich angenagten Feuerzeug ein Bier geöffnet habe, habe ich den Vorhang aufgezogen, am Nachbarhaus in der Franz-Stenzer-Straße die Spiegelung des Morgenrots betrachtet und leise zu mir gesagt:
„Na denn 2013, herzlich willkommen!“
