Der Schattenuiitschaft!

Ein Musiker musste kurz vom Ostbahnhof in die französische Straße. S-Bahn-Ausfall wegen eines Polizeieinsatzes. Der Kunde hatte einen starken amerikanisch-französischen Akzent, selten gehört sowas.

„Is anstuengend, wenn Du nicht kommst vouan in da City, aba Du bis cool, Du fahrst einfach Taxi, wenn der Bahn nicht gehen tut!“

Sowas von cool! 😉

Am Ziel stand die Uhr bei 10,50 € und er flüsterte mir zu:

„Mackst Du miu einem Quittungen uber 10,50 € und gibste miu eine Funfer zuruck. Der Schattenuiitschaft mackt uns am Leben halten, nich uaa?“

Äh, na klar. Schattenwirtschaft FTW!
😀

Mitarbeitende Kunden sind die besten Kunden

Der Streckenvorschlag der Kundschaft war spitze, ich war so schnell noch nicht auf eine gute Route gekommen. Dann aber fiel mir ein:

„Da ist doch gesperrt, da komm‘ ich nicht durch.“

„Doch, das geht.“

„Gestern war da schon zu und da die für morgen absperren …“

„Nee nee, das geht schon. Wir sind da doch vorher durchgefahren!“

Na gut, ich wehre mich ja nicht gegen einen Kundenwunsch. Als wir der entsprechenden Stelle nähergekommen sind, hab ich meine Zweifel aber nochmal erneuert – insbesondere weil es wegen einer weiteren eventuellen Sperrung schnell mal einen Umweg von 2 Kilometern oder so hätte bedeuten können. Als ich dann sagte, dass das echt blöd wäre, wenn es so sein sollte, meinte mein Kunde nur:

„Wieso denn bitte? Das ist doch perfekt für Dich: Du hast es gewusst, der Fahrgast wollte es anders – und dann kannste schön den langen Weg nehmen!“

Da ist was dran. Das Dumme nur ist: Erst einmal mit den Mehrkosten konfrontiert, verfallen viele Fahrgäste lieber in den „Das hätten Sie als Taxifahrer ja besser wissen müssen, machen Sie mal bitte die Uhr aus, ich zahl nie mehr als 15 €“-Modus.

Dieser aber nicht. Und wie soll ich sagen: Die aktuellen Absperrungen haben mir auch die Möglichkeit gegeben, das gleich auszuprobieren. Und ja: Er hat gelassen die 2 km Umweg abgesegnet und am Ende noch über 3 € Trinkgeld gegeben.

Ich bin doch nicht bescheuert und denke mir eigene Umwege aus. Das outsource ich an die Kundschaft! 😉

Der Ton macht die Musik

Wir Taxifahrer sind wie alle anderen Menschen natürlich auch schnell bei der Hand mit Schubladen, in die wir die Fahrgäste stecken. Wie gesagt: Wie alle anderen Menschen auch. Das macht die Sache nicht besser oder schlechter, aber natürlich versuchen wir – ja, wir müssen das als Dienstleister auch versuchen – die Menschen irgendwie einzuschätzen, die uns spontan ins Auto fallen.

Und ja, was denkt man sich schon, wenn zwei junge und angetrunkene Kerle einem im Herzen Neuköllns vor den (bei mir nur imaginären) Mercedesstern rennen und „Digger, Digger, fahr mal Alex!“ rufen?

Mal ganz ehrlich: Selbst ich rechne da mit einer eher stressigen Fahrt. Und ja, das kommt vor. Das kann schon mal in Preisfeilscherei oder dummes Rumgeprolle ausarten, bei dem man am Ende froh ist, dass man halbwegs seine Kohle bekommen hat. Das Entscheidende ist in meinen Augen das, was uns oft bei der Preisansage das Leben schwer macht: In Wirklichkeit macht man eher selten die selbe Tour zweimal kurz hintereinander, man kann das mitunter nur schwer einschätzen.

Aber die zwei waren nun schon so die Oberchecker-Super-Hardcore-Gangster, wenn man sie mal in Augenschein genommen hätte. Noch besser: Während der Fahrt wurde außerdem klar, dass sie im Taxi saßen, weil der eine von ihnen eine ansehnliche Summe in einem Automatencasino gewonnen hatte und sie von dem Geld Drogen kaufen wollten. Bei aller Faszination für andere Milieus wäre das Wort „seriös“ das letzte, was ich für die beiden verwendet hätte.

Wenn mich aber jemand fragen würde, wer die besten Kunden der letzten zwei Monate waren, dann würde ich mit dem Finger auf die beiden zeigen und sagen:

„Die da – mit weitem Abstand!“

Als sich der eine erkundigte, wie es in der Schicht so laufen würde, hab ich noch alle Überfalls-Präventions-Reflexe beisammen gehabt und gelogen, dass ich noch nicht lange unterwegs sei, also noch kaum Umsatz gemacht hätte. Zwei Kilometer weiter sah das Ganze schon komplett anders aus. Der eine interessierte sich dafür, wie wir Taxifahrer so arbeiten, wie das so wäre mit dem Job, ob das nun eher Sklaverei oder Freiheit sei. Der andere hatte inzwischen in Erfahrung gebracht, dass ich in Marzahn wohne, und versorgte mich mit geschichtlichen Infos zum Stadtteil, in dem er seine Kindheit verbracht hatte.

Und nebenbei beschlossen sie dann, dass es eigentlich ziemlich cool wäre, mit mir nach „dem Deal“ auch wieder zurückzufahren. Dass die Uhr dabei weiterläuft sei natürlich kein Problem. Vor Ort – wo es schwer war, den Typen zu finden, den sie treffen wollten – ist sogar immer einer im Auto geblieben, „nicht, dasste denkst, wir hau’n ab, Digger!“.

Sie haben beide verständnisvoll akzeptiert, dass ich nicht gegen Abbiegeverbote verstoßen darf und darüber gelacht, als ich an eine Einbahnstraße auf dem Weg nicht gedacht hatte und einen kleinen Umweg fahren musste. Sie haben mich gelobt, ganz ehrlich.

„Ach, Digger, besser mit Dir rumcruisen als mit einem, der wo nicht mal mit uns spricht, echt jetzt, Digger!“

Am Ende hat die Fahrt ziemlich genau 30 € gebracht, das kriegt man innerstädtisch ja nur selten hin. Und anstatt sich zu beschweren, zu seufzen oder dergleichen haben sie die Tour mit 35 € bezahlt und zuvor noch verschwörerisch gefragt:

„Aber das Trinkgeld geht auch wirklich an Dich, oder?“

Sicher: Bei solchen Typen springt nicht immer eine solche Tour raus.
Andererseits möchte ich zu bedenken geben: Extrem stressige Fahrten verblogge ich auch immer. Also viel Spaß beim Suchen! 🙂

2015

Ich kann jetzt nicht behaupten, dass ich sonderlich begeistert war, vom Ostbahnhof zum Berghain zu fahren. 5,30 € nach 30 Minuten Wartezeit. Aber wie immer ist das nix, was Kunden mitkriegen. Und der Kunde war zudem gut gelaunt, offenbar ein DJ aus Frankreich, der schon leicht angetrunken mit seinem Equipment zur Party tingelte. Sei’s drum.

„It’s a big party, a gay party. I am the first time in Berlin, the first time in Germany, should be a great night!“

„OK, that sounds great!“

Dann aber verfiel er in Gestotter und meinte:

„I, I am sorry. For the gay. I mean, I am gay, I’m so sorry, I just, I’m sorry.“

Da ist mir erst einmal gar nix mehr eingefallen. Ich hoffe, ich hab das „Problem“ halbwegs sauber gelöst:

„You’re WHAT!? C’mon guy, we’re in Berlin, it’s 2015, don’t be mad! Party on!“

Immerhin war der Handschlag bei Fahrtende so herzlich, dass ich glaube, es hat gepasst so.

Der Schichteinrahmer

Eigentlich nennt Matze sich ja @nachholer, zumindest bei Twitter. Bei mir hat er heute die Schicht nicht nur verbessert, sondern – auch mal was neues – eingerahmt. Ob er sich deswegen jetzt @einrahmer nennen will, ist zur Stunde noch ungewiss. 😉

Sein Anruf ereilte mich in der unschönsten Tagessituation, ich hatte nämlich weit mehr als eine Stunde nach Schichtbeginn noch nicht einen müden Kreuzer Umsatz gemacht. Erst haben die üblichen Wege nichts eingebracht, dann musste ich ohnehin zur Tanke – und am Ende hab ich mich dank passabler Schlange und schnellen Vorrückens doch an den Bahnhof gestellt. Natürlich brannte beim Lollapalooza in Tempelhof die Luft, aber ich hatte keinen Bock auf Stau und sowieso ein bisschen zu sehr auf mein Glück vertraut. War doch schließlich Samstag …
Aber als Matze im Auto saß, hab ich ihm mitgeteilt, dass er – obwohl es bereits kurz vor 23 Uhr war – den Schichtumsatz live am Taxameter ablesen könne. Er fragte, bis wann ich zu fahren gedenke. Als ich „Bis fünfe hatte ich schon vor …“ antwortete, winkte er ab und meinte, allzu alt werde er heute sicher nicht mehr. Er verschwand mit den denkbar abendtypischsten Worten überhaupt:

„So, ich muss jetzt Bier trinken.“

Auftritt Samstag. Alles, was der Abend bis zu diesem Moment vermissen ließ, passierte dann gleichzeitig. Ich bekam zwar nicht sonderlich viele Touren, aber die wenigstens lohnten sich. Ich hatte Leute von Bolivien bis Schweden im Auto, manchmal Winker, manchmal von Clubs aus. Die Fahrten führten nach Buckow, Wedding, Lichtenberg, Moabit, Kreuzberg, Friedrichshain. Das Lollapolooza hab ich nicht gesehen bisher. Die 50€-Marke fiel bereits 23:30 Uhr, der Hunni kurz nach eins. Um 2:25 Uhr waren 150 voll, die 200 dann um kurz nach vier Uhr. Zwischendrin noch eine etwas längere Pause, eine abgelehnte 40€-Tour usw usf.

Um 4:45 Uhr war ich auf dem Heimweg, dann kam doch noch ein Winker. Die 220 € waren auch gefallen. Und dann, kurz nach 5 Uhr, kam von Matze die SMS:

„Noch im Dienst?“

Nach zwei an der Ampel eingetippten Nachrichten war ich dann mit ausgeschalteter Fackel volles Rohr in Richtung Prenzl’berg unterwegs. Im Wissen, dass das nun wirklich die letzte Tour werden würde.

Während sich unser beider Suche nach einem Späti zwecks Kippenpause und Wegbier, bzw. -cola zunächst schwer gestaltete, sollte uns am Ende auch das noch gelingen. Um meine Freude so richtig einschätzen zu können, sollte man nebenbei noch wissen, dass Matze aka der Schichteinrahmer Getränke grundsätzlich ausgibt und sich in der Gegenwart nicht laufender Taxameter irgendwie chronisch unwohl fühlt. Ich würde den Kerl zwar auch gegen einen warmen Händedruck aus einer Schlammgrube nach Hause ziehen, aber so im Dienst ist es schon schön, dass man weiß, der um 50 Minuten verzögerte Feierabend zahlt sich auch aus.

Am Ende waren dann auch die 250 € voll, Matze sowieso – und ich auf dem Weg gen Heimat.

Am Späti hatte er darüber sinniert, dass er das eigentlich gerne verbloggt sehen würde. Ob er das SO wollte, werde ich dann vermutlich erfahren, wenn mal wieder das Telefon klingelt. 😉

PS: Nein, Matze ist natürlich nicht nur Kunde. Der saß auch schon hier bei mir zu Hause und wir haben gemeinsam ein bisschen die Hopfenblütenteebestände meines Döners verringert. Aber ständig nur Fremde heimbringen kann ja jeder! Wozu blogge ich schließlich? 😀

Mitdenken

„So, hier ist die Tanke, da kriegen Sie sicher ihre Zigaretten …“

„Oh, wow! Schön, dass Sie da mitgedacht haben. Ich hatte das schon vergessen!“

Ein gutes Beispiel für dieses abstrakte Wort „Professionalität“. Die Kundin hatte zu Beginn gesagt, sie wolle noch irgendwo halten, wo sie Kippen holen könne. Ich hatte die Tanke kurz darauf auch als Vorschlag angebracht, aber für sie war es nur ein „irgendwo“ von vielen. Mir indes war das wichtig, weil meine Arbeit darin bestand, auf dem kürzesten Weg zu ihr zu kommen – und davor Zigaretten zu kriegen. Also war das erstmal mein Ziel. Natürlich haben wir uns während der Zeit gut und über ganz andere Dinge unterhalten, aber während für sie das Gespräch alles bestimmte, wusste ich, dass ich zu dieser Tankstelle fahren musste. Und dann weiter, schon klar.

Das soll mitnichten heißen, dass mir die Gespräche im Taxi egal sind – und auch ich hab hier und da im Eifer des (Verbal-)Gefechts schonmal vergessen, abzubiegen – aber Kunden unterschätzen beizeiten auch mal, wie professionell und fokussiert wir Taxifahrer unsere Arbeit machen. In Fällen wie diesem ist das schön, hat extra Trinkgeld gebracht, alles super, keine Frage.

Manchmal aber muss man auch das Gespräch unterbrechen, um sich nochmal zu versichern, ob man über diese oder jene Straße jetzt nicht doch noch abkürzen könnte. Da ist das Verständnis leider nicht immer so hoch.

Ich bin ja ein großer Freund „lockerer Kundschaft“, aber man sollte trotz aller Empathie nie vergessen, dass wir nebenbei auch einfach unseren Job machen müssen und gerade nicht auch feiern oder dergleichen.

Das nur mal nebenbei.

Der letzte in der Kette

Taxis sind ja selten erste Wahl. Es ist eben teuer, sich einen Fahrer mit eigenem Auto zu gönnen. Bus und Bahn sind billiger. Die können das auf mehr Leute umlegen und werden ggf. subventioniert, beim Fahrrad muss man selber treten, laufen ist noch anstrengender und für einen Leihwagen muss man nüchtern sein. Wenn überhaupt alles genannte vor Ort verfügbar ist.

Was in Berlin natürlich prinzipiell für die meisten Leute irgendwie hinkommt.

Trotzdem haben wir Touren. Oft geht’s um Bequemlichkeit und Geschwindigkeit. Manchmal um das Plus an Sicherheit und manche merken erst am Ziel, dass sie im Taxi sitzen. Sei es wie es ist, ich fühle mich als Nischendienstleister wohl. Und manchmal staune ich auch nicht schlecht, WIE VIEL schiefgehen muss, bis Menschen ins Taxi steigen.

So hatte ich nun eine Kundin, die mich am Treptower Park rangewunken hat. Und ich schwöre: Da hat mich noch niemand rangewunken. In sechseinhalb Jahren. Und ja, sie fahre sonst eigentlich nicht Taxi … also wie kam es dazu?

„Ich war ja eigentlich in Köpenick …“

Weite Strecke, verstehe …

„Normalerweise fahre ich selbst Auto, aber heute wollte ich was trinken …“

Die Nüchtern-sein-Geschichte, ok.

„Dann hab ich den falschen Nachtbus genommen und bin einmal im Kreis gefahren, bis ich wieder dort war, wo ich eingestiegen bin …“

Das … ähm, also immer noch die Nüchtern-sein-Geschichte. 😉

„Dann hab ich endlich den richtigen Bus gefunden, musste dann aber unglaublich dringend pinkeln, weswegen ich hier ausgestiegen bin.“

OK, mal was neues.

„Und jetzt hab ich trotz Google Maps den S-Bahnhof nicht gefunden, der hier irgendwo sein soll …“

Die Ortskenntnis-Sache, schon klar.

Und – schwupps! – sitzt man im Taxi. 😀

Ursprünglich sollte ich sie gar nicht bis ganz nach Hause, sondern nur zum Schlesischen Tor bringen, wo sie dann in die U-Bahn steigen wollte. Aber nachdem unweit von dort auch noch ein Unfall, vielleicht kurz darauf sogar eine Massenschlägerei (Keine Ahnung, aber die Zahl der Einsatzfahrzeuge war beeindruckend!) stattfand, bat sie mich, sie aus diesem Irrenhaus einfach nur weg und bis vor die eigene Wohnung zu bringen.

Die Misanthropennummer. Selten, aber auch nicht ungewöhnlich. 😉

Und ja, ich bleibe dabei: Irgendwann braucht jeder mal ein Taxi.