Nur ein Zehner!

Ich machte den typischen doofen Taxifahrer-Move: Da vor mir ein Kollege mit angeschalteter Fackel langtuckerte und ich auf absehbare Zeit keine Winker würde bekommen können, bin ich abgebogen. Nur um mich noch an der Ampel zu fragen, wo zur Hölle ich in diese Richtung eigentlich hinfahren solle. Aber das Glück ist mit den Dummen, nach 100 Metern hatte ich Kundschaft.

„Würdste uns in die Vorname-Nachname-Straße bringen?“

„Na sicher, ich überlege gerade, die sagt mir was …“

„Sind 5 Kilometer, is‘ nur da vorne und dann rechts. Machste hier die Fünf-Kilometer-Dings, ne?“

„Ich mache Kurzstrecke. Das sind fünf Euro, nicht fünf Kilometer, aber ich erinnere mich, das wird schon reichen.“

„Ich sag aber gleich, ich hab nur zehn dabei. Dann musst mir rausschmeissen.“

„Das sehen wir ja dann. Erst einmal reicht die Kurzstrecke.“

…

„Aber ehrlich: Mehr als zehne ist nicht!“

„Wir sind doch immer noch bei fünf Euro und die Kurzstrecke ist erst zur Hälfte …“

„Ich sag’s nur, nicht dass wir dann – is‘ auch da vorne noch einmal ums Eck.“

„Dann reicht das locker.“

„Aber nicht über zehn. Halt vor der Wendestelle, das sind 20 Cent!“

„Es sind immer noch fünf Euro. Und das Taxameter piept ja nun erst einmal, wenn die vorbei sind.“

„Ach, echt?“

So viel Angst ums Geld hatte ich bei einer Kurzstrecke schon lange nicht mehr. 0.0

Positiv hervorzuheben sei abschließend, dass die Kundin und ihr unterhaltsamer Partner die einzigen waren, die in den letzten drei Tagen bei einer Kurzstrecke noch Trinkgeld gegeben haben, ich werde sie also in sehr guter Erinnerung behalten.

Der Nazihausmeister von Weißensee

Ich hatte eine richtig gute Winkertour ergattert. Drei Leute, die so dermaßen im Komikermodus waren, dass ein Kollege sie extra absichtlich übersehen hat, bis ich des Weges kam. Dem debilen Gekicher nach war da nicht nur ein kleines Feierabendtütchen im Spiel, sondern eher eine Menge, die selbst in Berlin nicht mehr als Eigenbedarf deklariert werden kann.

Aber egal: Von Friedrichshain über Weißensee nach Schöneberg! Mehr als 30 € aus dem Stegreif!

Und der nach Weißensee war der Hammer. Hat mich erst ewig übers Taxifahren ausgefragt, um am Ende mit dem Hinweis zu kommen, dass er als Fahrer ja auf die Beförderungspflicht scheißen würde, wenn es um Nazis ginge. Sehr sehr sympathischer Junge! 😀

Aber da ging’s erst los.

Er wohne jetzt ja erst seit sechs Tagen in seiner neuen Wohnung. Mit seiner Freundin, die nur so mittel legal einen Untermietvertrag ausgestellt habe. Und schon nach der ersten Nacht sei sein Hausmeister, „so’n Nazi-Alki“, der auch mal im Treppenhaus pennt, wenn er den Schlüssel nicht mehr ins Schloss kriegt, bei ihm vorstellig geworden und hätte ihm eine Räumungsklage angedroht.

„Nach einer Nacht, Alter. Ich hab mir gleich ’ne Machete gekauft!“

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„Nee nee, Digger! Nicht, dasde denkst, ick würd dem was tun. Könnte ick nich. Aber guck mal: Ich bin nich deutsch, weil, is klar, hab ja schwarze Haare. Wenn ick dem mitte Machete die Tür öffne, dann isset doch nur so, dass ick dem seine Angst real mach. Ehrlich! Ick befriedige dem seine Angst, dit is alles! Ick hab mir ja so jefreut auffe neue Wohnung. War ja bislang Neuköllner, da is meine Hood! Un jetz das?“

Und während die beiden auf der Rückbank sich vor Lachen weggeschmissen haben, frage ich mich immer noch, ob ich auf dem selben Planeten lebe. 0.o

Die Sache mit dem Einschätzen von Menschen

Ich wollte eigentlich tanken, aber da winkte plötzlich einer. Mitten an der mehrspurigen Hauptstraße im Gewerbegebiet. Ein bereits älterer Mann, zotteliges langes Haar, einen Bart, der für mehrere Generationen ZZ-Top-Imitatoren gereicht hätte und einer Plastiktüte. Er roch nach Alkohol und fragte, ob er auch mit Karte zahlen könne. Ja? Na dann …

Er war wirklich nett, aber als er dann auch noch erzählte, dass er die Straßenbahnen verwechselt hätte … es war nicht schwer, sich dem Gedanken hinzugeben, dass das mit der Bezahlung vielleicht nicht klappen würde. Dann beim Arbeitsamt das Wiedererkennen der Gegend  mit dem Hinweis, dass er da ja jetzt auch oft sei, habe ja Rente beantragt etc. pp. Und wie zum Beweis streikte der Kartenleser am Ende. Allerdings schien das gar nicht an der Karte zu liegen. Er meldete nicht einmal einen Fehler und wechselte ins Menü zurück. WTF?

Mein Kunde nahm das ganz locker und sagte, dass wir dann halt zur Bank müssten, sei auch nur ums Eck. Das stimmte und da das alles noch unweit meines Zuhauses stattfand, kannte ich mich auch gut genug aus. Ich hab die Uhr trotzdem gleich gestoppt, denn zum einen lag der Fehler wohl beim Gerät und mir war das unangenehm, zum anderen fühlt man sich besser, wenn man nur eine 11€-Fehlfahrt hat und keine für 16. Was natürlich bescheuert ist, aber das menschliche Gehirn hat’s ja manchmal nicht so raus mit mathematischer Logik.

An der Bank ist der gute Kerl kurz raus, hat sein Hab und Gut als Pfand dagelassen, kam nach zwei Minuten ganz locker wieder raus und verkündete nur, dass er doch vorher schon gesagt hätte, er habe genug Geld auf dem Konto.

Und so standen wir dann kurz darauf ein zweites Mal vor seinem Plattenbau und er fragte mit ernstem Tonfall, was ich denn jetzt bekommen würde.

„Wie gesagt: Wir waren bei 11,50 €, als ich die Uhr ausgemacht hab.“

„11,50€? Nee, nee!“

Mir stellten sich umgehend wieder die Nackenhaare auf.

Der Alte zog einen Zwanni aus seinem Geldbeutel, drückte ihn mir mit väterlicher Geste in die Hand und meinte:

„Das stimmt so, für all die Mühe!“

„Äh, wow, vielen Dank!“

„Keine Sorge, ich gehör nicht zu den Ärmsten …“,

ließ er mich noch wissen und schien insgesamt sehr zufrieden mit dem an sich ja schon ziemlich verzwiebelten Heimweg zu sein. Was inzwischen selbstverständlich auch auf mich und den Schichtbeginn zutraf. 🙂

Wir sind Stulle!

Eine gemischte Truppe. Zwei Einheimische, ein Ausländer. Alle gut befreundet, die Taxifahrt wird für Selfies und Gespräche übers Essen genutzt. Und dabei kommt es zu folgendem, in meinen Augen epischen, Dialog:

„And when we’re there: What kind of Crêpe can I have?“

„Crêpe? We’re not in France. WE HAVE STULLE!“

Die Chickenwings sind der Unterschied!

Ich hatte die Schicht bereits verloren geglaubt. Viel zu wenige Fahrgäste, viel zu kurze Touren, am Ende sogar viel zu wenig Trinkgeld. Aber hey, die eine Tour noch, dann ist Wochenende!

Also erst einmal tanken, hier und da noch Kleinigkeiten putzen, danach ab zum letzten Zug am Ostbahnhof. Mit etwas Glück eine Tour bis vor die Haustür der Firma, ansonsten wäre mir alles egal gewesen. Naja, alles …

Ob ich sie nach Bernau bringen könnte, fragte meine Fahrgästin mich dann. Und um das mal zu verdeutlichen: Das hätte meinen Umsatz fast verdoppelt an dem Abend!

Wichtiger aber war dann, dass ich sie noch kurz zum Burger King bringe. Sie nahm das Taxi schließlich nicht freiwillig, ihr Tag war um ein paar Stunden aus dem Ruder gelaufen, alles schlimm, außerdem: HUNGER!

Ich hab zugesagt und meine Optionen überdacht. Preise nach außerhalb sind Verhandlungssache, schon klar. Aber dann noch der Burger King? Ich hab also auf  Verdacht einfach die Uhr angemacht und das war ok. Ich hätte vielleicht am Ende irgendwie noch etwas mehr Geld aus der Fahrt schlagen können, aber mit der bezahlten Wartezeit, bei der es mir sehr schwer gefallen wäre, die im Vorfeld einzupreisen, war das ok.

Dabei ging es am Ende nicht einmal direkt nach Bernau, sondern in die Waldsiedlung, und das brachte noch einmal ein paar Euro mehr. Nach dem Preis gefragt hat die gelegentlich ein paar Chicken-Wings mampfende (Sie hat gefragt, ich habe es erlaubt) Begleitung nicht einmal. So wie vor 1990 sich wohl auch kaum jemand jemals hat dort hinbringen lassen, ohne den Preis einfach bezahlen zu können.

Die Fahrt endete auch nicht irgendwo auf dem Gelände, nein, es ging direkt zum ehemaligen Haus eines sehr sehr sehr bekannten ehemaligen DDR-Politikers. Mir wurde extra erklärt und zuletzt gezeigt, dass dort erst kürzlich eine entsprechende Tafel angebracht worden war. Ohne Interesse an politischen Pilgern fragwürdiger Natur oder Touristen am Briefkasten zu haben, stelle ich es mir dann doch sehr spannend vor, in ein Gebäude mit derartiger Geschichte zu ziehen.

Und  meiner Kundin ging es wohl ähnlich. Obwohl sie selbst aus Tschechien war, zudem keinesfalls Fangirl der Honnecker-Clique, erzählte sie mir all das in ihrem gebrochenen Deutsch mit Begeisterung und versprach nebenbei hoch und heilig, mein Auto erst nach einer Serviettenbenutzung zu berühren. Wenn nur alle Fahrten so nett, unterhaltsam, lukrativ und lehrsam wären!

Deutlich über 60 € standen am Ende auf der Uhr, die Einreihung in die oberen 5% aller Fahrten war damit gewiss. Mit etwas mehr als null Trinkgeld hätte ich persönlich sie locker in die Top 1% gewählt. Aber irgendwas ist ja immer. 😉

Fernbeziehungen

Ich bin ja im Grunde selbst nur in Berlin gelandet, weil eine Fernbeziehung auf Dauer doof gewesen wäre und meine bessere Hälfte zumindest vorerst mal nicht mehr als ein Jahr Stuttgart anberaumt hatte. Mit der Entfernung haben wir noch nie einen Rekord gebrochen, aber es war schon lustig, dass ich dieses Wochenende an einem Abend gleich zwei junge Frauen im Auto hatte, die ebenfalls eine Fernbeziehung hatten.

Mit der ersten bin ich während einer kurzen Tour vom Bahnhof aus ins Gespräch gekommen und das lustige für mich war, dass die Konstellation „Sie in Berlin, er in Tübingen“ doch schon sehr nah an meine Situation von vor – Schluck! – 11 Jahren herankam.

Noch unterhaltsamer war allerdings Fahrgästin Nummer 2, die mich vor dem Yaam rangewunken und sich nach Neukölln chauffieren lassen hat. Abgesehen davon, dass sie eine wirklich Nette mit herzzerreißender Dankbarkeit für uns Taxifahrer als Dienstleister war, war sie in Berlin zu Besuch bei ihrem Freund. Sie selbst wohnte in Marseille. Autsch. Und während ich sie im Gespräch auch etwas für die Entfernung bedauerte, stellte sich heraus, dass es sie beide auch wesentlich schlimmer hätte erwischen können, denn: Kennengelernt hatten sie sich in Brasilien.

Ich bin ehrlich froh, dass wir zwei hier dieses Kapitel hinter uns gelassen haben. Aber genau das lässt mich auch ein bisschen für all die anderen hoffen. Natürlich schaffen’s am Ende nicht alle. Ist bei Beziehungen ja ohnehin so. Aber die Vorstellung, dass eins dieser kleinen Taxigespräche irgendwann vielleicht mal das Thema einer Familienfeier wird … ich mag den Gedanken. 🙂

Ein Winker ist ein Winker ist ein Winker

(Blitzmerker-Edition)

Gleich am Schlesischen Tor, ich war gerade erst gen Innenstadt gestartet, winkte er mich aus dem Laufen heraus an den Straßenrand. Yeah! \o/ Die Tour war ok, es blieb gerade noch so innerhalb Kreuzbergs. Unterwegs dann der übliche Smalltalk, inklusive folgenden Kleinods:

„Und, wie war deine Woche bisher?“

„Ich arbeite gerade Donnerstag bis Sonntag nachts, ist gerade erster Tag und erste Tour.“

„Ehrlich jetzt? Und niemand hat dich bisher rangewunken oder so?“

Ich habe einen fragenden Blick aufgesetzt und mit meiner linken Hand ehrfürchtig zu ihm auf den Beifahrersitz gewiesen. Es hat eine Sekunde gedauert, dann hat er gerufen:

„Ach, icke!? Stimmt ja!“

Wenn die Woche so anfängt, kann’s ja nur gut werden. 😀