Plätze …

Zum Mariannenplatz wollte der Kerl. Ein schon etwas älterer Mann, ein bisschen alternativ angehaucht, ein Künstler vielleicht. Die Route vom Ostbahnhof aus stellte mich vor keine sonderlich große Herausforderung. Sie ist scheiße, weil sie gut dreimal so lang ist wie die Luftlinie, aber man muss eben sowohl die Spree als auch den dem ehemaligen Grenzverlauf folgenden „Mittelstreifen“ (eher ein kleiner Park) zwischen Engel- und Bethaniendamm umfahren. Wie man das macht, ist im Wesentlichen egal, ich bevorzuge die Manteuffelstraße anstelle der Adalbert.

Dort angekommen war er – obwohl zeitweilig in Berlin lebend – etwas irritiert. Diesen Platz meinte er nicht. Er wolle dahin, wo es etwas zu essen gibt, das wäre doch noch ein paar Meter weiter.

Nicht nur, dass dann der andere Weg (geringfügig, sehr geringfügig!) kürzer gewesen wäre: Nein, besagter Platz heißt auch nicht Mariannen-, sondern Heinrichplatz. Obwohl er an der Mariannenstraße liegt. Allerdings ist es auch nicht der Oranienplatz, obwohl er ebenso an der Oranienstraße liegt.

Ein gutes und dennoch triviales Beispiel dafür, wie kniffelig diese ominöse „Ortskunde“ im Detail sein kann und weswegen man sowas tatsächlich monatelang lernen muss, wenn man Taxifahrer werden will …

Hier eine Karte. (Ostbhf. oben, leicht rechts der Mitte / Mariannenplatz zentral (grün) / Heinrichplatz als kleines Straßenquadrat südlich davon)

Die kleinen Pannen …

Was halt so passiert, wenn der Tarif geändert wird.

Ich will jetzt gar nicht davon erzählen, dass meine Chefs … obwohl, könnte ich schon. 🙂

Ihr wisst, dass ich meine Chefs sehr mag und das jetzt passt mir nur gerade vom Thema her. Soll keine böse Kritik sein. Im Großen und Ganzen ist mit der Tarifumstellung alles gut gelaufen, aber bei allem Trara ist eine kleine Bestellung untergegangen. Und zwar die der Aufkleber für die linke Türe, auf denen die Taxitarife in Kurzform stehen. Will heißen: Derzeit fahre ich noch mit einem eigentlich ungültigen durch die Gegend. In dem Fall bin ich mir aber sicher, dass nicht ich das Bußgeld bezahlen würde, falls nach jahrelanger Abstinenz mal irgendwer auf die Idee kommt, Taxen auf sowas hin zu kontrollieren. 😉

Aber eigentlich wollte ich von einem Kunden erzählen. Ein junger Kerl, sogar noch halbwegs fähig zu laufen. Diese Fähigkeit einzusetzen hatte er nach dem Abend allerdings nicht mehr im Sinn und er nahm – wie wohl öfter mal – ein Taxi nach Hause. Das Zuhause lag nicht weit weg, genau genommen vielleicht 500 Meter Luftlinie vom Ostbahnhof. Da allerdings Parkplätze, Höhenunterschiede, Hausmauern und nicht zuletzt die Spree gewisse Hürden sind, ist der Weg im Taxi über einen Kilometer lang gewesen.

Ich sattelte also die paar halblebigen Pferde unter der Motorhaube der 72 und fuhr nicht übermäßig glücklich los. Ihr wisst, ich lasse das keinen Kunden merken, aber natürlich möchte man als Taxifahrer nach fast einer Stunde Wartezeit gerne mehr als 5 € Umsatz. Gab es jetzt, Tariferhöhung sei Dank, quasi auch. 5,40 € standen auf der Uhr und das war natürlich etwas, womit mein Fahrgast nicht gerechnet hatte. Als offenbar häufiger Nutzer hatte er das Geld – inklusive Trinkgeld – gleich zu Beginn der Fahrt abgezählt. Kann ich gut verstehen, mache ich mehr oder weniger auch so, wenn ich eine mir halbwegs bekannte Strecke fahre.

Nun ist sein Trinkgeld halt keines der Oberklasse gewesen, gemeinhin bezahlte er wohl die 5 € mit 5,50 €. Das sind die durchschnittlichen 10%, fasst das nicht als Meckerei meinerseits auf! Aber bei 40 Cent Preiserhöhung blieben dann halt nur noch 10 Cent übrig, was ihm sichtlich unangenehm war. Aber er hat’s sportlich genommen und sich nicht etwa geärgert, sondern mir sein letztes verbliebenes Rotgeld vermacht.

„Is‘ leider nur noch Bronze, sorry!“

Witziger Nebeneffekt: Bei dieser Tour hat mir persönlich die Tariferhöhung gar nix gebracht. Ich hatte zwar von den 40 Cent mehr auf der Uhr 18 Cent mehr brutto, dafür aber ein um ca. 20 Cent geringeres Trinkgeld. Ich hoffe, meine Chefs investieren ihre paar gewonnenen Cent sinnvoll. Ein Aufkleber mit den aktuellen Tarifen wäre z.B. eine gute Idee. 😀

Herzstillstand

Na gut, einen Infarkt werde ich sicher nicht wegen des ein oder anderen Euros haben. Aber dennoch bin ich aus allen Wolken gefallen. Es war nur eine sehr kurze Tour und die Schicht war schon bombig verlaufen. Ich hätte das Auto gleich abstellen können, aber vor mir fuhr meine Bahn, was bedeutete, dass ich auf die nächste eine halbe Stunde würde warten müssen. Da kam mir eine weitere Tour sehr entgegen und ich bot einmal mehr von mir aus eine Kurzstrecke an.

Und die Fahrt war auch kurz. Eher ein Kilometer als die zwei von der Kurzstrecke abgedeckten. Und so standen am Ende 4,00 € auf der Uhr und meine nur seit rund anderthalb Minuten amtierende Beifahrerin meinte:

„Mach einfach 15.“

Aber ja, natürlich hat sie das Rückgeld gemeint, nicht den Fahrpreis. 🙁

Impressionen einer Fahrt

„Ach, wir kommen vom Land, da fährt man überall mit dem Taxi hin.“

„Bei uns haben die Straßen ja auch nur eine Spur.“

„Und so Züge mitten auf der Straße gibt es bei uns auch nicht.“

„Wie kann man so eine Strecke bitte laufen anstatt mit dem Taxi zu fahren?“

Ach ja, die Strecke!

Das war diese hier:

Versprechen und so …

War eine schöne Tour. Drei Jungs, zwei Mädels, ab zu einem kleinen Club in der Torstraße. Eine der Frauen arbeitete wohl dort und schwärmte in höchsten Tönen. Ja, voll sei es jetzt natürlich, aber dank ihr würden sie ja immerhin reinkommen, ein paar Freigetränke wären auch drin, usw. usf.
Die Stimmung war entsprechend gut, Trinkgeld gab es auch. Schön.

Direkt im Anschluss hatte ich dann die Fahrt mit den beiden jungen Damen zum Geldautomaten und bin somit keine zehn Minuten später wieder durch die Torstraße gefahren. Und siehe da: Winker! (Hatte ich im letzten Artikel ja bereits geschrieben)

„Guten Abend! Wo darf’s hingehen?“

„Wir … hey! Sie sind’s! Sie haben uns gerade hergebracht!“

„Oh, stimmt. Und der Club war nix?“

„Nee. Die wollten uns nicht reinlassen, obwohl die eine uns das ja versprochen hat.“

„Uhh, das ist doof.“

„Macht nix, die war eh komisch. Wir fahren jetzt zum Sky …“

Gut, kein langer Weg. Aber hey, in so einer Frequenz wären sogar Kurzstrecken ausreichend, um das nötige Geld zu verdienen. Bleibt noch zu erwähnen, dass die Tour der Jungs auch mehr Trinkgeld gab als die Hintour. Manchmal passt für mich auch dann alles, wenn es für die Kunden eher so mittel läuft …

Kürzeste Tour seit langem

Ich treffe manchmal Entscheidungen, die für mich selbst eigentlich nicht clever sind. Also finanziell.

Am Rosenthaler Platz haben mich zwei junge Frauen rangewunken und wollten wissen, wo die nächste Bank sei. Und natürlich nicht die Sparkasse, die mir sofort in den Sinn kam. Ich kann mir Banken nicht merken. Also vor allem nicht, welche jetzt welche war. Schön, dass die beiden so ein Vertrauen in mich hatten, denn eigentlich hatten sie schon in einer App nachgesehen und die spuckte die Commerzbank an der Panoramastraße aus.

Gut, das ist nicht weit. Allerdings blöd anzufahren von dort aus.

(Ihr braucht gar nicht bei Google Maps schauen. Obwohl die Straße im Herzen Berlins liegt – immerhin offizielle Adresse des Fernsehturms – kennt man sie da nicht. Die Commerzbank indes schon. 😉 )

Noch besser aber war, dass ihr eigentliches Fahrtziel die Bergstraße war, kein Kilometer vom jetztigen Standort entfernt, allerdings in die andere Richtung. Nun würde ich schon aus Umverteilungsgründen sagen, dass das Geld bei mir besser aufgehoben ist als bei der Sparkasse, dennoch ist es völliger Humbug, zur Vermeidung von (in dem Fall immer noch gruseligen 5 €) Abhebegebühren für sechs Euro Taxi zu fahren. Außerdem hatte ich echt gehofft, die würden dort auch die 2 € Obergrenze einhalten müssen …

Naja, letztlich hatte ich das Gespann dann nur für zweimal ein paar Sekunden im Auto und trotz Wartezeit vor der Bank (Yeah, 20 Cent!) standen am Ende 4,40 € auf der Uhr. Wer das jetzt für einen schlechten Deal hält, der unterschätzt den Einfluss des Glücks auf das unberechenbare Geschäft. Denn eine Minute später hatte ich bereits eine neue Tour …

Unberechenbarer Job

Zumindest jetzt noch (also vor einem Mindestlohn) ist es in Berlin so, dass Taxifahren nach Umsatz vergütet wird. Es gibt kaum Fahrer, die einen Grundlohn pro Stunde bekommen, einen reinen Stundenlohn gibt es so gut wie nirgends. Das erscheint den meisten Menschen aus anderen Branchen schwierig. Und ja, das ist es natürlich auch. Wir tragen selbst als angestellte Fahrer einen enormen Teil des Unternehmerrisikos und insbesondere in einer Stadt wie Berlin, in der man geradezu dem Glauben erliegen muss, jeder fürs Gewerbe verantwortliche Mensch hätte BSE im Endstadium, bringt es uns Fahrer dazu, uns für Hungerlöhne die Räder plattzustehen.

Auf der anderen Seite ist das nicht alles. Ich hab selbst schon mehrfach erwähnt, dass mir persönlich das Modell ganz gut passt, weil es einen Arbeitsanreiz liefert – und zudem gleicht sich am Ende alles aus.

Das heißt leider nicht, dass wir am Ende gut verdienen. Aber es heißt, dass man auf Wochen-, Monats- oder Quartalssicht doch durchaus auf ein halbwegs planbares Einkommen kommt. Während einer einzelnen Schicht kann einem das aber durchaus die Laune völlig verderben. (Andererseits kann es natürlich bei gutem Verlauf auch echt aufbauend sein!)

Der letzte Samstag war bei mir so ein Tag. Eigentlich hatten die Umsätze nach dem wirklich verheerenden Januar endlich wieder angezogen, aber ich hatte nur Pech. Auf der Straße war immer ein Kollege zwischen mir und den Winkern und am Stand hab ich nur die kurzen Touren abbekommen. Nach entsprechender Wartezeit versteht sich. So stand ich nach ungefähr viereinhalb Stunden bei mageren 32 € Umsatz. Ich rechne das gerne noch einmal durch, dann bleiben nämlich (32,20 / 4,5) * 0,45 = 3,22 € Bruttostundenlohn. Wenn man das am Ende netto betrachtet, helfen nicht einmal die eigentlich nicht schlechten 4,80 € Trinkgeld groß – ich war am Ende einfach bei rund 4 € Stundenlohn gelandet. Puh! Ich hab den Job wirklich gerne, aber ich nutze ihn auch, um meine Miete damit zu bezahlen. Und das lohnt sich nicht. So viel kann man gar nicht arbeiten …

Also hab ich – obwohl mir klar war, dass es sicher noch besser werden würde – beschlossen, Feierabend zu machen. Das ist natürlich rechnerisch unklug, aber ich bin auch nur Mensch und hab meine Laune, und die ist manchmal eben im Keller, sorry.

Eine Tour vom Ostbahnhof wollte ich noch mitnehmen. Und wie zu erwarten war, ging es bloß bis in die Straßmannstraße. 6,00 € Umsatz, und dafür hatte ich eine Dreiviertelstunde gewartet. Aber da kam die Sache mit der Unberechenbarkeit ins Spiel. Hatte ich die Stunden davor so lange an der Halte rumgegammelt, dass ich müde wurde, hatte ich nun auf dem Weg nach Hause Winker. Einmal für 5,50 € wieder in die umgekehrte Richtung. Von dort wieder auf die Heimat gezielt. 500 Meter weit kam ich, dann eine Kurzstrecke Richtung Kreuzberg. Dort hab ich umgedreht, dann bekam ich eine Fahrt nach Neukölln. Ein knapper Zehner. Und dort, keine 50 Meter weiter, ging es dann für ganze 15 € zum Alex nach Mitte. 40 € Umsatz und 4 € Trinkgeld. In einer einzigen Stunde! Stundenlohn zwanzigirgendwas oder so!

Ich bin da leider doof. Ich bin trotzdem heimgefahren. Obwohl es sicher nicht sinnvoll war. Aber trotz netter Fahrgäste war meine Arbeitslust hinüber. Und das ist für mich inzwischen ok. Glücklicherweise.

Allgemein aber gilt im Taxi mehr als anderswo, dass man den Tag nicht vor dem Abend loben sollte und ggf. Durchhaltevermögen braucht. Zumindest jetzt noch.


Der Mindestlohn wird einiges ändern, das kann ich mit Sicherheit sagen. Ich will mich nicht festlegen, ob daran alles positiv sein wird – aber es wird sich einiges ändern …