Zu viel ist dann echt zu viel!

Sie haben mich etwas kompliziert an einer Kreuzung herangewunken. Nicht gänzlich unerwartet, aber für mich blöd zum Halten.

„Servus, woas kost’n dees zum Sisyphos?“

„Naja, machen wir Kurzstrecke, dann sind das 4 € pauschal und gut ist.“

Man ist in einer gut laufenden Nacht ja nett.

Am Ziel angekommen fragte mich der eine der drei Typen:

„Un‘ nu? Gibt’s vielleicht a no sowoas wie an Lehrlings-Roabatt?“

Ich bin nun ja wirklich gutmütig und nicht geldgeil. Und die Lehrlinge waren nett und sympathisch und alles. Ich hab dennoch wie folgt geantwortet:

„Jungs, meiner Großzügigkeit wegen stehen da jetzt 4 € auf der Uhr. Eigentlich hättet Ihr mich nach einer Kurzstrecke fragen müssen, sonst wären das um die sieben. Wenn Euch das nicht reicht, erfinde ich mal eben einen Lehrlings-Zuschlag.“

Gab dann immerhin den ziemlich üblichen Euro Trinkgeld. Geht doch. 🙂

„Fahr nicht so viel!“

Winker, super!

„Fährste mich zur Weichselstraße?“

„Die hier in Friedrichshain?“

„Genau.“

„Na, soll ich dann mal Kurzstrecke probieren?“

„Mach, was Du für richtig hälst!“

Ich hab nicht lang überlegt. Natürlich hatte der Typ die Kurzstrecke nicht explizit verlangt, aber es lief so gut an dem Abend, dass mir die eventuell verlorenen drei Euro egal waren. Und ob es reichen würde, war ja eh noch nicht klar. Am Ende passte es recht gut, also denn:

„Ja, dann sind das vier Euro und fertig!“

„Hier, nimm‘! Passt so. Und fahr‘ nicht so viel heute Nacht!“

Ein Zehner. Wow!

Aber ich hab mir den Rat zu Herzen genommen und Feierabend gemacht, als es mir geldmäßig gereicht hat. Man will es den Kunden ja gerne recht machen. 😉

Tagfahrermomente

Ich hab ja wirklich – und das ist kein Scherz! – einen Heidenrespekt vor den Kollegen, die den Job tagsüber machen. Denn abgesehen von den sozial etwas verträglicheren Arbeitszeiten kann ich darin keinerlei Vorteile erkennen. Der Verkehr macht die Fahrten viel komplizierter und zeitaufwändiger und ich würde wetten, die Kundschaft ist keineswegs einfacher. Sicher, das Bangen ums Ins-Auto-Kotzen entfällt vielleicht, dafür entsteht viel mehr Stress durch Gepäck, kurze Touren, schwierige Haltesituationen, eilige Termine, gestresste Leute etc. pp.
Und dem Hörensagen nach ist am Ende der Verdienst durchschnittlich noch einmal schlechter als in der Nacht.

Gewiss ist das eine Gewohnheitssache. Ich hab ja jahrelang in Stuttgart zur Hauptverkehrszeit Behindertenfahrdienst gemacht, dagegen ist die Berliner Rush-Hour gemütliches Cruisen. Und ich hab’s eigentlich gerne gemacht und mich wenn dann nicht über den Verkehr geärgert.

Nun, warum schreibe ich das? Weil mich neulich tatsächlich so ein bisschen Tagfahrer-Feeling gestreift hat. Nicht nur, dass ich meinen Tagfahrer-Kollegen heimgebracht habe und dann sehr früh (und bei Sonnenschein, ih!) angefangen habe. Nein, ich hatte als erste Tour ausgerechnet eine Fahrt, wie sie bei mir – und natürlich ist das meine Klischeevorstellung! 😉 – irgendwie immer ausdenke, wenn ich an die Arbeit während der Sonnenstunden denke:

An einem Taxistand am Straßenrand fuhr gerade ein Kollege weg, dahinter stand ein älterer Mann und winkte mich heran. Er konnte nur schlecht gehen, ich hielt also möglichst passend vor ihm. Noch bevor er einstieg, begann er zu fluchen:

„Haben Sie das gesehen? HABEN SIE DAS GESEHEN?“

„Was denn?“

„Da hat der mir das Taxi weggeschnappt! Dieser Junge Schnösel! Und der Fahrer nimmt den auch noch mit!“

Jetzt aber, glücklich mit eigenem Taxifahrer, beruhigte er sich schnell wieder. Er sagte eine Zieladresse an, für die er wirklich an eine seltsam doofe Ecke gewatschelt war. Also klar, zum Taxistand. Aber 50 Meter vorher hätte er zumindest besser einen der durchaus zahlreich anzutreffenden Kollegen ranwinken können. Er hätte allerdings auch eine Kurzstrecke verlangen können und das hat er auch nicht.

Die eigentlich nur zwei Minuten Fahrt wurden verhältnismäßig kompliziert, damit länger und waren vollständig von seiner medizinischen Geschichte bestimmt. Eine Leistenbruch-OP hätte er bald und er überlege, ob er das wirklich machen sollte. Über die Zahl solcher Eingriffe und der Komplikationen wusste er bestens Bescheid, aber er musste das jetzt loswerden und wollte – natürlich, man nenne mir mal bessere Experten! – einen Rat von mir als Taxifahrer.

„Gut, Sie sind ja nun ooch noch nicht janz so alt wie ich, keine Ahnung, ob sie da eine Meinung haben …“

„Naja, ich hatte immerhin schon eine Leistenbruch-OP.“

„WAS SIE NICHT SAGEN!“

Ihr seht: Ich bin auch für Rentner-Smalltalk bestens gerüstet! 😉

Und dann stand ich wirklich zum Sonnenuntergang am Ende noch 5 Minuten vor der Haustür meines 76-jährigen Kunden und hab mich mit ihm über Schmerzen in den Hoden unterhalten. Und wisst Ihr, was? Es war eigentlich mal eine ganz nette Abwechslung. Und er war danach sichtlich hoffnungsvoller:

„Na wenn dit schon vor 20 Jahren nur eine kleine Sache war, dann glaub ick mein‘ Arzt da besser mal, wa?“

Gut, wirklich neiden werde ich den Tagfahrern diese Kundschaft jetzt nicht unbedingt. Auf der anderen Seite hat mir die Tour am Ende auch gute 2 € Trinkgeld gebracht und das Gefühl, dass unser Job nicht umsonst ist. Und meistens reicht das ja schon, um die Arbeit zumindest mal ok zu finden.

Rosinenpicker

Ein „Kollege“ mit Bus heute Nacht am Sisyphos lehnte eine kurze Großraumtour mit 6 Leuten zum Ostkreuz ab. Das wären 9,80 € Umsatz für 10 Minuten (!) Warten, 4 Minuten Arbeit und 3 Minuten Rückweg. Das heißt: Hätte der arme Fahrer den ganzen Abend nur solche „schlechten“ Fahrten an diesem Club gefahren, hätte  er über 30 € Stundenumsatz und einen Kilometerschnitt von mehr als 2 € gehabt.

Wenn man sowas noch ablehnt, weil’s zu mies ist, muss das Geschäft aber eigentlich so gut laufen, dass man andersrum gefälligst auch mal eine kurze Fahrt annehmen sollte. Schätze, alle Logik weist darauf hin, dass der Kollege entweder ein Idiot oder ein noch viel größerer Idiot ist. -.-

Ich hab mich über die Tour gefreut, und Umsatz und Schnitt waren blendend gestern.

Momente …

Winker in der Torstraße. Ging nur zwei Kilometer die Schönhauser hoch …

„Und, hatten Sie einen guten Abend?“

„Ja ja, toller Abend!“

„Uh, das klingt nicht so begeistert …“

„Doch. Also ich fand den Abend toll. Bis auf diesen einen Moment.“

„Moment?“

„Ja, es gibt so Momente. Aber die muss man wegtrinken.“

0.o

Wertschätzung

Mein Chef hat mal gesagt, wir müssten der Kundschaft zeigen, dass es das wert ist, dass sie bei uns das zigfache eines Straßenbahntickets hinblättern für die selbe Fahrt. Was natürlich schwierig ist, wenn die Fahrgäste gleich mit dem Preis ins Haus fallen. In dem Fall ist die Kundschaft eher aus dem Haus – dem Sisyphos – ins Taxi gefallen. Und sagte:

„Machste auch Kurzstrecke zum Ostkreuz?“

Ihr wisst, dass ich das vom Stand aus nicht tue. Auch nicht von improvisierten Ständen nachts vor Veranstaltungen. Im Gegensatz zu Kollegen, die außer einem „Verfatz‘ da!“ nix dazu zu sagen haben, liegt mir jedoch etwas daran, dass die Kunden das verstehen. Es ist ja auch nicht schwer: Die Kurzstrecke ist ein vergünstigter Tarif, den wir dafür gewähren, dass wir für die Tour keine Wartezeit oder Anfahrtskosten auf uns nehmen mussten. Ich hab mir da schon „Fick Dich!“ anhören dürfen, bin der Lüge bezichtigt worden, was Menschen halt so machen, wenn sie mal eben 3 € sparen wollen. In dem Fall war es glücklicherweise anders.

„Nein, tut mir leid. Nicht vom Stand, ich hab ja nun schon auf die Fahrt gewartet.“

„Was macht das dann?“

„Genau 6,80 €. Ist bei der Strecke ungünstig, ich weiß. Aber …“

„Ach, dafür bist Du ja auch ein netter Fahrer. Is‘ schon ok.“

Ich hab dann noch erfahren, dass der nette Kollege auf dem Hinweg, obwohl rangewunken, die ganze Zeit nur gemeckert hätte. Gut, da musste ich offensichtlich nicht viel tun, um positiv aufzufallen.

„Weisste, is‘ ja eigentlich entspannt. Ihr müsst auch von was leben, also machste auf jeden Fall mal 8 €, ok?“

Vier oder fünf ehrliche, freundliche Sätze. Und plötzlich war die nervige Taxifahrt eine angenehme, die mal eben 60 bis 100% mehr Geld wert war.

Ja, ich hatte auch schon Idioten im Auto, die die Diskussion nicht wert waren. Aber bevor ich mir solche Kunden wie oben vergraule, traue ich mich doch tatsächlich, auch mal ein Lächeln aufzusetzen.

Wenn Unperfektsein hilft …

So wirklich super war die Tour nicht. Die Winker stiegen ein und meinten:

„Ist nicht weit. Sie können das nach Kurzstreckentarif machen …“

„Sie können“ ist schwierig formuliert. Ich muss. Wenn die Kunden es wünschen. Im Grunde verdiene ich am Normaltarif aber natürlich etwas mehr. Wenn ich mich einfach so egoistisch verhalten würde, würde ich wohl nie Kurzstrecke freiwillig reindrücken.

Aber so bin ich ja nicht und ich hab es einfach mal als Wunsch der Kundschaft interpretiert. Und war kurz darauf froh darum. Denn ich hatte keinen blassen Schimmer, als sie mir den Straßennamen sagten. Gut, sie war auch nicht sonderlich groß oder überragend wichtig, aber ich hatte zu viel mit dem Verkehr zu tun, um mal schnell nebenher das Navi zu programmieren. Bei langen Fahrten ist das einfacher. Die Stadtteile, die die Kunden nennen könnten, hab ich vollständig im Kopf, sind ja nicht mal hundert. Da hat man auf dem Weg die Zeit, mehr rauszufinden, das Navi einzustellen oder zu erkennen, ob die Kunden im Grunde total gerne selbst den Weg erklären.

(Manche sind echt geradezu niedlich stolz, wenn sie Taxifahrern den Weg weisen können, das ist total lustig.)

Aber hier sollte es innerhalb Tempelhofs bleiben und im Grunde hätte ja jede Straße die sein können, in die ich abbiegen muss. Also hab ich mich in meiner ganzen Ahnungslosigkeit outen müssen. Und noch dazu bei Kunden, die ich noch keine 20 Sekunden kannte und die sofort untereinander zu reden begonnen hatten. Das ist soweit natürlich ein Teil meines Alltags, über den ich nicht die Story vom Pferd erzählen müsste. Auf der anderen Seite sind das auch die Sekunden, in denen Kunden darüber entscheiden, ob der Taxifahrer gut, ok oder doof ist. Und letzteres riskiere ich ungern.

Die Kundschaft war schon älter, ich schätze, sie waren verheiratet. Er wies mir den Weg, aber unsere Kommunikation war holprig. Da hinten dann links, nicht hier, nein dort, warten Sie, nein nein nein!

Ich hab mir auf die Lippen gebissen, weil mir klar war, dass ich überhaupt keinen guten Eindruck machte. Auch wenn niemand irgendwas böses sagte, freute ich mich einfach auf das Ende der Fahrt. Wahrscheinlich würden wir uns nie wieder sehen und sie mich vergessen. Hoffentlich!

Die Zielanfahrt wurde dann durch das aufdringliche Piepen des Taxameters unterbrochen. „Ende der Kurzstrecke!“ mahnte es und ich drückte ungefähr 50 Meter vor der Bushaltestelle, an der ich sie rauslassen sollte, auf Kasse. Bei vier Euro und den 40-Cent-Intervallen seit der letzten Tariferhöhung wären das mal eben 10 bis 20% obenauf gewesen und da wollte ich schon wegen meines etwas peinlichen Rumsuchens kein Aufheben machen. Auch wenn ich die Kurzstrecke dieses Mal freiwillig genommen hatte.

Und auch wenn das immer als nette Geste aufgefasst wird, war ich in diesem Fall einfach froh, am Ziel zu sein.

Nun sind Kunden aber ein seltsames Völkchen und teilen nicht immer irgendwelche hintergründigen Sorgen des Taxifahrers. Das habe ich beim Bezahlen gemerkt. Die bisher stille Dame im Fond reichte mir einen Zwanziger nach vorne und sagte, während sie kurz zwinkerte:

„Machen sie bitte zehn.“

Verstehen muss ich das zwar nicht, aber ich denke, Freuen ist ausdrücklich erlaubt. 🙂