Ich bin gerne mal Spielverderber. Also gerne, nun ja, das vielleicht nicht – aber zu manchen Themen reisse ich gerne mal’s Maul auf und nerve damit offenbar einige. Und das, sieh an, scheint nicht so sinnlos zu sein. Wer mich seit mehr als einer Woche kennt, weiß, dass ich mit Ausländerfeindlichkeit oder gar Rassismus auf Kriegsfuß stehe. Das ist glücklicherweise inzwischen konsensfähig. Aber wenn ich dann doch mal wieder bei „harmlosen kleinen Scherzen“ sage, dass sie nicht lustig sind, stehe ich schnell wieder als spießiger Deutscher da, der sich über Dinge aufregt, die ja sonst niemanden stören. Oder so ähnlich.
Nun hatte ich neulich einen Fahrgast. Einen geradezu klassischen: vom Berghain ging’s nach Schöneberg. Er war kein Deutscher, versuchte sich aber tapfer an der Sprache. Und auf Realschulniveau war er dabei durchaus schon. Über die Frage woher er so gut Deutsch könne, kamen wir ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er Pole war. Und ja, nicht das erste Mal in Berlin. Zwar nicht so oft, wie er gerne würde, aber zumindest einmal im Jahr blieben ihm ein paar Tage zum Feiern und zum Urlaubmachen in dieser Stadt. Wie selbst die meisten Eintagstouristen lobte er die Stimmung und die Freiheit hier und bedauerte wie eingangs erwähnt nicht öfter hier zu sein.
Ein eigentlich harmloses Gespräch über nix und wieder nix. Schon gar nicht politisch.
Sollte man meinen.
Dann aber – durchaus auch zu meiner Überraschung – sagte er mir, wie sehr er sich über den Wandel Berlins freue. Ich war angemessen irritiert, schließlich hat unsere Hauptstadt genügend Probleme. Aber er fügte an:
„Weißt Du, als ich das erste Mal hier war – vor 7 Jahren oder so – da hat, wenn ich gesagt hab, dass ich aus Polen komme, wirklich jeder diesen blöden Witz gebracht: ‚Komm nach Polen, dein Auto ist schon da!‘. Heute interessiert das keinen mehr und das macht es mir echt leichter, hier zu feiern.“
Und mal ehrlich: das kann man sich schon vorstellen, oder? Aber viele drehen das ja auch noch gegen einen und schimpfen im Gegenzug auf „die anderen“, die das „ja auch machen“. Doch auch da muss ich nach der Fahrt sagen: das ist keine Einbahnstraße:
„Ich mein, ja, viele Polen haben immer noch was gegen Deutsche. Hab ich nie verstanden und regt mich auch auf. Immer wenn mir irgendein Freund was über ‚Scheiß-Deutsche‘ erzählt, dann werde ich wütend und sage ihm, wie toll es hier ist und wie nett die Deutschen zu mir sind. Seitdem sind auch zwei Freunde von mir öfter mal hier und finden’s voll toll.“
Während der 20 Minuten Fahrt sind wir noch wesentlich weiter gekommen. Aufarbeitung des Holocaust, Europäische Union etc. pp. Da sage noch einmal wer, dass es im Taxi immer bei Smalltalk bleiben muss!
Leider werden auch nach dieser Geschichte nicht alle meiner Meinung sein bei dem Thema. Aber ich frage mich ernsthaft, wie man die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft besser greifbar machen kann als durch ein fast schon freundschaftliches Gespräch zwischen zwei Menschen, deren Großeltern sich noch gegenseitig bekriegt haben. Und dennoch sind es selbst die kleinen „harmlosen Witze“, die „man ja schon immer gemacht hat“, die das ausbremsen. Und deswegen bin ich gerne Spielverderber. Nicht, weil ich keinen Spaß verstehe, sondern weil ich Spaß auch gerne mit Menschen anderer Herkunft habe!

Und nur so nebenbei: fast 4 € Trinkgeld.