Erfreuliche Feierabendwendungen

Die Schicht heute war – bei mir – nicht so dolle. Also hab ich irgendwann das Auto einfach abgestellt, obwohl ich vom Wunschumsatz noch ein Stückchen weg war. Der Monat ist noch jung, das hole ich wieder rein! Und als ich da nun vor der Firma stehe und mich auf den Weg zur Bahn machen will, hält neben mir ein Auto und die Seitenscheibe geht runter. Ach ja, irgendwer will wissen, wo er hin muss … man gewöhnt sich als Taxifahrer daran, nebenberuflich die Auskunft zu sein.

Stattdessen aber war’s ein Kollege, der hier auch in einigen Bloggeschichten schon vorgekommen ist. Vor zwei Stunden hatten wir uns noch am Stand gesehen, nun fragte er aus seiner Privatschüssel raus, wann  meine Bahn kommt.

„In 20 Minuten.“

„Na komm, steig ein!“

Mal eben die Heimfahrt von  eineinviertel Stunden auf 15 Minuten verkürzt. Es ist schon verdammt hilfreich, Taxifahrer zu kennen. 😉

PS: Das ist natürlich ein Geben und Nehmen. Ist nicht so, dass er noch nie in meinem Auto saß oder ich mich nicht schon mal selbst als zahlenden Fahrgast an ihn vermittelt hätte. Die Welt ist bekanntlich ein Dorf und eine Hand wäscht die andere.

Der Ton macht die Musik

Wir Taxifahrer sind wie alle anderen Menschen natürlich auch schnell bei der Hand mit Schubladen, in die wir die Fahrgäste stecken. Wie gesagt: Wie alle anderen Menschen auch. Das macht die Sache nicht besser oder schlechter, aber natürlich versuchen wir – ja, wir müssen das als Dienstleister auch versuchen – die Menschen irgendwie einzuschätzen, die uns spontan ins Auto fallen.

Und ja, was denkt man sich schon, wenn zwei junge und angetrunkene Kerle einem im Herzen Neuköllns vor den (bei mir nur imaginären) Mercedesstern rennen und „Digger, Digger, fahr mal Alex!“ rufen?

Mal ganz ehrlich: Selbst ich rechne da mit einer eher stressigen Fahrt. Und ja, das kommt vor. Das kann schon mal in Preisfeilscherei oder dummes Rumgeprolle ausarten, bei dem man am Ende froh ist, dass man halbwegs seine Kohle bekommen hat. Das Entscheidende ist in meinen Augen das, was uns oft bei der Preisansage das Leben schwer macht: In Wirklichkeit macht man eher selten die selbe Tour zweimal kurz hintereinander, man kann das mitunter nur schwer einschätzen.

Aber die zwei waren nun schon so die Oberchecker-Super-Hardcore-Gangster, wenn man sie mal in Augenschein genommen hätte. Noch besser: Während der Fahrt wurde außerdem klar, dass sie im Taxi saßen, weil der eine von ihnen eine ansehnliche Summe in einem Automatencasino gewonnen hatte und sie von dem Geld Drogen kaufen wollten. Bei aller Faszination für andere Milieus wäre das Wort „seriös“ das letzte, was ich für die beiden verwendet hätte.

Wenn mich aber jemand fragen würde, wer die besten Kunden der letzten zwei Monate waren, dann würde ich mit dem Finger auf die beiden zeigen und sagen:

„Die da – mit weitem Abstand!“

Als sich der eine erkundigte, wie es in der Schicht so laufen würde, hab ich noch alle Überfalls-Präventions-Reflexe beisammen gehabt und gelogen, dass ich noch nicht lange unterwegs sei, also noch kaum Umsatz gemacht hätte. Zwei Kilometer weiter sah das Ganze schon komplett anders aus. Der eine interessierte sich dafür, wie wir Taxifahrer so arbeiten, wie das so wäre mit dem Job, ob das nun eher Sklaverei oder Freiheit sei. Der andere hatte inzwischen in Erfahrung gebracht, dass ich in Marzahn wohne, und versorgte mich mit geschichtlichen Infos zum Stadtteil, in dem er seine Kindheit verbracht hatte.

Und nebenbei beschlossen sie dann, dass es eigentlich ziemlich cool wäre, mit mir nach „dem Deal“ auch wieder zurückzufahren. Dass die Uhr dabei weiterläuft sei natürlich kein Problem. Vor Ort – wo es schwer war, den Typen zu finden, den sie treffen wollten – ist sogar immer einer im Auto geblieben, „nicht, dasste denkst, wir hau’n ab, Digger!“.

Sie haben beide verständnisvoll akzeptiert, dass ich nicht gegen Abbiegeverbote verstoßen darf und darüber gelacht, als ich an eine Einbahnstraße auf dem Weg nicht gedacht hatte und einen kleinen Umweg fahren musste. Sie haben mich gelobt, ganz ehrlich.

„Ach, Digger, besser mit Dir rumcruisen als mit einem, der wo nicht mal mit uns spricht, echt jetzt, Digger!“

Am Ende hat die Fahrt ziemlich genau 30 € gebracht, das kriegt man innerstädtisch ja nur selten hin. Und anstatt sich zu beschweren, zu seufzen oder dergleichen haben sie die Tour mit 35 € bezahlt und zuvor noch verschwörerisch gefragt:

„Aber das Trinkgeld geht auch wirklich an Dich, oder?“

Sicher: Bei solchen Typen springt nicht immer eine solche Tour raus.
Andererseits möchte ich zu bedenken geben: Extrem stressige Fahrten verblogge ich auch immer. Also viel Spaß beim Suchen! 🙂

Gesprächsführung …

„Zur Warschauer. Was wird das kosten?“

„Zur S-Bahn? Knapp über Kurzstrecke, acht Euro vielleicht.“

„Alles klar.“

…

„… und dann fahr ich zum Flughafen Schönefeld.“

„Mit der S-Bahn?“

„Ja nee, nicht um die Uhrzeit. Erst mit der U12, dann die U8 und dann irgendein Bus …“

„Klingt ja nach der schlimmstmöglichen Verbindung. Wie lange dauert das?“

„Naja, eine Stunde. Da fällt mir ein: Wie viel würde es denn kosten, wenn Sie mich zum Flughafen fahren?“

Und an der Stelle war die Sache schon komplikationslos eingetütet. Da lüge dann aber sogar ich:

„Hey, DAS war jetzt aber nicht meine Intention …“ 😉

War am Ende eine nette Fahrt, wir haben uns gut unterhalten, der Fahrgast war superfroh, noch eine halbe Stunde Zeit zu haben („Weißte, ich fahr ja fast nie Taxi …“) und am Ende werden die 30 € Mehrkosten zum ursprünglichen Plan seinen zweiwöchigen Ägypten-Aufenthalt sicher nicht über die Maßen teurer gemacht haben. Passt doch. 🙂

Fahrgastlyrik: Wie Alkohol aggressiv macht

„Hasses ja sicher auch nich leicht mit all die Besoffene, wa?“

„Ach, geht eigentlich. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber sonst …“

„Naja, mi’n Alkohol und aggressiv is ja so … also so sag ick immer: Is ja, wenn de hier paar Bierchen hast und dann janz jut dabei bist, ick sag jetz‘ mal auf’n Konzert. Konzert, ne! Haste also Alkohol, ist die Band gut, gehste so ab so, ja. Sag ick jetz‘ ma‘ Metal. Da gehste ab, machste Circle Pit, keine Ahnung. Wenn de aggro bis‘, also jetz‘ nich so total aber bisschen, dann is‘ ja och eher so weil Du bis‘ ja da. Nicht jut, schon klar. Aber is‘, wejen de Alkohol, dann ist klar, verstehste, oder?“

„Ähm … ehrlich gesagt weiß ich gerade nicht so recht …“

„Ja, ick bin ja och hinüber. Is klar, ne?“

Ja. Ein bisschen. Er war allerdings nicht aggressiv. Ging also schon in Ordnung. 😉

Aussterbende Auftragstypen

Wie der Kleinwagen da so langsam von rechts auf meine Spur eierte, während meine Ampel mir schon freie Fahrt signalisiert hatte, dachte ich mir etwas genervt:

„Na, das war jetzt aber auch nicht mehr wirklich grün bei Dir, was?“

Aber gut, ich reihte mich auf der Auffahrt zur Elsenbrücke hinter dem ausländischen Kleinwagen ein. Kurz darauf hab ich dann allerdings zum Überholen angesetzt, da ich, trotz guter Laune, an einem Sonntagmorgen um 4 Uhr kein Interesse hatte, herauszufinden, ob man eine freie dreispurige 50-km/h-Strecke mit noch weniger als 35 km/h befahren kann. Aber natürlich hatte ich am Ende der Brücke schon lange die Grünphase in Richtung Rummelsburg verpasst. Gna!

Und dann stellte sich der Kleinwagen äußerst verkehrsungerecht neben mir auf die Linksabbiegerspur und hupte. Die Frau hinterm Steuer wollte mir was erklären – und während ich zu diesem Zwecke die Scheibe herunterließ, stieg sie einfach aus und kam rüber. Das tun zu können ist natürlich ein weiterer Vorteil der Uhrzeit. 🙂

Ihr Problem war simpel: Sie wusste nicht, wie sie genau an ihr Ziel kommen sollte und sie bat mich um eine Lotsenfahrt. Ob ich sie zur Rigaer Straße begleiten könne?

Na, nichts leichter als das!

Zugegeben: Ich bin sogar einen Umweg gefahren, weil mir die Hausnummer nicht gleich was gesagt hat. Aber den Hauptstraßen zu folgen und die Kundin nicht im Wirrwarr der Einbahnstraßen im Boxhagener Kiez zu verlieren war schon eine gute Idee. Am Ende war der Zehner für sie und mich ein prima Deal, zumindest kam sie aus dem Danken kaum noch heraus.

Ja, bald werden Navis und vor allem Smartphones diesen Fahrttypus völlig verdrängt haben. Völlig zu Recht, es ist schließlich bescheuert, mit zwei Autos irgendwohin zu fahren, wo eines gereicht hätte. Aber bis dahin nehme ich das gerne mit. Mit Fremden im Konvoi zu fahren ist dabei ja keineswegs wirklich stressfreier als mit Kunden an Bord, eher im Gegenteil. Aber es hat halt dann doch einen ganz eigenen Charme.

Sash, 33, nicht gut im Schlussmachen.

Ich bin heute nacht rausgefahren, obwohl ich noch einen gelben Schein habe. Ich war weitgehend fit, wollte arbeiten, brauchte Geld, diese Geschichten. Aber ich hab mir gesagt:

„8 Stunden. Mehr nicht. Egal, wie’s läuft, mach zwischendrin eine Pause und fahr pünktlich zurück! Muss auch mal sein.“

Und das hab ich geglaubt.

Zunächst hab ich natürlich kurz vor Feierabend eine absurd lange Tour völlig entgegen meiner Richtung bekommen. In Schöneweide, drei Kilometer entfernt, hätte ich das Auto in 30 Minuten abstellen können – und kriegte Kundschaft, die über Friedrichsfelde bis nach Charlottenburg wollte. Und dort diffundierten während des Bezahlvorgangs bereits die nächsten rein, die nochmal 4 Kilometer weit gen Westen wollten.

Aber gut. Ich hatte die 8 Stunden, also Fackel aus, Autobahn und am Ende kurz vor dem Ziel noch zur Tanke. Läuft!

Die Tanke liegt anderthalb Kilometer von der Firma weg – aber auf der Ausfahrt winkte mich einer ran. Obwohl ich schon die Fackel aus, das Navi demontiert und mein Zeug weitgehend eingepackt hatte. Aber ich kann halt nicht anders. Obwohl, immerhin ein bisschen:

„Moin.“

„Moin.“

„Ich sag’s gleich. Ich bin eigentlich nicht mehr im Dienst. Aber wenn’s nicht weit ist …“

„Ähm, XY-Straße?“

„Wo ist das, Johannisthal?“

„Genau.“

„OK, das kriegen wir hin.“

War natürlich ein Umweg. Aber: Er ehrlich gesagt gefühlt nicht arg viel länger als wenn ich mich an die rechtlichen Vorschriften zum Wenden vor der Firma gehalten hätte. Für drei Minuten mehr Arbeitszeit sind 8,30 € dann doch ein guter Ausgleich. 😀

Aber ja: Das mit dem Feierabend muss ich auch nach bald 7 Jahren immer noch üben …

Winker. Solche und solche.

Es war schön, an der Grenze zur Marzahn gleich einen Winker in Richtung Innenstadt zu bekommen. Ein freundlicher Typ um die 40.

„Weißensee, Albertinenstraße. Passt da ein Zehner?“

„Nee, das sind sicher mindestens 15 €, eher mehr.“

„Und, machste ’n Zehner?“

„Äh … nein?“

„Na jut, dann tschüss!“

Ähm, danke. Wie … nett.

Keine 100 Meter weiter winkte es auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Verständigung mit diesem Winker war viel schwieriger. Er konnte kein Deutsch, mir ist nebenbei das Navi abgeschmiert, eine mittlere Katastrophe. Aber er, ein Asiate in meinem Alter blieb locker und grinste und hatte kein Problem damit, dass ich mir erstmal einen Wolf googeln musste, bloß um am Ende festzustellen, dass die Straße wie fast erwartet unweit meiner Haustüre lag. Die Tour war locker 2 Kilometer kürzer als die von dem anderen Winker und brachte genau 13,50 € auf die Uhr. Und bekommen hab ich 16.

Und wieder einmal: Alles richtig gemacht. Alles richtig gemacht … 🙂