Menschenversteher

Eine schöne Tour hatte ich, ein Stückchen auswärts habe ich gar nicht darauf gehofft, in dieser verregneten Nacht noch Kunden zu finden.

Aber wow! Mitten auf der Einflugschneise gen City winkte ein junger Mann. Er ist eingestiegen, hat sein sehr zentral gelegenes Fahrtziel genannt und los ging es. Der Kilometerschnitt würde sensationell werden an diesem Abend*.

Mein Kunde war mir auf den ersten Blick nicht sonderlich sympathisch. Er war höchstens Mitte Zwanzig, sprach Deutsch mit starkem Akzent und hatte optisch ein bisschen was vom typischen Möchtegern-Ghettobewohner, der sich in der Freizeit Reime für weibliche Genitalien ausdenkt, um darüber zu rappen.

Ich war also noch etwas skeptisch, als er mich fragte, wie die Nacht bisher laufe. Laut meinen Chefs ist das ja DIE Einstiegsfrage für Konversationen im Taxi, ich höre sie tatsächlich meist nicht öfter als ein oder zweimal die Woche.

Im Laufe des Gesprächs überhörte ich aber mit der Zeit die ganzen „isch“ und „disch“, die man gemeinhin auch mal fälschlicherweise für mangelnde Bildung hält. Nachdem er ein paar Dinge übers Taxifahren hören wollte, ging er dazu über, von seinem Job zu erzählen. Er fährt auch viel durch die Stadt, er ist im Kundendienst für ein großes Unternehmen. Er erzählt mir davon, wie er nach seiner handwerklichen Ausbildung zunächst „auf Baustelle“ gearbeitet hat, und ihm das aber gar nicht gelegen sei. Jetzt, da er mit den ganzen Kunden zu tun hätte und direkt vor Ort Probleme lösen könne, sei das perfekt. Ja, die Kunden erwarten generell zu viel und auch, dass er Wunder vollbringe, wo es manchmal nicht geht, und Stress gab es schon auch mal, aber wichtig sei eben, dass man die Menschen versteht.

Und dienstleistertypisch war auch das Trinkgeld: 3,2o €.

Ich frage mich ja gelegentlich, wenn ich einen Blick durch die Stadt werfe, der an allerlei unsozialem Verhalten und an an Größenwahn grenzendem Egoismus hängenbleibt, wie das da draussen eigentlich funktioniert. Wahrscheinlich durch einen Haufen Leute, in denen ich mich täusche…

* wurde er wirklich: 0,8 gefahrene Kilometer pro Euro. Normal sind bei mir 0,95 bis 1,05.

So eine Art Lesertreffen

Manchmal ist es einfach schön, nicht nur Taxi zu fahren, sondern auch darüber zu bloggen. Zum einen weiss ich den gepflegten Meinungsaustausch (und der ist hier wirklich meistens relativ gepflegt) zu schätzen, zum anderen ergeben sich eben auch Dinge, die dem Nichtblogger schlicht nicht passieren.

Ich hab vor einiger Zeit eine Mail von Christian bekommen, der sich noch im anderen Blog in ein paar Kommentaren als „Schlipsträger“ geoutet hat, und damals in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt Interesse an meiner laienhaften Prozessbeschreibung bekundet hat. Er benötigte ein Taxi, und die Fahrt fiel – selten genug, dass das vorkommt – in meine Arbeitszeit.

Naja, nicht ganz – denn eigentlich mache ich am Sonntag Abend, bzw. Montag Morgen frei.

Aber zum einen war es eine durchaus sehenswerte Tour (vom Tierpark zum Flughafen), zum anderen reizte es mich auch, einmal mehr einen Leser persönlich kennenzulernen. Ein Interesse, das auf der anderen Seite offenbar genauso existierte.

Kurzum: Ich hab gestern früh, als ich eigentlich frei hatte, noch kurz die rund 90 Pferde in meinem Opel gesattelt, um eigentlich das erste Mal in meinem Leben einen Anwalt privat zu treffen – und nebenbei Geld zu verdienen, so ehrlich muss ich sein!

Ich bin mehr als zu früh am Hotel aufgeschlagen, was sich aber auch nicht als Fehler erwies, da auch mein Fahrgast seine Unterkunft eine Viertelstunde früher als angegeben verließ. Akademisches Viertel mal andersrum 🙂

Glücklicherweise haben wir uns auf Anhieb erkannt und konnten uns ohne Peinlichkeiten direkt plaudernderweise in den Verkehr stürzen. Die Fahrt durch den langsam aufkommenden Verkehr dauerte zwar fast eine halbe Stunde, war aber letztlich viel zu kurz. Ich denke, diese Einschätzung teilen wir beide. Auch wenn keine Sekunde Stille im Auto geherrscht hat, bin ich mir sicher, dass wir uns gegenseitig noch einiges über unsere jeweiligen Berufe, das Bloggen und einiges mehr zu sagen gehabt hätten. Ich kann somit das „Gerne wieder“ nur einmal mehr zurückgeben. Es war eine angenehme und interessante Fahrt. Und in der Hoffnung, nur halb so indiskret zu sein, wie ich durch meine Nachfrage angekündigt habe, möchte ich die Höhe des Trinkgeldes nicht nennen, stelle aber für meine Leser klar, dass es sich um das höchste jemals von einer nüchternen Person gegebene handelte.

Zu guter Letzt noch ein Beispiel aus der nie niedergeschriebenen Reihe „Formulierungen, die mein Bloggerherz mit Stolz erfüllen und mir fast schon unangenehm peinlich sind“:

„Es ist mir ja geradezu eine Ehre, jetzt in dem Taxi zu sitzen, von dem ich sonst immer nur lese.“

So, und wer mal in der Hamburger Umgebung einen Anwalt braucht, der kann sich ja mal Christians Homepage und seinen Blog anschauen.

Halte des Grauens

Neulich hat mich Aro am Ostbahnhof besucht. Wir haben uns gegenseitig unser Leid geklagt, und er hat insbesondere festgestellt, dass er die Tage nur Pech hatte dort. Ich kenne ja diese Fahrten.

„Einmal zum schlesischen Tor bitte!“

„Ich hab’s auch nicht weit. Also die Grünberger…“

„Würden sie uns nur kurz zum Berghain…?“

Schön, wenn es auch mal anders geht. Gestern, in einer einzigen Schicht:

„Wo soll es hingehen?“

„Potsdam.“

…und ähnlich nett:

„Bringste uns nach Bernau? Wieviel kostet das?“

„Muss ich kurz…“

„Hinfahrt hat 35 gekostet. Machen wir 40, n‘ Zehner für jeden und gut is?“

So sind die 200 in 8 Stunden dann auch kein Problem mehr 😉

Tuff tuff tuff, wir fahren in den… HOSTEL!!!

Besser spät als nie…

Manchmal wird es ganz eng mit der Ortskenntnis. So zum Beispiel bei den vielen Touris die gerne möglichst billig „Spaß haben“ wollen. Nicht einmal absichtlich, aber ich kenne natürlich schlicht nicht alle Preise. Und vor allem entzieht es sich oft genug meiner Kenntnis, wie billig „billig“ ist. So gesehen gab es gestern zwei Leute, die einiges gelernt haben.

Begonnen hat alles am Matrix. Er wollte zu seinem Hostel, nur ein paar Straßen weiter. Die ganz besonders unterdurchschnittliche Tour. Davor aber wollte er gerne irgendwas, für das ihm kein Verb auf Deutsch eingefallen ist, was die Sache wesentlich erleichtert hat. Schließlich ist er letztlich schon bei einem Substantiv gelandet, bei dessen konsequenter Anwendung im Rahmen eines längeren Aufenthaltes er sicher ernste Probleme bekommen hätte. Mein böses Ich findet den Gedanken aber immer noch reizvoll, wie er ein „Frauenhaus“ aufsucht, um käuflichen Sex zu finden.

Naja, Spaß beiseite. Ich hab ihm ein Etablissement in relativ geringer Entfernung vorgeschlagen, das mir als nicht allzu teuer in Erinnerung war. Er war einverstanden und wir sind losgefahren. Bevor das Taxameter den ersten Sprung auf 3,40 € machen konnte, musste ich aber wieder anhalten, weil Freunde auf der Straße standen und er dann doch lieber mit denen um die Häuser ziehen würde. Glaubt mir, da kam ich mir ein wenig verarscht vor. Bei 3,20 € ohne Trinkgeld… Aber es stellte sich (für mich glücklicherweise) heraus, dass die ganze Bande eigentlich auch nur ins Bett wollte, und ihm das ja nicht ganz so gelegen kam. Also ab zum Puff! Und als wir davor standen, vereinbarten wir, dass ich warte, falls es nicht den Vorstellungen entsprechen sollte. Und tatsächlich: Bei den letztlich 8 € blieb es nicht.

80 € wollten die dort haben, das wäre wirklich wahnsinnig teuer. Hmm, naja, ein Laden etwas weiter weg ist mir noch eingefallen. Ob der jetzt aber soo viel billiger ist?

Egal, auf dahin! Unterwegs hat er mir dann erzählt, dass er gestern mit einem Bekannten in einem Laden war, da hätten sie 35 € bezahlt, und nett und sauber sei es auch gewesen…

Wow! Da kam ich mir als Taxifahrer plötzlich vernünftig bezahlt vor. Der nächste Laden lag rund 11 € weiter, und auch dort zahlte er zunächst, um eine kurze Unterredung mit der Dame vor der Tür später wieder im Auto zu sitzen. 55 €… noch zu happig!

Daraufhin hab ich ihm mein Handy geliehen, damit er mit seinem Kumpel telefonieren kann, um herauszufinden, wo der grandiose Puff von letzter Nacht genau ist. Dafür hab ich im Gegenzug doch eine neue Fahrt gestartet und nicht weitergedrückt. Fairer Deal, würde ich sagen.

Dass er ins gleiche Netz telefoniert, was für mich letztlich kostenlos ist… naja. Nehmen wir es mal als Glückstreffer. Ist mein Handy halt teurer zu mieten als ich es bin 🙂

Ja, einiges betrunkenes Kumpelgeschrei später hat der Freund zwar nicht die ominöse Adresse rausgerückt, aber vereinbart, dass sie sich in 20 Minuten am Hostel treffen. 9,60 € später standen wir dann wieder da, und bei aller guter Laune im Auto war ich etwas irritiert, als er mir zum Ende der Unterredung mitteilte, er hätte nur noch ein halbes Jahr zu leben. Aha? Krass, aber irgendwie unpassend…

Die Moral von der Geschichte war, dass er fast 30 € im Taxi hat liegen lassen, was mich in der Nacht ziemlich gerettet hat. Seinen Puff hat er auch noch gefunden, zudem hat er jetzt noch ein Treffen mit seinem Kumpel, das er sonst wohl nicht gehabt hätte. Ich hab ein paar neue Bordellpreise abgespeichert und durch Zufall später noch einen Kollegen getroffen, der mir ein zwei Möglichkeiten genannt hat, wo dieser Laden gewesen sein könnte. Auch abgespeichert! Manchmal dauert eben alles seine Zeit.

Die übliche unerwartete Fahrt

Manche Schichten ziehen sich wie Kaugummi. Das kann mitunter schon beim ersten Stopp an der Halte anfangen. Das Wetter ist nicht optimal. Es ist zu kühl oder zu regnerisch, um draussen stehen zu bleiben und zu rauchen. Bekannte Kollegen sind keine in Sicht, oder noch schlimmer: Welche, die man nicht mag sind in Sicht. Es zeichnet sich ab, dass man mit viel Glück binnen einer Stunde wegkommt, früher aber nicht.

Ich hab den gestrigen Schichtbeginn-Stopp am Ostbahnhof immerhin mit schönem Wetter anfangen können. Aber ich hatte wenig zu trinken dabei und auf dem langen harten Weg durch die Warteschlangenplätze ist mir selbst das Lesen im Spiegel zu stressig geworden. Vor mir sind ein paar Kollegen weggekommen, hinter mir auch, ich natürlich nicht. Irgendwann stehe ich hinter einem dieser Spezialfahrer, die die Leute schon anraunzen, wenn sie sich nicht farblich passend zu seinem potthässlichen Ford Mondeo gekleidet haben. Auch dieses Mal bekomme ich eine kurze Tour, nachdem er es zu gefährlich fand, den Fahrgast am Zielort kurz Geld holen zu lassen. Einen netten jungen Mann, der gleich vorweg Ausweis und Portemonnaie mit aller persönlicher Habe als Pfand angeboten hat. Aber klar, Schlesisches Tor, 6 €…

Die nächste Fahrt ist nicht höherpreisig, obwohl die Wartezeit wieder bei einer Stunde liegt, mit der ich so gar nichts anfangen kann. Twitter? Nix neues. Mein Blog? Nix neues? Spiegel? Nervt. Naja, dieses Mal gibt es wenigstens gut Trinkgeld zur Entschädigung.

Und so ging es weiter.

Irgendwann treibt es mich dann ans Matrix. Der Schock ist groß, ich kann mich trotz früher Anwesenheit nicht als Zweiter oder Dritter anstellen, sondern muss mit Platz 7 Vorlieb nehmen. Anderthalb Stunden hab ich dann einmal mehr gegen die Müdigkeit angekämpft, die sich langsam breit machte. Ich hab das Internet totgelesen und die Wartezeit wuchs bei gelegentlichem Vorrücken auf anderthalb geschlagene Stunden an.

Immerhin hat das Watergate zu, damit fallen Touren unter 5 € eigentlich weg. Die A&O-Hostels sind noch beliebte Ziele, 6 und 7 €. Oder bekomme ich doch das Pegasus – auch 7 €. Fast schon Luxus wären Generator (10 €) oder gar das Agon Aldea mit 15.

Überraschenderweise steigt mir ein deutsches Pärchen ein, fragt gar nicht nach einem Preis und gibt mir zu bedeuten, ich solle sie doch nach Schwanebeck bringen. Und mit dieser halbstündigen Fahrt für 32 € ging ein durchgängiges Gespräch einher und Zufriedenheit auf allen Seiten. Man soll den Tag eben nicht vor dem Abendprogramm loben…

Weitere Highlights waren später noch ein Kollege mit interessanten Geschichten, und einer, der beinahe den Dummheits-, Dreistigkeits und Geschwindigkeitsrekord des noch so jungen Monats auf einmal gebrochen hätte und ein pünktlicher Feierabend, bei dem ich mal wirklich nur 2 Minuten auf die Bahn warten musste. Ein paar Dinge davon erzähle ich ein anderes Mal.

So kann es auch gehen…

Ich hab meine Sachen vom Tresen genommen. Den Tankbeleg und die zugehörige Flottenkarte hielt ich in der linken Hand, der Autoschlüssel lag in meiner rechten.

Das Auto war soweit auf Vordermann gebracht und betankt, es fehlten nur noch 4,80 € bis zum obligatorischen Hunni – und mehr hatte ich gar nicht vor. Die Sonne war zwar noch nicht aufgegangen, aber eine eher schlechte Schicht schrie nach Beendigung. Wo kriege ich die 4,80 € jetzt her?

Vielleicht fahre ich ja über die Warschauer nochmal zum Matrix? Aber da stehen mindestens 10 Kollegen. Dauert Minimum eine halbe Stunde, wenn ich keinen Winker mehr abkriege.

Ostbahnhof lohnt um die Zeit gar nicht. Hat das Weekend vielleicht offen? Keine Ahnung, noch nicht dagewesen heute.

Bar 25 direkt gegenüber? Hmm, so 5 bis 6 Kollegen. Wie viele da jetzt wohl rauskommen? Wäre immerhin kein weiter Weg.

Als ich den Knopf der Fernbedienung drückte, um mein Auto zum Öffnen zu bewegen, war ich umringt von 5 jungen Leuten, die zum Alex wollten. Keine Monstertour – aber gute 7 €. Und ein kleines Bisschen was gutes tun konnte ich auch noch: Außer einem Taxifahrer hätte niemand mit deren Angaben das abgestellte Auto gefunden. 😉

Die Geschichte mit dem Glück

Man vergisst als Taxifahrer oft genug, dass der Umsatz oftmals dem Glück geschuldet ist. Nehmen wir mal exemplarisch Montag und Donnerstag.

Montag:
Ich stelle mich um 23 Uhr an die Halte am Ostbahnhof. Letzte Rücke, es ist schon ziemlich spät um sich so weit hinten anzustellen. Kollegen die ich kenne, sind nicht aufzutreiben. Kein Fahrgast will mich bereits hinten aus der Schlange herauspicken, und so stehe ich tatsächlich eine geschlagene Stunde rum. Es ist langweilig, alle paar Minuten ist die große Abwechslung, den Motor zu starten und 5 Meter vorzurollen. Dann die Welt aus einem etwas veränderten Blickwinkel betrachten und sich weiter langweilen.

Dann, als erster in der Reihe:

„Sagen sie, würden sie uns nach Strausberg fahren?“

Am Ende der Fahrt, ca. 0.30 Uhr:

„Dann wären wir bei 45,80 €.“

„Stimmt so…“

Ergebnis: 50 € in der Tasche.

Donnerstag:
Ich stelle mich um 23 Uhr an die Halte am Ostbahnhof. Letzte Rücke, es ist schon ziemlich spät um sich so weit hinten anzustellen. Kollegen die ich kenne, fahren gleich wieder weg. Kein Fahrgast will mich bereits hinten aus der Schlange herauspicken, und so stehe ich tatsächlich fast anderthalb geschlagene Stunden rum. Es ist langweilig, alle paar Minuten ist die große Abwechslung, den Motor zu starten und 5 Meter vorzurollen. Dann die Welt aus einem etwas veränderten Blickwinkel betrachten und sich weiter langweilen.

Dann, als erster in der Reihe:

„Bringen sie uns in die Muskauer?“

Am Ende der Fahrt, ca. 0.30 Uhr:

„Dann wären wir bei 5,80 €.“

„Stimmt so…“

Ergebnis: 6 € in der Tasche.