Die Heimat ruft

Im Umgang mit deutschen Dialekten und fremdsprachlichen Akzenten bin ich inzwischen ja recht geübt. Natürlich gibt es immer mal wieder Unklarheiten, aber die beseitigen sich im Alltag eigentlich fast immer mühelos. Je nach persönlichen Präferenzen und Erfahrungen hat man natürlich mit dem ein oder anderen Idiom mehr oder weniger Probleme. Fast schon laut lachen musste ich ob dieser korrekten Aussage:

„Wie se sichr g’merkd hen, senn mir au ned von hier!“

Ach nee? Ehrlich?

„Ja wissed se, a Schwoab ka‘ dess halt et verschdegge! Dess kennet se am Lohdar Schbähd säh. Dess merk’sch emmer!“

Auf sowas musste ich kontern:

„Meinen Sie? Sie haben mich bisher auch nicht als Landsmann enttarnt …“

Ein paar „Ach waaas?“ und „Noi, ächd?“ später hab ich sie dann zufrieden und gut gelaunt an ihrem Hotel abgesetzt. Gab ein gutes Trinkgeld, „weil m’r Landsmänner senn“, das mit dem Geiz kann ich also immer noch nicht so recht bestätigen. Nur das eine ein wenig: Dess mid demm Hochdeitsch, dess isch ächd a schwäre Sach!

Auf der Schwelle

…aber nicht darüber hinaus. Immerhin.

Die beiden Mädels, die mir vergangene Nacht unverhofft einstiegen, während ich gerade an Position 3 am Ostbahnhof darüber wachte, ja nicht zu viel Geld zu verdienen, waren nett. Und völlig unkompliziert. Sie hatten eine Adresse in Mitte für mich, sagten aber gleich an, dass es da einen Kniff gäbe, man von hinten ranfahren müsse und so weiter. Lustige aber zurechnungsfähige Fahrgäste. Die Königsklasse. Sollte man meinen.

Auf dem Weg zum Molkenmarkt erfuhr ich schon einiges – so zum Beispiel, dass die Dame auf dem rechten Sitz der Grund für ihr frühes Aufbrechen war. Ihr ginge es nicht so sonderlich gut. Immerhin wusste sie, warum:

„Wissense, ich hab nicht viel getrunken. Aber ich mach gerade Diät. Und da hab ich also nix gegessen …“

Alkohol auf nüchternen Magen. Da bleibt immerhin die Rechnung niedrig.

Hat mich nicht beunruhigt, hätte es aber sollen. Am Molkenmarkt kam dann das leider schon zu vertraute Spielchen: Von jetzt auf gleich musste sie nicht nur kotzen, sondern verlor zusätzlich auch noch die Fähigkeit, die Tür aufzumachen. Beziehungsweise sie kam nicht auf die Idee.

„Das war’s dann also für heute!“

hab ich mir so gedacht, während ich zeitglich brüllte, sie solle sich nicht so blöd anstellen und gefälligst die Tür aufmachen. Im Großen und Ganzen blieb es erstmal harmlos. Sie hatte sich ein wenig auf die Bluse gekotzt, der Rest ging dann brav zur Tür raus. Nach zweimaligem Hin und Her hab ich die Kiste dann mal an den Rand gefahren. Ich wollte mir schnell ein Bild vom Schaden machen. Nur: Da war im Grunde keiner. Einmal mehr prophylaktisch über den Sitz gewischt, einmal die Türschweller – und ihre Freundin übernahm die drei einzelnen Tropfen auf der Gummimatte im Fußraum. Und Ende. Ich will’s nicht schönreden, aber wenn es das wäre, was man gemeinhin unter Ins-Taxi-Kotzen subsummiert, dann wäre das eine eigentlich nette Freizeitbeschäftigung.

Meine Hände haben trotzdem gezittert. Ich bin da immer umgehend auf 180.

Allerdings sollte es das wirklich gewesen sein. Den letzten Kilometer nach Hause – den ich brav immer ganz rechts gefahren bin – schaffte sie und am Ende war es Entschädigung genug, dass während des kurzen Stopps die Uhr weitergelaufen ist. Im Taxi kotzen und am Ende doch nur einen Zehner zahlen – das schaffen auch nur die wenigsten. Respekt!

Die hunderttausend Entschuldigungen danach hab ich mit einem Lächeln wegstecken können. Am Ende ist eben alles besser, als die Schicht zwangsweise zu beenden …

„Lass ma‘ Videothek geh’n!“

Bei dem Satz hat es mir die Zehennnägel hochgerollt. Gar nicht wegen der fortschrittlichen Grammatik, sondern eher weil ich ein paar Sekunden zuvor eine Kurzstrecke ins Taxameter gehauen habe. Es ist noch nicht lange her, dass ich die Problematik geschildert habe: Wenn man während einer Kurzstrecke anhält, dann läuft die Uhr nicht weiter. Genau deswegen ist es auch nicht erlaubt. Oder die Uhr läuft nicht weiter, weil es eh nicht erlaubt ist. Ist wahrscheinlich so eine Huhn-Ei-Problematik.

Und ich hab so meine Erfahrungen, wie es laufen kann, wenn zwei Jungs um die zwanzig „mal kurz einen Film ausleihen“ wollen. Vielleicht ist das ja etwas, über das sachma was schreiben möchte, er hat mit mir zusammen die legendärsten und längsten Aufenthalte in Stuttgarter Videotheken zustandegebracht, meist mit einem ausgesprochen banalen Endergebnis 🙂

Und nun saßen die beiden, jeder mit einem Sixer  bewaffnet bei mir im Taxi und wollten eigentlich nur kurz zum schlesischen Tor. Wenngleich die Wartezeit mich überlegen ließ, ob ich nicht einfach sagen sollte, dass das nix wird, würde die Tour auf der anderen Seite mit Umkehren und dem Zwischenstopp am Ende über die Kurzstrecke hinausgehen – und über die Kurzstrecke hinaus sind ja binnen knapp 800 Metern der doppelte Umsatz …

Also hab ich sie diplomatisch darauf hingewiesen, dass ich das eigentlich nicht dürfte – sogar das mit der Uhr hab ich angesprochen – und um Eile gebeten. Die legten sie auch tatsächlich an den Tag! Als Pfand behielt ich ihre komplette Party-Ausrüstung und die war ihnen wohl wichtig genug, um bereits nach anderthalb Minuten wieder vor dem Taxi zu stehen. Außerdem waren sie jetzt so erfreut, dass sie sich doch gleich bis ganz nach Hause bringen ließen, was am Ende knapp über 10 € Umsatz für mich bedeutete und die Sache wert war. Noch viel besser aber war, dass sie sich tatsächlich noch überschwänglich dafür bedankt haben, obgleich mein Verlust reell gesehen rund 40 Cent betragen hat 😀

Dann eben alleine …

Die Truppe war durchgehend nett. Feierwütige „Jugendliche“, gerade aus dem Fritz-Club kommend. Es gab keine Preisfeilscherei, kein Meckern über irgendwas, alles super. Also, wo soll es hingehen?

„Erst mal nach Pankow!“

Erst mal? Das klingt gut! Pankow ist ohnehin ein Stückchen vom Ostbahnhof weg, aber wenn es dann noch weitergehen soll …

Wenn!

Die Truppe tratschte lustig vor sich hin und das Hauptziel schien darin zu bestehen, mich nicht durchblicken zu lassen, wo wir hinfahren. Wer denn jetzt wie und wann bei wem wo pennen könnte, das war das Thema Nummer 1. Also im Grunde, die Taxifahrt möglichst preisgünstig zu gestalten und die Party ggf. noch fortzuführen. Allerdings waren alle Beteiligten unterschiedlicher Ver- und Auffassung, so dass da nie eine Einigung rausspringen konnte. Zumindest fast.

Denn der einzige, der keinen Bock hatte, wo anders als zuhause zu schlafen, war der mit dem am weitesten entfernten Fahrtziel. Mühlenbeck. Ein paar Kilometer hinter der Stadtgrenze, weit vorbei an den anderen Adressen, die ohnehin schon eine gute Tour bedeutet hätten.

Glücklicherweise blieb er bei seiner Einstellung, als wir kurz anhielten, weil eines der Mädels unbedingt pinkeln musste. Danach war das Geschrei nämlich erst groß, weil es ihr nicht gut ging – zu guter Letzt allerdings sollte ich eine stressfreie Tour ab Prenzl’berg haben. Dort beschloss der Rest, nicht weiter zu fahren, ich bekam allerdings die Order, den einzigen verbleibenden – der sich noch dazu auskannte und das Navi obsolet machte – bis nach Mühlenbeck zu bringen.

32,80 €.

Sehr schön. 🙂

Tierisch gut gepasst

hat mir eine Tour neulich.

Ein weiteres, heute morgen nicht angesprochenes Problem bei Vorbestellungen ist natürlich die Richtung. Wenn ich um 22 Uhr in Spandau sein soll – kann ich dann um 21 Uhr in Friedrichshain noch eine Fahrt annehmen? Ja? Und wenn die nach Hellersdorf geht? Und was mache ich, wenn die Fahrt um 20.30 Uhr nach Grünau geht? Ergo: Man ist immer schon lange vor der Fahrt eingeschränkt. Da Verspätungen bei mir nicht zum normalen Verhaltensrepertoire gehören, bin ich deswegen fast immer zu früh da, weil ich davor „nichts tun kann“.

An besagtem Freitag startete ich meine Schicht schon recht spät, 20.30 Uhr etwa. Ich wusste kaum, was ich mit der kurzen mir noch halbwegs zur Verfügung stehenden Zeit machen sollte. 22 Uhr Spandau, eine halbe Stunde Anfahrt sowieso von meinen östlichen Gefilden …

Aber das Glück kam mir zur Hilfe: Kurz nach dem Losfahren wurde ich von einer jungen Frau mit Hund herangewunken. Ob ich sie mitnehmen würde? Ob der Hundeblick von ihr oder ihrer englischen Bulldogge dabei niedlicher war, ist schlicht nicht zu entscheiden gewesen. Ausgerechnet diesem äußerst knuffig dreinschauenden Viech (ich meine den Hund!) wurde dreimal der Zutritt zur Straßenbahn verwehrt wegen fehlendem Maulkorb. Ich wusste gar nicht, dass die BVG so streng ist.
Naja, Hundi war nur zu Besuch, nur mit dem Auto unterwegs und darum war ein Maulkorb nicht vorhanden. Deswegen Taxi. Ich hatte mit dem braunen Tier schnell Freundschaft geschlossen, wir haben es wie immer im Beifahrer-Fußraum vor Frauchen untergebracht. Dass das der liebste Hund des Planeten ist, stand außer Frage. Wenngleich es durchaus bedrohlich aussehen kann, wenn so eine Bulldogge unbedingt zum Knuddeln auf den Schoß springen will.

Kurzum: Es war super! Sie war schon eine nette, aber der Hund hat alles getoppt. Zum Dank dafür, dass ich ihn beim Schalten zweimal versehentlich leicht in die Schnauze geboxt habe, hat er nur seine Zunge ausgestreckt, um mir die Hand zu lecken 🙂

Und wir hatten eine Weile miteinander zu tun – deswegen schreibe ich das ja eigentlich. Denn die Fahrt ging zum Adenauerplatz – also schonmal weit in den Westen rein, wo es mich sonst ja gar nicht so oft hinverschlägt. Also weitestgehend die richtige Richtung. Zu früh war ich zwar trotzdem, aber bei einem Umsatz von 25 € aus dem Stand lässt es sich natürlich auch mal locker darüber hinwegsehen, dass da noch ein bisschen Pause anfällt.

Und was passierte? Noch etwas sehr passendes. Als ich wartete, bekam ich noch eine kurze Tour innerhalb Spandaus. Damit war der Tag eigentlich schon gerettet – bevor er wirklich angefangen hat. 🙂

Nix besonderes

Ich könnte über die Tour natürlich viel schreiben. Wo sie begann, wo sie hinging, was für Änderungen sich unterwegs ergeben haben. Ja natürlich auch wie die beiden Leute drauf waren, welche Sprache sie gesprochen haben, was sie anhatten.

Mache ich ja immer (zum Teil) so. Heute möchte ich einfach mal erwähnen, dass ich sie mit einem netten Gespräch ständig unterhalten, mich ohne großen Aufwand um sie gekümmert habe und sie mir dafür ein stattliches Trinkgeld von über 5 € haben zukommen lassen. Denn das war alles, was ich letzten Endes an der Tour so toll fand. Sollte es öfter geben, sowas …

Humor ist, wenn man trotzdem kotzt

Ich wurde an der Potsdamer Straße rangewunken. Ein sehr nervös wirkender Mann fragte mich, ob ich vielleicht einen Freund von ihm, aber dem gehe es nicht so gut – aber betrunken sei er nicht! Kreislauf, schlechtes Essen, was auch immer. Wäre auch nicht weit. Ich schaute mir den Typen kurz an. Obwohl er von einer Freundin gestützt wurde, sah er wirklich zurechnungsfähig aus. Hat der Typ wahrscheinlich die Wahrheit gesagt. Naja, irgendwie müssen die ja auch heimkommen. Und es sollte ohnehin nur eine knapp zwei Kilometer lange Tour werden.

Ich war mit meiner Schicht durch, ich war quasi auf dem Weg nach Hause. Das als letzten Abschluss und gut is! Die gute Tat als Ausgleich für einen beachtlichen Umsatz in dieser Nacht …

Kurz nach dem Anfahren meinte ich dann:

„Also wenn Ihnen schlecht ist: Bitte rechtzeitig Bescheid sagen, damit ich …“

„Rechtzeitig? Jetzt!“

„Ist das Ihr Ernst?“

„Ja, schnell!“

200 Meter. Respekt. Ich sollte an meinem Fahrstil arbeiten.

Aber da er eben nicht völlig unzurechnungsfähig war, ging das ohne Probleme und ich machte mir tatsächlich – so heftig das auch immer wieder ist – mal keine großen Sorgen. Und es gehört zu den lustigsten Aktionen, mitten auf der Potsdamer Straße zu stehen, um einen Kunden aus dem Auto kotzen zu lassen. Was man uns Taxifahrern durchgehen lässt … mittlere Spur … – aber anders war es nicht zu machen. In dem Moment war die rechte nicht frei.

Der Rest verlief völlig stressfrei. Kein weiterer Stopp, flotte Fahrt, ein paar Minuten, nettes Danke, gutes Trinkgeld, Ende. Danach hab ich dann aber sogar die Fackel ausgemacht. Damit war der Tag dann wirklich vorbei.