Lembrackseterase

„To the Lem-brack-seterase please. In Feredihricksen.“

… da hat sie mich total stolz angegrinst. Ich wiederholte mit behutsam angepasster Aussprache:

„To the Lehmbruckstraße in Friedrichshain?“

„Yes! I’m so sorry!“

Ist ja kein Problem. Immerhin kannte ich die Lehmbruckstraße nur zu genau und … vergaß dabei, dass es durchaus noch andere Möglichkeiten gegeben hätte.

Ich bin immer soo vorsichtig bei zweifelhaften Adressen, aber dieses Mal war ich es nicht. Natürlich! Die Lehmbruck kannte ich, ich wusste, dass sie in Friedrichshain liegt … also was soll passieren?

Zum Beispiel gibt es auch noch eine Lenbachstraße in Friedrichshain. -.-

Immerhin ist das Mißverständnis so harmlos geblieben wie der Umweg:

„a cultural thing“

Es gibt so Touren …

Ich hatte den Fahrgast in meinem Alter an der Tankstelle an der Holzmarktstraße rausgelassen, weil er mir vorgeschwärmt hatte, wie sehr er sich noch Wein zum Essen wünschen würde. Soweit mir mein eigentlich nicht sonderlich fokussierter Blick verriet, war daraus nun eine Flasche Wodka geworden. Sei es drum. Und dann sind wir weiter und er starrte mich mit Panik in den Augen an:

„Uh! Man! Did you want something?“

„No, no, it’s fine!“

„I’m sorry. It’s a cultural thing. I’m an arabic guy and I can’t go out somewhere without giving something to my friends.“

Milde ausgedrückt. Kennengelernt hatten wir uns eine knappe Viertelstunde zuvor, da war er aus dem Berghain spaziert und mir binnen einer Minute gestanden, dass er mich lieben würde. Vor allem aber plagte ihn der Hunger, er wollte unbedingt noch was essen. Da er selbst unter anderem McDonald’s vorschlug, hab ich gleich am Ostbahnhof gehalten. Das eigentliche Fahrtziel lag ein ordentliches Stück entfernt in Schöneberg: die Tour, auf die jeder Taxifahrer vor dem Berghain spekuliert.

Und beim McDonald’s ging es schon los:

„C’mon! I’ll buy you something!“

„No, thanks.“

„You had lunch?“

„Yes.“

„Doesn’t matter. You always have to take lunch twice when you work!“

„Sorry.“

Er hat mich eine Weile bearbeitet, bis ich zugestimmt habe, dass er mir einen Cheeseburger mitbringen kann. Schweren Herzens, immerhin versuche ich gerade mal wieder ein paar Pfunde runterzubekommen und ich hatte wirklich schon gegessen.

„A cheeseburger? Really? You mean that tiny little thing? No! I’ll make it a double cheeseburger. With fries. You like fries?“

„Yes …?“

„Great! I’ll be back! Wait here!“

Und wie zu erwarten kehrte er mit einer extra Tüte für den Taxifahrer zurück. Ohne undankbar wirken zu wollen: Mich hat mehr gefreut, dass inzwischen fast vier Euro mehr auf der Uhr standen. Solche Einladungen sind nett, aber um mein Essen kümmere ich mich sehr gerne selbst und vor allem bestimme ich gerne selbst, wann ich etwas esse. Aber natürlich weiß ich solche Gesten trotzdem zu schätzen.

Nach den Einkäufen sollte ich mich beeilen. Mein Fahrgast wollte gerne essen und obwohl ich ihm zusicherte, dass er gerne – so er denn aufpasst – im Auto essen könnte, bestand er darauf, mich damit nicht belästigen zu wollen. In dem Punkt könnten sich einige von dieser Kultur mal ein Scheibchen abschneiden. 😉

Als wir auf bestem Wege waren, fiel ihm dann auf, dass der Betrag auf der Uhr schon unerwartet hoch war:

„Will we do that for under 20 €?“

„No, sorry.“

„Well, maybe I have 22 … ah, yeah! Here: 22 Euro!“

„I think, in the end it’ll be something like 23 to 24.“

„…“

„If you don’t have enough …“

Ich bin in dem Moment über meinen Schatten gesprungen und hab gesagt, dass ich die Uhr gerne bei 22 ausmachen könnte. Hey, er hatte mit seinen Zwischenstops über 4 € mehr in die Kasse gespült – im Gegensatz zu manch anderen ohne auch nur darüber zu reden – hat mir Essen mitgebracht und am Ende würde ich einen Euro wegdrücken. Also bitte …

„No, no, no! Please don’t do that! I surely don’t want to …“

„Hey, after all that would be fine!“

„Ha! Here’s another one! 23 Euro! If, I mean, would you please, could you, maybe … stop the meter at 23?“

„Of course.“

So weit, so gut. Dann beschlich ihn erneut Panik:

„The tip! Fuck, I forgot the tip! I have to …“

Das ist mein Problem mit dieser Form der kulturellen Regeln. Es ist alles schön und gut, so lange man das von ganzem Herzen befolgt. Ich würde auch keinen hungernden Freund mit in ein Restaurant schleppen und nix ausgeben. Aber wenn das dann letztlich zu einem Zwang wird, den man auch befolgen muss, wenn die anderen das gar nicht wollen – oder man sich gar Schuldgefühle einredet …

Ich hab ihn davon überzeugen können, dass es eigentlich total bekloppt wäre, wenn er mich jetzt für 3 €, die er mal eben aus seinem Zimmer holen will, nochmal 5 Minuten unten warten lässt. Nicht wegen dem Betrag, rein so von der Verhältnismäßigkeit.

Und am Ende ging alles gut. Wider Erwarten standen dann doch „nur“ 22,20 € auf dem Taxameter und er konnte mir mit seinen 23 sogar noch Trinkgeld geben. Natürlich hat mich das gefreut. Allerdings war das dennoch das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, der Fahrgast hätte sich mehr über das Trinkgeld gefreut. Egal, sei es drum.

Ich hab während der nächsten Viertelstunde dann das getan, was sich der nette Kerl nicht getraut hatte: Burger und Pommes während der Fahrt essen. Mit sehr gutem Gefühl dabei. 🙂

Bin mir nicht sicher …

Hin und wieder hat man Fahrgäste mehrmals. Im Normalfall fällt das sofort auf, ich bin aber nicht der Normalfall. Ich muss es gelegentlich erwähnen: Ich hab Schwierigkeiten, mir Gesichter zu merken. Menschen, die ich ich nur einmal als Fahrgast hatte, erkenne ich schlicht nicht wieder. Einzelne Ausnahmen gibt es, aber ich sehe es schon kommen, dass ich irgendwann einen Fahrgast kurz in ein Lokal reinspringen lasse und mir anschließend ein anderer einsteigt, ohne dass ich es merke. Das wird ein super Tag, da bin ich mir sicher! 😉

Während das aber wenigstens hier und da mal klappt mit dem Erkennen, ist es echt schwierig bei Leuten, die ich dazwischen ein paar Wochen oder gar Monate nicht gesehen hab. Das geht so weit, dass ich selbst Leute nicht erkenne, die ich schon dreimal gefahren habe. Was zugegeben aber noch seltener ist, als dass ich Leute dreimal im Auto habe und es keine Leser sind, die ich nicht wenigstens an Netz-Avataren oder so erkenne.

Und nun hatte ich so eine Fahrt. Am Ostbahnhof stieg mir relativ weit hinten in der Schlange ein Mann zu. Er konnte kaum deutsch, hat einen stark osteuropäischen Akzent und fragte – soweit eigentlich nicht ungewöhnlich, aber dennoch seltsam vertraut:

„Und? Wie geht?“

Nach zwei Floskeln dann das Fahrtziel: „Osler Strass“ – Osloer Straße. So weit, so unspektakulär. Dann aber meinte er:

„Erst fahre Kolleg. Kollege swei, dann Osler Strass.“

Und obwohl das jetzt wirklich ein absolut übliches vereinfachtes Deutsch von Zuwanderern war, war ich schlagartig hellwach. Denn es war nicht das erste Mal, dass ich vom Ostbahnhof eine Tour hatte mit einem Mann, der mit diesen Worten von zwei Kollegen sprach. Und das war nicht irgendeine Tour! Das war eine Tour, die mir nicht bezahlt worden war (nachdem zugegebenermaßen ICH die Hoffnung aufgegeben hatte – kann man hier und in den folgenden zwei Artikeln ausführlich nachlesen.) und die mein Nervenkostüm nachhaltig geschädigt hat. Waren die Indizien bis dahin noch dünn, so ging es nun auch just noch in einen jener Hinterhöfe, durch die ich mit dem damaligen Fahrgast auf der Suchen nach „Kollege swei“ gestreift war. Verdächtig über alle Maßen.

Aber ich hab leider keine Ahnung, ob meine Vermutung richtig ist.

Sicher, ich hab überlegt, ob ich es ansprechen sollte. Aber ich hatte hier einen netten Kerl, der zumindest dieses Mal nicht betrunken war und wusste, wo die Kollegen wohnen. Und als die kamen war alles noch viel einfacher. Einer sprach passables Deutsch, die Fahrt war absolut problemlos und am Ende wurde ich mit angemessenem Trinkgeld bezahlt. Hätte ich da wirklich mit dem vagen Verdacht ins Haus fallen sollen, der Typ würde mir Geld schulden?

Ich weiß es nicht. Vielleicht hätte ich es ja bekommen. Aber der Kerl war damals so hacke, eigentlich war es unwahrscheinlich, dass er sich – guten Willen sowieso vorausgesetzt – überhaupt hätte erinnern können. Und abgeschrieben hatte ich die Tour ja auch schon längst. Aber ein bisschen wurmt der Gedanke, dass er es war.

Naja, ich schätze, dass ich nächstes Mal wenigstens keine Sorgen haben werde. Ich bin schon beim ersten Kandidaten nicht von Absicht ausgegangen, und dieser jetzt war eindeutig in Ordnung. Wie schlecht also sollten die Chancen beim nächsten Verdacht meinerseits sein?

„Don’t worry, be happy!“

Der Januar ist eigentlich ein guter Monat, um sich gelegentlich mal wieder jenes titelgebende Lied von Bobby McFerrin reinzuziehen, das dieses Jahr im übrigen seinen 25. Geburtstag vermelden kann. Und spontan daran denken musste ich nach einer eigentlich sehr bescheidenen Tour. Die Räder am Ostbahnhof fast eckig werden lassend hatte ich ewig auf einen kleinen Stich für die üblichen Sechsirgendwas zum Boxhagener Platz gewartet.

Dann – einer dieser Taxifahrer-Blitzeingebungen folgend – bin ich nicht auf einem der kürzesten Wege zurückgefahren, sondern hab einen kleinen Abstecher nach Kreuzberg gemacht. Einen wirklich kleinen, nur einmal die Köpeniker wollte ich langfahren. Und siehe da! Winker! Tatsächlich war es eben jene Tour, die ebenfalls nicht sonderlich spektakulär war. Bis zum nhow-Hotel wollte das amerikanische Pärchen. Keine Kurzstrecke, juhu! Immerhin ein bisschen mehr Umsatz. Am Ende standen 5,60 € auf der Uhr.

Und wie bin ich jetzt auf Bobby McFerrin gekommen?

Als ich das Wechselgeld auf den Zwanziger rausgesucht habe, den ich bekam, meinte mein Fahrgast spontan:

„Don’t worry ‚bout the coins!“

Und auch wenn Geld nicht alles ist: An solchen Tagen machen 4,40 € Trinkgeld dann halt doch auch ein wenig happy. 😉

Wie man ein wenig verpeilt zu Taxifahrers Glücksfall wird

Das ist gar nicht schwer:

  1. Man reise aus der fernsten Gegend (in dem Fall den USA) an und buche eine Unterkunft in einem Hotel am Arsch der Welt (in dem Fall Karlshorst).
  2. Man verplane seine Reise durch die Stadt aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse etwas und verspäte sich.
  3. Man komme wirklich erst am Hotel an, wenn die Rezeption endgültig geschlossen hat.
  4. Man rufe am anderen Ende der Welt seine Eltern an und lasse sich übergangsweise ein anderes Hotel online buchen.
  5. Man winke sich einen Taxifahrer heran, der – eigentlich zu Recht – niemals auf die Idee gekommen wäre, in so einer gottverlassenen Ecke zu dieser späten Stunde noch Kundschaft zu finden.

Zugunsten des eigenen Geldbeutels und der eigenen Gemütsruhe kann man sich das aber auch ersparen, ganz ehrlich. 🙂

Sooo knapp vorbei …

Die Schicht heute Nacht hat dem Gewerbe alle Ehre gemacht und war völlig durchgeknallt. Gar nicht mal wegen der Fahrgäste, nee nee! Das fing schon mit den Touren an. Während ich ja eigentlich auf 200 € Umsatz zielen wollte, lief es am Anfang zeitgleich gut und total bekloppt. Ich hatte fast in jeder Stunde gleich zwei Touren – was an und für sich mehr als ausreichend gewesen wäre – aber ausnahmslos sehr kurze. Nach den ersten vier (!) Fahrten stand mein Umsatz bei 21 € – und da war nur eine einzige Kurzstrecke dabei …
Ich hätte mich ja beinahe überzeugen lassen, dass an diesem Freitag-der-13te-Geseier irgendwas dran ist.

Aber gut, nichts währt ewig. Am Ende wurden die Fahrten länger und das Ergebnis sollte auch noch ganz passabel werden. Einen Moment nahezu unanständiger Hoffnung hatte ich, als ich am Berghain 6 Jungs im Auto verteilt hatte. Sie waren ein bisschen verärgert, nicht ins Berghain gekommen zu sein. Dabei war jetzt nicht soo viel schlimmes daran, dass der Club von einem meiner Kollegen empfohlen worden war. Wer nach einem „sehr guten Club“ fragt … aber klar ist es hart, abgewiesen zu werden. Vor allem, wenn man das aus der Heimat nicht kennt:

„Look at us, my friend! We are the best looking men in finland!“

Aber gut. Für eigentlich recht anspruchslose Touristen lässt sich im näheren Umkreis ja immer eine Alternative finden. Ich wähle da immer gerne den Tresor. Der hat (noch von der alten Location her) einen verdammt guten Ruf und ist in wenigen Minuten erreichbar. Auf der anderen Seite ist es auch nicht der allernächste, die Fahrt bringt immerhin einen Euro mehr als das Watergate oder der Kater Holzig. Beim Kater allerdings sind die Türsteher manchmal offenbar auch wählerisch, am Watergate ist die Schlange manchmal sehr lang. Beides hab ich vom Tresor noch nicht gehört, so dass ich denke, das geht schon in Ordnung.

Und während ich das so vorschlage, will einer der Jungs die anderen doch tatsächlich überreden, noch in ein Rotlicht-Etablissement zu wechseln. Hätte er das mal hingekriegt – ich hätte an der Tour mehr verdient als am ganzen Wochenende. Bei sechs Leuten!

Aber gut, hat nicht sollen sein. Also blieb es beim Tresor. 7,00 € + 3,00 € Zuschläge ohne Trinkgeld. Bis dahin die umsatzstärkste Fahrt an dem Abend. Immerhin, auch wenn’s ein bisschen schmerzt. 😉

Das einzige, was wirklich genervt hat, war das Auto. Die Bremsen, die Stabilisatoren, vielleicht auch noch irgendwas. Sollte bald mal gemacht werden. Heute Nacht hatte die Kiste für jede Lebenslage ein eigenes nicht ganz freiwilliges Geräusch parat. Meistens nicht schlimm – wenn man am Ostbahnhof durch die Schlange geht, hat immer irgendeiner gerade irgendwas am Auto – aber mich hat’s furchtbar gestresst. Vor allem, weil ich jetzt am Wochenende ja auch nicht wirklich auf Besserung hoffen kann. Ich mag es einfach nicht, wenn irgendwas nicht klingt, wie es soll. Dummerweise sind die meisten Kollegen da weit weniger empfindlich … 🙁

„Aber gerne doch!“

Es sind ja nicht immer die Fremdsprachenkenntnisse, die einem im Taxi weiterhelfen, sondern die Kenntnisse über die Aussprache im Deutschen. Gutes Beispiel mal wieder:

„Binge Esa of Assahasasse!“

Da kann man schon mal verzweifeln. Muss man aber nicht. Ist im Grunde fast perfektes Deutsch, es fehlen nur ein paar Konsonanten. Also, was hab ich mit den fünf Typen wohl gemacht?

Ich freue mich auf unterhaltsame Kommentare.

🙂