Wer hätte das gedacht!

„Nein, also wirklich! Hätten Sie das gedacht?“

„Was denn?“

„Na, dass wir in 10 Minuten schon da sind!“

„Äh … das hatte ich doch gesagt.“

„Ja ja, aber … nein, also sowas hab ich ja noch nie erlebt!“

Und ich denke manchmal, mein Leben sei unspektakulär. 0.o

Zufrieden

„Dann wären wir bei 14,80 €.“

„Ach, das ist ja, das ist ja geradezu ein Freundschaftspreis!“

Nee, Freundschaftspreise kann ich leider nicht einfach so machen. Auch wenn sich die rüstige Seniorin so gefreut hat über das, was das Taxameter angezeigt hat. Was ich aber eben kann: auf dem kürzesten Weg zur Zieladresse fahren. Scheint ja manchmal zu reichen …

Die andere Seite …

Ich war ernsthaft verblüfft:

„Äh, wieso liegt hier Schnee? Und gleich so viel?“

„Hat jemand vielleicht Schnee bestellt. Oder ist das Löschschaum?“

„Oh … stimmt. Das könnte sein. Da liegen auch Sachen vor dem Haus …“

„Ist irgendwas angekokelt?“

„Uuuuh ja, scheinbar hat das ganze Haus gebrannt …“

„Ach, das hat es letztes Jahr auch.“

„…“

„Is‘ nicht schlimm. Is‘ nich‘ meine Seite.“

Man wächst an den Katastrophen der Nachbarschaft, ganz eindeutig …

Was ich nicht so mag

„Also hier in Köpenick is‘ ja super nice!“ Nicht so wie z.B. in Marzahn oder so. Ich hab nie verstanden, wie man da hinziehen kann … Ja gut, wenn man sich nix anderes leisten kann! Weiter draußen ist das ja auch vielleicht ok. Aber so direkt beim Eastgate beispielsweise …“

Ich will die Ecke der Hauptstadt hier nicht über Gebühr loben und ich bin vor 6 Jahren auch aus finanziellen Gründen hergezogen. Ist ja schön und gut. Aber wenigstens nach mehrfachem Hinweis darauf, dass ich dort eigentlich recht zufrieden bin, würde ich mich freuen, wenn ein Fahrgast das wenigstens als Geschmackssache abtun könnte. Ich mag die Gegend hier nämlich tatsächlich mehr als beispielsweise den hippen Bergmann-Kiez. Und ja: tatsächlich vom optischen Eindruck her.

Aber gut, vielleicht zahle ich ja auch nur die Hälfte an Miete, weil ich mir nebenher sowas anhören muss. 😉

Gute Nacht, Walter!

Mit etwas Übertreibung hätte es man ja fast schon einen Unfall nennen können, wie mir der Typ gegen’s Auto gelaufen ist. Ich war vorsichtig am Wenden in einer engen Straße, als er sich gegen die Karosserie der 72 klatschen ließ, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Gewagtes Vorgehen! Aber im Grunde freute ich mich über eine weitere Tour. Der nur noch teilweise zurechnungsfähige junge Mann war in Begleitung seiner Frau und – ein bisschen überraschender – seiner Eltern.

Die angeheiterte Stimmung mündete in so manche kuriosen Dialog, z.B. als der Hauptdarsteller dieser Seifenoper  seinem Vater auf dessen Einwand hin, dass sie nun ja doch ein bisschen viel getrunken hätten, eloquent antwortete:

„Das isses doch aber, worum’s im Leben überhaupt geht. Scheiße bauen. So richtig Scheiße bauen, dass Du dann am nächsten Morgen aufwachst und sagst: Scheiße, hab ich eine Scheiße gebaut. Das isses!“

Nun ja, jeder braucht Ziele.

Ein wenig Zeit der ansonsten durchschnittlichen Tour ging für die Frage drauf, ob sie die letzte Runde im Restaurant überhaupt bezahlt hätten und wie provinziell Berlin gegenüber einiger internationaler Städte so sei. Der junge Mann, die Buddel Astra weiterhin in der Hand haltend, bekundete Interesse an New York und Los Angeles und verkündete, dass er sich dort zu wohnen sehr gut vorstellen könne. Es entspann sich eine etwas wirre Form eines Disputes darüber, ob Deutsche oder Amerikaner oberflächlicher seien. Daraufhin driftete die Debatte ab und unser Held führte „Breaking Bad“ ins Feld, um die Fernsehkultur der Amis zu loben. Was schwer fruchten konnte, da seine Eltern die Serie nicht kannten.

„Is‘ das so’n bisschen so wie Denver-Clan?“

Unterdrückte Lachtränen bei mir, Zwischenstopp, Ausstieg der Eltern.

Auf dem verbleibenden Kilometer zum letztendlichen Ziel meinte mein Fang dann, ich hätte ihn ja argumentativ ruhig ein bisschen mehr unterstützen können. Wie sehr denn noch? Ich hatte im Beisein seiner Eltern schon bestätigt, dass ich die Serie kennen würde und sie hervorragend finde. Obwohl ich es eigentlich dabei belassen habe, war ich fortan wohl sowas wie Bruder im Geiste. Während die Frau das Zahlen übernahm, prostete er mir angedeutet zu und meinte:

„Gute Nacht, im Namen Walter Whites!“

Kannste Dir nicht ausdenken, sowas. 🙂

Banane!?

„Alter, Du bist ja mal voll Banane!“

„Hast Du den Taxifahrer gerade Banane genannt?“

„Ja, war doch Banane!“

„Selber Banane!“

„Deine Mudder is‘ Banane!“

„ISST Banane!“

WTF?
Zum einen habe ich keine Ahnung, warum ich in diesem Moment „Banane“ war, zum anderen enthielt dieses Gespräch mehr Bananen, als ich in diesem Jahr gegessen hab.
Und erspart mir Ost-West-Witze! Die Fahrt ging über die Zonengrenze hinaus …

Fehlfahrt

Vorwort:
Heute wird es länger, heute wird es unschön. Nun seid Ihr gewarnt. Viel Spaß!

„Fehlfahrten“ habe ich sehr selten – also Fahrten, die am Ende nicht bezahlt werden. Jetzt aber hat es mich am Wochenende mal wieder erwischt und es war zum Kotzen wie eh und je. Und ja, das war die Fahrt, die ich vor ein paar Tagen so kryptisch erwähnt hatte.

Im Nachhinein bleibt mir die Szene im Gedächtnis, wie die Kundin sich vor zwei weiteren Taxiinteressierten vordrängelte, um bei mir einzusteigen. Wie viel glücklicher wäre ich jetzt, im Nachhinein, wohl über die andere Kundschaft gewesen!

Aber angefangen hat alles ganz locker. Sie wolle zum Nöldnerplatz, sagte sie mir. Nicht betrunken, alles im Griff, super. Ich fragte sie, welchen der beiden gleichlangen Wege sie bevorzugen würde, sie wählte den schnelleren und alles war gut. Zumindest bei mir. Bei ihr eher weniger, denn in den folgenden Minuten erzählte sie unter anderem, dass ihr die Wohnung gekündigt wurde, und sie nun bei einem Kumpel pennen würde. Was eine Scheiße, Bedauern usw., das Übliche.

Als ich die Nöldnerstraße befuhr, fragte ich, ob ich links zum Platz abbiegen solle.

„Nee, hier geradeaus.“

Soweit nicht verwunderlich. Erst einen bekannten Platz ansagen, dann in eine der Straßen dort wollen – das machen viele Fahrgäste. Als ich nun aber bereits mehr als einen Kilometer am Platz vorbei war, fragte ich nochmal:

„Weiter geradeaus?“

„Ja, hmm, nee. Nöldnerplatz eben. Glaub, wir sind da schon vorbei.“

Ich hab innerlich ein bisschen geflucht, mir aber gedacht: Bleib ruhig wie sie. Der Umweg scheint sie nicht zu stören, also lass‘ gut sein. Ist ja mehr Geld, also was soll’s? Also hab ich versucht,  ihr eine genaue Adresse zu entlocken. Klappte nicht wirklich:

„Ich kenn‘ die nicht genau. Aber ich war ja schon x-mal da. Ich erkenn‘ das Haus dann schon.“

Und auch im weiteren Verlauf klang das alles gut. Sie sagte hier und da mal an, ob ich rechts oder links solle, allerdings auch allzu oft nahezu apathisch, dass ich geradeaus fahren solle. Als wir das zweite Mal nach einem Fehlstich den Platz ansteuerten, klingelten natürlich auch bei mir die Alarmglocken: Diese Fahrt führt nirgends hin! Brech das ab!

Aber jedes Mal, wenn ich dachte, dass die gute Frau unzurechnungsfähig ist, wirkte sie plötzlich wieder aufgeweckt und empathisch und machte klar, wie unangenehm ihr das sei, dass sie das nicht mehr so gut im Kopf hatte. Irgendwann kam sie dann mit der Nummer 4. Das Haus sei wohl die Nummer 4. Welche Straße? Nöldnerplatz! Aber da gibt es keine Häuser …

Also sind wir im Schritttempo die angrenzenden Straßen abgefahren. Mal hier lang, mal da lang und im Zweifelsfall immer weiter. Geradeaus natürlich, ist ja klar.

Hätte die normale Fahrt zum Nöldnerplatz etwa 11 € gekostet, standen nun langsam 20 auf dem Taxameter. Zudem war klar, dass allenfalls ihr Kumpel würde zahlen können. Wir waren zwischenzeitlich bis zum Bahnhof Lichtenberg und zum Ostkreuz gekommen, überall zuerst aufgeregte Freude über die richtige Richtung, dann Ernüchterung. Beim von mir schon fest entschlossen allerletzten Versuch ging es dann auf die andere Seite der S-Bahn. Victoriastadt also …

Da gerieten die Erinnerungen der jungen Dame dann allerdings wirklich ins Rotieren und sie lotste mich einen völlig hanebüchenen Weg entlang in die Kaskelstraße. Nicht zur Nummer 4, auch nicht zu einem der denkmalgeschützten Häuser. Eher so zweistellig und hässlich. Aber offenbar richtig. Ob ich mit hochkommen möchte, fragte sie mich – was ich in Ermangelung eines brauchbaren Pfandes annahm. Im heruntergekommenen Treppenhaus erklomm sie Stufe um Stufe, Stockwerk um Stockwerk, vorbei an Türen mit über 10 Paar Schuhen davor. Im vierten Stock dann lag das Ziel, die Tür war angelehnt. Sie bat mich, eben kurz draußen zu warten und ging für eine Minute hinein.

Meine Hoffnung war wieder da. Wir waren hier an einer Wohnung mit Namensschild an der Tür und drinnen wartete ein offensichtlich großherziger Mensch, der eine Obdachlose bei sich aufnimmt. Also was soll passieren?

„Du, des is‘ jetzt voll scheiße: Der Marcel ist nicht da und von dem wollte ich doch das Geld …“

eröffnete sie mir, als sie erneut in der Tür stand. Aber um einen Plan war sie nicht verlegen:

„Komm doch kurz rein und schreib mir deine Nummer auf. Dann bezahle ich das morgen. Echt jetzt!“

Jaja, und eine der lila Locken vom Weihnachtsmann gibt es als Trinkgeld dazu, schon klar!

Aber was macht man nicht alles! Ich hatte inzwischen eine Dreiviertelstunde meiner Arbeitszeit verschenkt und zudem würde ich im Gegenzug ja auch ihren Namen notieren können. Das wird schon! Think positive!

Ich betrat die fast unbeleuchtete Altbauwohnung und fühlte mich mit dem Übertreten der Schwelle umgehend unwohl. Ich mag Altbauten nicht sonderlich, aber mit fahlem Licht und miserabel zusammengestellter Einrichtung wirkt das auf mich immer gleich wie eine Fabrikhalle oder ein Steinbruch. Beides keine Orte, in denen ich leben könnte.
Sie verschwand kurz im nur von einem Fernseher beleuchteten Wohnzimmer, einige beschwichtigende Worte flüsternd, kam dann wieder in den Flur und bat mich, die Küche zu betreten. Rissiges Linoleum am Boden, Kühlschrank aus den 80ern, ansonsten Ordnung und Sauberkeit. Eine einzelne leere Bierflasche auf der Fensterbank. Und das Licht ging nicht an. Die folgenden drei Minuten suchte meine Mitreisende in dem nur vom Flur aus notbeleuchteten Raum nach einem Stift, konnte aber keinen finden. Nicht in diesem Kästchen, nicht in jener Schublade.

„WAS IS!? WILLSTE JETZT AUCH NOCH DEN KÜHLSCHRANK LEERFRESSEN?“

polterte es in martialischer Lautstärke aus dem Wohnzimmer. Stimme, Tonfall und Genuschel ließen vor meinem inneren Auge einen voll sympathischen Kerl erscheinen: Zwei Meter groß, 50 Kilo Übergewicht, Glatze und 17 Bier intus. Na, was für eine heitere Gesellschaft!

„Nee, ich such nur’n Stift!“

„IM KÜHLSCHRANK, ODER WAS?“

Meine Fresse!

Letztlich war ich es, der zufällig einen Stift sichtete, und kurz darauf verlangte ich ihren Ausweis.

„Hab ich nicht mehr.“

„Irgendwas anderes?“

„Nix …“

Dass die Sache gelaufen ist und ich mein Geld nicht sehen würde, war klar. Von ihr konnte ich keinen überprüfbaren Namen bekommen und die Wohnung gehörte ihr ganz offensichtlich auch nicht. Obwohl ich damit drohte – für den Fall, sie rufe nicht an – stellte ich es mir erbärmlich vor, wie ich tags drauf mit den Cops vor der Tür stände und irgendein misanthropischer Hool brüllen würde:

„WAT’N WEIB? KENNICK NÜSCHT!“

Eine knappe Stunde Arbeits- und Lebenszeit waren das. Zur Entschädigung standen 25,80 € auf dem Taxameter und ich werde sie nie sehen. Denn natürlich hat sich die Frau nicht mehr gemeldet und sie wird es auch nie tun.

Ich habe gestern mit einem Kollegen am Stand gesprochen, der mir ein paar Jahre und damit ein paar Fehlfahrten voraus hat. Er hat mir gesagt, dass er das inzwischen lockerer sehe. Jeder müsse mal einstecken und den Ärger sei es eigentlich nicht wert. Und dass er nach Möglichkeit den Leuten immer folgendes mitgibt:

„Ich kann an der Situation jetzt nichts ändern. Ich bin nur ein armer Taxifahrer, der hier nachts auf der Straße versucht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie bezahlen mich nicht für die Arbeit, die ich erbringe, also hab ich ihnen quasi Geld geschenkt. Stellen Sie sich ruhig bildlich vor, sie haben gerade mein Portemonnaie geöffnet und sich 25 € rausgenommen. Sehen Sie es als Spende von jemandem, der auch nur versucht, seine Miete zu bezahlen!“

Ein wenig theatralisch, wenn Ihr mich fragt. Aber der Kollege fügte, erstaunlich regungslos, hinzu:

„Und immerhin zweimal bisher hab ich dafür ein ‚Danke!‘ erhalten.“