Trinkgeld-Abzüge

„… also hatten Sie einen entspannten Urlaub.“

fasste ich den Monolog des Mannes zusammen. Was dann kam, war eher unerwartet:

„Jetzt kiek Dir den an. Hat der mich einfach jesiezt! Wenn de das nochmal machst, jibt’s keen Trinkgeld, mein Lieba!“

An was für Regeln man sich als Dienstleister nicht alles halten muss …

Am Ende gab es trotz weiteren Fehlers noch Trinkgeld. Nicht viel, aber das war ja ganz offensichtlich meine Schuld. 😉

Naja. Sowas kann schon nerven, aber am Ende geht es zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus. Und der Kerl im Speziellen war sowieso mehr so die Marke künstlich-lustig und hat einen auf Verbrüderung machen wollen, anstatt ernsthaft zu nerven.

PS:

Der neulich angesprochene Fehler, dass man beim Kommentieren eine Timeout-Meldung bekommt, müsste inzwischen behoben sein. Falls es bei irgendwem immer noch Probleme gibt, würde ich mich über einen Hinweis freuen – bis dahin gehe ich aber einfach mal davon aus, dass die nächtliche Notoperation erfolgreich war.

Nachwuchs

… und dann stolperte die junge Dame mit dem zerrissenen T-Shirt über den Vorplatz des Ostbahnhofs. Die Bierflasche in der Hand, schwankend, blieb sie mitten auf der Straße stehen und hatte so etwas ähnliches wie ein Bewerbungsgespräch:

„Boah, lauter Taxis hier! ICH KÖNNTE AUCH TAXI FAHREN! HAB ICH ALLES BEI GTA GELERNT!“

Gnadenlos überqualifiziert. So haben wir alle angefangen. 150$ für eine Zwei-Kilometer-Fahrt mit drei Frontalcrashs nehmen und am Ende den Fahrgast zum Dank überfahren. Mit der Zeit wird man halt ruhiger und da ist es gut, wenn Nachwuchs vorhanden ist. 😉

Sie sollte mal mit dieser Kundin reden, die auch Taxifahrerin werden wollte. Das könnte ein gutes Team werden.

Dieses „Normal“

„Wie ist das denn so normal?“

„Normal stell‘ ich mir das ganz locker vor.“

„Ist das normal für Sie?“

Normalität ist etwas seltsames, wenn man sie im Taxi zu ergründen sucht. Insbesondere in einer Berliner Nachtschicht. Natürlich ist Taxifahren in vielen Belangen ein normaler Job. In manchen Dingen ist die Normalität da halt etwas stapazierbarer als jetzt vielleicht die eines Fließbandarbeiters.

Und die Frage wird immer wieder gestellt. Angefangen von den Leuten, die gerade irgend was „total verrücktes“ machen und selbstverständlich absolut NICHT normal sein wollen; bis hin zu jenen, die sich versichern wollen, dass ihre Tour jetzt aber hoffentlich nicht zu sehr aus dem Raster fällt. Ob das jetzt die Länge der Fahrt, die Uhrzeit, die Themen der Gespräche oder das Fahrtziel angeht – überall die Angst oder Hoffnung, normal zu sein.
Aber auch im Gewerbe, beim Bloggen – selbst jetzt bei der unseligen Uber-Diskussion – überall wird erzählt, wie was jetzt „normalerweise“ ist. Und keine Frage: ich verwende den Begriff auch oft. Ist ja normal. 😉

Meistens ist das ja egal, weil es nur ein dahergesagtes Wort für häufig ist. Traurig finde ich halt, wenn sich eine Rentnerin fürchtet, mir die Schicht zu verderben, weil ich sie vom Ostbahnhof mit einem Stapel Gepäck bis nach Mahlsdorf bringen muss. Das passiert zwar viel zu selten, ist aber abgesehen vom überdurchschnittlichen Verdienst eine ganz normale Fahrt für mich. Ebenso wie um 5 Uhr morgens zwei verknallte Kerle vom Berghain zu Tom’s Bar zu fahren eine ganz normale Fahrt ist. Die Auslöser für diesen Eintrag waren zwei Jungs, Anfang dreißig, hackedicht aber lieb. Wegen eines Junggesellenabschieds in Berlin und auf dem Weg in ihr Hotel. Für mich völlig normal, hätte ich den beiden aber nicht sagen dürfen. Für sie war es nämlich der geilste Abend der letzten Jahre.

Trinkgeld ist von 0,00 bis vielleicht 5,00 € völlig normal. Was aber – und da kommen wir der Sache näher – nicht heißt, dass es deswegen uneingeschränkt selbstverständlich ist. Oder für mich kein Grund, mich zu freuen.

Ich glaube, im Dienstleistungsbereich geht die Spanne des „Normalen“ im Vergleich zu vielen anderen Jobs bis weit vom Durchschnittswert weg. Weil Dienstleister eben auf sehr unterschiedliche Kundschaft stoßen und zumindest im Taxi beispielsweise auch unsere Arbeitsweise stark ändern können. Mag die Durchschnittsfahrt im Gewerbe 12 € bringen, wird ein Flughafenfahrer noch Touren für 40 € völlig normal finden, während mein Tagfahrer vielleicht nicht mehr ganz so normal findet, was sich betrunkene Mädels auf dem Heimweg über ihre Freunde erzählen. Ich selbst bekomme schon Probleme, wenn Kunden mich fragen, wie lange ich normal arbeite.

Ich habe einen Facebooktroll, der mich seit Monaten fragt, wie viel man „normal“ im Taxi verdient, wann man „normal“ arbeitet, was einem „normal“ erlaubt ist und nebenbei natürlich, warum ich ihm darauf nach dreimaligem Klarstellen, warum das schwierig ist, nicht mehr antworte.

Deswegen sind die meisten Jobblogs meiner Meinung nach Dienstleistungsblogs. Weil unser „Normal“ manchmal weit in den „Skurril-Bereich“ der Leser reinragt.

Das Ganze hat aber eine weitere Dimension. Nämlich die, dass es genau das ist, was uns Dienstleistern den Job so schwer macht und unsere eigentliche Qualifikation sein sollte: dass wir Dinge irgendwie „normal“ handhaben können, obwohl viele Menschen da draußen das nicht finden. Ich weiß – und bin stolz drauf – dass mich als Dienstleister auszeichnet, dass ich mit betrunkenen Jugendlichen, knausrigen Oberlehrern, wehleidigen Rentnern und streitenden Pärchen umgehen kann. Ohne immer nur das Schlechte zu sehen, ohne die Leute für Dinge verantwortlich zu machen, für die sie nichts können. Und letzten Endes auch ohne daran selbst kaputtzugehen.

Auch das ist ein Grund – und der Hinweis muss immer und immer wieder sein – warum ich mich hier so in diesen an sich lächerlichen Kampf mit Uber stürze, obwohl ich selbst immer öfter lachen muss, wenn ich den Namen höre. Im Taxi- und Mietwagen-, aber auch in jedem anderen Dienstleistungsgewerbe hat man zu kämpfen. Damit, dass nicht alles normal und geregelt ist. Diese Firma – oder zumindest ihr Diplomatiegenie an der Spitze – stuft, was ich und viele Kollegen machen, als überflüssig ein. Weil das ja auch ohne Regeln hobbymäßig für noch weniger Geld erledigt werden könnte. Wie immer an den meist schwammigen und anzweifelbaren Aussagen aus dem Hause Uber ist auch daran zumindest mal so viel richtig, dass man es schlecht als komplett falsch verwerfen kann. Abends an seiner Lieblingsbar die Stammkunden einsacken und heimfahren kann jeder. Seinen Lebensunterhalt mit dem Heimbringen derer zu bestreiten, die in Läden rumliegen, die aus Gründen niemandes Stammkneipen sind, kann halt nicht jeder. Genauso wie beispielsweise nicht jeder in der Lage ist, mir meine Wut über einen unnötigen Internetausfall durch Pfusch an der Hotline zu nehmen und das Problem sachlich und schnell zu lösen.

Normal in der Personenbeförderung jeder Art ist es, auch mal auf Fahrten warten zu müssen. Oder unliebsame, weil schwierige Fahrten für wenig Geld zu machen. Nicht nur, dass niemand einem die nervigen Kunden ewig vom Hals halten kann. Nein, am Ende brauchen wir die auch noch, um unser Geld zusammenzukriegen. Die Belohnung sind dann Fahrten wie diese:

Winker am Mariannenplatz (halbwegs normal). Sechs Leute, die zufällig ein Großraumtaxi angetroffen haben (schon eher glücklich). Meine dritte Winkertour in Folge (Wahnsinn!).
Die Größe der Passagiere passte perfekt zu den komplizierten Platzverhältnissen (sehr selten!) und nach etwas Eisbrechen gelang uns eine flüssige Konversation (normal) in englisch (ebenso normal).
Die Familie kam aus Israel (normal), war allerdings hier, weil die Mutter in der letzten Sitzreihe hier in Berlin geboren war (in der Kombination eher selten) und sie nun mal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln und entfernte Verwandte besuchen wollten. Die eine Hälfte der Leute war still (normal), der Vater war nach allen vorbereitenden Gesprächen ein geradezu anstrengender Berlin-Enthusiast, der bei jedem Haus wissen wollte, was da drin ist und dauernd schwer zu beantwortende Fragen stellte wie „Wo kann man hier abends noch weggehen?“ (grenzwertig normal). Am Ende kamen wir auf gute 15,80 € Umsatz (normal), alle waren bester Laune (normal), aber die Mutter gab mir keinen Cent Trinkgeld (bei so einer Tour eher selten). Während mich der Vater beim Zusammenklappen der Zusatz-Sitze weiter mit Fragen löcherte (nicht mehr wirklich normal), kam einer der Söhne an und steckte mir die 4,20 € Wechselgeld zu, bei der die Mutter sich offenbar nicht getraut hatte, sie mir zu geben (normal. Quatsch, war so unerwartet natürlich extrem geil!).

Was lernen wir daraus? Nur weil das Wort „normal“ gefühlte hundert Mal in einem Blogeintrag vorkommt, muss der noch lange nicht normal sein. 😉

Andere Winker …

Winker am Halteplatz sind so eine Sache. Ich fahre in der Regel nicht hin, wenn jemand nicht bis zum Halteplatz läuft und von dort aus winkt. Und das nun wirklich nicht aus Faulheitsgründen. Im Gegenteil: ich laufe den Leuten sogar lieber entgegen.

Der Grund ist simpel: auf die Distanz weiß ich einfach nicht, ob überhaupt eine Fahrt zustande kommt. Und wenn man einmal weg ist von der Halte … ich sag’s mal so: man trifft selten eine komplette Halte voller verständiger Kollegen, die einen wieder auf den alten Platz lassen. Und schon auf die Diskussionen dazu habe ich keine Lust.

Sicher: bei den meisten Kunden, die einen aus der Ferne heranwinken, gibt es einen Grund. Sie wollen ihr Gepäck nicht alleine stehen lassen oder können es nicht alleine tragen zum Beispiel. Da komme ich dann wie gesagt gerne als Fußgänger entgegen. Aber ja, manchmal hat man dann eine Tour, die man nicht machen kann. Keinen passenden Kindersitz an Bord, keinen Kartenleser, keine Ahnung wo das Ziel liegt. (Ist höchst selten, soll ja aber auch mal vorkommen)
Das alleine wäre ja noch ok. Die Statistik wirklich verderben dann die Spaßvögel, die einen vorwinken und dann eine Kurzstrecke haben wollen, weil man „ja nicht mehr am Stand steht“. Oder eine Wegbeschreibung wollen. Da kennt die Fantasie ja keine Grenzen. Und bei aller Nettigkeit: solche Aktionen kosten einen dann bisweilen über eine Stunde Arbeitszeit (man hat ja lange gewartet), da hört der Spaß halt auch mal auf.

Aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel. Dieses Mal hat beispielsweise ein voll besetzter Reisebus neben mir gehalten und der Fahrer hat mir bedeutet, ihn bis zur Bushaltestelle zu begleiten. Er hatte also eine oder mehrere Touren – da haben Busfahrer als Quasi-Kollegen dann doch ein wenig Vertrauensvorschuss.

Ich war gespannt, aber Touren von Bussen gehören am Ostbahnhof durchschnittlich eher zu den besseren. Die Tagesreisen, die die meisten von ihnen machen, werden oft von Rentnern gebucht, viele davon wohnen auch ein Stückchen weiter weg. Die klassische Tour geht dann etwa nach Pankow, Hohenschönhausen oder Mahlsdorf. Irgendwas zwischen 15 und 25 € Umsatz und liegen damit deutlich über dem normalen 8€-Stich nach Kreuzberg.

Ich sollte nicht enttäuscht werden. Zunächst leerte sich zwar der Bus ohne erkennbare Tendenzen der Passagiere, ein Taxi zu suchen. Dann aber kam der Fahrer selbst an und geleitete – Überraschung! – ein Pärchen Rentner zu mir. Nach Marzahn sollte es gehen, etwas weiter noch als bis zu mir. Über 20 € also, ein Jackpot für Leute, die nicht die ganz großen Hoffnungen haben.

Es war auch wie so oft eine angenehme Fahrt, wobei ich besonders lustig fand, dass der Mann teilweise völlig grundlos geflucht hat wie ein Kesselflicker.

„Sie haben eine Tagesreise gemacht?“

„Ja. War sehr schön. Aber dass das sooo lange daaaauuuuert – meine Fresse!“

Umso angenehmer war, dass sie wirklich gutes Trinkgeld gegeben haben. Bei 22,60 € auf der Uhr liegen 25 € nicht wirklich fern, sind es doch quasi glatt die 10 üblichen Prozent. Dann aber noch einen Zweier draufgelegt zu bekommen, ist immer wieder schön. Da kann man sich auch mal von der Halte wegwinken lassen. 🙂

Witze

Es gibt ja eine Menge Witze, die einem als Dienstleister immer wieder begegnen. Nun ist das mit Witzen so eine Sache … wenn man sie ständig hört, werden sie leicht unwitzig. Und es müssen nicht mal die wirklich schlechten „Witze“ wie „Wir sind ja nur hier, um Sie zu überfallen!“ sein. Der ist glücklicherweise nicht überragend häufig. Was hingegen eine gewisse Breitenwirkung gerade nachts entwickelt hat, ist der Klassiker, bei der Frage nach dem Fahrtziel einfach „nach Hause“ anzugeben. Je nach Kundschaft grinse ich kurz alibimäßig oder spiele auch mal mit und frage bierernst:

„Zu Ihnen oder zu mir?“

Oft allerdings weise ich aber auch darauf hin, dass ich das schon hundertmal gehört habe. Fragt ruhig mal Euren Supermarktkassierer nach der Frage:

„Da ist kein Preisaufkleber drauf, dann kostet das nix, oder? Haha!“

Meist merkt man den Kunden auch an, dass sie „ihren“ Spruch längst nicht so lustig finden, wie sie vorgeben. Einige bringen das sicher bei jeder Taxifahrt, da ist das dann ausschließlich als Eisbrecher geeignet und im Grunde noch unsinniger als es mancher Taxi-Smalltalk ohnehin ist.

Jetzt aber hatte ich einen … da konnte ich nicht anders als zu lachen. Obwohl der Typ nur „nach Hause“ gesagt hat. Der Grund war folgender: ich fand ihn schon optisch einfach lustig. Ein Kerl um die 50, mit Schnauzbart und gnubbeliger Nase darüber. Eine riesige Brille verschluckte fast den kompletten Rest des Gesichtes und auf dem Kopf thronte ein Filzhut. Modisch und wettertechnisch up to date trug er ein Kurzarmhemd und eine bis zum Bauchnabel hochgezogene kurze braune Stoffhose, die ihm somit nicht einmal bis zum Knie reichte. Anbei hatte er eine Aktentasche, die er an sich presste. Vermutlich, weil eine teure Krawatte darin lag, die dem Outfit noch den letzten Schliff verpasst hätte.

Der Typ hätte in einem Lodenmantel vor 40 Jahren als Filmstar Karriere machen können: als Agent in einem Louis-de-Funès-Film oder als Spanner in einem deutschen Softsexstreifen. Und so saß er dann da, kniff die durch die Brille grotesk verzerrten Augen zusammen und sagte: „Nach Hause.“ … und fängt an zu kichern, wie Siebtklässler, wenn ihnen die Französischlehrerin erklärt, dass „Mouchi“ der beliebteste Katzenname in Frankreich ist.*

Vielleicht war er ein wenig zurückgeblieben, vielleicht hatte er das erste Mal in seinem Leben an einem Glas Bier genippt. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall hat der für meine Verhältnisse ältere Mann so dermaßen naiv und unschuldig über seinen ach so tollen Scherz gelacht, dass ich mitlachen musste.

Und was soll’s? Lachen schadet ja bekanntlich auch nie. 😀

*eine wahre Geschichte aus meinem Französischunterricht, die noch getoppt wurde vom nächsten Tag, als uns besagte Lehrerin eröffnete, sie habe unseres Lachens wegen Rat beim Rektor eingeholt (!) und sei nun informiert darüber, dass es sich bei Muschi um „eine Wort aus die Bordell ‚andölt“, dass wir nicht kennen könnten. 😀

3 word language

Fahrgäste unter sich:

„And you are from Spain?“

„Italy.“

„Oh! Italy! Your German sounds so good …“

„I just said 3 words …“

„Yeah, but those 3 words were fantastic!“

Ich hab leider schon zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung mehr gehabt, welche drei Worte das waren. Ein gewisses Kauderwelsch hat im Fond die ganze Zeit geherrscht. 🙂

Alles eine Frage des Blickwinkels

Kommen wir nun zur Außenseitermeinung der Woche. Ein schwedischer Tourist bemerkte – leicht im Widerspruch zur mehrheitlichen Meinung in Deutschland – über Berlin:

„Man, I can’t believe, how fucking clean this city is!“

Hängt vermutlich auch ein wenig davon ab, wo man sich so rumtreibt. 😉