Einmal Zufall zum Mitnehmen, bitte!

Kuriose Situationen gibt es immer wieder. Vor einiger Zeit bin ich Abends zum Stammdöner meiner Wahl gewatschelt. Zu Essen wollte ich nichts, lediglich meine Cola war alle. Da ich ohne mein Lieblingsgetränk am Schreibtisch zu nicht viel zu gebrauchen bin, hab ich meinen inneren Schweinehund mit mir zusammen vor die Türe getreten, obwohl bereits kaltes Herbstwetter dort auf uns wartete.

Als ich den Schnellimbiss mit angeschlossener Kneipe betrat, standen an der Dönerheke ein Angestellter, den ich erst einmal gesehen habe und ein Kunde. Letzterer eher ungelenk angelehnt an die Glasfront, hinter der sich frisch geschnittenes Gemüse türmte. Er kam auch gleich zur Sache, als er mich sah:

„Haschne sammaal Tasse Fahaa!?“

Der Gastwirt winkte ab:

„Nein, der ist kein Taxifahrer!“

Ich hab meine Klappe nicht halten können und gekontert:

„Selbstverständlich bin ich Taxifahrer. Aber ich bin leider außer Dienst.“

Gut, das „leider“ war bei dem Kunden ein bisschen gelogen, ich geb’s ja zu.

Richtungswechsel

Die Taxihalte am Ostbahnhof ist zweckmäßig organisiert, keine Frage. Für Kunden ohne Ahnung ist sie schlicht nicht verständlich. Die ersten 4 bis 5 Taxen halten ganz links vor den Ausgängen. Über die gesamte Länge der Bahnhofshalle befinden sich auf der anderen Straßenseite die Nachrückeplätze. Kein Wunder, dass insbesondere Kunden, die einen Ausgang weiter rechts vermuten, meist das erste Taxi irgendwo gegenüber am Beginn einer der nachstehenden Rücken vermuten.

Schlimm ist das nicht wirklich. Im Gegensatz zu manch anderer Halte ist es zumindest nachts am Ostbahnhof wirklich kein Problem, ein Taxi von weiter hinten zu nehmen. Es ist selten, dass sich unter die vielen Stammfahrer dort ausgerechnet irgendwelche Niesel verirren, die das mit der freien Wahl der Taxe nicht so genau nehmen.

Eine besonders interessante Vermutung hat sich nun aber bereits seit Ewigkeiten unter den Kunden breit gemacht: Die, dass die Taxen auf der jeweiligen Seite nur in diese Richtung abfahren können. Sicher, es ist nicht unangenehm, zu Fahrtbeginn nicht wenden zu müssen, andererseits sind die meisten Taxifahrer durchaus mit der Steuerung ihres Fahrzeugs vertraut und erfüllen auch solche Wünsche gerne 😉

Viele Kunden fragen aber, welches das erste Taxi ist oder wo sie einsteigen müssen. Da hilft man gerne und verweist auch mal auf den ersten. Wenig Zeit für Erklärungen ließ mir aber eine Frau, die schnurstracks auf mich zuschritt, obwohl ich mitten in der Schlange der ersten Nachrücke stand.

„Sagen sie, wie würden sie von hier zum Kotti fahren? Hier runter?“

Dabei deutete sie in Richtung Mühlenstraße. Es soll ja Kollegen geben, die das versuchen, aber das verdoppelt die Strecke beinahe. Also antworte ich wahrheitsgemäß:

„Nein, natürlich nicht. Ich würde in die andere Richtung und dann über die Schillingbrücke…“

„Danke!“

hörte ich noch von ihr, dann drehte sie sich um und stieg gegenüber ins Taxi des Ersten ein. Ich schwör euch, bis ich das geblickt hab, muss ich ziemlich dumm in die Landschaft gestarrt haben.

Fenster öffnen

Mit Fahrgästen hatte ich noch nie Diskussionen über das Öffnen meiner Fenster. Nicht nur, weil ich akzeptiere, dass die Taxiordnung das Entscheiden über das Fensteröffnen ihnen überlässt, ich bin auch nicht empfindlich. Im Winter trage ich meine Jacke meist auch im Auto. Ich weiss selbst nicht genau, warum. Schätze, jeder hat so seine Gewohnheiten.

Aber jetzt hatte ich ein Gespräch durch mein Fenster. Ein eher seltsames, aber das passiert, wenn sich Taxifahrer mit Kindern unterhalten. Es war zu Beginn meiner Schicht. Also ganz zu Beginn. Ich war gerade ins Auto gestiegen und bereitete mein Auto und den Papierkram vor.

Namen und Datum auf den Schichtabschreiber kritzeln, Anmelden am Taxameter, CD ins Laufwerk, Tageskilometer nullen… was man halt so macht. Dann lief ein kleiner Junge in Erwachsenenbegleitung an meinem Auto vorbei. Ich bin beim Schätzen was das Alter angeht furchtbar schlecht, aber er war noch ziemlich klein. Jedenfalls war er sehr interessiert daran, was ich tat, wahrscheinlich weil es ziemlich seltsam ist, wenn ein erwachsener Mann im Dunkeln in einem Auto sitzt und lauter Knöpchen drückt und irgendwas auf Zettelchen kritzelt.

Nachdem er eine Weile neben dem Beifahrerfenster, durch das er gerade so sehen konnte, gestanden hatte, hab ich es einfach mal runtergelassen und einen guten Abend gewünscht. Eine Frage hatte er dann auch gleich:

„Duhu? Machst du das Fenster gleich wieder zu?“

Man muss es ihm lassen: Die dümmste mögliche Frage war es nicht 🙂

Also hab ich ihm das bejaht und auf Nachfrage erklärt, dass es sonst ja kalt würde und ich noch ziemlich lange in dem Auto sitzen müsste. Hat ihn auch alles beeindruckt. Leider ist keine Fahrt draus geworden. Ich hab es der Mutter (vermute ich mal)  angeboten. Wären nur 300 Meter gewesen, da hätten wir das Bezahlen durchaus mal vergessen können. So lag es dann an ihr, wie sie ihm erklärt, warum Männer nachts in Autos sitzen und Knöpfchen drücken. Ich hoffe mal, sie kombiniert das nicht mit den „Steig nicht bei Fremden ins Auto“-Reden. Unser Ruf ist auch so schon schlecht genug 😀

Umzug nach Wandlitz

Ein wenig sonderbar muteten die alten Damen an, die von einem gerade wegfahrenden Großraumtaxi zielstrebig mein eigenes Gefährt ansteuerten und in Augenschein nahmen. Sie lugten in den Kofferraum, tapsten um das Auto und letztlich traute eine der beiden sich sogar, den großen gefährlichen Taxifahrer anzusprechen:

„Entschuldigen sie, würden sie uns mit 2 Kisten nach Wandlitz fahren?“

„Das mache ich sehr gerne, aber wie groß sind die Kisten denn?“

„Naja…“

Ich hab ihnen den Kofferraum geöffnet und sie gefragt, ob der Platz reichen würde. So ganz sicher waren sie nicht und im Nachhinein kann ich das Zögern verstehen. Während ich mit ihnen kurz die 300 Meter zum Halteplatz ihres Busses gefahren bin, waren sie schon dabei, sich mächtig zu echauffieren über „den Oppa“, der ihnen die Großraumtaxe weggeschnappt hat und zu stur war, um wieder auszusteigen.

Beim Bus wartete eine dritte Mitstreiterin und ein bisschen mutete es an, als müsse sie ein mittelgroßes Lagerhaus verwalten, das man übergangsweise in einer Bushaltestelle untergebracht hat. Die „2 Kisten“ entpuppten sich als 2 mit Kisten vollgepackte Sackkarren und ein Koffer. Die erste Sackkarre lies sich problemlos am Stück ins Auto hieven, als die zweite verladen war, standen bereits 6 Euro auf der Uhr.

Während ich in den ersten Minuten versuchte, mein Navi zu überreden, mir wenigstens die grobe Himmelsrichtung anzuzeigen, in der Wandlitz liegt, wurde verbal noch ein wenig auf „Oppa“ eingedroschen. Im Großen und Ganzen waren es aber drei liebreizende Damen, die nicht ohne einen Haufen Selbstkritik bedauerten, dass sie sich bei einer Kaffeefahrt haben übers Ohr hauen lassen.

Die Fahrt dauerte zwar ein Weilchen und ich musste an zwei Zwischenstopps das Ausladen der Wohnzimmereinrichtung (oder was auch immer) übernehmen, aber letztlich will ich mich mal nicht beschweren. 54,00 € standen auf der Uhr, als die letzte der drei sich ans Bezahlen machte. Leider erfüllte sie nicht unbedingt das Bild der trinkgeldfreudigen Omi im Kaufrausch, was mich in Anbetracht meiner doch recht großen Hilfe während der Tour sehr gefreut hätte, aber für 2 Euro hat es dann doch gereicht.

Das wirklich Beste an der Tour war aber nach der gemütlichen Rückfahrt das Gejammer der Kollegen zu hören:

„Looft’s bei dir die letzten 2 Stunden och so beschissen? Is ja nüscht los hier!“

Nein, konnte ich so nicht wirklich sagen 🙂

Keine Taxen…

Wochenende. Es ist zwar einiges los in der Stadt, aber die meisten Leute sind bereits in den Clubs, zwei eher ruhige Stunden für uns. Am Ostbahnhof wächst die Taxischlange ins Unermessliche, aber wirklich bewegen will sich da nichts. Ich habe irgendwann keine Lust mehr, setze den Blinker und ziele in Richtung Boxhagener Kiez. Nur 300 Meter ums Eck winkt mich eine junge Frau heran. Sie bittet mich, sie nach Biesdorf zu fahren, was ich nicht nur in Anbetracht der Länge der Tour gerne annehme. Es entwickelt sich folgender kurzer Dialog:

„Sagen sie mal, ist das normal, dass da überhaupt keine Taxen am Ostbahnhof stehen?“

„Ja, am Hinterausgang schon…“

Günther

„Hallo ich bin der Günther, wie heißt du?“

Um mir diese Frage zu stellen, hat er sich extra von seiner Sektflasche gelöst, an der er die letzten paar Minuten zwischen einigem Kichern immer mal wieder genuckelt hat.

„Sash.“

„Sash? Das ist ein schöner Name!“

„Danke.“

„Sash, bist du Taxifahrer?“

„Ja, allerdings.“

„Können wir dann ein bisschen mit deinem Taxi rumfahren? Einfach so ein bisschen rumfahren?“

„Günther, das können wir machen. Aber das Problem ist: Das kostet Geld.“

„Einfach rumfahren?“

„Ja, auch das.“

Zugegeben, ich habe selten eine dämlichere Frage gestellt bekommen am Taxistand. Aber es war unschwer zu erkennen, dass Günther nicht wirklich geistig auf der Höhe war – und das nicht des Alkohols wegen. Deswegen hab ich die Fragen geduldig über mich ergehen lassen. Und zack! Kaum 10 Minuten später wusste ich, dass er sich in Berlin auch ganz doll auskennt, weil – und die Logik ist beachtlich – er in einem betreuten Wohnen in Zeuthen wohnt. Ich erfuhr von seinem zweitägigen Urlaub und der Tatsache, dass er jetzt ja nur betrunken tut, weil er sonst eigentlich nicht trinkt. Bei ihm im betreuten Wohnen würden sie immer zusammen kochen, ein Paar Rezepte hat er auch gleich noch aufgezählt.

Anstrengend war er, ja.

Aber nach 10 Minuten meinte er dann, als er mir ganz weltmännisch die Hand schüttelte:

„Sash, war schön, dich kennenzulernen. Schönen Abend noch!“

Und dann ist er wieder zu seiner Sektflasche gegangen, der Günther.

Tolle Angebote

„Was kost’n nach Spandau?“

Was für ein Glück! Fast anderthalb Stunden bin ich am Ostbahnhof versauert. Davon gut eine halbe Stunde auf erster Position. Ich hatte schon mit allen Kollegen rumgescherzt, ich würde jetzt mal eben kurz zum Boxhagener Platz rüberfahren. Und dann das! Spandau! Locker 30 €, je nachdem wohin. Ach ja:

„Ich sag jetzt mal 25 bis 35 €. Kommt drauf an, wohin es genau gehen soll.“

„Ja, so zum Rathaus. Also eher so Falkenseer Platz, er hier muss dann aber noch weiter bis nach Staaken.“

„Na das ist ja dann komplett einmal durch. Also ich hoffe, dass wir da mit 35 € hinkommen.“

„Können wir da nicht was pauschal machen?“

„Können wir nicht. Aber wenn ich jetzt sage, dass das etwas über 35 werden, dann werden wir auch nicht bei 50 landen. Versprochen! Also mit 2 € Spielraum denke ich, dass ich 35 € anbieten kann.“

Dachte ich wirklich. Das wäre zwar ganz schön eng geworden, wenn ich mir das jetzt auf dem Routenplaner ansehe, aber in solchen Fällen halte ich in der Regel ja mein Wort und mache die Uhr aus. Die beiden haben es aber drauf angelegt:

„Na dann sagen wir doch 30!“

„Nee. Also ihr könnt das sagen, aber für 30 fahr ich nicht.“

„Aber machen doch alle…“

„Meinetwegen. Ich erkenne bloß nicht, wo da jetzt der große Vorteil für mich liegen soll.“

„Na Mensch, du kannst doch die Uhr auslassen und dann haste ’ne super Tour. Muss der Chef ja nicht wissen!“

Wenn, ja selbst wenn ich mich darauf einlassen würde – dann doch mit Sicherheit nicht bei der größten Tour am Abend, bei der ich dann locker 30 „Leerkilometer“ ansammeln würde…

„Jungs, dazu verstehe ich mich mit meinem Chef aber eindeutig zu gut.“

„Ja, aber wir…“

„Ja, ich aber auch!“

„Dann schauen wir halt, ob sich ein Kollege nicht so gut mit seinem Chef versteht…“

An diesem nicht sehr sinnvollen Punkt der Unterhaltung angelangt, guckten die beiden ziemlich dumm in der Gegend rum, sodass zwei andere an mein Taxi herantraten.

„Sind sie frei?“

„Ich schätze mal ja!“

„Könnten sie uns zur Revaler 99 bringen?“

Seufz.

„Na klar!“

Dass ich gerade 30 € Umsatz gegen 6 € getauscht hatte, war ärgerlich. Viel ärgerlicher war jedoch, dass ich mir sicher war, dass Dennis – der Kollege hinter mir – ähnlich verzweifelt war wie ich und (wenn auch nicht schwarz) gerne mal eine Tour fährt, so lange sie nur irgendwie Umsatz bringt 🙁

Ich hab die beiden anderen Jungs dann kurz zur Revaler gebracht, hab meine 6 € nebst einem Zwickel Trinkgeld bekommen und bin nach einer erfolglosen Runde durch den Boxhagener Kiez wieder am Ostbahnhof aufgeschlagen. 10 Minuten später vielleicht. Und wer steht da an erster Position? Dennis!

Ich bin gleich rüber und hab ihn gefragt:

„Na, haste se auch nicht gefahren?“

„Nee!“

„Was haben sie dir geboten?“

„Wollten 30 zahlen. Ich hab gesagt, dass es 50 sind.“

(Das war wirklich ein bisschen übers Ziel hinaus, aber in dem Fall fand ich es lustig 🙂 )

„Und dann?“

„Die müssten noch hier sein. Die haben alle Kollegen hier gefragt. Wollte keiner Festpreis machen!“

Dass ich das noch erleben durfte 😀