Auch mal wieder …

„Guten Tag, entschuldigen Sie?“

„Guten Abend, was gibt’s?“

„Fahren Sie auch nach Köpenick?“

„Aber sicher, sehr gerne doch. Warum auch nicht?“

„Naja, is‘ ja so weit weg und sie stehen ja in die falsche Richtung …“

Irgendwann, vielleicht wenn ich in Rente bin, werden die Menschen gelernt haben, dass man mit dem Taxi auch wenden kann. Ich bin sicher. Also …fast. 😉

The one – der Eine

Es gibt schon Gründe, die Menschheit für nicht ganz verloren zu halten. Die Mehrheit tut oftmals nicht wirklich etwas dafür, aber in den meisten Gruppen, Staaten, Völkern etc. tauchen sie dann doch auf: die „Einen“. Ich mag den englischen Begriff „The one“ ganz gerne, weil da im Subtext ein wenig „der Auserwählte“ mitschwingt.

Bezug zum Taxi? Hier isser:

Gruppen von jugendlichen Fahrgästen sind mitunter schwierig. Das hat viele Gründe, einige davon sind hormoneller Natur. Desweiteren gerate ja auch ich gerade mit 31 Jahren in eine Grenzregion, in der das eine Generationenfrage werden könnte. Aber in jeder dummen Gruppe befindet sich ein eher cleverer Mensch (sowie sich in erträglichen Gruppen auch meist ein Dämlack befindet. Siehe hier!). Und das hilft.

Ich hatte am Ostbahnhof bereits eine halbe Stunde Wartezeit absolviert, die Soziologiestudenten unter den Fahrern können das sicher aus dem Kopf in Wartesemester umrechnen. Es kam – wenig überraschend an einem Wochenende – eine Truppe junger Leute an und sie wollten nach Tegel. Eine schöne Tour, da sind 25 € Umsatz quasi garantiert. Also von meinem, völlig uncoolen, weil in Gesetze gegossenen Standpunkt. Folglich hatte ich sofort die Diskussion an der Backe, ob ich das nicht auch für zwanzig machen könne.

In einem Anflug höchster Eloquenz mit der Rückbesinnung auf vier Jahre Nachtschicht und unter Einbeziehung ihres potenziellen Bildungsstandes äußerte ich aufs Wesentliche reduziert:

„Nö.“

Was folgt, können sich viele Nachtschichtkollegen ausmalen: Enttäuschung, Wut, kindische Arroganz …

„Dann neh’m wa halt’n nächsten!“

Glücklicherweise war der Taxistand mit wenigen Wagen belegt, noch dazu mit Kollegen, die auch nicht so recht ein Interesse daran hatten, ihren Lohn nun zu senken, nur weil ein paar Typen vorlaut waren, weil sie sich einen Cocktail zu viel geleistet hatten. Aber auch in dieser Truppe gab es „den Einen“, den vernünftigen. Er kam nochmal zu meinem Taxi und entschuldigte sich für seine Vorredner. Er bewies eine gewisse soziale Kompetenz und war mir sympathisch. Unsere Verhandlung war kurz und unbürokratisch. Am Ende stiegen die Typen ein und ich karrte sie nach Tegel. Jeden zu seiner Straße, zu seiner Hausnummer. Der „Chef“ gab mir am Ende mit glasigen Augen einen Zwanziger und torkelte ins Freie.

Das Taxameter zeigte 27,80 € an.

Hä?

Nein, das war in Ordnung. Ich hatte dem einzigen Vernünftigen vor der Fahrt bereits gesagt, wie viel es in etwa kosten würde. Da ich in Anbetracht der verschiedenen Adressen für 30 € meine Hand nicht ins Feuer legen konnte, hatten wir 32 ausgemacht und ich hatte die 12 € bereits in der Tasche, als der im Laufe der Fahrt überaus wortkarge „Chef“ mich bezahlte. Das Taxameter lief angeblich nur mit, weil die Kilometer protokolliert würden und mein Lieblingsfahrgast hatte mir zwei Dinge versprochen:

1. dass sich ohnehin keiner der anderen an die Fahrt und die Preisverhandlungen erinnern würde und

2. dass er ihnen beizeiten mal erzählen würde, was sie wirklich gezahlt hätten, sollte ersteres nicht zutreffen.

Ja, manchmal hilft Cheaten im Leben durchaus. Aber man muss an den richtigen Geschäftspartner geraten, „den Einen“ eben. 😉

Maria, was ’ne Strecke!

„Ey Du, sorry. Kannste uns sagen, wo’s Magdalena is?“

Das Magdalena, ehemals Maria oder ADS, direkt beim Joseph oder so. Eine Ahnung, was da hinterm Zaun wann genau wie hieß – aber wo’s ist, ist nicht so schwer zu erklären vom Ostbahnhof aus:

„Na, das ist – vereinfacht gesagt – direkt da drüben!“

„Und wie kommen wir da hin?“

„Am einfachsten hier bis zum Ende, dann links, noch über die Kreuzung und dann ist da links im Zaun …“

„Fährste uns auch?“

„Klar, kann ich machen. Kostet aber auch gleich vier Euro.“

„Alles prima. Hauptsache nicht verlaufen!“

„Auf der Strecke?“

„Man weiß ja nie.“

Also gut. Die Straße war frei, die einzige Ampel grün, die Fahrt dauerte rund 30 Sekunden.

„Und wo ist das jetzt genau?“

„Hier durch’n Zaun, dann ist nach ein paar Metern Weg der Eingang.“

„OK, cool Mann! Kurze Frage noch!“

„Jepp, was is‘?“

„Haste uns ’ne Nummer? Dann könn‘ wir dich anrufen und Du kannst uns später wieder zurück zum Bahnhof bringen!“

Also bei aller Liebe zu kurzen Touren …

„Jungs, hier fahren genug Taxen vorbei. Da müsst ihr euch notfalls einen Kollegen ranwinken!“

Taxi oder nicht?

So lobt man sich das!

Ich kam von der Petersburger Straße gen Süden geschossen, die Ampel am Frankfurter Tor im Blick. Sie war erstaunlicherweise schon grün und diesem Frieden ist einfach nicht zu trauen. Ein Kollege war noch vor mir und im Gegensatz zu mir schaffte er es. Ich hab zwar meinen kritischen Blick aufgesetzt, als er mit seiner vielleicht 100 PS stärkeren E-Klasse vor mir mal eben einen Endspurt hingelegt hat (schließlich fuhr ich selbst schon knapp 60), aber vielleicht war die Ampel wirklich noch nicht rot, als er sie passierte und unter Bremsenquietschen scharf rechts auf die Karl-Marx-Allee in Richtung Alex einbog.
Ich kenne das ja: manchmal will man’s einfach noch schaffen – und auch den größten Profi erwischt mal die Unvernunft. Ironischerweise tat mir das Warten an der Ampel ganz gut, denn auf der anderen Straßenseite postierte sich eine Winkerin. Dem Anschein nach irgendwo um die 60 Jahre alt, nicht gerade die Durchschnittskundschaft um halb drei. Während der Nachtschicht erliegt man ja manchmal dem Glauben, die einzigen Senioren in Berlin wären die Kollegen am Taxistand.

Man kann sich die äußerst energische Winkerin ungefähr so vorstellen wie „es Hilde“ aus der Serie „Familie Heinz Becker“. Nur ein wenig korpulenter. Klein, altersgerechte Kurzhaarfrisur, Brille mit sichtbarem Rand und einem verzweifelten Blick, weil die Welt mal wieder nicht so wollte wie sie. Anbei ein Mann. Ein unscheinbarer Rentner, im Gegensatz zu ihr in unauffälliges Grau gekleidet, eine ebenso fahle Schiebermütze auf dem ebenfalls bebrillten Kopf. Sicher sehr angenehme Kundschaft und zweifelsohne eine Abwechslung!

Ich setze den Blinker und halte direkt auf dem Fahrradweg. In dieser nasskalten Nacht sind kaum Radler unterwegs und so erlaube ich es den Autofahrern hinter mir, ohne Spurwechsel vorbeizufahren.

Und nun? Die Frau wirbelt freudig erregt im leichten Nieselregen umher, ist erleichtert, dass ich halte. Er hingegen würdigt mich nur schnell eines Blickes und stapft energisch und mit nach unten gezogenen Mundwinkeln von dannen. Seine Begleiterin, mutmaßlich seine Frau, redet auf ihn ein, gestikuliert wild – was ihn kein bisschen kümmert.
Das alles spielt sich für mich lautlos ab. Die Fenster sind geschlossen, allenfalls ein wenig Lärm der vorbeifahrenden Autos dringt zu mir ins Cockpit vor.
Die Frau ist außer sich vor Bestürzung, es ist ihr sichtlich peinlich, dass sie mich rangewunken hat, obwohl ihr Begleiter jetzt offenbar die Entscheidung getroffen hat, nicht mit mir zu fahren. Ob er einfach kein Taxi will, ob ihm mein Opel zu billig oder mein Bart zu sehr Rock ’n‘ Roll ist? Wer weiß es schon? Am Ende verständigen ich und ’s Hilde uns mittels hochgezogener Schultern darüber, das wir uns wohl nicht näher kennenlernen würden.

Meinem Glück tat’s keinen Abbruch, denn 20 Meter weiter winkte nun eine bedeutend jüngere Frau. Ohne mürrischen Begleiter. War nur eine Kurzstrecke, aber immerhin eine Fahrt.

Grenzen

„Hey, ich wollte mal fragen, wie viel es bis zur Hastenichtgesehenstraße in Pankow kostet.“

„Hm, vielleicht so 20 Euro. Aber mit deinem Kumpel mach‘ ich das nicht, sorry.“

„Kann ich verstehen. Is halt scheiße, ich muss den irgendwie heimbringen und …“

„Ey, ich bin kein Arschloch, ganz ehrlich. Und ich gehör zu den Taxifahrern, die auch Leute mitnehmen, bei denen es eng werden könnte. Aber so wie dein Kumpel da seit 10 Minuten wild durch die Gegend kotzt und dich dann auch noch anbrüllt, wenn Du ihn was fragst … für so was fehlt mir heute der Nerv, ehrlich!“

„Ich weiß. Kotzt mich ja selber an! Aber ich …“

„Hey, frag ruhig die Kollegen hier und ich wünsch‘ euch auch, dass ihr wen findet. Aber heute Nacht bin ich’s mal nicht!“

Und da soll mir mal noch ein Kollege vorwerfen, ich könne nicht auch hart sein! 🙂

Glück mit kurzen Touren (2)

Gar nicht lange nach dem ersten Glücksfall bekam ich eine nur etwas längere Strecke. Vom Ostbahnhof in die Cuvrystraße. Normalerweise unter sieben Euro, dank der gesperrten Oberbaumbrücke leicht darüber. Aber nichts, was den Kohl fett machen würde, wie man so sagt. Der Kunde war nett, alles in allem eine unspektakuläre Sache. Smalltalk, zwei Ampeln, sieben Euro, einen noch als Trinkgeld, fertig.

Als ich ihn jedoch rausließ, stand auf der anderen Straßenseite ein älteres Pärchen, das mich aus vier Augen glücklich anstrahlte:

„Sind Sie jetzt etwa frei?“

„Ja, so sieht es aus.“

„Ach, das ist ja hervorragend! Würden Sie uns nach Kleinmachnow bringen?“

Eine Anschlussfahrt, dreimal so lang wie der Durchschnitt …

Ich bin so langsam an einem Punkt, wo es mich kaum noch ärgert, dass Kollegen kurze Touren ablehnen. Sollen se die ruhig alle zu mir schicken. In den meisten Fällen passiert mir in letzter Zeit irgendwas Gutes in dem Zusammenhang, also nur her damit!

Glück mit kurzen Touren (1)

„Wie weit is’n bis zum Kater?“

„Kater Holzig?“

„Ja.“

„Ungefähr ein Kilometer.“

„OK, danke. Ähm … sag mal: würdeste uns da auch hinfahren?“

„Logisch.“

[…]

„Ey Sven, gibt dem Mann auf jeden Fall ’n Zehner, wenn er uns schon für die kurze Strecke mitnimmt!“

Aber das war noch nicht alles an dem Abend …