Party-Metropole Berlin

Sie haben mich an einer Baustelle rangewunken. An einer Baustelle, die von dieser Seite aus dafür sorgte, dass ich einen riesigemn Umweg fahren musste. Obwohl es sogar noch vor null Uhr war, ließen sie  mich wissen, dass die Lust auf Party gerade eher so mittel wäre. Der Abend  zuvor war heftig, eigentlich reiche es ihnen allen schon jetzt. Passiert halt mal, schon klar. Dann  aber  dieser goldwerte Dialog:

„Uh, ein Seniorendomizil! Da wäre ich jetzt gerne!“

„Ehrlich? Nix zu tun und …“

„Ich will jetzt da hin!“

„Wieso das, Alter?“

„Optimaler Abendverlauf! Ich lauf da rein und lass mich waschen!“

„Boah, geil Alter! Waschen lassen! Ich bin dabei!“

Ich will echt nicht diese Ich-werde-alt-Schiene fahren, aber mit so einer Jugend ist doch echt keine Revolution mehr machbar, oder? 😉

Etwas arg unvorsichtig

Ich hab ein recht gewagtes Manöver vollführt, um noch anhalten zu können, aber genau deswegen hab ich den rückwärtigen Verkehr ja meist im Blick. Ging also ohne Probleme, sonst wären die Winker halt nicht meine Kunden, sondern noch ein paar Minuten länger Winker gewesen.

Ein junges Pärchen, vermutlich Vietnamesen. Ich hoffte schon ein wenig auf eine Fahrt Richtung Heimat. Aber nein: Während sie ins Auto kletterte, nannte er mir in gebrochenem Deutsch eine Adresse im Süden, eine nette 13€-Tour für zwischendurch, noch dazu in eine Party-Area. Bestens. Und dann will er die Tür schließen, offenbar, damit ich seine Freundin heimbringe. Alleine heim war ihr Wunsch aber offenbar nicht, denn sie fuhr hoch, stieg sofort wieder aus und fauchte ihn an, bis er reumütig hinter mich ins Auto kletterte.

Nach dreihundert Metern Fauchen bat er mich, hier doch bitte langsam zu fahren. Offenbar hielten sie nach jemandem Ausschau. Oder auch nicht, denn dann sollte ich weiter und an der nächsten Straße – ab von der Route – links fahren. OK.

Als ich an der Abbiegerampel wartete, kam ein „Dokadeaus.“ von hinten.

„Doch geradeaus? Nicht mehr links?“

Keine Antwort. Also bin ich bei grün nach links.

„Nein! Gadeaus!“

Er nannte die Ursprungsadresse nochmal. Also hab ich kurz eingeworfen:

„Kein Problem, ich fahr über die X und die Y, dann ist das kein Umweg.“

Also 20 Cent vielleicht, aber egal.

Ein Kilometer weiter sollte ich dann nochmal langsam fahren. Während er mich dirigierte, hatte sie jemanden am Telefon, das wirkte wie eine klassische schlecht geplante Verabredung irgendwo unterwegs. Ich tat also wie geheißen. Dann doch ein ok, dann der Hinweis, ich solle am Ziel langsam fahren, dann noch 100 Meter weiter, dann zum Bahnhof, aber nicht zum richtigen Bahnhof, nein, noch weiter, jetzt doch bis zum Club am Ende der Straße. Aber rechtzeitig, bevor wir dort ankamen, musste ich doch noch wenden, und einen Eiertanz sondergleichen hinlegen, um die richtige Hausnummer auch ja metergenau zu treffen. Stopp, nein weiter, langsamer, langsamer, nein weiter, hier, nein noch ein Stück.

Am Ziel beglich sie die Rechnung mit einem kleinen Trinkgeld und stieg aus, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Er kraxelte hastig hervor, stolperte aus dem Auto und rief dann besorgt:

„Noma Lit!“

Ich hab unser Aushilfs-Flutlicht nochmal kurz angeschmissen und was lag da auf der Rückbank? Ein kleines Röhrchen und großflächig verteilt eine, sagen wir mal „kleine Menge“ von vermutlich „Mehl“, die der unbeholfene Fahrgast nun hastig aber fast schon sorgfältig auf seine Hand kehrte.

Ich lobe ja immer die Pingeligkeit von Druffis, aber dem hab ich hinterhergerufen, dass er in Zukunft doch bitte noch ein ganzes Bisschen vorsichtiger sein sollte.

Nach der Tour hab ich erst einmal die Fackel ausgemacht und den Sitz nochmal nass abgewischt. Muss ja nicht sein, dass die künftige Kundschaft die örtliche Hundestaffel in den Wahnsinn treibt … 😉

Günni, Wulle und ihr Schatzilein

Mal flott eine Winkerin in Lichtenberg aufsammeln. Fahrtziel Prenzl’berg, so weit, so gut. Die Straße kannte ich und bezüglich der Hausnummer wollte sie helfen. Und es wäre ja so super, dass ich gerade vorbeigekommen bin! In Anbetracht der später eingeworfenen Tatsache, dass es danach noch fast bis nach Pankow ging, war das eine lohnende Tour. Aber mehr Gespräch, als mir lieb war. Und das will was heißen!

„Weißte, ich bin auch ’n bisschen verrückt. Nix gegen die Mucke. AC/DC haben gut Songs, aber die Lautstärke da? BUMM BUMM BUMM! Ich halt‘ das nicht aus!“

„Ja, wenn’s zu viel ist …“

„BUMM BUMM BUMM!!!“

Ich dachte bis dato, ich hätte das mit der Lautstärke verstanden, aber ehrlich gesagt, war ich auf Metal-Konzerten, die nicht halb so unangenehm waren, wie diese 50-jährige, die mir nun „BUMM BUMM!“ ins Ohr schrie.

Und das war’s nicht. Da war einmal Günni, der sie verachtenswerterweise auf diese Party geschleppt hätte – und dann natürlich Wulle! Wulle, der immer „so derbe hässliche Weiber“ abschleppt. Sie mag ihn ja, aber als sie ihm dieses Mal dieses „Vieh“ vorstellen wollte, hat sie ihm auch ganz ehrlich gesagt, dass sie das nicht haben wolle. Und Ehrlichkeit ist eine Tugend, nur um das mal klarzustellen!

Holy Fuck!

Aber gut, die Sache mit Günni und Wulle war jetzt durch. BUMM BUMM BUMM, nur fall’s ich’s vergessen haben sollte.

Der Zwischenstopp erfolgte dann bei Schatzilein, der jetzt wegen der Schichtarbeit natürlich schläft. Dem hat sie nur kurz ein paar Scheine aus der Tasche gezogen, um bei Uschi („Kennste sicher, die Kneipe da am Eck!“) noch ein paar Bier zu Beruhigung zu trinken.

„Das BUMM BUMM BUMM geht mir nicht aus dem Kopp!“

Ich hab während des Stopps kurz überlegt, unbezahlt stiften zu gehen. Hab ich dann natürlich trotzdem nicht gemacht. Offenbar zu recht, denn sonst hätte ich nie erfahren, dass sie im Gegensatz zu den „Viechern“ von Wulle wenigstens erst saufen geht, wenn sie Schatzilein ein Brot für die Arbeit geschmiert hat.

Seems … legit?

Ich hake das mal unter „Milieu-Studie“ ab, ok?

Nerd-Alert in Marzahn!

Da bin ich extra einen Umweg durch eine unbedeutende Nebenstraße gefahren, um mal kurz am Bahnhof zu gucken. Nicht dass ich da wirklich jemanden erwartet hätte um die Zeit, aber ob der Weg in die City nun 10 oder 11 Kilometer lang ist …

Dann allerdings winkte es nicht etwa am Bahnhof, sondern noch vorher in der kleinen Nebenstraße. Zwei Typen, die sich verabschiedeten, einer stieg dann ein. Vielleicht etwas älter als ich, ein beachtlicher Vollbart und eher so mittelmäßig gepflegt. Wäre es etwas später gewesen, hätte er aufgrund schlechterer Lichtverhältnisse auch als Obdachloser durchgehen können. Er wollte zum NH-Hotel in der Landsberger. Gute Tour, insbesondere für den Kilometerschnitt.

Er sprach offenbar kein Deutsch und begann das Gespräch wie folgt:

„I want to show you what I am into!“

Und dann stellte er sein Handy auf laut und es erklang Klaviermusik.

„That is my music!“

„Oh, so you’re a musician?“

„No, no, no, not really! I am a programmer!“

Ich bin immer noch nicht so ganz sicher, ob er nicht vielleicht nur ein Spinner war, aber wenn ich unser halbenglisches Kauderwelsch richtig interpretiert habe, soll die Musik eine Vertonung von Quadratwurzeln von Primzahlen gewesen sein. Meine Skepsis rührt daher, dass ich die Methodik nicht wirklich verstanden hab und mir das Ganze dann doch ein wenig zu harmonisch für eine rein mathematisch basierte Tonfolge erschien. Aber hey, ich bin nicht vom Fach und manchmal ist Mathematik dann ja doch erstaunlich musikalisch. Falls das alles gestimmt hat, war es auf jeden Fall geil! 🙂

Er war laut eigener Aussage eigentlich weniger Künstler oder Mathematiker, sondern wirklich mehr Programmierer. Aus Argentinien. Eigentlich spezialisiert auf die Visualisierung von Musik. Das mit den Primzahlen wäre nur ein Nebenprojekt gewesen.

Wie dem auch sei: Es war mal eine herzerfrischend andere Unterhaltung. Über sowas ist man ja insbesondere an Wahlabenden recht froh.

Schwarztour-Angebot des Monats

„Bringste mich einfach inne Niederbarnim? Gradeaus, dann rechts. Ist nicht weit, aber kannst Die Uhr gerne auslassen, kriegst’n Fünfer.“

„Nee danke, ich brauche heute noch etwas Umsatz auf der Uhr.“

[Lustige Geschichte: Diese eher kryptische Aussage beendet meiner Erfahrung nach die Schwarztourdebatten wesentlich schneller als eine prinzipielle Weigerung oder gar der stichhaltige Hinweis, dass ich nichts davon habe, wenn meine Firma pleite geht.]

Naja, es waren dann anderthalb Minuten Fahrt und der komplette Inhalt des Gesprächs lässt sich wie folgt wiedergeben: Der Fahrgast war zu müde zum laufen und ich hab mich über die Tour gefreut, obwohl sie kurz war. Dann die Bezahlung:

„Na denn: Ein Fünfer, Kurzstrecke halt.“

„Hier. Stimmt so.“

Ein Zehner.

Ich weiß, dass die Leute, die uns die Touren schwarz anbieten, es eigentlich nett uns armen geknechteten Fahrern gegenüber meinen (oder einfach eine Verbilligung, koste es was es wolle, erringen möchten).

Aber die Art von Kunden? I don’t get it!

Aus dem seltsamen Universum der Menschen (2)

„Where are you from?“

„Peru.“

„Oh, ok. Guess you’re not here for just Berlin.“

„No, I make a three-month-trip.“

„Where have you been so far?“

„It’s actually the end now. Been to Porto, then Madrin, Barcelona, Nice, Bordeaux, Paris. Took a flight zu London, then Scotland. Then headed to Helsinki and Stockholm and took a flight to Moscow. From there to Scandinavia again, but other route with a stop in St. Petersburg. Down the baltic states and to Bulgaria. After that Vienna, Munich, Prague, Warsaw. And now: Berlin!“

„Wow! Impressive! What’s your job?“

„I am online poker player.“

„Oh. OK …“

„Do that every year. Pile up amount of money, then go waste it. Last year three months in Africa, the year before South America.“

Ich sag’s ungern, aber ich hatte schlagartig das Gefühl, das Internet all die Jahre falsch genutzt zu haben. 😀

Der Moment, in dem man weiß, dass man verloren hat

Ich wusste bei meiner letzten Fahrt an diesem Abend, dass ich verloren habe, als mir der Fahrgast neben mir mit einem schallenden Lachen „Haha, Du bist geil!“ entgegenschmetterte. Das Blöde war halt: Es war seine Freundin, die mich in Anbetracht des hellen Lichtes im Auto noch mal schnell fragte, wie alt ich sie schätzen würde …

Und ich hab da schon gesagt, dass ich da ja nur verlieren kann. Sie hingegen hat versichert, dass ich da heute nix mehr falsch machen könne. Und da Bezahlung und Trinkgeld schon geregelt waren, hab ich ehrlich geantwortet:

„Ende 30 vielleicht?“

Wenn man bedenkt, was man da bei 3 Jahren für einen Sturm auslösen kann, dann stellt Euch mal vor, wie groß das Geschrei war, als sie sagte, sie sei 29.

Ich hasse das. Zunächst natürlich mal, weil ich niemanden beleidigen will. Andererseits aber auch, weil das ein derart dummes Spiel ist. Zum einen fragen ohnehin immer nur Leute, die entweder deutlich jünger oder älter aussehen als sie sind, oder überhaupt niemand sieht so alt aus, wie er ist. Zum andern, weil das halt stark vom Umfeld des Betrachters abhängt.

Als ich z.B. 15 war, haben die ersten Kumpel gelacht, dass ich noch keinen Bartwuchs hatte und ich hätte mich selbst im Spiegel auf eher 13 geschätzt. Dafür konnte ich überall Schnaps kaufen, weil ich mit 1,90 Meter bei allen Ladenbesitzern eher als ein Typ durchging, der vermutlich 25 ist und einem eine klatscht, wenn man ihn nach dem Ausweis fragt. Mit Anfang 20 wurde ich von einem Kind erstmals über 50 geschätzt und dieses Jahr, mit 35, haben mir schon mindestens drei Fahrgäste überrascht gesagt, dass sie mich nicht für so alt gehalten hätten. Aber Taxifahrer gibt’s gefühlt halt auch nur zwischen 20 und 30 und 50 und 90. Vielleicht machen normale Menschen dazwischen „was vernünftiges“. 😉

Im Ernst: Wenn man einfach ein Kompliment haben will, dann ist der nächstbeste Fremde auf der Straße vielleicht die falsche Adresse. Oder man fragt halt nach anderen Dingen. Ich meine: Fand ich die Kundin hübsch? Auf jeden Fall. Aber sie hatte halt ein paar Falten mehr als die Leute, die ich in ihrem Alter kenne, sorry. Und auf jede Nachfrage einfach mit „Na höchstens 22, nicht wahr?“ zu antworten, ist mir schlicht und ergreifend zu doof.

Und so unter uns: Ich bin sowas von froh, dass ich da in den letzten paar Jahren irgendwie rausgewachsen bin. Ihr dürft mich natürlich weiterhin hässlich finden, aber ich hab nicht einmal mehr Angst vor einer Glatze im Alter. Und sollte dieses Alter in fünf Jahren schon kommen, isses halt so. Die Lockerheit wünsche ich denen, die mich bitten, ihr Alter zu bewerten, auch irgendwann mal. 😉