Eingewandertenboni

Über die Fahrt lässt sich wenig sagen. Meine Kundin stieg am Ostbahnhof ein, und hatte eine dieser leicht unterdurchschnittlichen Touren im Angebot, die viele Fahrer sagen lassen, dass der Ostbahnhof eine doofe Halte ist. Einmal zum Görlitzer Bahnhof, siebenirgendwas, bitte, danke, tschüss.

Ich hab sie wie die meisten gefragt, ob sie eine lange Reise hatte, was sie damit beantwortete, dass sie aus Stuttgart kommen würde. Ich höre da ja erstmal immer geduldig zu und oute mich nicht vorschnell, aber in dem Fall isses dann irgendwann passiert. Und das Ergebnis:

„Na, mached se amol Zehn. Mir Schwoaba missed doch z’sammahalda!“

Ich sollte mir mehr Identitäten und Dialekte zulegen. Es scheint sich zu lohnen … 😉

Wenn Fahrgäste philosophische Erkenntnisse haben

oder das, was sie dafür halten.

„Nee, jetzt mal ohne Scheiß: Is’n netter Abend gewesen. Aber ich hab zu viel gesoffen … ich wunder mich ja schon, was ich in meinem Alter noch wegstecken kann.“

„Na dann isses doch gut jetzt. Jeder Tag braucht mal ein Ende.“

„Du sagst es! Und war ja auch nicht leicht. Sorry, ich bin heute ein bisschen philosophisch drauf und ich muss schon sagen: Ich war ganz schön stressig heute!“

„Andere hätten’s auf andere Leute geschoben …“

„Ja, aber nee, so bin ich nicht. Ich bin mehr so philosophisch drauf. Ich hab Gott und die Welt zugelabert und war richtig anstrengend, das kannste mir glauben!“

[…]

„Was kriegste jetzt von mir?“

„9,80 €.“

„Na, dann mach mal zwölfe! Hast ja jetzt auch mich mit meiner philosophischen Art ertragen müssen. Aber jetzt haste wieder freie Fahrt! Ich quatsch‘ jetzt erstmal meine Frau und meine Kinder zu!“

Da musste ich um 3.30 Uhr nachts dann doch ein wenig schmunzelnd viel Spaß wünschen. Auf, äh, philosophische Art und Weise … 😉

Wie man seinen Kumpel im Taxi nicht vorstellen sollte

„Und er hier hinten: Problemkandidat! Weisste Bescheid!“

Na schönen Dank auch. Ging aber fast noch besser weiter:

„Deswegen sind die anderen Taxis ja alle weitergefahren. Wärste mal besser auch …“

Am Ende war’s ne vollkommen stressfreie 8€-Winkertour mit einem Zweier Trinkgeld obenauf. Derartige „Problemkandidaten“ kommen mir gerade recht …

Der Nachteil von getrennt ausgewiesenen Zuschlägen

Fällt bei einer Taxifahrt ein Zuschlag (für bargeldlose Zahlung, mehr als 4 Kunden oder die Flughafengebühr z.B.) an, werden diese am Taxameter extra angezeigt. Mit einem Knopfdruck kann man das Ganze zwar addieren, aber der Gesamtpreis wird nur kurz angezeigt. Danach springt „die Uhr“ wieder in den üblichen Modus, bei der die beiden Zahlen (Fahrpreis und Zuschläge) untereinander angezeigt werden.

Und Kunden lesen nur eine der Zahlen. Immer!

Nun hatte ich eine Fünfertruppe, entsprechend fielen 1,50 € an Zuschlägen an. Alltag. Die Kunden sammelten den Fahrpreis zusammen, keiner hatte einen Überblick. Auch Alltag. Und so kam es dann, dass die letzte im Bunde ihren Obolus entrichtete und folgendes anfügte:

„Ich hab auch noch etwas Trinkgeld dazugepackt.“

„Wieviel Trinkgeld denn?“,

fragte ein Mitreisender. Die Frau antwortete ehrlich:

„Keine Ahnung. Aber jetzt nicht nur 10 Cent.“

„Wieviel Trinkgeld haben Sie denn jetzt bekommen?“,

fragte er alsbald mich. Und ich war auch ehrlich:

„Ich trau’s mich kaum zu sagen, aber … 10 Cent.“

Immerhin gab’s dann noch Nachschub. 😀

Glück im Unglück, Kotzer-Edition

„… und fahren Sie bitte nicht zu ruckelig!“

Spätestens bei der Ansage verdrehen alle mitlesenden Taxifahrer die Augen. Kundschaft mit Magenproblemen, die Königsklasse unter den Beförderungskandidaten. Zumindest wenn man halbwegs gängige Phänomene betrachtet. Mit etwas schmutziger Fantasie fallen einem noch viel schlimmere Dinge ein, aber ich will ja jetzt auch niemandem beim Lesen das Frühstück versauen.

Der Dame also war übel, mit dem mitreisenden Herrn habe ich mich blendend unterhalten. Da kann man doch mal beherzt zum Es-war-ja-nicht-alles-schlecht greifen, das sonst nur von äußerst unangenehmen Zeitgenossen strapaziert wird. Aber der Zustand der jungen Frau war ernst, wirklich ernst. Gut, im Gegensatz zu anderen Auswurfaspiranten war sie zurechnungsfähig, aber bereits im Stadium „Bläschen vor dem Mund“.

Wie immer habe ich alle schlauen Sprüche runtergebetet. Den mit dem Warten für zwei und dem Kotzen für 200 Euro, dass ich super schnell anhalten kann – und wie immer auch, dass es niemals und unter keinen Umständen eine Lösung ist, einfach aus dem Fenster zu reihern. Und das sage ich ja nicht, weil ich’s mir nicht irgendwie ästhetisch vorstellen könnte, einen Springbrunnen spazieren zu fahren, sondern weil’s keine Sau mehr auf die Reihe kriegt, wenn es wirklich spitz auf knapp steht. Und dieses Es-läuft-zwischen-Scheibe-und-Tür ist nunmal ein Horrorszenario sondersgleichen. Da geht’s ganz ganz schnell um mehrere ausgefallene Schichten und mit großer Wahrscheinlichkeit um Werkzeugeinsatz und enorme Kosten.

Hat natürlich nix gebracht. Ich weiß, wie sehr Alkohol die Mir-egal-Haltung fördert, aber ich verstehe es wirklich nicht, wie man nach so einer Ansage „Stopp!“ rufen kann und nach dem Halt des Autos aus dem Fenster kotzen. Die Türhebel im Zafira sind wirklich nicht schwer zu bedienen.

Aber – Ehre wem Ehre gebührt! – sie hat es geschafft! Als Erste bisher! Nix im Innenraum, nix an der Scheibe! Vielleicht liegt meine Latte nach sechs Jahren Nachtschicht etwas tief, aber ich war in der Laune für eine Medaillenvergabe. Natürlich nicht wortwörtlich, denn daran, dass die Kiste außen vollgekotzt war, änderte sich ja nix. Aber im Gegensatz zum Innenraum sind das ja Lappalien. Ich hab am Ende nur gesagt, sie sollen mir einen Fünfer extra geben für die Waschanlage.

Noch lange kein guter Deal für mich, denn auch zur Waschanlage musste ich erst einmal fahren und die verlorene Lebenszeit durch die Anspannung während der natürlich überdurchschnittlich langen Fahrt ersetzt mir keiner. Aber zum einen freut’s wirklich ungemein, wenn der Kelch an einem vorübergeht, zum anderen sind gerade solche Fälle auch eine Frage der Sympathie. Mein Job ist es, Leute sicher heimzubringen – und wenn sie trotz miserabelster Begleitumstände nett bleiben, mitarbeiten und Verständnis für meine Position haben, dann kann ich auch mal fünfe gerade sein lassen.

So gesehen: Job erledigt und zwei Leuten ein echt stressiges Tagesende erspart. Kann ich mir jetzt zwar nix von kaufen, aber dieses gute Gefühl ist es manchmal dann auch wert.


Update: Was ich beim Schreiben des Textes noch gar nicht gesehen hatte: O.g. Begleiter hat sich via Facebook für die gute Heimfahrt bedankt und gesagt, er werde sich nun nach meinem Buch umsehen. 🙂

Difficult Language

„Sekelesiske Seteraße.“

„Schlesische Straße?“

„Yeah, right!“

„Difficult word …“

Komisch an der Fahrt war, dass damit die Unterhaltung schon zu Ende war. Hat aber vielleicht auch einfach ein bisschen zu schwierig angefangen … 😉

Liebling, ich habe die Stadt geschrumpft!

Ich war auf dem Heimweg. Also besser gesagt: Auf dem Weg zum Abstellplatz des Autos, in dem Fall unsere Firma in Niederschöneweide. Die Schicht war mies, ich war krank … aber natürlich hab ich die Fackel angelassen. Wenn noch eine Tour kommen sollte, dann würde ich sie halt fahren. Man nimmt halt mit was geht, an einem anderen Tag wartet man eine Stunde darauf …

Und so kam es, dass mich am Treptower Park zwei Männer rangewunken haben. Das Fahrtziel war, für eine spontane Winkertour, bemerkenswert:

„Brings‘ uns nach Lichtenrade?“

Ich war ernsthaft sprachlos. Einen Zwischenhalt mit deutlichem Umweg dorthin gab es auch noch. Wow! Eine Tour mit fast 20 Kilometern Fahrtstrecke, fast 30 € Umsatz … oder um es mit den Worten meiner Fahrgäste zu sagen:

„Einfach am Dammweg rechts, sin‘ vielleicht zwei, drei Kilometer Luftlinie …“