Stolz

Stolz ist ein Wort, mit dem ich bezüglich meiner eigenen Person selten hantiere. Ja, zugegeben: Manchmal bin ich stolz auf einen von mir verfassten Text, auf irgendeine clevere Idee oder dergleichen. Darüber hinaus sind meine wegweisenden Verdienste für die Menschheit eher überschaubar.

Und Stolz ist dann ja auch nicht wirklich das Gefühl, das man bei banalen Alltäglichkeiten entwickelt. Zweifelsohne hab ich beim Defäkieren z.B. nur höchst selten die Kloschüssel verfehlt, stolz darauf bin ich aber gewiss nicht.

Eine eigentliche Banalität ganz anderer Größenordnung ist bei mir die Schlagfertigkeit. Ich bin einfach nicht schlagfertig! Das liegt weniger an mangelnden Ideen, als mehr an der Schnelligkeit, die man dabei an den Tag legen muss. Ein paar der Leser hier kennen mich inzwischen, aber ich bin mir sicher, dass „schnell“ das letzte Adjektiv ist, das mir je jemand andichten wollte.

Im Nachhinein fallen mir mitunter die quirligsten Antworten ein, gespickt mit den göttlichsten Metaphern – wenn es aber darauf ankommt, schweige ich zu oft, weil ich zu sehr mit Überlegen beschäftigt bin. Aber heute hab ich es geschafft! Einmal! Und zwar so richtig! Und ja, darauf bin ich ein bisschen stolz 😉

Aber die Vorlage war auch zu gut:

„Boah nee, bis‘ du hässlich!“

gröhlte mir das freischwingende Dekolleté entgegen. Es kletterte ungelenk mit der anhängenden Dame von rechts nach links über die Rückbank. Die Freunde warteten noch draussen.

Eine Sekunde hab ich gebraucht, zugegeben. Vielleicht auch zwei. Aber dann:

„Wow! Bei so vielen Gemeinsamkeiten würde ich spontan vorschlagen, dass wir heiraten. Aber da wir uns jetzt das erste Mal sehen, schlage ich eine gemeinsame Ausfahrt zum Kennenlernen vor. Wo soll es hingehen?“

Während vor der rechten Türe ein Mittzwanziger vor Lachen einen Schluck aus seiner Bierflasche (wahrscheinlich durch die Nase) in einen zufällig und unschuldig herumstehenden Busch blies, konnte Miss Gehänge 2011 nur ein recht harmloses

„Ey, was is los?“

erwidern. Danke. Das war es wert! 😀

PS: Ich bin ja eigentlich nicht so gemein. Aber eine Beleidigung darf man wohl mit einer ebensolchen beantworten, oder?

Im Übrigen ist das noch eine nette Fahrt mit einem ganzen Fünfer Trinkgeld geworden…

Schwaben und Berlin…

Ich muss ja zugeben, dass ich mit meinem Umzug nach Berlin nicht gerade die allerinnovativste Idee hatte. Ich bin aus meinem Freundeskreis nicht der erste, der sich auf den Weg in die Hauptstadt gemacht hat, außerdem habe ich hier angekommen feststellen dürfen, dass sich die Schwaben hier in Berlin schon weit genug ausgebreitet haben, um quasi als vollwertige Minderheit als angreifenswert zu gelten.

Ich bin ja als aufgeschlossener Mensch weder sonderlich lokalpatriotisch, noch habe ich ein Problem damit, über gewisse Marotten zu lächeln, die mir vorgehalten werden. Zumal – im konkreten Fall Berlin – viele meiner ehemaligen Landsleute sich ja tatsächlich aktiv an den Gentrifizierungsprozessen in verschiedenen Stadtteilen beteiligen, was zweifelsohne den Charakter vieler Viertel gerade in Friedrichshain und Prenzl’berg dauerhaft und nicht unbedingt zum Vorteil verändert.

Moment? Habe ich „Prenzl’berg“ gesagt?

Dafür muss ich mich wohl entschuldigen, denn laut einem Fahrgast am vergangenen Donnerstag darf ich das nicht. Nicht als Schwabe!

Ich weiss nicht, gegen welche vermeintliche Benimmregel ich damit verstossen habe, sonderlich auskunftsfreudig war mein Gegenüber diesbezüglich nicht. Süffisant anmerken möchte ich jedoch gerne, dass ich aus Stuttgart keine Vorschriften zur Aussprache von Stadtteilen für Ortsfremde kenne 😉

Naja, die Tour war an sich relativ kurz und unser Gespräch entsprechend auch. Und selbst der Hass war wohl nicht ganz total, immerhin hab ich einen Euro Trinkgeld entgegennehmen dürfen.

Im Großen und Ganzen fühle ich mich hier in Berlin ja wirklich wohl. Die Stadt ist – obwohl ich mir lange Zeit nicht einmal vorstellen konnte, meine Heimat überhaupt zu verlassen – inzwischen definitiv ein neues Zuhause für mich.
Aber entgegen all der absurden Vorwürfe, die einem hier gerne entgegenschlagen, mag ich an Berlin tatsächlich, dass es anders ist. Ich bin auch verdammt froh, dass es hier keine Kehrwoche gibt, wenngleich ich mich wirklich frage, ob es besser ist, jedes Jahr auf die BSR zu schimpfen, weil der Schnee nicht geräumt ist.
Ich bin froh, dass Berlin noch eine recht günstige Stadt ist, und ich finde das Reizvolle an ihr ist ihre Vielfältigkeit. Damit schließe ich ausdrücklich sowohl die Villengegenden in Grunewald, die verratzten Viertel in Kreuzberg und die schnöden Hochhaussiedlungen in Marzahn mit ein.

Ich wohne am Stadtrand, wo ich meine Ruhe habe. Ich will keine Clubs verbieten und keine „soziale Aufwertung“. Ich fühle mich hier zwischen den Arbeitslosen und Niedriglöhnern eigentlich ganz wohl und finde es auch kein Verbrechen, es gut zu finden, dass unsere Bude hier billig ist.

Das Einzige, was ich vielleicht noch mache, ist einen Job auszuüben, den auch ein Nicht-Abiturient aus Prenzlauer Berg machen könnte. Aber sind wir mal ehrlich: Es gibt im Prinzip zwei Sorten Taxifahrer: Die eigentlich Überqualifizierten – und die anderen, über die sich die Berliner so gerne aufregen.

Nein, vielleicht werde ich wirklich nie ein Berliner sein. Aber deswegen bin ich noch lange nicht das böse Berlin-vernichtende Finanzhaimonster aus der anderen Welt. Und komischerweise scheine ich das für genau die Leute zu sein, die sich hier darüber aufregen, dass die von den Schwaben übernommenen Viertel hier auf einmal so intolerant und verschlossen sind…

Bleede Grasdaggl!

Ich glaube nicht…

Nach meinem Zeug, das ich so im Auto verteilt habe, wird nur sehr selten irgendwas gefragt. Warum auch? Sicher: Hier mal eine Frage, ob ich vielleicht einen Kaugummi abtreten könne, dort mal eine Frage nach den Getränken. Aber das passiert vielleicht einmal alle zwei Monate.

Ansonsten sieht man ja nicht viel von mir herumliegen. Handy und Kamera sind seitdem sie mir geklaut wurden, möglichst versteckt untergebracht, und ansonsten liegt bloß ein bisschen Lesestoff auf dem Armaturenbrett herum und ein bisschen benötigter Papierkram: Quittungsblock, Schichtabschreiber und mein kleines Statistik-Büchlein.

Ich lege Bücher und Zeitschriften in der Regel so ab, dass man nicht direkt erkennt, um was es sich handelt. Vielleicht ist das nur eine doofe Marotte, ich selbst hab so ein bisschen das Gefühl, es ist ein letztes Stückchen Privatsphäre. Der Platz im Taxi ist recht begrenzt, insbesondere da ich den meisten Platz ja für die Fahrgäste freihalten muss. Ich würde mir gerne einen Rucksack in den Beifahrer-Fußraum packen, aber letztlich muss ich auf zugängliche Plätze ausweichen.

Und – wenngleich ich meist unverfängliche Sachen wie Nachrichtenmagazine oder triviale Unterhaltungsliteratur lese, denke ich nicht, dass das ein geeignetes Thema ist, um wildfremde Menschen darauf zu stoßen. So schön die Diskussion im Einzelnen sein könnte – wehe wenn bei Literatur verschiedene Meinungen aufeinanderprallen! 🙂

„Entschuldigen sie, ist das die Bibel?“

„Bitte, was?“

„Oh, ich wollte nur fragen, ob das Buch, das sie da liegen haben, die Bibel ist…“

Seht ihr, genau das ist das Problem!
Die Frage ist im Übrigen wirklich fies, denn zu dem Zeitpunkt wusste ich nun wirklich nicht, ob ich da irgendeinen religiösen Fanatiker oder sonsteine Gestalt im Auto habe, die mir jetzt ein Ja oder ein Nein entsprechend schlecht auslegt.

Glücklicherweise war beides nicht der Fall. Aber eine grandiose Fehleinschätzung war es dennoch. Das Buch war „Die Möglichkeit einer Insel“ von Michel Houellebecq. Vielleicht nicht gerade ein Buch für Moralapostel 😉

Fettnäpfchen Taxi-Floskeln

So sehr mir an einer guten Unterhaltung im Taxi liegt: Der Einstieg in die Unterhaltung gelingt doch am Besten mit Standard-Phrasen. Es mag den ein oder anderen schockieren, das ausgerechnet von mir zu hören – aber wozu sollte ich mir jedes Mal was neues ausdenken? Klar, bei ganz besonderen Fahrzielen oder außergewöhnlicher Kundschaft finden sich auch mal besondere Worte.

Ansonsten… da viele Gespräche nicht über Smalltalk herausgehen, verlaufen sie auch oft ähnlich. Sehr gerne sage ich bei Fahrgästen mit Gepäck beim Ausstieg

„So, jetzt befreien wir noch das Gepäck. Das gibt immer so einen Ärger, wenn ich das mitnehme…“

Kleiner Witz zum Schluß, wirkt originell und lustig. Ich würde schätzen, ich hab den Satz jetzt bereits 500 mal gesagt. Sonderlich individuell ist das nicht, aber das merkt ja auch keiner.
Also jetzt natürlich schon. Ich warte jetzt darauf, dass mich jemand ertappt 🙂

Und beim Einstieg? Unterschiedlich – aber bei Fahrten vom Ostbahnhof klappt als Einstieg eigentlich immer wieder

„Na, dem Gepäck nach war das aber auch (k)eine lange Reise!?“

Das ist fantastisch. Das klappt sogar, wenn die Leute kein Gepäck haben 😀
Und schon hat man ein Thema zum Reden, die Reise. War sie privat, beruflich, schön, scheiße, wie war das Wetter und was ist in Berlin seit der Abfahrt alles passiert?

Damit bin ich jetzt seit 2 Jahren echt gut gefahren (<-Wortspiel!), und ich hätte nicht gedacht, dass ich mit dem Spruch mal irgendwas falsch machen könnte. Ist ja auch herrlich unverfänglich, unterstellt nichts böses…

Hab ich gedacht.

Und dann, neulich, pack ich den Spruch wieder aus der Mottenkiste und als Antwort kam nur so ein eher verstohlenes

„Naja…“

Und dann gleich die Erklärung dazu:

„Wie man es nimmt. Wir waren bei der Beerdigung unseres Vaters…“

Wenig Gepäck und trotzdem die längste aller denkbaren Reisen, irgendwie… ich blamier mich nicht oft in meinem Auto, aber da hab ich mich mal echt ganz aufrichtig entschuldigt.

Sie haben es mir im Übrigen nicht übel genommen.

Umwelt-Taxen

In den Kommentaren zu meiner Frage nach dem Sinn und Unsinn von Hummer-Fahrzeugen als Taxi ging es mehr oder weniger hoch her. Olli hat z.B. als Verfechter großer und luxuriöser Taxen gemeint:

Ein Taxifahrer als Umweltaktivist passt eben genau so wenig, wie ein Zigarettenhersteller als Unterstützer des Nichtraucherschutzgesetzes!

Diesem konkreten Vorwurf habe ich dann doch einiges entgegenzusetzen. Ich habe mich zu Beginn, als ich anfing mit Taxifahren, auch gefragt, ob sich das mit meinem Anspruch an Naturschutz und ökologisch durchdachte Lebensweise decken kann. Ich setze meine Ansprüche an mich selbst zwar so oder so leider nicht konsequent in allen Details um, aber mich hat der Gedanke gestört, nun die Ölindustrie zu stützen, die Automobilindustrie, etc.

Ganz ehrlich: Über ein für jeden Zivilisationsfreund hinausgehendes Maß tue ich das nicht. Unter der Annahme, dass ein öffentlicher Personennahverkehr auch eine Individualausführung besitzen muss, ist es eigentlich gar nicht so verkehrt, Taxi zu fahren.

Den Sinn des Gewerbes zweifel ich nicht ernsthaft an. Klar, in meiner Jugend hätte ich auch gedacht, Taxen seien nur was für Snobs und Besserverdienende, aber mein Alltag zeigt mir, dass wir tatsächlich öfter gebraucht werden. Und zwar nicht nur von Bequemlichkeitsjunkies oder selbstverschuldet im Drogenrausch gelandeten Spinnern. Die alte Oma beim wöchentlichen Einkauf, der Nachtschichtler mit beschissenem sonstigen ÖPNV-Anschluss, die nur so halbwegs kranke Mutter auf dem Weg zum Arzt oder jeder Teil der Restbevölkerung bei einem Bahnstreik: Dass es Taxen gibt, macht irgendwann mal für fast jeden Menschen Sinn.

Natürlich wirkt es in erster Linie einmal unsinnig, dass wir Fahrer die ganze Zeit in der Stadt umherfahren, um Kunden zu finden. Was für eine Spritverschwendung!
Das stimmt zum Teil, auf der anderen Seite stehen wir meist mehr als dass wir fahren (wenn wir nicht besetzt sind). Wer jetzt aber unbedacht die vielen Liter Sprit hochrechnet, die grundlos verbrannt in die Atmosphäre geblasen werden, muss im Gegenzug auch darüber nachdenken, dass es tatsächlich Leute gibt, die dank der Verfügbarkeit von Taxen kein eigenes Auto unterhalten (müssen). Und so lange man ein eigenes Auto nicht jeden Tag für die Fahrt zur Arbeit braucht, rechnet sich das durchaus manchmal. Ich hatte schon Kunden, die mir gesagt haben, sie sparen sich inzwischen das Auto und fahren dafür ein paar Mal im Monat mit dem Taxi heim, wenn sie unterwegs waren.

Autofahren ist natürlich nie „gut“ für die Umwelt. Aber gerade die Leute, die auf die Anschaffung eines Autos verzichten, sind letztlich die, die sich – natürlich auch weil Taxen teuer sind – nur bei einem tatsächlichen Notfall (=notwendiger Fall) dafür entscheiden, Auto zu fahren. Gerade in einer vom öffentlichen Nahverkehr gut erschlossenen Großstadt wie Berlin schließen Taxen die letzte Lücke, um ein persönlich autofreies Leben zu ermöglichen. Mache ich zum Beispiel ja auch so. Ich hab nur das Glück, dank meines Jobs fürs gelegentliche Taxi vom Ikea nach Hause nix zu zahlen, weil ich es selber fahren kann.

Von den Kunden richtig genutzt ersparen Taxen die Produktion von Autos, deren Unterhalt und wahrscheinlich sogar eine Menge Sprit, weil wir durchschnittlich weniger „unsinnige“ Leerkilometer fahren, da wir oftmals nach der Tour weitere Kunden in der Umgebung aufnehmen, während man privat ja immer z.B. nach Hause fährt.

Zugegeben: Taxen umgibt immer noch diese Aura des unbezahlbaren Luxus, der eigentlich gemacht ist für die Geschäftsmänner, die den Fuffi auch noch schnell mit auf die Rechnung des Millionendeals aufschlagen.
Tatsächlich sind wir längst Massendienstleister. Wer ein Taxi nutzt, wenn es nötig ist, vielleicht sogar mal nicht nur alleine, der gönnt sich im Prinzip wesentlich weniger Luxus als derjenige, der sich für ein paar wenige Fahrten ein Auto anschafft.
Wenn man es mal veranschaulichen will: Was ist Taxifahren anderes als Car-Sharing mit Fahrpersonal?

Dass die Kunden natürlich angemessen transportiert werden sollen, steht außer Frage. Und ob man persönlich den Luxus höher wertet als die Umweltfreundlichkeit, das bleibt (leider?) den Kunden überlassen.
Natürlich muss man als Fahrer in dem Wagen bequem sitzen und seine Arbeit vernünftig erfüllen können, und natürlich sollten die Kunden auch entsprechend der aktuellen Mögichkeiten sicher sein. Tatsächlich aber erfüllen alle Anforderungen an einen vernünftigen Taxenverkehr sowohl mein Opel Zafira, der Dacia vom Taxiblogger, Klaus und Torstens E-Klassen sowie der Hummer mit dem mir noch unbekannten Fahrer.

Die Erwartungshaltung der Kunden ist letztlich aber sowohl der individuelle Grund zur Taxenwahl am Stand, als auch (wenn sich beispielsweise bestimmte Autotypen als zu unbeliebt erweisen würden) für die Anschaffungen der Betriebe.
Was den meisten Kunden nicht bewusst ist: Taxifahren ist nicht so teuer, weil man dann endlich mal in einem Mercedes mitfahren kann – Taxifahren ist in erster Linie teuer, weil man einen Fahrer dazu bekommt, der seinen Lebensunterhalt mit diesem Job verdient. Bei einer normalen Taxifahrt kostet alleine der Fahrer etwa die Hälfte, wenn nicht mehr. Wenn man dann die Unterhaltskosten und die Firmenkosten dazuzählt, stellt man fest, dass ein Auto mit Fahrer eben seinen Preis hat, und man nicht teuer für den Weg bezahlt, weil da jemand einen besonderen Luxus anbieten will – die Unterschiede zwischen den Autos würden den Tarif nicht groß verändern.

Mein Chef vertritt die Meinung, im Grunde seien die Taxen fast allesamt übermotorisiert. Er schafft eigentlich nur noch Opel und VW neu an, und ich finde seine Einstellung diesbezüglich sehr lobenswert. Denn es ist natürlich ein (vielleicht kleiner) Beitrag zum Umweltschutz, auf die ganz großen Kisten zu verzichten. Egal, ob das privat oder geschäftlich ist.

Ergo: Taxen können gerade aus Umweltschutzgründen ein sinniges Angebot sein. Ob das aber so ist, liegt letztlich auch am Kunden.

Olli darf meinetwegen gerne weiter mit dem Hummer fahren. Wenn ihm der Luxus so wichtig ist, dann ist das sein gutes Recht. Die Frage, ob Taxifahren umweltfreundlicher sein kann, berührt das indes nicht. Das hat man als Kunde selbst in der Hand, denn wir Taxifahrer fahren ja nicht grundlos durch die Gegend. Wir tun es für unsere Fahrgäste, und zwar letztlich genau so wie sie es wollen.

Alles eins!

Dass das es irgendwie ein Politikum ist, sobald man Menschen nichtdeutscher Herkunft erwähnt, habe ich neulich ja mal wieder feststellen dürfen. Ich finde es immer noch ein wenig unverständlich (nein eigentlich unerträglich!) dass von der Herkunft der Menschen vermeintlich belastbare Rückschlüsse auf ihr Verhalten gezogen werden.

Meist werden irgendwelche schlimmen Ausnahmen als Klischeebestätiger herangezogen. Im Grunde hatte ich heute früh beinahe genau solche im Auto. Am Ende war ich dennoch positiv überrascht. Vielleicht versteht ja jemand anhand der Geschichte, warum ich meine Meinung nicht so schnell aufgebe.

Die Szene, die ich an der Ampel vorfand, könnte aus jenem Bilderbuch stammen, das Thilo Sarrazin bestimmt längst malt, um auch den Teil seiner Anhängerschaft zu erreichen, die des Lesens nicht ganz so mächtig – dafür aber mächtig stolz auf die deutsche Sprache – ist: Kottbusser Tor, Drogenumschlagsplatz Nummer 1 in Berlin. Vielleicht auch Nummer 2 oder 3, ist ja egal. Fast nur Menschen mit Migrationshintergrund auf der Straße, und ausgerechnet die lautesten drei winken mich heran. Ich muss noch an der Ampel warten, inzwischen winken sie einen Kollegen vorbei. Das könnte ich jetzt gleich als Beweis positiv auslegen, hab ich in dem Moment nicht getan. Ja, ich wäre fast froh gewesen, wäre der Kelch an mir vorübergegangen. Denn sonderlich sympathisch haben sie nicht wirklich gewirkt.

Als die Ampel dann grün wurde, hatten sie sich schon ziemlich planlos rund um mein Auto verteilt und sind dann von allen Seiten gleichzeitig eingestiegen.

„Hey, der Kanake da vorne zahlt!“

brüllte es mir von hinten gleich ins Ohr. Na das kann ja heiter werden.

Mein Beifahrer allerdings war ein eigentlich total netter Kerl, dessen erste Amtshandlung es war, sich für seine Kumpels zu entschuldigen und mir eine grobe Zieladresse zu nennen. Plötzlich erschien etwa 3 cm neben meinem Auge ein Gesicht:

„Mach ma Kurzstrecke, Alter!“

„Nee Jungs, so nicht!“

hab ich klargestellt. Das Ziel lag runde 5 bis 6 Kilometer entfernt, und auf Preisverhandlungen lasse ich mich grundsätzlich nicht mehr ein. Ich bin noch kurz demonstrativ stehengeblieben, obwohl hinter mir bereits fleißig gehupt wurde.

„Hör nich auf die, die sind besoffen.“

meinte der auf dem Beifahrersitz und gab mir zu verstehen, dass er selbstverständlich den Preis auf der Uhr zahlen würde. Na gut, immerhin nur 2 Idioten. Die haben sich allerdings in den nächsten 5 Minuten wirklich alle Mühe gegeben, anstrengend zu sein. Sie haben sich in einer Lautstärke unterhalten, die nur den Schluss zuließ, dass sie implantierte Ohrenschützer hatten, die Wortauswahl bediente sich nicht nur der klischeehaftesten Sprache, sondern umfasste sowieso nur rund 100 Worte. Davon etwa 50 nicht jugendfreie.

Eine Kleinigkeit war allerdings erstaunlich: Die üblichen frauen- und schwulenfeindlichen Sprüche waren nicht dabei. Das zu bemerken fiel mir gar nicht schwer, da sie sich lange Zeit damit aufhielten, sich gegenseitig zum Oralverkehr zu überreden. Als sie dabei diskussionsmäßig nicht weitergekommen sind, haben sie begonnen, meinen Beifahrer zu beleidigen. Der hat dann – nachdem er sich im Vorfeld bei mir entschuldigt hat – versucht, die beiden zu schlagen. Also die freundschaftliche Schlägerei-Variante.

Dann kam, was bei so einer wirklich anstrengenden Tour nicht fehlen darf: Das muntere Auswechseln von Fahrtzielen. Jeder der drei redete auf mich ein, wann ich wohin abbiegen müsse, natürlich nicht ohne sich dabei ständig zu widersprechen.

„Jungs, nu mal ruhig! Ich bring euch gerne überall hin, aber einig sein solltet ihr euch halt!“

Während sich nun der Beifahrer darum kümmerte, mich zu fragen, ob er meine Nummer haben könnte, weil er mich cool fand, stritten die beiden hinten sich über das Fahrtziel:

„Gehn wir bei mir. Könnt ihr zoggn, Alder!“

„Was zoggn? Wo soll isch pennen?“

„Pennsch du nix, Alder! Zoggn. Dann gehsch du heim!“

„Boah, bisch du Arschloch Alder. Wir gehen bei mir!“

Man glaubt es nicht, aber so kann man sich minutenlang unterhalten und gleichzeitig absurde Wegbeschreibungen für den Taxifahrer von sich geben. Aber alles hat ein Ende, und ich kam zuletzt sogar darum herum, mich bei dem dunkelsten der Drei zwischen den zwei Anreden „Nigger“ und „Kanake“ zu entscheiden. Die wollte mir der Spaßvogel hinten links aufdrücken, als er mir „Blacky“ vorgestellt hat.

Und so standen wir da, vor einer zu guter Letzt kollektiv beschlossenen Zieladresse. Von rechts hauchte es nur noch sehr dünne Entschuldigungen, während es hinter mir zappelte und tobte:

„Scheiße Mann, bin isch hier Kindersischerung!“

Der Typ auf dem Beifahrersitz versank fast vor Scham in sich selbst, während er versuchte, die 10 Euro und ein paar Cent zu begleichen. Einen Fuffi wollte er mir nicht geben, also suchte er nach Kleingeld. Ich hab zwischenrein einen Blick nach hinten geworfen. Das Auto war sauber, ernstlich Probleme gemacht hatte also keiner.

Fürs Kleingeld musste nun der größte Stresser ran, und statt dummer Sprüche reichte er mir ordentlich Trinkgeld und bedankte sich, dass ich so cool gewesen wäre. Von hinten drängte sich „Blacky“ durch und meinte:

„Wir sind ordentlische Leute, nur betrunken. Mach disch nich Vorurteil! Kein Vorurteil wie Sarrazin! Hey, Kanake, Scheiße, Ausländer, Deutsche, Ost, West – wir sin alles eins! Wir sin cool! Vielleisch nisch jetz! Aba wart mal paar Jahre!“

Das ist kein Witz! Das haben die mir zum Abschluss wirklich so gesagt! Ich fand das ja selber zu klischeehaft.

Und während die beiden Rückbänkler gemeinsam „Wir sind Deutschland!“ riefen und in Richtung Haus zum Zocken verschwunden sind, nickte mir mein (inzwischen Ex-) Beifahrer durchs geschlossene Fenster mit einem mildtätigen Blick zu und bedankte sich mit einem nach oben gereckten Daumen dafür, dass ich sie heimgebracht habe.

Ja, es war eine anstrengende Fahrt. Auch das Geld im Taxi verdient sich manchmal mühsam. Auf der anderen Seite bestätigen mich solche Fahrten immer wieder, dass der größte Unterschied gemacht werden muss zwischen Arschlöchern und Nicht-Arschlöchern, zwischen Zurechnungsfähigen und Unzurechnungsfähigen, sicher aber nicht zwischen Nationalitäten!
Und ich rede das nicht schön. Es gibt auch ganz andere Typen, das ist mir klar. Aber mal ganz im Ernst: Die Typen hätte ich – wäre ich vor ihnen geflüchtet – auch nur als Vorzeige-Assis in Erinnerung behalten. Dabei waren es auch nur ein paar bekloppte Besoffene mit einem seltsamen Humor.

Verdammte Scheiße ja, mir würde doch irgendwie was fehlen ohne solche Gestalten! 😀

Die Sache mit den Zielen…

Das Schönste und Schlimmste (je nachdem) am Taxigewerbe ist die Unberechenbarkeit. Mal läuft es, mal nicht. Ein Kollege von mir ist beispielsweise letzte Woche zweimal binnen zwei Tagen nach Cottbus gefahren. Noch dazu für gar nicht schlechte 210 €. Ich hab in jetzt bald zweieinhalb Jahren noch keine Tour über 100 € gehabt… so ist es eben.

Da aber unser Gehalt vom Umsatz abhängt, hat wahrscheinlich jeder Fahrer da draussen ein gewisses Ziel vor Augen, wenn er sich ins Auto setzt. Wie hoch das ist, das hängt natürlich vom Fahrer, vom Tag und wenn es dann eng wird auch mal von der Laune ab. Manche sehen einfach zu, dass sie einen oder zwei Hunnis einfahren, manche haben einen anderen Tagesschnitt vor Augen, manche variieren ihn sogar, um ein Monatsziel zu erreichen. Und ja, es gibt auch Fahrer, die einfach ihre Stunden runterrocken und am Ende mal durchzählen. Ein bisschen versuche ich das gerade auch so zu halten, weil ich am Umsatz letztlich ja nichts drehen kann.

Aber irgendwie ist es dann ja doch schön, wenn „der obligatorische Hunni“ oder was auch immer endlich in der Kasse ist.

Und so stand ich neulich da, und hab gehofft, dass ich jetzt mit der letzten Tour wenigstens den oben genannten erreiche. 10,70 € mussten es noch sein. Ich bekomme eine Tour und denke, dass das passen könnte. Nebenher mal das Navi angeschmissen, und siehe da:

„Yes, das werden 11 €!“

Einfach so fürs gute Gefühl. Aber Kunden können auch fies sein:

„Ach, lassen sie uns hier an der Ampel raus, wir laufen den Rest.“

„Alles klar, sehr gerne doch. Das sind dann 10,40 €.“

Argh!
Aber andererseits hätte ich mich sonst wahrscheinlich nicht so sehr über die Kurzstrecke gefreut, die ich auf dem Rückweg noch bekommen habe 🙂