Kommst du mit?

Es gibt Fahrten, die sind für Taxifahrer entweder besonders stressig oder besonders nett. In meinem Universum sind die meisten davon einfach nett. Der Grund dafür ist simpel: Zum einen mache ich diesen Job mit fast all seinen Widrigkeiten gerne. Da bin ich ein Optimist. Ist kein Kunde da, freue ich mich, dass ich Zeit zum Lesen habe. Ist ein Kunde da, freue ich mich über das Geld. Ist die Fahrt nur kurz, freue ich mich, dass ich gleich wieder frei bin. Macht der Kunde Stress, freue ich mich, dass ich was zu bloggen habe…

Ich nehme nunmal gerne die Vorteile wahr und abgesehen davon, dass ich sicher nicht das finanzielle Maximum aus dem Job raushole, hat das erstmal keine negativen Auswirkungen. Eine Tour vom vergangenen Wochenende könnte als Vorzeigebeispiel dienen:

Ich stand in dritter Position am Ostbahnhof, als sich eine junge Frau durch mein Beifahrerfenster lehnt. Noch bevor ich irgendwas in die Richtung unternahm, war es mir erst einmal peinlich, dass ich in ihren Ausschnitt sehen würde. Selbsterfüllende Prophezeihung nennt man das wohl.

„Hi!“

„Hallo!“

„Ähm!“

„Oh, haben sie Gepäck?“

Ich saß immer noch im Wagen und schielte an Gesicht und Schultern vorbei auf ihren Rücken, konnte die Maße des Rucksacks aber nicht einschätzen.

„Nee, aber puh!“

Dass das kurios wird, lies sich unschwer erahnen.

„Fährste mich bis Ecke Grünberger?“

„Klar.“

OK, hätte eine der üblichen pseudopeinlichen Kurzstrecken-Anfragen werden können. Wurde es aber nicht. Sie schwang sich freudig und mit einem Übermaß an Energie ins Auto. Betrunken. Und zwar ziemlich!

„Das is, das is gut. Weil wenn weil ich hier… ich verkack das gerade alles!“

„Was denn?“

„Ich muss zur Ecke Grünberger und da wohn ich. Wie wir das mit deinem Geld machen, müssen wir mal sehen!“

Da greift oben genanntes: Nur eine kurze Strecke, also bin ich bald wieder frei. Sollte es Ärger geben, hab ich was zum Bloggen und zudem: Kurze Strecke, wenig Geld, wenig potenzieller Verlust! Also alles super! 🙂
Sie bemängelte es zwar, dass ich ihren Zustand komisch fand, verhedderte sich allerdings meist zwischen den Aussagen, dass sie mir für meine Hilfe „alles auf der Welt“ geben würde und dass „wir das mit dem Geld mal klären“ müssten.

An ihrer später und nach – für den kurzen Weg – relativ langer Diskussion ermittelten Adresse nannte ich dann den Fahrtpreis und sie bemerkte treffsicher:

„Ich bin in Taxi, oder? Scheiße ey, ist das krass!“

Das hat aber keine große Rolle gespielt, schließlich wollte sie mich ohnehin bezahlen 🙂
Geldbeutel war nicht vorhanden, folglich auch kein vernünftiges Pfand oder so. Aber die Lösung war offensichtlich:

„Kommst du mit?“

„Na klar.“

Ich parkte das Auto für eine Tour von 6,40 € mitten auf der Straße im Boxhagener Kiez, zweifelsohne locker 15 € Ordnungsgeld wert. Aber nee, das wollte ich jetzt sehen! Sie stolzierte voran, öffnete die Haustür mit einem beherzten Tritt und nach einem langen Flur, der Berlins umfangreichste Tag-Sammlung beinhaltete, gingen wir zum Hinterhaus, wo sie zunächst in einer dunklen Tür verschwand, um mir Sekunden später Licht anzumachen.

Den Weg die etwa 3 Stockwerke hoch verbrachte sie mit gelegentlichen Nachfragen, wer ich eigentlich sei und einem formschönen Flug auf die Schnauze. Tat ihr auch alles furchtbar leid und außerdem war sie dankbar, dass ich ja so nett sei. Na dann…

An ihrer Wohnung angekommen schloss sie erstaunlich fehlerfrei auf. Ich verharrte im Hausflur, bzw. auf der Türschwelle. Die Tatsache, dass sie mir Geld schuldete, hätte ich sicher als Berechtigung zum Eintritt in die Wohnung sehen können, aber ich weiss die Privatsphäre in meiner eigenen zu sehr zu schätzen, um ihr wegen 6,40 € auf die Pelle zu rücken. Unnötig.

„Komm rein!“

Ich betrat eine dieser typischen liebenswürdig chaotischen WG-Wohnungen. Abgeratzt bis zum Geht-nicht-mehr, aber auf urige Weise sehr gemütlich. Eine Wohnung, wie man sie vor den Eltern verstecken muss, vor den Freunden aber damit prahlt. Nun standen wir beide in ihrer Küche, ein paar Fliegen schwirrten um die 4 verlorenen Tomaten in einer Discounter-Pappbox auf dem Herd, und sie fragte mich abermals, wer ich eigentlich sei und vor allem, weswegen ich hier bin. Wahrscheinlich hätte ich sagen können, wir hätten uns im Club kennengelernt und wären zum Vögeln hier. Die drei Gründe, die dagegensprachen waren zweifelsohne: Meine Freundin, die mir auch nicht alles durchgehen lässt, mein Auto im Parkverbot und sowas ähnliches wie Moral.

Ich hab ihr also gesagt, dass ich der Taxifahrer bin und noch ein wenig Geld bekommen würde. Sie öffnete ihre Hand, legte dabei ein paar Münzen frei und fragte, wie viel es sei.

„6,40 €.“

„Und… und warum hab ich die dir nicht gleich gegeben?“

Wenn ich das mal wüsste 🙂

„Und was krieg ich jetzt von dir?“

„Leider nichts. Das Geld ist für die Fahrt hierher gewesen.“

Ein bisschen betrübt drückte sie mir 6,50 € in die Hand und umarmte mich.

„Weisst du, du bist ganz schön nett.“

„Ich versuche mein Bestes.“

Ein nettes Grinsen und dann schnell weg!

„Warte warte, ich mach dir das Licht an!“

Und so standen wir dann im Treppenhaus und sie forderte mich auf, sie nochmals zu umarmen. Ich hab ja auch Grenzen. Aber warum nicht? Ist ja dann doch ganz nett 🙂
Nach einer dritten Umarmung und einem Kuss hab ich mich dann aber gelöst und ihr von ein paar Stufen weiter unten noch eine gute Nacht gewünscht. Sie hatte sich noch nicht so recht mit unserer völlig überraschenden Trennung abgefunden, streckte sich theatralisch  mir hinterher und wiederholte, wie verdammt nett ich doch sei. Damit das nicht noch ausartet, bin ich aber wirklich los und hab mein Auto aus dem Parkverbot befreit, bevor die Cops es registriert hatten. Puh!

Aber auch wenn es nur 10 Cent Trinkgeld waren. Verkraftbar wäre das ja auch noch gewesen 🙂

Prenzl’berger Nachteulen

Nach fast 3 Jahren Taxifahren merke ich doch so langsam Fortschritte bei der Ortskenntnis. Immer öfter müssen mir Kunden auch bei Wohnadressen nicht mehr helfen und in Extremfällen kenne ich sogar etwa die Hausnummern. Soweit zum positiven Teil.

Auf der anderen Seite erwische ich mich immer wieder dabei, dass ich Straßen in denen ich schon zig mal war, wieder vergesse. Bzw. sie nicht genau abspeicher. Auch wenn sie eigentlich in Stadtteilen liegen, von denen ich dachte, ich kenne sie gut. Das ist auch nicht immer schlimm, denn gerade wenn die Anfahrt ein bisschen länger ist, macht es ja auch mal nix aus, ob man jetzt nur weiss, dass das eine Querstraße unter dreien ist oder genau die erste. Je näher das Ziel ist, desto wichtiger wird das jedoch.

So ist mir die Heinrich-Roller-Straße in Prenzl’berg zweifelsohne ein Begriff. Aber mit der Marienburger und der Immanuelkirch bringe ich sie immer noch gelegentlich durcheinander. Doof, das!

Meine Kundschaft habe ich am Frannz-Club in der Kulturbrauerei eingeladen. Als der Name Heinrich Roller fiel, musste ich kurz überlegen. Aber klar, am Besten ist es, kurz 5 Meter zurückzusetzen, um dann rechts ab in die Sredzkistraße einzubiegen. Aber wie genau schlängel ich mich jetzt durch die ganzen Nebenstraßen am Kollwitzplatz? Mist!

Meine junge und äußerst lautstarke Beifahrerin bemerkte meine Unsicherheit, überschätzte diese allerdings maßlos.

„Erstmal fahren wir hier geradeaus!“

„Ähm… gut!?“

Eigentlich ist das Rechtsabbiegen in die Danziger gerade nicht erlaubt, ein kleiner Umweg wäre es so oder so, aber an das Abbiegeverbot hält sich keine Sau außer mir, da könnte ich sicher auch mal eine Ausnahme machen…

„Weiter geradeaus!“

„Ganz bestimmt nicht!“

„Wollen sie etwa mit mir streiten?“

fragte sie ziemlich keck.

„Nein, sicher nicht, aber die Heinrich-Roller liegt an der…“

„Prenzlauer!“

„Genau. Und die ist…“

„Da vorne links!“

„Nein, die ist eher so da hinten rechts.“

„Sie fahren jetzt geradeaus!“

„Ähm, nehmen sie bitte zur Kenntnis, dass ich das höchstens unter Protest tue!“

„Hey, ich hab Geburtstag und ich weiß, wo ich hinmuss.“

Wir waren inzwischen am Fahren. Richtung Pankow, Hamburg, Norden halt. Und die Heinrich-Roller-Straße, die ich so kenne, verschwand immer mehr hinter uns. Ich hab sie gebeten, wenigstens dem Navi zu glauben:

„Sehen sie mal hier: Heinrich-Roller-Straße, Prenzl’berg!“

„Ja, der will auch da vorne links!“

„Sicher will mein Navi das. Das will wenden! Weil wir genau in die entgegengesetzte Richtung fahren!“

„Fahren sie nur mal schön weiter!“

„Ich bitte sie: Lassen sie uns wenden. Ich weiss es sehr zu schätzen, dass sie die Tour zu meinen Gunsten so verlängern, aber sonst kommen wir sicher nie an.“

Das Spielchen dauerte bis zur Wichertstraße. Dann hat sie mich endlich wenden lassen. Puh! Der Rest der Strecke verlief dann so problemfrei wie nur möglich. Gut, sie hielt mir kurz noch vor, ich würde sie bezichtigen, ihr Sturheit zu unterstellen, aber das kann ich Anbetracht des Extra-Betrages gut verkraften. Gezahlt haben sie den Weg anstandslos. Sogar Trinkgeld gab es reichlich und das Whoiswho der nettesten Verabschiedungsfloskeln fehlte auch nicht. Alles in allem eine schöne Sache für mich. Für sie aber völlig unsinnig!

Das Bildchen zeigt recht eindrucksvoll, was ich meine:


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Nass dank Fahrrad

„Das ist aber wirklich sehr nett, dass sie mir da helfen!“

„Überhaupt kein Problem. Wie schon gesagt: Bisher hab ich alle Fahrräder ins Auto reingekriegt, aber es ist jedes Mal eine ziemliche Fummelei. Könnten sie mal da vorne…“

Ächz!

Großraumtaxen sind was Tolles, aber manchmal sorgen sie auch für Arbeit, die dem E-Klasse-Fahrer erspart bleibt. Für Fahrräder hat mein Zafira sowas ähnliches wie eine Mustergröße. Ich hab bisher wirklich jedes reingekriegt mit umgelegter Rückbank – aber das System, wie jetzt gerade dieses eine dort hineinbugsiert werden kann, das darf man jedes Mal neu erfinden.

„Vorher war da ja ein Kollege mit so einem Bus, aber der wollte gar nicht auf mich hören. Dabei hätte man das dort wahrscheinlich einfach reinschieben können…“

teilte sie mir mit einem bedauernden und nicht einmal bösen Tonfall mit. Sie war etwa Ende 40 und hatte nach eigenen Angaben in diesem verregneten Sommer bereits eine zweiwöchige Fahrradtour absolviert, ohne ernsthaft nass zu werden. Und jetzt Berlin. Es war eine der kältesten Juli-Nächte, so ca. 12°C, sie war den ganzen Tag unterwegs mit Bahnverspätung und allem Tralala. Der Himmel schüttete sich seit 2 Tagen hemmungslos aus und sie hatte einfach keine Lust, die letzten 5 Kilometer noch mit dem Rad durch die teils zentimetertiefen Pfützen der Hauptstadt zu fahren.

Bei ihrer Aussage zum Kollegen musste ich an eine andere glückliche Kundin denken, die mir strahlend berichtet hat, dass sie letztes Mal „bei totalem Sauwetter“ einen Taxifahrer getroffen hat, der ihr Rad mehr schlecht als recht – aber besser als gar nicht – in den geöffneten Kofferraum seiner Mercedes-Limousine gestopft hat, um sie halbwegs trocken ans Ziel zu bringen.

Obwohl ich hier zum Verladen meist unter der schützdenen Heckklappe dem Regen entkam, war die Dankbarkeit meiner aktuellen Kundin etwa ähnlich umfassend.

„Sagen sie, was kostet denn so ein Fahrrad dann extra?“

Ich hab mal ziemlich frei die Tarifordnung zitiert:

„Ein Gepäckstück, das nicht in den Kofferraum passt, kostet einen Euro extra.“

„Oh, das ist ja viel zu wenig!“

Ein wenig innerlich vor mich hinfluchend, warum dieser blöde Lenker sich jetzt gerade an den Rücksitzen verkeilen musste, hab ich nur vielsagend vor mich hingemurmelt:

„Wenn es sich weiter so wehrt, dann haben sie vielleicht Recht…“

Aber ich hab mir die Zeit genommen, sie daraufhin kurz anzulächeln und zu sagen, dass das schon ok ist.

Und siehe da: Irgendwann hatten wir das geschafft. Das Rad war verstaut, und abgesehen von der bangen Frage, ob es da auch je wieder rauskommen würde, waren wir erst mal glücklich mit dem Ergebnis. Also ging es rein ins warme Auto, Tür zu und dann haben wir zugesehen, dass wir Land gewinnen. Das Fahrrad war verkeilt genug, damit nicht einmal der Gepäckkorb klapperte, und so konnte ich trotz Regenwetter den Weg ins Herz Neuköllns auch zügig zurücklegen. An der angesagten Adresse angekommen, bedeutete sie mir in ziemlicher Demut, ich solle doch bitte bitte erst mal im Auto bleiben. Sie macht jetzt erst mal die Tür auf bei sich, dann könnten wir da gleich ohne allzu nass…

Ich bin ausgestiegen und hab den Kofferraum geöffnet. Wie gesagt: Unter der Klappe ist es ja auch nicht feuchter als im Wagen selbst und ich wollte mir mal ansehen, wie wir dieses Etwas aus dem Wagen bekommen, das irgendwie entfernt an einen eingebauten Überrollkäfig erinnerte. Zu meiner Überraschung ließ sich das Rad mit 2 Handgriffen sanft und endgültig aus den Eingeweiden meines Autos rausoperieren und kaum dass sie die Türe des Hauses offen hatte, stand ich mit dem Fahrrad bei ihr.

„Oh, das ist aber… das hätten sie doch nicht… wie viel bekommen sie denn jetzt?“

„Die Uhr steht bei 10,80 €, mit dem Zuschlag wären wir dann bei 11,80.“

„Oh Mein Gott, das ist ja wirklich viel zu… also nee!“

Mein Grinsen hab ich sorgfältig verstecken müssen. Das gibt 15. Locker! 🙂

„Machen sie mal 20!“

Wow! Und da sag mal einer, dass sich Service nicht doch lohnt. Damit war auch der Typ aus dem letzten Artikel wieder völlig vergessen.

„Na, sie sind ja jetzt auch ganz nass geworden wegen dem Fahrrad…“

Das hätte ich ja auch nie erwartet bei einer Schicht im strömenden Regen 😉

Vielen Dank gleichfalls…

Ich bin wirklich der letzte, der sich jemals übers Trinkgeld aufregt. Bei den Kunden liegen dankbare Worte und der Wille, das auch mit einem monetären Dankeschön zu verbinden, bisweilen meilenweit auseinander. Da muss man sich dran gewöhnen. Es fällt zwar immer schwer, wenn man einer netten Omi eine halbe Stunde lang ihre Beichte abnimmt und von ihr nach dem Hochtragen des Koffers einfach nicht aus der Wohnung entlassen wird und es doch nur 50 Cent extra gibt – dafür ist es extrem lustig, wenn einem irgendwelche Typen im Halbschlaf „Machste 20“ sagen, weil ihnen das Wort für 12 nicht einfällt.

Nein, ich beschwere mich nicht gerne. Trinkgeld ist eine Freiwilligkeit. Ich freue mich immer, wenn es den Kunden bewusst ist, dass wir auch dieses Geld zum Leben brauchen können – aber ein einzelner Kunde, der nichts gibt (und das tun wirklich die wenigsten), hat noch niemandem den Monat versaut. Aber – lange Rede, kurzer Sinn – manchmal wirkt es dann doch ein wenig unverschämt. Nämlich dann, wenn man sich wirklich über das normale Geschäft hinaus Mühe gibt.

So begab es sich neulich, dass ich am Maria kurz ein paar Mädels rausgeschmissen habe, nur um zu realisieren, dass sofort wieder jemand vor der Türe stand.

„Machste Kurzstrecke zum Berghain?“

Klar. Das Maria hat nicht nur keinen offiziellen Taxistand, nein, mir ist auch nirgends Wartezeit entstanden, also was soll es? Und Normalpreis sollten so 5,00 € bis 5,20 € sein, allzu arm werde ich durch die Differenz auch nicht. Ich fahre zwar eisern keine Kurzstrecke vom Stand, bei illegalen Halten wie hier finde ich das nicht weiter schlimm. Mal abgesehen davon, stand nicht mal ein Kollege dort…

Der Typ jedenfalls war schon ziemlich angeschlagen, aber eigentlich ein netter Kerl. Wenngleich er für sein Alter einen erstaunlichen Oberlippenbart trug, war er mir nicht per se unsympathisch. Also hab ich auch gelassen reagiert, als er am Ostbahnhof anfing nach seinem Portemonnaie zu suchen und es trotz tausendfacher Flüche nicht fand.

„Sollen wir schnell umdrehen und am Maria nachschauen?“

„Ja Mann, scheiße! Ficken! Ich kann nicht mal das Taxi bezahlen!“

„Ganz ruhig. Mach dir wegen der vier Euro mal keinen Kopp. Wir fahren jetzt zurück und suchen das Ding.“

Er selbst war total verzweifelt, also hab ich ihn mit mittelbilliger Motivation ein bisschen angestoßen:

„Na komm, einmal im Leben hat man immer Glück! Bestimmt liegt das Ding da irgendwo rum und alles ist ok!“

„Ey, da ist mein letztes Geld drin. Verfickte Scheiße, blöde aber auch!“

Dass ich mit „laufender“ Uhr am Maria auf ihn (der er unbedingt alleine suchen wollte) gewartet habe, war im Grunde ein Verstoß gegen die Taxiordnung. Fahrtunterbrechungen sind bei einer Kurzstrecke nicht erlaubt! Und verschwendete Zeit war es auch, denn das Problem an der Kurzstreckenregelung für mich ist: Die Uhr läuft nicht weiter. Niemals!

Während er zum Club aufbrach und fluchte, kramte ich eine Zigarette hervor, zündete sie mir an und stapfte durch den nachlassenden Regen (ihr merkt schon, die Geschichte ist noch vom Juli 😉 ).
Alles war pitschnass und dunkel, aber ich beschloss, noch ein wenig die Augen offen zu halten.

Gefunden habe ich sein Portemonnaie 3 Meter hinter meinem Auto. In einer gut 5 cm tiefen Pfütze lag es und sah aus, als sei schon mindestens ein Kollege drübergefahren.

„Ey! Komm mal wieder her! Ich hab’s!“

hab ich gerufen und das tropfende Etwas aus dem Wasser geangelt. Sicher, es war alles nass und eklig, aber selbst das Geld war noch drin. Es ist ihm einfach runtergefallen und keiner hat es gesehen in den letzten Minuten.

„Boah fett, tausend Dank! Geile Sache!“

Blablabla. Ich hab ihn dann schnell rüber zum Berghain gefahren. Die Uhr hat ein paar Meter vorher gepiept, ich hab sie ausgemacht, und so standen wir letztlich vor dem besten Club der Welt und er meinte triefend und erleichtert:

„Danke Mann, echt jetzt! Ich würd dir voll gerne Trinkgeld geben, aber ich hab ja leider nur noch 40 € und die brauch ich.“

Irgendwie hab ich danach – obwohl ich mir das eigentlich echt nicht vorstellen könnte – darüber nachgedacht, wie schön es gewesen wäre, hätte ich einfach auf meinen Finderlohn bestanden. Aber gut, Hauptsache die Kundschaft ist glücklich, nicht wahr? 🙁

Quickies

So, am Wochenende bin ich ja immer viel beschäftigt. Einige Dinge graben sich stets ins Hirn, es will aber kein kompletter Blogeintrag daraus werden. Deswegen hier eine kurze Auswahl an nicht existenten Blogeinträgen.

Der erste hätte sich mit der Frage beschäftigt, wieso ausgerechnet der Taxistand, bzw. der Bahnhofsvorplatz als Umkleide, bzw. Entkleide gebraucht wird. Zurückzuführen ist diese recht seltsam anmutende Frage auf das Verhalten zweier junger Mädels, die sich noch schnell vor dem Clubbesuch ihrer Höschen entledigen wollten. Es ist sicher eine Frage des persönlichen Empfindens, ob man sich das auch öffentlich zutraut – die beiden wirkten aber ziemlich um Privatsphäre bemüht. Als Tipp würde ich mal den Parkplatz gegenüber nennen. Sind keine 30 Meter Fußweg, dennoch sinkt die Zuschauerzahl von 100 auf 0. Inklusive irritierter Taxifahrer…

Der zweite nicht geschriebene Blogeintrag wäre eine Rezension des Films „Unknown Identity“ geworden. Ich fand ihn eigentlich ganz nett und unterhaltsam, aber natürlich hab ich mich über die Taxiszenen gewundert. Mal abgesehen davon, dass die inexistente im Film auftretende Firma natürlich quasi das organisierte Verbrechen selbst war: Es tut weh, als Taxifahrer zu sehen, wie eine Kollegin vom Adlon zum Flughafen Tegel als „schnelleren Weg“ irgendwie bei der Oberbaumbrücke vorbeikommt (um dann auch noch in die Spree zu fallen). Aber so ist das wohl, wenn man eine Stadt halbwegs kennt: Die Fiktion tut weh 🙂

Am frühen Morgen des Samstags hat mich dann auf der Leipziger Straße die betrunkene Beifahrerin in einem dunkelgrünen BMW ziemlich schamlos angebaggert, was ich allerdings eher als Scherz aufgefasst habe. Noch niveauloser waren nur zwei Jungs, die an einer Ampel bei mir einen Whopper bestellen wollten. Berlin, wie es leibt und lebt.

Zu guter Letzt gab es aber auch noch eine süße Begebenheit in letzter Zeit. Ich hab einen wirklich sehr sehr netten und schüchternen jungen Mann in einen Vorort gefahren. Es war an der Fahrt alles ok, aber auch alles belanglos. Die Strecke war nicht schwierig, der Kunde nett aber recht stumm und der Preis war kein Thema. Das Trinkgeld war durchschnittlich und ich bin nicht einmal durch irgendwelche Glasscherben gefahren. Es ist einfach nix passiert. Am Schluss hab ich bei ihm im Wohngebiet gewendet und dann mitbekommen, dass er tatsächlich an der Türe gewartet hat bis ich wieder vorbeigekommen bin, um mir zum Abschied nochmal zu winken…
Manchmal sind die Kunden ja schon niedlich 😀

Schicht, heutige:

Ich hab ja Sonntags nicht gerade viel Zeit zum Schreiben – aber heute tue ich es mal. Ich wollte einfach mal loswerden, dass die Schicht fantastisch lief und der Umsatz bombig war.

Die negativen Seiten sind schnell erzählt: Wenn man kaum zum Aussteigen kommt, klebt man bei dem Wetter irgendwann am Sitz fest. Und liebe Fahrgäste: Etwas mehr als 6% Trinkgeld wäre doch wirklich drin gewesen heute! 🙁

Ansonsten hatte ich kuriose, aber nie irgendwie problematische Kundschaft im Wagen. Die Innenstadt hab ich nur selten gesehen, meist hat es mich in die Randbezirke getragen – die Fahrten waren eher überdurchschnittlich lang. Die ein oder anderen Kunden werden es als eigene Blogeinträge in nächster Zeit hier zu GNIT schaffen, aber nicht alle.

255 € sind zusammengekommen, ich hatte viele lustige Gespräche im Auto, und letztlich kann ich meine nicht wirklich ernsthaft geführte Promi-Liste um den Bassisten von Wir sind Helden erweitern. Auf den Straßen war viel los, und ausgerechnet auf den letzten Metern zum Abstellplatz hätte ich heute beinahe noch einen Umweg fahren müssen, weil an der Storkower Straße einer von vielen Verkehrsunfällen stattgefunden hat. Mal wieder ein Foto für die Reihe „Nie angekommen“:

Autsch! Quelle: Sash

Dort war die Polizei allerdings weit nicht so gereizt wie etwas früher in der Nacht in Hellersdorf in der Louis-Lewin-Straße, wo eine übereifrige Beamtin uns gleich mal zusammengeschissen hat, obwohl ich sie gar nicht um die Erlaubnis zur Durchfahrt bitten wollte, sondern mich erkundigen, wie weit die Sperrung reicht und ob sich für meine Kundschaft das Umfahren lohnt.
Aber es scheint auch was ernstes gewesen zu sein: Obwohl uns etwas von einem Verkehrsunfall vorgelogen wurde, sah es hinter der Absperrung (wo wir witzigerweise über unsere Ausweichroute hinkamen) nach irgendwas anderem aus. Zumindest hab ich keine Fahrzeuge gesehen…

Ansonsten: Ich hatte keine einzige Fahrt von der Biermeile aus – und ich bereue es nicht, da sich das nur ergeben hat, weil ich immer schon vorher rausgewunken worden bin 🙂

Ich hoffe, ihr habt alle ein ebenso geiles Wochenende!

Nich‘ anners

Manchmal fragt man sich ja, was für einen Satz ein Betrunkener eigentlich so im Kopf hatte, bevor er einem vorlegt, was er noch aussprechen kann. Ich freute mich derletzt über einen bestimmten Fahrgast, der mir für seine Tour von 8,80 € einen Schein hinhielt und sagte:

„Tschuljung, hab’s nich‘ anners!“

Ich erwartete einen Fünfziger, den ich zu der Zeit aber locker hätte wechseln können. Stattdessen fand ich in meiner Hand einen Zehner vor.

„Weisse, stimmso!“

Äh!? Und was war jetzt das Problem?